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  • 10.03.2008 · 14:49

Bell: "Möchten um das Podium kämpfen"

Renault-Technikchef Bob Bell im Teaminterview über die Wintertests, Fernando Alonsos Stärken, das Spektakel Formel 1 und die Hackordnung in Melbourne

(Motorsport-Total.com) - Frage: "Bob, das Team hat in diesem Winter ein intensives Testprogramm absolviert. Wie ist es gelaufen?
Bob Bell: "Wir sind im Allgemeinen zufrieden damit und wir konnten unsere Vorbereitungen für den Saisonstart in Melbourne weitgehend abschließen. Was die Performance angeht, ist es schwer zu sagen, wo genau wir stehen. Zwischen den Topteams wird es recht eng zugehen. Aber wir haben im Winter erfolgreich am Auto gearbeitet und haben gelernt, wie wir es abstimmen müssen. Wir wissen also, dass wir das Beste aus unserem Paket herausholen werden. Es gab keine größeren Handlingprobleme mit dem Auto. Und die Probleme aus dem vergangenen Jahr hatten wir nicht mehr."

Bob Bell

Bob Bell ist mit den Vorbereitungen auf die neue Saison weitgehend zufrieden

"Wir sind auch mit der Zuverlässigkeit der Autos sehr zufrieden, darum geht es ja auch bei den Wintertests. Jetzt beginnt ein Entwicklungsrennen gegen all die anderen Teams. Es geht darum, das Auto schneller zu verbessern als alle anderen."#w1#

Alonso, der Motivator

Frage: "Wie ist die Stimmung im Team, jetzt wo Fernando Alonso wieder da ist?"
Bell: "Wir haben neuen Optimismus. Die Rückkehr von Fernando hat dem gesamten Team Auftrieb gegeben. Er motiviert jeden ungemein. Das Wunderbare an Fernando ist, dass er ein richtiger Kämpfer ist und immer das Beste aus seinem Material herausholen will. Du weißt bei jedem Rennen, in dem Fernando am Steuer sitzt, dass er einem Pokal holen könnte, weil er so ein Fahrer ist. Somit sind alle schon voller Begeisterung, wenn es mit Fernando im Team in das erste Rennen geht."

"Im Rennen herrscht ein ganz anderer Druck und es gibt wesentlich mehr Dinge, über die ein Fahrer nachdenken muss." Bob Bell

Frage: "Das Team hat mit Nelson Piquet jun. in diesem Jahr wieder einen Rookie. Wie hat er sich in die Rolle des Einsatzfahrers hineingefunden?"
Bell: "Nelson hat über den Winter hart gearbeitet und seine Leistungen bei den Testfahrten haben gezeigt, dass er schon jetzt einen hohen Standard erreicht hat. Deshalb denke ich, dass er für sein erstes Rennen bestens gerüstet sein wird. Er arbeitet gut mit den Ingenieuren zusammen, die ihn gut auf die Saison vorbereitet haben und er war schnell. Nun kommt es darauf an, dass er diese Pace nicht nur beim Testen, sondern auch in den Rennen zeigen kann. Im Rennen herrscht ein ganz anderer Druck und es gibt wesentlich mehr Dinge, über die ein Fahrer nachdenken muss. Es wird interessant sein zu sehen, wie er damit umgehen kann. Aber ich bin mir sicher, dass er einen guten Job machen wird."

Was am R28 besser sein soll

Frage: "Sie haben gesagt, dass der R27 zu konservativ war. Wie ist das Team das Jahr 2008 angegangen?"
Bell: "Wir haben in allen Bereichen Gas gegeben, vor allem in Sachen Aerodynamik. In der heutigen Formel 1 entscheidet die Qualität des Aerodynamik-Pakets über den Erfolg des Autos - darauf lag unser Hauptaugenmerk. Wir haben auch den vorderen Teil des Autos optimiert, vor allem den Frontflügel und die Aufhängung. Die Gestaltung der Aufhängung ist nun ähnlich dem, was man "modern" nennt. Von der Null-Kiel-Lösung haben wir zwar mehrere Jahre lang nicht wirklich profitiert, aber in diesem Jahr gibt sie uns das Potenzial, die maximale Performance aus den Reifen herauszuholen."

"Das können wir mit dem R28 erreichen: Wir können ihn so abstimmen, dass die Fahrer das bekommen, was sie wollen." Bob Bell

Frage: "Sprechen wir über die technischen Anforderungen des Albert Park. Ist es eine Strecke, die den Stärken des R28 entgegenkommen wird?"
Bell: "Sagen wir es so: Ich denke nicht, dass der R28 dort im Nachteil sein wird. Auf dieser Strecke hat man schon immer ein Auto gebraucht, das gut auf Richtungswechsel reagiert und gute Bremscharakteristika hat. Das sollte dem R28 entgegenkommen. Der Kurs kann aber stellenweise etwas wellig sein. Möglicherweise müssen wir noch daran arbeiten, das Auto für die Bodenwellen und Randsteine richtig einzustellen. Außerdem sind im Albert Park das Selbstvertrauen des Fahrers und ein gutes Set-Up von großer Bedeutung. Das können wir mit dem R28 erreichen: Wir können ihn so abstimmen, dass die Fahrer das bekommen, was sie wollen. Es gibt nichts, was ein Nachteil für uns sein könnte und ich denke, dass es ein guter Indikator dafür sein wird, wo wir zu Saisonbeginn stehen."

Neue Zuversicht in Sachen Reifen

Frage: "Im vergangenen Jahr hatte das Team Probleme, sich den Bridgestone-Reifen anzupassen. Wurden diese Probleme gelöst?"
Bell: "Unsere Beziehung zu Bridgestone war immer gut, und selbst, als wir Probleme hatten, das Beste aus den Reifen herauszuholen, war Bridgestone immer ein exzellenter Partner. Aber man kann durchaus sagen, dass wir die Reifen in diesem Jahr wesentlich besser verstehen. Und wir haben nun ein Auto, das die Charakteristika der Reifen besser nutzen kann. Deshalb mache ich in mir in diesem Bereich keine Sorgen. Wir wissen, dass wir das Auto so abstimmen können, um aus den Reifen das Maximale herauszuholen."

"Wir möchten um das Podium kämpfen - das ist unser klares Ziel für die Saison und das haben wir uns auch für Melbourne vorgenommen." Bob Bell

Frage: "Das Team hat in den vergangenen drei Jahren zweimal in Melbourne gewonnen. Was sind realistische Ziele für dieses Wochenende?"
Bell: "Wir möchten um das Podium kämpfen - das ist unser klares Ziel für die Saison und das haben wir uns auch für Melbourne vorgenommen. Bisher kann jeder nur raten, wie es tatsächlich laufen wird. Aber wir werden alles geben, um unser Ziel zu erreichen. Fernando kennt den Kurs sehr gut und er war dort in der Vergangenheit erfolgreich. 2006 haben wir gemeinsam dort gewonnen. Für Nelson ist es ein neuer Kurs. Deshalb konzentrieren wir uns darauf, dass er so gut wie möglich vorbereitet ist. Er gehört wahrscheinlich zu den Kursen, die am schwersten zu lernen sind, weil er so technisch ist. Das ist eine der Strecken, wo ein Fahrer nur schwer seine ideale Linie findet."

Wird die Show besser?

Frage: "Die Formel 1 beginnt eine Ära mit Standard-ECU und ohne Fahrerhilfen. Wie wird sich das auf die Rennen auswirken?"
Bell: "Es wird vielleicht für die Zuschauer etwas interessanter und die Auto werden wohl ein bisschen mehr schwimmen. Ich denke aber nicht, dass die Hackordnung unter den Fahrern völlig auf den Kopf gestellt werden wird. Die unvorsichtigen Piloten könnten - vor allem bei nassen Bedingungen - Probleme bekommen, ich denke aber nicht, dass es einen großen Unterschied ausmachen wird. Die Öffentlichkeit wird nicht sagen können 'das ist eine Folge der neuen elektronischen Systeme'. Aber bei der Einführung der Standard-ECU ging es ja auch nicht darum, da Spektakel toller zu machen. Es ging darum, für Chancengleichheit zu sorgen und die Kosten zu reduzieren. Dass die Show sich dadurch ändern wird, denke ich nicht."

Frage: "Der Wettbewerb zwischen den Teams ist in diesem Jahr sehr eng. Wie sieht die momentane Hackordnung aus?"
Bell: "Wir können nur das beurteilen, was wir bei den Wintertests gesehen haben. Somit können wir recht sicher sagen, dass Ferrari an der Spitze ist und McLaren vielleicht knapp dahinter. Dahinter scheint es einen Pulk von Teams zu geben, die sehr dicht beieinander liegen, vielleicht knapp hinter McLaren oder sogar auf Augenhöhe. Deshalb können wir nur schwer vorhersagen, wo wir in Melbourne landen werden. Aber wir treten dort mit großen Erwartungen an."