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Ferrari-History: "Professor" & "Piccolo Commendatore"

Niki Lauda und Gerhard Berger leisteten bei Ferrari Vorarbeit für die Ära Schumacher, dabei hätte eigentlich Alain Prost statt Jean Todt Sportdirektor werden sollen

(Motorsport-Total.com) - Bevor Peugeot-Rennleiter Jean Todt im Jahr 1993 bei Ferrari das Kommando übernahm, schmiedeten die Verantwortlichen in Maranello den geheimen Masterplan, das Schicksal der Scuderia in die Hände von zwei ehemaligen Fahrern zu legen: Niki Lauda, der von 1992 bis 1995 tatsächlich Ferrari-Berater war, und - in der Öffentlichkeit weniger bekannt - Alain Prost.

Prost war nach dem Eskalieren seines Streits mit Ayrton Senna bei McLaren 1990 zu Ferrari gekommen und wäre beinahe auf Anhieb Champion geworden. Trotz fünf Saisonsiegen (drei davon als lupenreiner Hattrick im Sommer) verlor er die Weltmeisterschaft mit 71:78 Punkten gegen seinen Erzrivalen Senna, der die Entscheidung mit einer absichtlich provozierten Kollision gleich in der ersten Kurve beim vorletzten Rennen in Japan herbeiführte.

1991 konnten Prost und Ferrari nicht mehr an diese Erfolge anknüpfen: Dem Franzosen gelang kein einziger Sieg, er landete auf Platz fünf der Fahrerwertung und stieg wegen Querelen mit Rennleiter Cesare Fiorio beim Saisonfinale in Australien nicht mehr in den Ferrari 643. Auch Fiorio überstand das Jahr nicht und musste seinen Posten räumen. Und weil Ferrari seit 1979 (Jody Scheckter) ohne Fahrer-WM-Titel war, musste dringend eine Umstrukturierung her.

Verhandlungen scheiterten in Suzuka 1991

"Was kaum jemand weiß: Ende 1991 sollte ich Ferraris Sportdirektor werden", verrät Prost gegenüber der 'Auto Bild motorsport'. "Im Fußball würde man Spielertrainer dazu sagen. Ich saß mit dem Ferrari-Anwalt in Suzuka bis morgens um 3:00 Uhr im Hotelzimmer zusammen, um die Bedingungen zu besprechen. Einen Tag später durfte er nicht mehr mit mir reden. Da haben sie mich plötzlich rausgeschmissen."


Formel-1-Legenden: Alain Prost (Sky Sports F1)

"Lustig ist, dass die Leute, die mich rausgeschmissen haben, später selbst gefeuert wurden", kann Prost heute darüber lachen. Damals freilich war Ferrari von politischen Spielchen dominiert, ein Machtgerangel im Vakuum nach dem Tod von Enzo Ferrari im Jahr 1988. Bis 1991 Luca di Montezemolo kam: "Wir sortierten die Probleme aus", sagt Prost. "Fast wäre ich wieder zurückgekommen, aber da war es schon zu spät."

Niki Lauda kam als "Piccolo Commendatore"

Stattdessen holte Montezemolo seinen alten Freund Lauda zurück, der inzwischen aus der Formel 1 verschwunden war und eine Airline gegründet hatte. Als "Berater des Präsidenten" wurden dem "Piccolo Commendatore", wie er von den italienischen Medien liebevoll genannt wurde, drei Aufgabengebiete übertragen: Koordination zwischen Fahrern und Teamleitung, vergleichende Beobachtung zu anderen Teams und Sponsorenbeziehungen, vor allem zu Marlboro.

Gerhard Berger

Gerhard Berger beendete in Hockenheim 1994 eine lange Ferrari-Durststrecke Zoom

"Das hörte sich vielleicht nicht schlecht an", schreibt Lauda in seinem Buch "Das dritte Leben" (erschienen 1996 im Wilhelm Heyne Verlag). "Aber was sollte ich wirklich zwischen Fahrern (Alesi, Capelli) und Teamleitung (Lombardi) koordinieren? Es war wie im Kindergarten, voller kleinlicher Auftritte und Eifersüchteleien." Und die sportliche Talfahrt ging ungebremst weiter, denn Ferrari wurde 1992/93 jeweils nur Vierter der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft.

"Immerhin gab es strategische Dinge zu klären", so Lauda. "Es ging um den Standort England für ein Entwicklungszentrum, es ging um das Konstrukteur-Genie Barnard, weiters um die vorerst geheime Mission einer Zusammenarbeit mit Honda." Eine Idee, die von Laudas Landsmann Gerhard Berger entwickelt wurde, der McLaren-Honda Ende 1992 verließ und 1993 zu Ferrari kam, um das Team, für das er schon von 1987 bis 1989 gefahren war, wieder an die Spitze zu führen.

Berger fädelte Technologietransfer mit Honda ein

"Am meisten Sorgen machte mir Ferraris Motor", erinnert sich Berger in seinem Buch "Zielgerade" (erschienen 1997 in der Edition autorevue). "Er war eindeutig zu schwach, aber allein eine solche Erwähnung rührt an den Stolz der Italiener. Du darfst eher sagen, der Papst hat eine Freundin, als dass dem Ferrari-Formel-1-Motor die PS fehlen. Unserem wackeren Präsidenten ging ich mit meiner Ansage 'Euch fehlen 100 PS' schon so auf die Nerven, dass er sich am Telefon verleugnen ließ."

"Wie schaut denn das aus? Ferrari mit Honda-Technologie, spinnst du?" Luca di Montezemolo

Honda zog sich Ende 1992 aus der Formel 1 zurück, "obwohl sie das wunderbarste Triebwerk der Formel 1 hatten", wie Berger fortfährt. Also traf er sich beim Japan-Grand-Prix mit Honda-Konzernchef Nobuhiko Kawamoto, der Interesse an einer Zusammenarbeit mit Ferrari signalisierte. In Maranello stieß Bergers Idee hingegen auf wenig Gegenliebe: "Wie schaut denn das aus? Ferrari mit Honda-Technologie, spinnst du?", soll Montezemolo getobt haben.

Doch Berger setzte sich durch, sodass Lauda als Strohmann "um die Weihnachtszeit 1992" nach Tokio flog, um im Auftrag von Ferrari mit Honda zu verhandeln. "Lauda war der Pragmatiker, ohne dickes Ego", schreibt Berger. "Lauda arbeitete mit Kawamoto tatsächlich einen Rahmen aus, wie der Technologietransfer funktionieren könnte, vor allem ohne Gesichtsverlust für Ferrari. Die Schlagzeile 'Ferrari kauft Honda-Know-how' hätte Montezemolo nicht ertragen."

Lauda brachte Jean Todt bei Ferrari ins Spiel

"Jean Todt war meine Erfindung, auch wenn es nachher nicht mehr so aussah." Niki Lauda

Aber nachdem es mit Prost zu keiner Einigung gekommen war, musste auch ein neuer Ferrari-Teamchef her. "Jean Todt war meine Erfindung, auch wenn es nachher nicht mehr so aussah", behauptet Lauda. Und auch auf Fahrerseite engagierte sich der Ferrari-Berater für eine Verstärkung: Zuerst wollte er Ayrton Sennas Wechsel zu Williams verhindern und ihn stattdessen zu Ferrari holen, später setzte er sich erfolgreich für Michael Schumacher ein.

Das Ferrari-Duo 1996 hätte eigentlich Prost/Berger heißen sollen. Berger hatte seinen Vertrag (mit Ausstiegsklausel) bereits unterschrieben. "Zwischendurch", so Berger, "fragte mich Todt, was ich von der Idee hielte, Prost zurückzuholen. Ob ich Schwierigkeiten damit hätte? Kein Problem, sagte ich, 'im Gegenteil, ich finde das super'." Aber statt eines Prost-Comebacks kam es zur Verpflichtung von Schumacher. Der Rest ist Geschichte.

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