powered by Motorsport.com
  • 04.10.2021 · 10:57

  • von Stefan Ehlen, Co-Autor: Adam Cooper

Analyse: Wie die Formel 1 zu vier Rennen im Nahen Osten kam

Die Formel 1 im arabischen Raum: Wann die Rennserie den Markt für sich entdeckt hat und warum die Region in der Saison 2021 einen Formel-1-Boom erlebt

(Motorsport-Total.com) - Spätestens mit der Bestätigung des Katar-Grand-Prix steht fest: Der Nahe Osten ist für die Formel 1 zu einer Kernregion geworden. Denn wo vor 17 Jahren das erste Rennen installiert wurde, sind es in der Saison 2021 schon vier. Und die Formel 1 plant langfristig mit Abu Dhabi, Bahrain, Katar und Saudi-Arabien.

Bahrain

Die Formel 1 im Nahen Osten: Bahrain machte in der Saison 2004 den Anfang Zoom

Der Grund dafür liegt auf der Hand: Geld. In der anhaltenden Coronakrise kann sich die Formel 1 bei den vier genannten Grands Prix auf ein festes Einkommen verlassen. Und die Rennserie braucht beides: Stabilität im Rennkalender sowie ein Einkommen. Denn ohne Geld dreht sich in der Formel 1 kein Rad, weil die zehn Teams auf die Formel-1-Zahlungen angewiesen sind.

Der Nahe Osten hat aber nicht immer eine so wichtige Rolle für die Formel 1 gespielt, sondern war zunächst eine Randerscheinung: 1977 etwa tauchten erstmals die Logos von saudi-arabischen Unternehmen auf den Williams-Autos auf.

Es folgte der arabischstämmige Geschäftsmann Mansour Ojjeh mit Techniques d'Avant Garde (TAG) als Förderer von Williams und später McLaren, wovon beide britischen Teams nachhaltig profitierten.

Rückblickend überrascht es, dass die Verbindungen zwischen Formel 1 und dem arabischen Raum in der Folge nicht intensiviert wurden. Mögliche Rennen standen zwar immer wieder zur Debatte, doch erst 2004 kam es tatsächlich dazu: Bernie Ecclestone setzte mit dem Bahrain-Grand-Prix in Sachir neue Maßstäbe.

Malaysia als Vorbild für Bahrain

In Bahrain nahm man sich den Malaysia-Grand-Prix und dessen Infrastruktur zum Vorbild: Hermann Tilke errichtete erneut eine moderne Rennstrecke in einem Land, das über keine allzu große Motorsport-Historie verfügte. Die Regierung bezuschusste das Projekt massiv, Geld spielte keine Rolle. Etwaige (Sicherheits-) Bedenken waren nach dem Premierenrennen in der Wüste schnell dahin.

Und Ojjeh erkannte schon damals einen Trend. Er sagte: "Das ist das 21. Jahrhundert. Malaysia war der Vorreiter mit einer Anlage dieser Art. Und wenn man sich im Vergleich [die Strecken in Europa] und andernorts ansieht, dann wird es entweder peinlich oder lächerlich. Das hier", so Ojjeh mit Blick auf Malaysia und Bahrain, "ist die Zukunft."

Dass die Formel 1 in Bahrain landen würde, war aber nicht von Anfang an klar. Auch einige andere arabische Länder in der Region hätten Grand-Prix-Chancen gehabt, sagt Ecclestone. Und: "Bahrain ist eben aufgewacht. Und das Wichtigste ist, dass wir im Nahen Osten wachsen."


Fotostrecke: Neue Formel-1-Strecken seit 2000

Zunächst aber blieb es bei nur einem Rennen, obwohl in Dubai eine weitere Rennstrecke nach FIA-Grad 1 vorhanden war. Ecclestone: "[Ein Rennen] reicht uns in diesem Teil der Welt."

Die Formel 1 expandierte schließlich auch in anderen Regionen: Ebenfalls 2004 stieß China zum Rennkalender, 2005 folgte die Türkei, weitere Grands Prix befanden sich in Planung. Ecclestone brauchte Dubai gar nicht.

Abu Dhabi wird das zweite arabische Rennen

Das änderte sich wenige Jahre später: 2007 bestätigte die Formel 1 ein weiteres Rennen im arabischen Raum, nämlich ab 2009 in Abu Dhabi. Und wieder spielte Geld eine entscheidende Rolle: Das Emirat machte ein lukratives Angebot, baute eine hochmoderne Rennstrecke und zahlte obendrein extra, um das Saisonfinale austragen zu können.

Und das arabische Engagement in der Formel 1 vertiefte sich weiter: Das Land Bahrain, dann nicht mehr der einzige Grand-Prix-Pfeiler im Nahen Osten, kaufte sich bei McLaren ein. Und Ecclestone war für den Moment zufrieden mit zwei Rennen am Persischen Golf.

Liberty Media drängt in den Nahen Osten

Als Liberty Media die Kontrolle über die Formel 1 übernahm, änderte sich die Strategie. Die US-Amerikaner waren von Anfang auf neue und lukrative "eigene" Veranstaltungen aus - auch, um die Schatten der Ära Ecclestone abzuschütteln. Und weil Projekte wie Miami (zunächst) und Vietnam scheiterten, brauchte die Formel 1 etwas Sicheres für die Zukunft.

Ein Sponsorenvertrag mit Erdöl-Gigant Saudi Aramco ebnete den Weg zu einem Grand Prix in Saudi-Arabien, verbunden mit einer Image-Steigerung des Austragungslands, wie schon beim Vorbild Bahrain. Und wieder wurde nicht gegeizt: In Dschidda entstand ein neuer Stadtkurs für 2021, aber das Rennen soll schon 2023 an eine ebenfalls neue Strecke bei Riad umziehen.


Eine Runde in Dschidda

Die entsprechenden Verträge unterzeichneten die beteiligten Parteien in der Coronakrise, was Formel-1-Planerin Chloe Targett-Adams als "phänomenal" bezeichnet. Sie spricht bei Saudi-Arabien auch von einer "langfristigen Vision, wie wir unseren Sport im Nahen Osten wachsen lassen wollen". Die gesamte Konstellation sei "wirklich interessant" für die Formel 1.

Tatsächlich haben die Grands Prix von Bahrain, Sachir und Abu Dhabi in der Endphase der Saison 2020 maßgeblich dazu beigetragen, die angestrebte Zahl von 17 Rennen zu erreichen, den entscheidenden Schwellenwert für die vollen Vertragsgebühren der Formel-1-TV-Partner.

Das nächste Formel-1-Nachtrennen: Katar

Geld spielte beim nächsten großen Deal ebenfalls eine Rolle. Denn im zweiten Jahr der Pandemie würde sich die Formel 1 nicht mehr auf günstige Konditionen einlassen, nur um den Kalender aufzufüllen. Damit waren Strecken wie Mugello oder der Nürburgring raus aus der Verlosung, und Katar mit vorhandener Grad-1-Strecke und großem Budget plötzlich drin.

Ursprünglich wollte Formel-1-Chef Stefano Domenicali den Losail Circuit nur für eine Einmalveranstaltung in der Saison 2021 gewinnen, als Ersatz für den ausgefallenen Australien-Grand-Prix in Melbourne. Es wurde aber rasch mehr daraus: ein Zehnjahresvertrag ab 2023, im Anschluss an die Fußball-Weltmeisterschaft im Jahr 2022.

Losail Circuit in Katar unter Flutlicht

Das Formel-1-Rennen in Katar wird als Nachtrennen unter Flutlicht gefahren Zoom

Und auch in Katar hat man große Pläne: Für die Formel-1-Zukunft könnte eine neue Strecke gebaut werden, entweder wie bei Dschidda an der Küste oder wie bei Sachir in der Wüste. Final entschieden ist bisher nichts.

Klar ist nur: Mit Katar erhält die Formel 1 kurzfristig ein weiteres Nachtrennen zu für Europa günstigen TV-Zeiten. Das sei "das richtige Erlebnis" für die Fans, meint Domenicali. Dass auch Abu Dhabi und Bahrain unter Flutlicht stattfinden, tue Katar keinen Abbruch, im Gegenteil: "Das verleiht der Formel 1 [bei diesen Rennen] das gewisse Etwas."

Der Nahe Osten: Fluch und Segen zugleich?

Aber braucht es wirklich vier Grands Prix in einer so kleinen Region? Diese Frage steht nach der Katar-Bekanntgabe im Raum, vor allem Fans äußern sich hier kritisch - zumal die Kalender-Erweiterung im Nahen Osten auf Kosten von traditionellen Austragungsorten in Europa gehen könnte. So lautet zumindest eine Befürchtung.

Andererseits tragen Länder wie Abu Dhabi, Bahrain, Katar und Saudi-Arabien mit ihren hohen Rennbudgets wesentlich dazu bei, dass die Formel 1 günstigere Verträge mit europäischen Kursen eingehen kann, um diese im Kalender zu halten. Plus: Die Staaten im Nahen Osten sind langfristig dabei und garantieren eine gewisse Stabilität für die Rennserie.

Domenicali sieht auch eine technische Relevanz im arabischen Raum und den Nahen Osten als eine treibende Kraft für künftige Antriebstechnologien wie alternativen Sprit. "Wir haben schließlich eine Verantwortung gegenüber der Zukunft mit unserem Nachhaltigkeitsprojekt", erklärt er. "In dieser Region haben wir den richtigen Weg für das richtige Wachstum gefunden. Für uns ist das sehr spannend."

Wie sich FIA und Formel 1 zu Menschenrechen äußern

Wenig bis nichts sagen Domenicali und die Formel 1 aber zur Menschenrechts-Diskussion in den Golf-Staaten. Der Vorwurf von "Sportswashing" steht im Raum. Sprich: Länder wie Katar oder Saudi-Arabien könnten versuchen, ihr Image mit Großsport-Veranstaltungen aufzupolieren, um von internen Missständen und Spannungen abzulenken.

FIA-Präsident Jean Todt im Gespräch mit Formel-1-CEO Stefano Domenicali

FIA-Präsident Jean Todt im Gespräch mit Formel-1-CEO Stefano Domenicali Zoom

Die Formel 1 äußert sich dazu nur vage, hält aber fest: "Wir nehmen unsere Verantwortung in Sachen Menschenrechte sehr ernst und setzen hohe ethische Maßstäbe für unsere Partner. Das ist vertraglich festgehalten. Und wir schauen sehr genau darauf, dass das auch eingehalten wird."

Und laut FIA-Präsident Jean Todt schafft die Formel 1 mit ihren Rennen sogar neue Möglichkeiten für kritische Organisationen: "Indem wir diese Länder besuchen, haben sie die Chance, sich zu äußern. Diese Chance hätten sie sonst vielleicht nicht. Also: Wir arbeiten daran, welchen Beitrag wir leisten können."

Der Automobil-Weltverband stehe hier auch in einem Dialog mit dem Olympischen Komitee, das sich mit ähnlichen Fragen befassen müsse, sagt Todt. "Und zwar, weil wir das gleiche Problem haben. Wir sind ein Sport. Und wir glauben, dass Sport sich nicht in Politik einmischen sollte." Der FIA-Präsident räumt aber ein, dass "vieles eine Frage der Interpretation" sei.

Er selbst fühle sich "gut" bei dem Gedanken, die Formel 1 (und andere FIA-Rennserien) im arabischen Raum antreten zu lassen. Und die Motorsport-Präsenz dieser Länder ist 2021 größer denn je.

Neueste Kommentare

Motorsport-Total.com auf Facebook

Werde jetzt Teil der großen Community von Motorsport-Total.com auf Facebook, diskutiere mit tausenden Fans über den Motorsport und bleibe auf dem Laufenden!

Anzeige