powered by Motorsport.com
  • 03.02.2011 · 20:53

  • von Sven Haidinger & Dieter Rencken

Glock: "Virgin und Lotus sind nicht vergleichbar"

Warum Timo Glock meint, dass man Virgin nicht mit Lotus vergleichen sollte, was sich in einem Jahr getan hat und was er von der neuen Strukur hält

(Motorsport-Total.com) - Vor einem Jahr startete der Virgin-Rennstall in sein Formel-1-Abenteuer - der letzte Platz in der Konstrukteurs-WM, zahlreiche Ausfälle und ein zu kleiner Tank, der die ersten Rennen zu einer hoffnungslosen Mission machte, ließen das Team zwar an Erfahrung sammeln, Erfolgserlebnisse blieben aber aus. Durch den Einstieg des russischen Automobil-Konzerns Marussia am Wochenende des Saisonfinales wurde das Budget aufgebessert, vor wenigen Tagen ist Firmenpräsident Nikolai Formenko zum Ingenieursdirektor ernannt worden. Im Zuge der Umstrukturierung agiert nun auch Ex-Jordan-Mann Ian Phillips als Betriebsdirektor.

Timo Glock

Timo Glock hofft in seinem zweiten Virgin-Jahr auf einen Aufwärtstrend

Doch was hält Pilot Timo Glock von den internen Änderungen? "Nun, dadurch ändert sich für mich eigentlich nichts", meint der Deutsche. "Die neuen Leute sind gut für das Team. Ich glaube, dass das Management des Teams die richtigen Entscheidungen trifft." Ganz allgemein zeigt er sich zufrieden mit den Fortschritten, die man im vergangenen Jahr gemacht hat: "Vor etwas über einem Jahr bin ich das erste Mal in der Fabrik gewesen. Da sah alles noch etwas durcheinander aus. Vor zwei Tagen war ich wieder in der Firma, um den Sitz anpassen zu lassen, und jetzt sieht doch alles viel, viel besser aus. Jedes Detail ist nun an seinem Platz, die Jungs können viel leichter am Auto arbeiten."

Die Erfahrungen und bitteren Lehrstunden, die man letztes Jahr gesammelt hat, sind in den neuen Boliden eingeflossen. Doch wie sehr hat Glock selbst die Entwicklung beeinflusst? "Letztendlich ziemlich viel, denke ich", sagt er. "Das ist ein Prozess, in den jeder involviert ist. Es kamen neue Leute von anderen Teams dazu und jeder ist Teil der Entwicklung des neuen Autos. Ich bin Teil dessen, ich habe viel im Auto und am Auto gearbeitet."

Glock glaubt an Schritt ins Mittelfeld

Glock gibt Einblicke in die Arbeitsprozesse: "Vergangenes Jahr saßen wir nach jedem Rennen zusammen und haben versucht, das Auto zu verstehen und herauszufinden, welche Richtung wir einschlagen sollten. Es war wichtig, diese Richtung schon sehr früh im Laufe des Jahres vorzugeben, denn jeder hat bereits am Auto für 2011 gearbeitet."

Ob es gelingen wird, in den kommenden Jahren ins Mittelfeld vorzudringen, knüpft der Virgin-Pilot aber an Bedingungen: "Wenn wir stetig so weiterarbeiten wie wir es im vergangenen Jahr getan haben, neue Partner dazubekommen und unser Budget vergrößern können, dann glaube ich schon, dass wir das schaffen können. Es ist für ein neues Team ja nicht einfach, mehr aufgrund technischer Probleme in der Presse aufzutauchen als wegen positiver Nachrichten."

Der ehemalige Gerüstbauer ist der Ansicht, dass die Leistung seines Rennstalls verkannt wird: "Manchmal gerät es etwas in Vergessenheit: Wir sind ein Team, das komplett bei Null angefangen hat. Das hat Lotus zwar auch, aber halb Toyota arbeitet inzwischen bei denen. Bei allen anderen Teams war zumindest schon eine Grundlage vorhanden. Jordan wurde zum Beispiel irgendwann Force India, während bei uns vorher gar nichts da war."

Anonymität am Ende des Feldes

Durch die bitteren Erfahrungen des Vorjahres geriet aber auch in Vergessenheit, dass Glock bei Toyota durchaus mit starken Leistungen auf sich aufmerksam gemacht hatte und drei Podestplätze zu Buche stehen hat. "Ich glaube, dass es schwierig ist, sich zu empfehlen, wenn man mehr steht, als dass man fährt", klagt er über die vielen technischen Defekte. "Aber unter schwierigen Bedingungen wie in Südkorea oder in Singapur im Nassen, habe ich gezeigt, was ich kann. Es wird halt weniger danach geguckt, was hinten passiert. Das kann man niemandem übelnehmen."

Wechselabsichten hegt er aber derzeit keine: "Im Moment fühle ich mich dort wohl, wo ich bin. Jetzt warten wir mal ab, das Jahr fängt ja gerade erst an." Auch diese Saison bleibt der Rennstall seiner Strategie treu, voll auf den Computer zu setzen: Virgin-Technikchef Nick Wirth verzichtet weiterhin auf einen Windkanal, designte den neuen Boliden mittels CFD-Simulationen.

Virgin setzt weiter auf CFD

Die richtige Entscheidung? "Ja, denn jeder setzt mehr und mehr auf CFD", sagt Glock. "Renault hat letztes Jahr in Enstone eine der größten CFD-Abteilungen eröffnet. Aber jeder mischt CFD mit der Arbeit im Windkanal. Wir haben gezeigt, dass CFD funktioniert, denn das Auto ist schließlich gefahren und nicht etwa ab 200 Stundenkilometern abgehoben. Die Entwicklungsteile, die wir an die Strecke gebracht haben, entsprachen glaube ich zu hundert Prozent dem, was wir vorher von ihnen erwartet hatten."

Schließlich gehe es aber weniger um die Mittel, sondern eher um die Kreativität der Mitarbeiter: "CFD ist genauso ein Werkzeug wie ein Windkanal. Man braucht clevere Leute, die dahinter stehen. Ein kleineres Team verfügt über weniger Aerodynamik-Experten, weniger Mechaniker. Aber das wird unser nächstes Schritt sein müssen: mehr erfahrene Leute ins Team zu holen."