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Der Klub der ehemaligen Grand-Prix-Piloten

Als die F1-Piloten noch Freunde waren, wurde der Klub der ehemaligen GP-Piloten gegründet. Maria Teresa de Filippis und Theo K. Huschek im Interview

(Motorsport-Total.com) - Es gab einmal eine Zeit, in der die Formel-1-Piloten noch miteinander befreundet waren - ja, sogar an einem Grand-Prix-Wochenende saßen sie miteinander in den Boxen und plauderten, manche traten gar die Anreise zu den Rennen gemeinsam an.

Maria Teresa de Filippis mit Formel-1-Journalist Helmut Zwickl

Maria Teresa de Filippis ist Vizepräsidentin des Klubs

Und weil sie einander so viel zu erzählen hatten, auch nach ihrer aktiven Zeit, wurde anfangs der Sechzigerjahre der "Club International des anciens Pilotes de Grand Prix F.1" gegründet - der Klub der ehemaligen Grand-Prix-Piloten.#w1#

Der Klub wurde 1962 von neun ehemaligen Grand-Prix-Piloten in der Schweiz gegründet - noch im selben Jahr wurden bei einem Meeting in Paris die Statuten festgelegt. Der Sitz des Klubs war in Lausanne, Baron Toulo de Graffenried war als Gründungsmitglied der erste Generalsekretär, Präsident war Louis Chiron. Als Ehrenpräsident fungierte niemand geringerer als der mehrfache Champion Juan Manuel Fangio, zu dieser Zeit der bislang erfolgreichste aller Formel-1-Piloten.

Dass damals noch so etwas wie Menschlichkeit im Fahrerlager der "Königsklasse" existiert hat, durfte die schmächtige Maria Teresa de Filippis bei ihrem Grand-Prix-Einstand Ende der Fünfzigerjahre erleben - denn die Granden des Sports gaben ihr Tipps, sorgten sich liebevoll um sie.

Neben der leider verstorbenen Lella Lombardi ist sie bislang die einzige Frau, die sich für einen Formel-1-Grand Prix qualifizieren konnte. 1978 wurde De Filippis in den Klub aufgenommen, sechs Jahre später übernahm sie als Generalsekretärin die Klubführung - beim 35-jährigen Jubiläum des Klubs wurde De Filippis Vizepräsidentin, ihr Ehemann und Manager Theo K. Huschek wurde zum Generalsekretär befördert.

Generalversammlung bei der Ennstal Classic 2008

Das Ehepaar betreut den Klub auch heute noch - Ehrenpräsident De Graffenried verstarb in diesem Jahr, Ex-Weltmeister Phil Hill fungiert als Präsident. Im Sommer 2008 wird der 102 Piloten umfassende Klub (zu den Mitgliedern gehören auch die Ex-Weltmeister Emerson Fittipaldi, Mario Andretti, Jack Brabham, Damon Hill, Alan Jones, John Surtees, Jackie Stewart, Niki Lauda, Alain Prost, Keke Rosberg und Jody Scheckter) im Rahmen der Oldtimer-Rallye Ennstal Classic seine Generalversammlung abhalten. Dort soll es zu einem Generationswechsel im Klub kommen, die bisherige Führung möchte den Klub an jüngere Ex-Piloten übergeben.

Im Gespräch erklären Maria Teresa de Filippis und Theo Huschek die Problematik, die sich rund um diesen Generationswechsel ergibt. De Filippis beschreibt den ursprünglichen Sinn dieses Klubs: "Es geht darum, die Kontakte untereinander zu pflegen. Es geht um Treffen im Paddock, beispielsweise im Rahmen der Grand Prix. Bernie Ecclestone ist Ehrenmitglied und sorgt für die Pässe, wir kommunizieren laufend mit Bernie."

Huschek fügt hinzu: "Der Klub wird derzeit in seiner gesamten Korrespondenz viersprachig geführt - die Klubmitglieder lieben es, wenn sie ihre Einladungen mit der Hand geschrieben bekommen. Das machen wir selbst bei uns zuhause - doch dazu würde es künftig ein Sekretariat benötigen. Wir haben jedenfalls noch nie einen Computerbrief geschrieben."

Problematischer Generationswechsel

Das jüngste Mitglied des prominenten Klubs heißt Gerhard Berger. Auch ein Alex Wurz oder ein Michael Schumacher würden als Mitglied aufgenommen werden, doch De Filippis schränkt ein: "Michael Schumacher ist ein fantastischer Pilot - aber es handelt sich um eine delikate Situation. Er ist der klassische Fall von jemandem, der außerhalb des Jobs keine anderen Interessen hat - weshalb es durchaus möglich ist, dass er wieder fährt."

"Bei Alex Wurz werden wir uns nicht melden, da er noch zu jung ist. Wenn er will, kann er schon beitreten, kein Problem - aber bis jetzt wurde es so gehandhabt, dass die Fahrer erst dann beitreten, wenn sie über 50 sind. Denn wir wollen sicherstellen, dass der Pilot wirklich mit der Formel 1 aufgehört hat. Damit sie ein normales Klubleben führen - und nicht Geschäfte in den Klub hineinbringen." Huschek fügt an: "Ich könnte mir vorstellen, dass sich Michael Schumacher im Klub nicht wirklich wohl fühlt."

Alex Wurz hat nach seinem Rücktritt mit der "menschlich kalten Formel 1" abgerechnet, berichtete von Intrigen und Erpressung. Huschek sagt: "Da haben wir das Problem, denn die heutigen Fahrer pflegen keine Kontakte miteinander - die fragen sich dann, was so ein Klub soll."

De Filippis erklärt: "Ich fürchte, dass die Entwicklung der Formel 1 über die letzten 20 Jahre hinweg eine Bedrohung für den Klub darstellen könnte - denn dann würde es das Paradoxon geben, dass die Piloten erst im Klub miteinander sprechen. Nur - die alten Mitglieder wollen das nicht haben. Wir sind eine Familie."

Huschek übernimmt: "Deswegen muss ein Generationswechsel im Vorstand stattfinden - es muss ein Vorstand sein, der mit diesem Thema so umgehen kann, wie es der Klub gewohnt ist. Wenn in der Führung kein Generationswechsel passiert, dann wäre es möglich, dass der Klub entweder 'menschlich auskühlt' oder dass er gar ausstirbt - und das wollen wir vermeiden."

Fließender Übergang

Maria Teresa de Filippis und ihr Gatte Theo Huschek wünschen sich daher, dass bei der Generalversammlung im nächsten Sommer ein Präsident gewählt wird, der bereits der jüngeren Generation angehört, der den Generationswechsel in einer Art und Weise durchführt, sodass sowohl die alten als auch die jungen Mitglieder weiter Freude an ihrem Klub haben können.

Die beiden bieten daher für eine weitere Funktionsperiode von drei Jahren ihre Dienste an: "Wenn bei der Generalversammlung im Rahmen der Ennstal Classic ein junger Präsident gewählt wird, würden wir ihm für eine Periode weiter zur Seite stehen, sodass wir einen fließenden Übergang haben können."

"Viele der Jungen verstehen nicht, warum wir das überhaupt machen", gesteht Maria Teresa de Filippis. Dass der Klub der ehemaligen Grand-Prix-Piloten künftig tatsächlich die Funktion haben könnte, dass sich jene Formel-1-Fahrer, die in ihrer aktiven Zeit keinen oder nur wenig Kontakte zueinander hatten, erst im Rahmen des Klublebens wirklich näher kennen lernen, können sich De Filippis und Huschek "durchaus vorstellen".

Die Kälte und der Konkurrenzdruck würden mit dem Ende der aktiven Karriere weichen. "Wenn der Pilot einmal draußen ist und die anderen Piloten sind auch draußen, dann gibt es ja den Wahnsinn nicht mehr - und dann können sie in einer gelockerten Atmosphäre miteinander über die alten Zeiten plaudern", sagt De Filippis und überreicht ein Kuvert mit einer Broschüre zum 45-jährigen Jubiläum des Klubs - dieses ist selbstverständlich handschriftlich adressiert, mit blauer Tinte - so wie es die altehrwürdigen Klubmitglieder lieben...