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Ferrari-Protest: Was am Freitag eigentlich verhandelt wird

Sebastian Vettel ist nach der umstrittenen Zeitstrafe in Kanada immer noch trotzig, doch am Freitag kommt es endlich zu einer ersten Entscheidung

(Motorsport-Total.com) - Eineinhalb Wochen lang wurde die Zeitstrafe gegen Sebastian Vettel beim Grand Prix von Kanada bis ins letzte Detail analysiert, von Fans auf der ganzen Welt leidenschaftlich diskutiert und von diversen Experten kommentiert. Abgesehen davon, dass Ferrari bekannt gegeben hat, mit dem bereits in Montreal angekündigten Protest fortzufahren, ist bisher aber nicht viel passiert.

Das ändert sich am Freitag in Le Castellet: Um 14:15 Uhr, also zwischen dem ersten und zweiten Freien Training, beginnt der Revisionsprozess mit einer offiziellen Anhörung. Weil gegen Tatsachenentscheidungen während eines Rennens normalerweise kein Protest eingelegt werden kann, muss Ferrari neue Beweise vorlegen, um überhaupt angehört zu werden.

Bei dem Meeting am Freitag geht es nicht darum, über den Ausgang des Protests zu entscheiden. Zunächst einmal muss festgelegt werden, ob die neuen Beweise überhaupt ausreichend sind, um eine Fortsetzung des Revisionsverfahrens zu rechtfertigen. Selbst wenn Vettel seinen Sieg zurückbekommen sollte, wird das nicht in Le Castellet passieren.

Ferrari wird bei der Anhörung durch Sportdirektor Laurent Mekies vertreten. Mekies hat früher für die FIA gearbeitet und weiß genau, wie er Ferraris Standpunkte vertreten muss, damit diese eine realistische Chance haben, gehört zu werden.

Kanada-Kommissare entscheiden in Le Castellet

Auf FIA-Seite werden die Rennkommissare des Grand Prix von Kanada noch einmal geladen. Die beiden FIA-Kommissare Gerd Ennser (Deutschland), Mathieu Remmerie (Belgien) und Experten-Kommissare Emanuele Pirro (Italien) werden persönlich anwesend sein. Mike Kaerne (Kanada) wird per Videokonferenz zugeschaltet.

Welche neuen Beweise Ferrari vorlegen wird, ist nicht bekannt. Auch Vettel will oder kann es nicht verraten: "Fragt das Team", blockt er eine entsprechende Frage am Donnerstag ab. "Ich denke, wir werden Informationen präsentieren, die die Stewards zum damaligen Zeitpunkt nicht hatten. Dann sehen wir, was passiert."

Viele Experten im Fahrerlager wundern sich indes über den Ferrari-Vorstoß. Videoaufzeichnungen aus allen möglichen Perspektiven waren auch in Kanada schon verfügbar. Ebenso wie detaillierte GPS-Daten und Telemetrie-Aufzeichnungen. Es gilt als unwahrscheinlich, dass die Kommissare plötzlich ihre Meinung ändern.


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Sollten sie das tun, steht die FIA nämlich vor dem nächsten Problem. Mercedes könnte dann argumentieren, dass Lewis Hamilton in den verbleibenden Runden nach dem Zwischenfall viel aggressiver attackiert hätte, wenn er gewusst hätte, dass er Vettel überholen muss. Ein Grund, warum Tatsachenentscheidungen normalerweise unanfechtbar sind.

"Ich hatte nicht das Gefühl, dass er nachgelassen hat", sagt Vettel. "Aber natürlich hat sich das Rennen ab dem Punkt verändert. Ich kann nicht mit Sicherheit sagen, ob Lewis zurückgesteckt hat oder nicht. Aber der Kampf zog sich durch das ganze Rennen und war vom Cockpit aus ziemlich aufregend." Nachsatz: "Nach dem Rennen dann nicht mehr so."

Vettel verteidigt sich: Hatte Auto nicht unter Kontrolle

Vettel hat seine Meinung in den vergangenen elf Tagen nicht geändert. Er sieht den Zwischenfall noch "so wie nach dem Rennen", knurrt er im Rahmen seiner Medienrunde in Le Castellet. Auf die Frage, ob er inzwischen die Einsicht gewonnen habe, dass ihm vielleicht auch selbst ein Fehler unterlaufen sein könnte, antwortet er nur: "Nein."

"Wenn man von der Strecke abkommt, egal ob man dann im Gras ist oder im Kies, nennt sich das Schleppgas. Das ist ein instinktiv gesteuerter Reflex, um das Heck zu stabilisieren", erklärt er. "Ich bin nicht bewusst ans Gas, sondern bin schleppend ans Gas gegangen, um ein bisschen Momentum an der Hinterachse zu behalten, damit das Auto dann auch stabil bleibt."

Ein Journalist liest ein Hamilton-Zitat vor. Der Mercedes-Fahrer soll gesagt haben, er hätte Vettel in der Situation umgekehrt genauso "gesqueezt", also gegen die Wand gedrückt, um in Führung zu bleiben. Vettel lässt das so nicht stehen: "Ich habe ja nicht versucht, ihn zu squeezen, sondern ich bin zunächst mal wieder auf die Strecke zurückgekehrt!"


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"Als ich dann in den Rückspiegel geschaut habe, war er direkt dahinter. Den Puffer, den ich vorher hatte, von circa einer Sekunde, der war danach weg", fühlt sich Vettel für seinen Fahrfehler, der überhaupt erst zu der kontroversen Situation geführt hat, genug bestraft.

Er könne "nix zu sagen", was bei der Anhörung am Freitag herauskommen wird. Nur so viel: "Wir haben unsere Sicht der Dinge, die von der Sicht der Stewards abweicht." Klar ist, dass er Montreal und die Nachwehen nicht als echtes Racing betrachtet. Echtes Racing sei für ihn, "zwei Wochen später nicht solche Fragen gestellt zu bekommen", sagt Vettel genervt.

Fast nur Fragen über Kanada: Vettel genervt

Die Montreal-Affäre noch weiter zu diskutieren, bereitet ihm offenbar fast körperliche Schmerzen. Vettels Medienrunde driftet kurz ins Sportliche ab, bis ein anderer Journalist weiter nachbohrt. "Sind wir mit Kanada noch nicht fertig? Echt jetzt?", unkt Vettel. Auf den Einwand, das Thema sei wichtig, kontert er: "Finde ich nicht."

Einmal beginnt er dann doch noch zu reden, und zwar als er auf die Aktion im Parc ferme angesprochen wird, wo er die Schilder für den Sieger und den zweiten trotzig umgestellt hat. Er würde das heute noch einmal genauso machen: "Ich denke, das ist normal. Emotionen gehören zum Sport dazu", verteidigt sich Vettel.


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"Ich finde es schade, dass das heute nicht mehr so offen angesehen wird. Ich denke, es gibt sehr viele im Sport, die von Leidenschaft getrieben sind. Aber ich glaube nicht, dass es Leidenschaft ohne Emotionen gibt. Ich hatte mich grob schon im Griff. Ich war nicht ausfallend oder irgendwas. Aber ich denke, Emotionen zu zeigen ist menschlich."

Dass er nach Montreal viel Rückenwind von großen Namen wie Helmut Marko oder Mika Häkkinen erhalten hat, bewerte er "so und so", denn: "Es ändert bis jetzt noch nichts am Ergebnis. Aber ich denke, es ist auf jeden Fall einfacher zu schlucken, wenn man eine Meinung hat und später eher unterstützt wird statt viel Gegenwind zu bekommen."

Als ein Journalist dann den Nerv hat, Vettel danach zu fragen, ob sein Fahrfehler - erneut unter Druck - vielleicht die größere Sorge sei als die Diskussion über die Strafe, spürt man förmlich, wie sich der Deutsche zusammenreißen muss. "Was soll da gewesen sein?", knurrt Vettel. Der Ausritt eben, meint der Journalist. "Und das ist ein Fehler?", fragt der Ferrari-Pilot wohl eher rhetorisch.

Wieder unter Druck einen Fehler gemacht

"Natürlich ist das nicht toll. Wenn ich es mir aussuchen kann, bleibe ich auf der Strecke. Aber ich stand unter Druck, habe alles gegeben. Wir waren nicht gleich schnell. Wenn Lewis vorn gelegen wäre, hätte er das Rennen mühelos kontrolliert, wie die Rennen davor auch. Wir hatten den besseren Topspeed, und zum Glück hat sich Lewis in der Haarnadel ein paar Mal vertan."


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Wie dem auch sei: Selbst wenn die FIA-Verantwortlichen Ferraris neue Beweise am Freitag als nicht ausreichend erachten, um ein Revisionsverfahren anzustrengen, muss nicht zwangsläufig das letzte Wort gesprochen sein. Ferrari hätte rein theoretisch noch die Möglichkeit, den Internationalen Sportgerichtshof (CAS) in Lausanne anzurufen. Das gilt aber inzwischen als unwahrscheinlich.

Immerhin hat Ferrari mit Revisionsverfahren eine gewisse Erfahrung. 2016 hatte Vettel beim Grand Prix von Mexiko wegen eines Spurwechsels auf der Bremse im Duell mit Daniel Ricciardo eine Zehn-Sekunden-Strafe kassiert. Gegen die wurde seitens der Scuderia ein Protest angekündigt - aber nicht bis zur letzten Instanz durchgezogen.

Ferrari legte damals angeblich neue GPS-Daten vor, die aber zurückgewiesen wurden, weil sie keine neuen Erkenntnisse lieferten. Und das hypothetische Argument, dass es zum Zwischenfall gar nicht gekommen wäre, wenn die FIA Max Verstappen beim vorangegangen Abkürzer sofort angewiesen hätte, Vettel vorbeizulassen, ließen die Rennkommissare nicht gelten.

Auch wenn die meisten Racer der Meinung sind, dass Vettel der verdiente Sieger des Grand Prix von Kanada gewesen wäre: Eine Revision des Rennergebnisses gilt als unwahrscheinlich. Ein solches Urteil würde die Büchse der Pandora öffnen - weil dann vielleicht jedes Team auf die Idee kommt, gegen unliebsame Kommissar-Entscheidungen Protest einzulegen ...

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