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  • 11.03.2015 · 11:07

  • von Bernd Mayländer

Bernd Mayländer: Anekdoten aus "Down Under"

Was Safety-Car-Fahrer Bernd Mayländer in 16 Jahren Melbourne schon alles erlebt hat und wie es passiert, dass man plötzlich im australischen Outback landet

Bernd Mayländer

Mit dem Saisonauftakt in Melbourne geht's auch für Bernd Mayländer wieder los Zoom

Hallo, liebe Leser,

14:00 Uhr Ortszeit in Melbourne, das bedeutet 4:00 Uhr in Deutschland - und einen sehr mühsamen Frühstart für die Formel-1-Fans in die neue Saison (vor allem für die, die am Samstagabend ein bisschen länger um die Häuser gezogen sind). Dachte sich auch Bernie Ecclestone und machte Melbourne 2009 zum Dämmerungs-Grand-Prix, mit Startzeit damals um 17:00 Uhr. Gut für die TV-Zuschauer in Europa, aber schlecht für den Herrn Mayländer, der natürlich daran nicht gedacht und einen frühen Rückflug gebucht hatte.

Mir fiel erst am Sonntagmorgen auf dem Weg zur Rennstrecke auf, dass das Rennen erst ein bisschen später gestartet wird. Plötzlich fehlten mir drei Stunden für Hotel, Sachen zusammenpacken und zum Flughafen fahren. Da habe ich mich dann von einem Kollegen relativ zügig zum Flughafen bringen lassen, weil ich sonst schlicht und einfach meinen Flieger verpasst hätte. Kommt in den besten Familien vor.

Mit Timo Glock 30. Geburtstag gefeiert

Dazu muss man wissen: Melbourne ist nach dem Rennen ein totales Verkehrschaos. Es fahren zwar viele Leute mit der Tram aus dem Albert Park raus, aber an dem Sonntag 2009 ist gar nichts mehr gegangen und ich bin wirklich erst auf den allerletzten Drücker in den Flieger zurück nach Europa gestiegen. Sonst hätte ich zwei Tage warten müssen, weil am Sonntagabend und Montag natürlich alle Flüge mit Formel-1-Reisenden voll sind.

Witali Petrow

Das Publikum in Melbourne ist eines der besten im gesamten Formel-1-Zirkus Zoom

Hätte ich den Flieger wirklich verpasst, hätte ich mir zumindest eine schöne Zeit machen können. Melbourne ist einfach eine tolle Stadt, wahrscheinlich die trendigste in Australien. Es gibt tolle Locations, Klubs und Restaurants, ein tolles Nachtleben von Sonntag auf Montag - besonders dann, wenn am zweiten Montag im März Labour-Day-Feiertag ist und die australischen Formel-1-Fans alle frei haben. Dann kracht's dort richtig!

Ich kann mich daran erinnern, mit Timo Glock mal dessen 30. Geburtstag gefeiert zu haben. Ohne auf Details einzugehen: Als wir nach Hause gegangen sind, hat sich die Sonne nicht mehr weit hinter dem Pazifik versteckt... Wenn Australien "back to back" mit Malaysia war, ist man halt mal bis Montagmorgen in sämtlichen Bars und Clubs rumgehangen.

Beim Kitesurfen lieber am Strand geblieben

Da ist es schon mal vorgekommen, dass die Sonne schon wieder gestrahlt hat - natürlich nur, weil wir uns frühzeitig an die Europa-Zeitzone anpassen wollten! ;-) Aber alles in einem sehr lustigen und angenehmen Umgang. Manchmal waren da auch bekannte Gesichter dabei, denen es ähnlich gegangen ist. Und die hatten - ohne Namen zu nennen - alle eine Formel-1-Lizenz...

Ein andermal - auch da sind wir zwischen Australien und Malaysia nicht mehr nach Hause geflogen, weil die Rennen direkt hintereinander stattgefunden haben - hatten Medical-Car-Fahrer Alan van der Merwe und ein paar Jungs aus der australischen V8-Supercar-Serie die Idee, dass wir am Dienstag mal Kitesurfen ausprobieren könnten. Nun bin ich ja begeisterter Wasserskifahrer und Schwimmer, aber nicht gerade im Pazifik, wo es den einen oder anderen Haifisch gibt.

Also habe ich gleich gesagt: Leute, ich gehe da nicht rein, denn ich bin sicher der Erste, der von so einem Fisch gezwickt wird! Also hab ich es bei Trockenübungen am Strand belassen und habe die Kollegen gesehen, wie sie lustig im Wasser rumpaddeln und versuchen, das Kitesurfen zu erlernen. Das ist ziemlich schwierig und braucht ein bisschen Zeit - Alex Wurz ist übrigens ein ganz exzellenter Kitesurfer. Eine Wasserratte werde ich in Australien jedenfalls nicht mehr.

Kein Navi an Bord: Plötzlich mitten im Outback

Und ein Navigationsgenie auch nicht - dafür ist das Land einfach zu groß. 1999 war ich das erste Mal in Melbourne, damals bin ich selbst noch Porsche-Supercup gefahren. Da war ich beim Testen mal zwei Stunden in die falsche Richtung unterwegs und stand plötzlich irgendwo im Outback. Ich hätte eigentlich nach Süden müssen, aber ich bin nördlich gefahren. Ich hatte kein Navi dabei, und wenn du in Australien ein Weilchen in die falsche Richtung fährst, bist du schnell mitten im Nirgendwo. Aber genau das macht das Land zu einem speziellen Erlebnis.

Nico Rosberg

Im Vorjahr triumphierte Nico Rosberg beim Saisonauftakt in Melbourne Zoom

Genauso wie auf das Land freue ich mich jetzt schon auf das Rennwochenende. Es kribbelt - fast ein bisschen mehr als die Jahre zuvor, obwohl es keine großen Regeländerungen gibt. Ich bin extrem gespannt, wie der Ferrari geht, wie sich Sebastian und Kimi anstellen. Honda ist ein ganz neuer Motorenhersteller. Das macht die Sache schon spannend für die neue Saison. Bleibt Mercedes weiterhin dominant? Diese ganzen Fragen machen mich nach 16 Jahren Formel 1 immer noch aufgeregt.

Genau wie mein neues Safety-Car: Nach fünf Jahren hat der SLS AMG ausgedient und wir (mein Beifahrer Peter Tibbetts und ich) wechseln in den neuen Mercedes-AMG GT S. Ich habe das Auto bei der Präsentation im vergangenen Jahr zum ersten Mal gesehen und im Februar auf dem Testgelände in Nardo (Italien) ausprobiert. Und ich muss sagen, ich bin total begeistert von den Fahreigenschaften des GT!

Schnellere Rundenzeiten mit neuem Safety-Car?

Obwohl wir weniger Fahrleistung haben als beim SLS AMG, nämlich 510 PS, gehen wir davon aus, dass die Rundenzeiten letztendlich schneller sein werden. Ich freue mich jetzt schon drauf, das Ding mal auf einer Formel-1-Strecke auszuprobieren. Nach dem ersten Tracktest am Mittwoch in Melbourne werde ich sicher auf die Stoppuhr schauen, ob wir wirklich schneller unterwegs sind. Das ist ein Stück Motivation.

Das Frontmittelmotorkonzept mit Transaxle, V8-Biturbo und Trockensumpfschmierung ist neu, ebenso wie die bessere Gewichtsverteilung zwischen Vorder- und Hinterachse (47:53). Die Knöpfe im Auto sind anders angeordnet, man sitzt ein bisschen anders im Auto, hat ein anderes Fahrgefühl, eine andere Balance. Wir haben noch mehr Monitore drin, mit Touchscreen. Das erleichtert uns die Arbeit. Und alles was neu ist, ist irgendwie prickelnd. Ihr kennt ja, wie das ist, wenn große Jungs ein neues Spielzeug bekommen.


Die Formel 1 zurück im Albert Park

In Australien ist man auf den Saisonstart der Königsklasse bestens vorbereitet Weitere Formel-1-Videos

Weil mein neues Spielzeug getestet werden musste, um in Melbourne top vorbereitet zu sein und von Anfang an die richtigen Knöpfe zu drücken, waren der Winter ganz schön vollgepackt. Dafür war ich am Sonntag nochmal Skilaufen mit meiner Freundin, die am Samstag Geburtstag hatte. Sollte man ja eigentlich um diese Jahreszeit nicht mehr machen, wenn es schon ein bisschen wärmer wird. Also sind wir nur zweieinhalb Stunden ganz vorsichtig gefahren, nur auf den blauen Pisten, ein bisschen Sonne genießen.

Erste bekannte Gesichter in Dubai

Inzwischen bin ich schon in Melbourne. Von Stuttgart aus mit dem Zug (verspätet - das mit dem Autobau beherrschen die Stuttgarter besser als das mit den Zügen, Stichwort Stuttgart 21) nach Frankfurt, von dort aus weiter nach Dubai, dort zwei Stunden Aufenthalt, dann nach Melbourne und dort mit dem Taxi weiter zum altbekannten Hotel. Australien ist halt wirklich am anderen Ende der Welt, da ist man schnell mal 24 oder mehr Stunden unterwegs.

Dafür ist es dann spätestens ab Dubai, wenn man zufällig auf die ersten Formel-1-Leute trifft, fast ein bisschen wie zu Hause, wie ein Stück Normalität. In Melbourne haben wir immer ein recht schönes Zimmer, kleine Appartements, in denen man auch ein bisschen Privatsphäre hat, mit einem schönen Blick auf die Stadt. Man kennt die Mädels von der Rezeption, man kennt den Italiener um die Ecke, der einen schon willkommen heißt.


Fotos: Die neuen Safety- und Medical-Cars


Dort treffe ich auch auf meine Kollegen von der FIA, die ich über den Winter nur selten gesehen habe. Man geht abends mal ein Bierchen trinken und essen, erzählt sich, was es so Neues gibt, weil man sich nicht so oft gesehen hat. Vorne am Strand gibt's ein paar tolle Restaurants, wo man viele Formel-1-Leute trifft. Der typische Smalltalk ist dann: "Hallo. Wie war der Winter?" Immer das gleiche Schema, aber ich freue mich trotzdem jedes Jahr wieder drauf, die Leute zu treffen.

Besuch von einer alten Bekannten in Melbourne

Mit meinem Beifahrer Peter zum Beispiel habe ich nur einmal zu Weihnachten und einmal gerade kürzlich telefoniert - da hat man sich natürlich einiges zu erzählen. Vor allem auch wegen des neuen Safety-Cars. Und ich freue mich dieses Jahr auf einen Melbourne-Besuch meiner alten Klassenkameradin Andrea. Sie lebt in Sydney und hat geschäftlich in Melbourne zu tun. Mit der werde ich abends mal essen gehen.

Wird sicher ein tolles Wochenende und eine tolle Formel-1-Saison 2015!

Euer

Bernd Mayländer

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