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Einblicke in die Arbeit eines Reifentechnikers

Reifentechniker Andy Fern erklärt, wie Reifen ausgewählt werden und wie kurz vor und während einem Wochenende gearbeitet wird

(Motorsport-Total.com) - Jeder Formel-1-Aerodynamiker oder -Motorenspezialist wird zugeben, dass er auch mit mühevoller Arbeit im Windkanal oder auf dem Prüfstand die Rundenzeit nur um ein paar Zehntelsekunden verbessern kann. Völlig anders hingegen die Situation bei der Entwicklung von Reifen, innerhalb weniger Wochen Entwicklungszeit kann durchaus eine Sekunde pro Runde gefunden werden. Kein Wunder also, dass die Entwicklung der Reifen im Fahrerlager ein ganz heißes Thema ist.

Michelin-Reifen

Die Reifen spielen in der Formel 1 eine der wichtigsten Rollen

Der Automobilweltverband FIA versucht zwar, durch das Reglement die Leistung der Pneus ein wenig einzudämmen, doch die Entwicklung des schwarzen Gummis geht unaufhaltsam weiter. Reifentests machen mittlerweile den größten Anteil an den Testfahrten der Teams aus. Andy Fern, Reifentechniker bei Michelin, arbeitet beim McLaren-Mercedes-Team und gibt Einblicke hinter die Kulissen.#w1#

"Michelin hat bei jedem Team zwei Techniker stationiert, einer davon ist vorwiegend bei den Rennen der andere konzentriert sich hauptsächlich auf die Testfahrten. Im Winter teilen wir uns die Arbeit. Unsere Arbeit auf der Strecke ist es, unserem Designteam in Clermont Ferrand die Ergebnisse zukommen zu lassen. Abseits der Strecke halten wir auch regelmäßig Besprechungen und Telefonkonferenzen mit den Leuten bei McLaren ab."

Die Regeln der Formel 1 besagen, dass jedes Team ein Rennwochenende mit zwei Reifensätzen für trockene Verhältnisse beginnen kann. Vor dem Beginn des Freien Trainings am Samstag muss jedoch ein Reifentyp ausgewählt werden, dabei kann sich jeder Pilot für einen anderen Pneu entscheiden. Mit dieser Wahl muss der betreffende Fahrer dann das ganze restliche Wochenende fahren.

"Am Freitag liegt die Priorität auf der Auswahl dieses Reifentyps", erklärt Fern. "Vor jedem Rennen gibt es ein Muster, wie wir unsere Reifen auswählen. Die Auswahl erfolgt bei den Tests vor dem betreffenden Rennen. Wenn wir unsere Wahl bezüglich der Mischung und Konstruktion getroffen haben, dann kann die Fabrik mit der Produktion beginnen."

Wenn man den besten Reifen in Bezug auf die Mischung und die Konstruktion für ein bestimmtes Rennen finden möchte, dann ist es sinnvoll, dass man auf einem Kurs testet, der in Bezug auf die Haftungslevel und die Abnutzungsrate ähnliche Eigenschaften hat. Wenn man vor dem Spanien-Grand-Prix in Barcelona und Silverstone testet, dann hat man üblicherweise einen guten Maßstab.

"Während der Testwoche werde ich im ständigen Kontakt mit den Ingenieuren in der Fabrik stehen", fährt Fern fort. "Am Ende der Woche entscheidet man sich vor allem für die Mischung, denn diese kann ziemlich schnell verändert werden. Wenn es aber darum geht, einer neuen Aufbau des Reifens einzuführen, dann ziehen wir zuvor, diese auf verschiedenen Strecken auszuprobieren, bevor wir sie bei einem Rennen einsetzen."

Am Ende eines jeden Tests muss auch die Wahl getroffen sein, welchen zweiten Reifentyp man zum kommenden Rennen mitnimmt. Die Reifen werden dann über das Wochenende vor dem kommenden Grand Prix hergestellt. "Zu Beginn der Woche vor einem Grand Prix hält Michelin am Montag eine Sitzung mit allen seinen Ingenieuren ab, um sich durch alle verfügbaren Daten der Michelin-Teams zu arbeiten, die getestet haben."

"Anschließend gibt es eine Telefonkonferenz mit mir selbst und den Renenningenieuren von McLaren. Wir unterhalten uns lieber am Telefon als direkt an der Rennstrecke, denn dort haben wir weniger Zeit. Wir sprechen über die beiden Spezifikationen, die wir ausgewählt haben, und zu diesem Zeitpunkt haben wir bereits ausreichend Informationen darüber, welche Wetterbedingungen zu erwarten sind. Wir schauen dann, wie wir erwarten können, dass sich die zwei Spezifikationen verhalten werden, sollten sich die Bedingungen verändern."

Zu diesem Zeitpunkt werden auch mögliche Einstellungen der Aufhängungen des Autos besprochen, die sich auf die Reifen auswirken könnten. Zusätzlich werden die Luftdrücke besprochen, mit denen man fahren sollte. Bei diesem Meeting hat man auch die Möglichkeit, auf die weiteren Rennen nach vorne zu schauen und zu besprechen, welche Testfahrten man für diese vorbereiten muss.

Am Donnerstag vor einem Grand-Prix-Wochenende haben die Mechaniker von Michelin die Felgen des McLaren-Teams erhalten und beginnen mit der Montage. Zum gleichen Zeitpunkt haben die Ingenieure beider Parteien ein letztes Meeting vor dem Wochenende, um alle Details durchzusprechen.

"Und dann stecken wir schon mitten im Rennwochenende", so Fern. "Manche Strecken verändern sich sehr stark, wenn sich die Asphalttemperatur oder andere Variablen verändern. In diesem Jahr müssen wir unsere Reifenwahl schon am Ende des Freitags treffen und das macht die Arbeit schwieriger als im vergangenen Jahr. Die Ergebnisse am Freitag sind nicht immer repräsentativ, wie die Strecke an den beiden kommenden Tagen sein wird."

"Die Reifenwahl definiert den Ablauf der beiden Sessions, denn wir benötigen eine Distanz von fünf Runden oder mehr, um zum Beispiel die Abnutzung der Reifen untersuchen zu können. Normalerweise schicken wir die Fahrer aus diesem Grund zu Beginn mit unterschiedlichen Pneus auf die Strecke."

Wenn erst einmal die Reifenwahl für den Rest des Wochenendes getroffen ist, ist es ist die Aufgabe von Fern, ständig die Leistung der Reifen in jeder Session zu überwachen. Dabei müssen die Reifendrücke sowie die Temperaturen festgelegt werden, mit denen die Reifen genutzt werden sollen. Neben Fern gibt es noch zwei technische Assistenten, die am Auto arbeiten und Daten über Reifendruck und Reifentemperatur sammeln.

"Diese Daten werden von uns und vom McLaren-Mercedes-Team vertraulich behandelt. Natürlich haben wir Zugriff auf die Daten aller anderen Teams, aber nur die generellsten Informationen werden zwischen ihnen ausgetauscht. Alles, was einem Team einen Leistungsvorteil gegenüber einem anderen bringen könnte, ist strengstens vertraulich. Was die Beziehungen von Michelin zu McLaren-Mercedes-Team angeht, denke ich, dass sie sich über die Jahre hinweg verbessert hat und ich würde sie als exzellent beschreiben."

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