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"Crazy Eddie" beschäftigt 16-jährigen "Experten"

Eddie Jordan ? bekannt für seine teilweise etwas unkonventionelle Teamführung ? beschäftigt einen 16-jährigen Software-Experten

(Motorsport-Total.com) - Seine Freunde nennen ihn nur "Mike Byte", bei Jordan trägt Lionel Michael, wie der hagere junge Brite mit den struppigen blonden Haaren im wirklichen Leben heißt, stolz seinen richtigen Namen auf dem Namensschild. Lionel ist der wohl jüngste Formel-1-Fan, der von sich behaupten kann, ein echter Mitarbeiter eines Rennstalls in der "Königsklasse des Motorsports" zu sein, denn Lionel Michael arbeitet bei Jordan Grand Prix, nur einen Steinwurf von der Traditionsrennstrecke von Silverstone entfernt, als Software-"Experte".

Eddie Jordan

Auch abseits des Fahrernachwuchses hat Eddie Jordan ein Auge für Talente

Das Wort "Experte" hört der in Reading geborene Sohn eines Kurierdienst-Inhabers nur ungern: "Ich kann sicherlich ganz gut programmieren, aber ich glaube, dass man erst nach vielen Jahren Berufserfahrung ein Experte werden kann", meint Lionel bescheiden. In der Tat ist Lionel, der extra seine Schule für seinen Job bei Jordan geschmissen hat, noch nicht lange bei den "Gelben". Erst seit Ende der vergangenen Saison sitzt er bis zu 12 Stunden am Tag vor dem Computer, um dafür zu sorgen, dass die Fahrer beim nächsten Rennen beim Start noch perfekter vom Fleck kommen.

"Es war schon ein wenig verrückt", erinnert sich Lionel. "Ich schaute mir 2001 das Rennen in Österreich an, als Frentzen und Trulli am Start mit ihren Autos stehen blieben. Als großer Jordan-Fan hat mich das fuchsteufelswild gemacht. Zwei Tage später habe ich einen Brief an Eddie Jordan geschrieben und ihm klar gemacht, dass es möglich ist, fehlerfreie Software zu schreiben, wenn man nur die richtigen Leute ranlässt. Ich weiß, das war ziemlich keck von mir, aber in meiner Verärgerung ist mir das einfach so rausgerutscht?"

Ganz nebenbei empfahl sich Lionel Michael mit seinem Brief für eine Stelle bei Jordan, in dem er von einigen Referenzprojekten erzählte, die er für kleinere Unternehmen aus seiner Heimatstadt betreut hatte. Ein paar Tage später konnte der begeisterte Formel-1-Fan kaum seinen Augen trauen, als er einen Brief des Jordan-Teams in der Hand hielt, in dem die Personalabteilung fragte, ob er sich denn nicht einmal im Software-Büro des Teams vorstellen könnte.

Lionel zögerte nicht lange und ließ sich von seinem Vater nach Silverstone fahren. Dort wurde der Junge einem harten Test unterzogen, konnte eine schwierige Testaufgabe aber mit Bravour meistern. Doch die Sache hatte einen Haken: Lionel war nur etwas über 14 Jahre alt und durfte deshalb nicht vom Team unter Vertrag genommen werden. Dennoch war man von "Mike Byte" so begeistert, dass man ihm in Aussicht stellte, im Alter von 16 Jahren einen Vertrag zu erhalten: "Nie habe ich einem Geburtstag so entgegen gefiebert", so der Jenson Button-Fan.

Seine Liebe zum Computer entdeckte Lionel, als er seinen Vater auf Kurierfahrten begleitete: "Da habe ich oft irgendwelche Diskettenstapel in Abteilungen getragen und war von Anfang an von dem fasziniert, was ich da auf dem Monitor sehen konnte." Mit zehn Jahren schrieb Lionel seine ersten kleinen Programme, heute, sechs Jahre später, kennt er mehrere Programmiersprachen aus dem Effeff und ist bei Jordan der "Software-Experte".

"Lio hat mir von Anfang an imponiert", so Teamchef Eddie Jordan. "Was ein solch junger Mann imstande ist zu leisten, das ist schon beeindruckend. Und gute Leute muss man sich gleich von Anfang an sichern und zwar richtig. Einen Fehler wie bei Michael Schumacher mache ich kein zweites Mal", meint der Ire mit einem Grinsen und verschweigt klammheimlich, dass wohl auch das Thema Geld ein Faktor bei der Entscheidung gewesen ist.

Nach der Entlassung von rund 20 Prozent der Belegschaft sind die Kassen bei Jordan leer, Lionel Michael bekommt einen Bruchteil des Gehaltes, das ein ausgebildeter Software-Ingenieur bei Jordan erhält, doch er ist dennoch glücklich: "Ich sehe das als Chance an, mit 16 Jahren muss man noch nicht viel Geld verdienen. Wenn ich mit 18 Jahren immer noch hier bin, dann geht für mich ein Traum in Erfüllung." Dann nämlich hat Eddie Jordan dem hochtalentierten Bursche, der bereits zwei Schulklassen übersprungen hat, einen festen Vertrag angeboten.

Dem 1. April blickt Lionel Michael mit gemischten Gefühlen entgegen: "Dann ist unsere Abteilung um drei Leute kleiner. Ich habe die Empfehlung ausgesprochen, diese Programmierer besser nicht mehr länger zu beschäftigen." Und Eddie Jordan fügt hinzu: "Lio ist der Meinung, dass da nicht ganz sauber programmiert worden ist. Ich vertraue ihm. Nun macht eben unser Lionel diesen Job. Aber wenn Giancarlo oder Ralph am Start wegen eines Softwarefehlers stehen bleiben sollten, dann entfällt mir glaube ich, wie man seinen Namen buchstabiert?"