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  • 05.12.2022 · 12:59

  • von Jonathan Noble, Übersetzung: Norman Fischer

Eigene Karriere begonnen: Jetzt versteht James Vowles Hamiltons Meckereien!

Normalerweise kennen ihn Formel-1-Fans vom Mercedes-Kommandostand, doch Stratege James Vowles verfolgt nun selbt eine Rennkarriere mit einem großen Ziel

(Motorsport-Total.com) - Nach der anstrengenden Formel-1-Saison 2022 könnte man es dem hart arbeitenden Teampersonal nicht verübeln, wenn sie komplett abschalten und erst einmal kein Fahrerlager von innen mehr sehen wollen. Mercedes' Chefstratege James Vowles will hingegen sobald wie möglich wieder zurück zur Action - allerdings nicht am Kommandostand, sondern auf der Rennstrecke.

Mercedes-Chefstratege James Vowles bei der Asian Le-Mans-Serie

Mercedes-Chefstratege James Vowles bei der Asian Le-Mans-Serie Zoom

Nach einer ermutigenden ersten Saison in der Asian Le-Mans-Serie in diesem Jahr möchte er in der Saison 2023 wieder an den Start gehen und hoffentlich auch beim 12-Stunden-Rennen in Abu Dhabi dabei sein.

Vieles hängt noch davon ab, das finanzielle Paket zu schnüren, aber nachdem ihm die Teilnahme an einem GT3-Rennen die Augen geöffnet hat, tut er alles, was er kann, um es möglich zu machen.

Formel-1-Fans mag Vowles als Entscheider für Lewis Hamilton und George Russell am Mercedes-Kommandostand bekannt sein, doch seine eigenen Rennausflüge fanden bislang wenig Beachtung. Das liegt auch daran, dass er darum nicht viel Aufhebens machen möchte, falls er sich blamiert.

Nachdem er aber verschiedene Autos getestet hatte und an Clubrennen und der British Saloon Car Championship teilgenommen hatte, stieg er 2022 in die Asian Le-Mans-Serie auf und fuhr einen McLaren GT3 für Andrew Kirkaldys Garage-59-Team.

Angst vor Blamage

"Ich habe es nicht herumerzählt, weil ich in Wahrheit nicht wusste, ob ich gut genug sein würde", sagte er in der vergangenen Woche, während er mit Iron Lynx einen Lamborghini GT3 in Le Castellet testete.

"In der Asian Le-Mans-Serie fahren so ziemlich die Besten, die jeder Hersteller zu bieten hat. Und dann gibt es mich", so Vowles. "Ich wollte also nicht so viel Werbung dafür machen, weil man sich nur blamieren könnte. Nun, wie sich herausstellte, und um Toto zu zitieren: Ich war nicht scheiße ..."

Mercedes-Chefstratege James Vowles bei der Asian Le-Mans-Serie

In der vergangenen Woche testete Vowles in Le Castellet Zoom

Vowles macht sich keine Illusionen über seine Geschwindigkeit, und als Bronze-Fahrer gibt er bereitwillig zu, dass er einen gewissen Rückstand auf den Gold- und Platin-Fahrern hat, die das typische Sportwagen-Team bilden.

Das hat ihn jedoch nicht davon abgehalten, die Herausforderung anzunehmen, seine eigene Leistung zu verbessern - und sich die Augen darüber öffnen zu lassen, wie unterschiedlich die Perspektiven aus einem Cockpit im Vergleich zur Boxenmauer sind.

Zuversicht im eigenen Job, im Auto eher nicht ...

Besonders den psychologischen Aspekt des Fahrens hat er dabei faszinierend empfunden: "Man macht sich Sorgen und fragt sich, ob man seine Fähigkeit, einen Rennwagen zu fahren, verloren hat", sagt er. "Und ich weiß, so seltsam das auch klingt, dass ich das bei der Arbeit nie habe."

"Wenn Sie mich fragen, wie ich meinen Job in der Welt von Mercedes mache: Ich mache das seit 20 Jahren, ich habe nie mein Selbstvertrauen verloren", sagt er.

"Aber wenn Sie mich fragen, ob ich noch in der Lage bin, ein GT3-Auto schnell zu fahren? Wenn ich ehrlich antworten würde, würde man sich wirklich fragen, ob man die Fähigkeit dazu verloren hat. Ich habe mit einigen Fahrern gesprochen, und es hat sich herausgestellt, dass dies ein sehr verbreitetes Thema ist."

Mercedes-Chefstratege James Vowles bei der Asian Le-Mans-Serie

Ungewohnter Anblick: James Vowles als Rennfahrer Zoom

"Du musst also rausgehen und dir selbst beweisen, dass du kein kompletter Trottel bist, um dein Selbstvertrauen zurückzugewinnen", sagt Vowles.

Und während des Rennens sei es noch einmal schlimmer: "Wenn du in einer Startaufstellung stehst, im Fall der Asian Le-Mans-Serie mit etwa 40 Autos, und du reihst dich irgendwo in der Mitte der Startaufstellung ein, dann habe ich mich vor diesem Rennen zum ersten Mal ehrlich gefragt: Mache ich das Richtige? Habe ich einen großen, großen, schrecklichen Fehler gemacht?"

"Aber ich bin froh, dass ich es gemacht habe, weil es dich in eine komplett andere Region bringt, in der ich noch nie zuvor war", meint er.

Mehr Verständnis für Hamilton-Ärger

Beim Fahren hat Vowles bestimmte Eigenschaften an seinem Fahrstil bemerkt: Er will während seiner Stints ständig über den Teamfunk sprechen, um das Team über den Stand der Dinge auf der Strecke zu informieren. Und manchmal schreit er auch in seinen Helm, wenn er durch Hochgeschwindigkeitskurven fährt.

Aber als der Mann, der in Rennen schon oft von Lewis Hamilton wegen seiner Strategie angegangen wurde, denkt er nicht daran, mit seinem Asian-Le-Mans-Team eine solche Taktik zu verfolgen: "Lewis ist der Beste der Welt und ich bin es eindeutig nicht", lächelt er.

"Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich die Gelegenheit hatte, dies überhaupt einmal zu tun, und hoffentlich bekomme ich ein weiteres Mal die Gelegenheit."

Mercedes-Chefstratege James Vowles bei der Asian Le-Mans-Serie

Vowles tauscht die Seiten des Kommandostands Zoom

"Ich habe wahrscheinlich 30 bis 40 Leute, die sich Zeit von ihrer Familie nehmen, um sich mir zu widmen, also bin ich in einer unglaublich glücklichen Lage. Ich habe eher das Gefühl, dass ich sie enttäusche, wenn ich an bestimmten Stellen vielleicht ein paar Zehntel hinter dem Tempo zurückbleibe", so Vowles. "Jetzt verstehe ich vollkommen, warum Lewis sich so verhält."

"Der Adrenalinstoß, den man bekommt, ist mit nichts anderem vergleichbar. Du hast nur die Pedale und das Lenkrad unter Kontrolle. Wenn also etwas anderes, das außerhalb deiner Kontrolle liegt, wenn du absolut alles getan hast, was du kannst, nicht passt, verstehe ich vollkommen, warum seine Frustration durchkommt."

Das hätte er aber auch ohne die Fahrpraxis sagen können, wie er betont. "Aber jetzt verstehe ich es noch einmal mehr, weil du wirklich alles geben musst."

Lektionen für eigene Arbeit in der Formel 1

Doch hilft Vowles seine neue Erfahrung vielleicht auch in seinem alltäglichen Job bei der Formel 1 weiter? "Ich denke, im Umgang mit den Fahrern auf jeden Fall, denn ich habe ein anderes Verständnis für einige Dinge, bei denen wir vorher nicht so gut waren", sagt er.

"Aber wahrscheinlich nicht so viele Lektionen, wie ich gerne hätte. Ich denke, das sind zwei verschiedene Dinge, und wie ich schon sagte, bin ich in meinem Umfeld selbstbewusst: nicht so sehr, dass ich dumm wäre, sondern einfach selbstbewusst, weil ich es ziemlich gut kann."

"In dem anderen Umfeld bin ich hingegen ein Fisch auf dem Trockenen. Ich liebe jede Sekunde, aber ich bin ein Fisch auf dem Trockenen. Es ist daher schwierig, die Lektionen zu übertragen, einfach weil mir etwas an Talent fehlt."


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Was sich dabei aber nicht geändert hat, ist Vowles' Wertschätzung für den Job, den seine beiden Formel-1-Piloten machen. Schon lange weiß er, dass sie in einer eigenen Liga sind: "Vor zehn Jahren kam ich zu der Erkenntnis, dass die Welt weiß, wie beeindruckend sie sind", sagte er.

"Aber das, was man wirklich zu schätzen weiß, ist das letzte Stückchen der Rundenzeit. Es ist einfach, innerhalb von zwei Sekunden zu bleiben; aber die letzten zwei Sekunden sind einfach schrecklich. Manchmal geht man mit dem Gedanken weg: 'Ich schaffe das nicht.' Und das ist wirklich das frustrierendste Gefühl der Welt."

In 100 Jahren nicht das Niveau der Fahrer

Er erzählt von seinen Erlebnissen in Austin, als er mit Lewis Hamilton und George Russell sowie Motorsportchef Toto Wolff etwas Fahrspaß in Sportwagen hatte. "Für Lewis und George ist das die natürlichste Sache der Welt. Innerhalb einer Runde, vielleicht auch zwei, haben sie begonnen, die Grenzen der Performance zu finden, für die Normalsterbliche wie wir Tage brauchen würden."

"Und die Wertschätzung für mich? Es ist eher so, dass ich in 100 Jahren nicht an ihr Niveau herankommen werde. Das ist die ehrliche Wahrheit dahinter", so Vowles.

Mercedes-Chefstratege James Vowles

Er träumt von einem Start bei den 24 Stunden von Le Mans Zoom

"Die Tatsache, dass sie in der Lage sind, dies innerhalb von zwei Runden zu tun, nachdem sie es gesehen haben, und zwar auf eine natürliche Art und Weise, bei der sie fast ein Gespräch führen können - im Fall von George sicherlich -, hat mir einfach gezeigt, wie besonders sie sind!"

Doch obwohl Vowles weiß, dass er definitiv kein Superstar ist, hofft er, dass ihm seine Leistung dabei helfen kann, sich einen Traum zu erfüllen: in Le Mans zu fahren! "Der Grund, warum ich diese Reise angetreten habe, war, dass ich dort landen möchte", sagt er. "Ich glaube, das ist ein Traum für viele. Und es ist schwer, denn ich wäre glücklich, wenn ich einfach nur dorthin gehen könnte."

"So unterwürfig es auch klingen mag, ich würde nicht mit der Absicht fahren, zu gewinnen, sondern mit der Absicht, ins Ziel zu kommen. Was seltsam ist, denn in meinem täglichen Leben ist alles, was ich tue, alles, was wir bei Mercedes tun, darauf ausgerichtet, zu gewinnen. Das ist der Grund, warum wir morgens aufstehen. Deshalb tun wir die Arbeit, die wir tun."