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  • 02.08.2022 · 16:36

  • von Kevin Hermann

Analyse: Charles Leclerc hätte auch mit perfekter Strategie nicht gewonnen

Die Triplecrown an strategisch vereitelten Siegen für Charles Leclerc in der Formel-1-Saison 2022 ist mit dem Ungarn-Grand-Prix perfekt - Oder etwa doch nicht?

(Motorsport-Total.com) - Es war der große Aufreger des Formel-1-Grand-Prix von Ungarn. Charles Leclerc biegt in Runde 39 in die Boxengasse ab, um sich für seinen letzten Stint die harten Reifen abzuholen und einen Undercutversuch seitens Max Verstappen abzuwehren, der eine Runde zuvor die Medium-Reifen aufzog.

Charles Leclerc

Charles Leclerc beim ersten Boxenstopp des Großen Preises von Ungarn Zoom

Die Streckenbedingungen in Ungarn taten ihr Übriges. Bei kalten 18 Grad Lufttemperatur und 26 Grad Streckentemperatur war es nicht möglich, die weißen Reifen in das richtige Temperaturfenster zu bekommen, wie neben dem Ferrari-Piloten auch beide Alpines, beide McLarens, beide Haas und auch Valtteri Bottas im Alfa Romeo zu spüren bekamen.

Groß war daher der Aufschrei der Ferrari-Fans und vieler Journalisten, dass Ferrari einmal mehr einen Bock bei der Strategie geschossen hat, der von Anfang an offensichtlich war. Bereits in Monaco und Silverstone setzte man den Monegassen in Führung liegend auf die falsche Taktik, wodurch Leclerc zwei sichere Siege und 26 Punkte verlor.

Leclerc mit Strategie-Triplecrown?

Die Entscheidung in Ungarn scheint die Triplecrown an strategisch verlorenen Siegen für Leclerc in der Saison 2022 perfekt gemacht zu haben, womit der WM-Titel mit nun 80 Punkten Rückstand auf Red-Bull-Pilot Max Verstappen aussichtslos erscheint. Oder war die Entscheidung doch gar nicht so dumm, wie es den Anschein machte?

In der Analyse des Rennens zeigt sich, dass der vermeintlich unverständliche Wechsel auf die harten Reifen, um den Undercutversuch von Verstappen abzublocken, die einzige Möglichkeit für Ferrari war, das Rennen überhaupt zu gewinnen.

Ein weiteres Hinausziehen des zweiten Stints von Leclerc mit einem späten Wechsel auf die Soft-Reifen hätte die Podestchancen des Monegassen zweifelsohne stark erhöht, jedoch wäre dann der Rennsieg noch sicherer an Max Verstappen gegangen. Aber noch einmal ganz von vorne.

Ferrari am Trainingsfreitag in eigener Liga

Nach Pleiten, Pech und Pannen in der bisherigen Saison reiste Ferrari mit hohen Erwartungen nach Budapest. Die kurvenreiche Strecke mit kurzen Geraden sollte dem F1-75 gelegen kommen, sodass Charles Leclerc und Carlos Sainz mit einem Doppelsieg noch einmal im WM-Kampf zurückschlagen können, wie ihn Teamchef Mattia Binotto forderte.

Am Trainingsfreitag waren die Ferrari-Piloten in einer anderen Liga. Schnellste Zeit in der Qualifying-Simulation neben einer Longrun-Pace, die sich gewaschen hatte. Im Schnitt waren Sainz und Leclerc mit viel Sprit mehr als eine halbe Sekunde schneller als ihr ärgster Konkurrent Max Verstappen.

Wo ist die Ferrari-Pace im Qualifying geblieben?

Doch das Kräfteverhältnis drehte sich am Qualifyingsamstag, nachdem Regen am Vormittag den gesamten Grip von der Strecke spülte und die Temperaturen einbrachen. Während am Freitag noch Temperaturen von 33 Grad in der Luft und 51 Grad auf dem Asphalt herrschten, waren es zum Qualifying nur noch 22 beziehungsweise 31 Grad.


Hat's Ferrari wirklich nur mit den Reifen verbockt?

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Zur Überraschung vieler konnte sich Mercedes-Pilot George Russell vor den beiden Ferrari-Piloten die Poleposition holen, doch ohne die Motorprobleme und dem Verbremser im ersten Lauf wäre es wahrscheinlich Max Verstappen gewesen, der die schnellste Zeit im Qualifying gefahren wäre.

"Es war kein guter Tag", resümierte Leclerc nach dem Qualifying. "Ich habe sehr große Schwierigkeiten mit den Reifen gehabt, sie konstant in das richtige Fenster zu bekommen unter diesen Bedingungen. Daher hatte ich zu kämpfen, eine Runde zusammenzubekommen."

Teamchef Binotto: "Hatten nicht mehr die Pace vom Freitag"

Ferrari litt unter den gefallenen Temperaturen, was ein schlechtes Vorzeichen für den Rennsonntag werden sollte. Dort purzelten die Temperaturen noch einmal auf nun 18 Grad Luft- und nur noch 26 Grad Streckentemperatur.

Dies bestätigt Teamchef Mattia Binotto: "Es herrschten ganz andere Bedingungen und es war viel kühler. Wir hatten nicht mehr die starke Pace vom Freitag und das Auto hat sich auch nicht mehr wie gewünscht verhalten."

Während die beiden Ferrari-Piloten und Lewis Hamilton im Mercedes mit Medium-Reifen in das Rennen gingen, startete Polesetter Russell sowie die Red-Bull-Fahrer Verstappen und Sergio Perez auf den Plätzen zehn und elf auf den weichen Reifen.

Bei kalten Bedingungen und einsetzenden Nieselregen taten sich die Piloten auf dem roten Reifen leichter, Temperatur in den Reifen zu bekommen, weshalb Russell zunächst an der Spitze wegfahren konnte und die Red Bulls sich ziemlich leicht durch das Feld pflügten.

Wie sich Ferrari ins strategische Aus manövrierte

Als der Regen wieder aufhörte, schlug die Stunde der Ferarri-Piloten, die nun ihr Potenzial auf dem Medium ausschöpfen konnten und näher an Russell herankamen. Leclerc zeigte dabei die bessere Pace als Sainz und konnte zunächst seinen Teamkollegen mit einem Overcut nach dem ersten Boxenstopp überholen, ehe er sich Russell auf der Strecke schnappte.

Obwohl Leclerc in der Folge einen Vorsprung von fünf Sekunden an der Spitze herausfahren konnte, wurde die Lage aus strategischer Sicht für Ferrari schwierig. Man hatte bisher nur den Medium-Reifen gefahren und konnte sich daher für den zweiten Stopp nur für einen neuen harten oder einen gebrauchten weichen Reifen entscheiden.

Russell und Verstappen hatten den verpflichtenden Wechsel auf eine andere Mischung schon hinter sich, nachdem beide auf Softs gestartet und dann auf Mediums gewechselt sind. Sie konnten sich für ihren dritten Stint aus allen drei verfügbaren Mischungen bedienen.

Verstappen-Undercut als Red-Bull-Masterplan

Der Niederländer zeigte eine starke Pace und konnte nach den Überholmanövern in der Anfangsphase den Rückstand auf die Spitze Stück für Stück verkürzen. In Runde 38 nutzte Red Bull die Gelegenheit, mit Verstappen einen Undercut zu machen, nachdem dieser auf das Duo Russell und Sainz aufgelaufen war.

Auf neuen Medium-Reifen unterwegs fuhr der Red-Bull-Pilot 1,5 Sekunden schneller als Charles Leclerc an der Spitze allein im zweiten Sektor. Ferrari stand nun vor einer schwierigen Entscheidung.

Mit der Verstappen-Pace war die Position für Sainz schon sicher verloren, sodass man mit Leclerc eine Runde später reagierte, um die Position auf der Strecke zu wahren. Bei noch mehr als 30 verbleibenden Runden musste man jedoch den harten Reifen wählen, da der Soft nicht so lange halten würde.

Binotto: Harter Reifen "war nicht die richtige Entscheidung"

Allerdings hatte man vorher an den Alpine- und Haas-Fahrern gesehen, dass der harte Reifen unfassbar schwer auf Temperatur zu bringen und die Pace auch alles andere als gut war.

"Als wir den harten Reifen aufzogen, war unsere Prognose, dass das Aufwärmen schwierig werden und der Reifen für zehn bis elf Runden langsamer als der Medium sein würde", erklärt Teamchef Binotto die Entscheidung. "Danach hätten wir aber zurückkommen müssen."

Die schwache Alpine- und Haas-Pace hatte man jedoch zur Kenntnis genommen: "Darüber haben wir gesprochen und haben uns auch angeschaut, was bei den anderen mit den harten Reifen passiert. Wir haben diskutiert, was das Beste gewesen wäre, und das ist die Entscheidung, die wir getroffen haben. Heute war es aber sicherlich nicht die richtige Entscheidung."

Verstappen holt mit Undercut über fünf Sekunden auf

Aus vorher 7,5 Sekunden Vorsprung von Leclerc auf Verstappen wurden nach dem Boxenstopp des Monegassen nur noch zwei, was zeigt, wie mächtig der Undercut von Red Bull war. Russell, der in der gleichen Runde wie Leclerc an die Box kam, um ebenfalls den Verstappen-Undercut abzuwehren, kam sogar direkt hinter dem Niederländer auf die Strecke zurück.

Leclerc konnte sich auf dem harten Reifen nicht mehr wehren und musste Verstappen ziehen lassen und schließlich 15 Runden später noch einen dritten Boxenstopp einlegen, da die Performance weiterhin zu schlecht war. Jedoch war auch die Pace auf dem roten Soft-Reifen am Ende nicht gut genug, weshalb er das Rennen auch mit einer anderen Strategie nicht gewonnen hätte.

Leclerc betonte nach dem Rennen, dass er eigentlich länger auf dem Medium draußen bleiben wollte. Darauf angesprochen, sagt Binotto: "Wir werden das noch einmal mit ihm diskutieren. Wir gewinnen und wir verlieren zusammen und der Grund, warum wir gestoppt haben, war einfach, die Position gegen Max zu schützen, so einfach ist das."

"Wir wussten natürlich anhand der Daten, dass der harte Reifen nicht so gut wie der Medium sein würde, aber 30 Runden auf dem Soft hätten wir nicht geschafft. Wenn wir gewusst hätten, wie schlecht der harte Reifen wirklich ist, hätten wir ihn natürlich nicht genommen."

Teamkollege Sainz mit richtiger Strategie nur Vierter

Wäre der Ferrari-Pilot noch länger auf dem Medium-Reifen auf der Strecke geblieben und sich nicht gegen den Undercut gewehrt, hätte Verstappen allerdings einen so großen Vorsprung herausgefahren, der mit der mangelnden Ferrari-Pace auf dem weichen Reifen nicht mehr aufholbar gewesen wäre.

Dies zeigt der Rennverlauf seines Teamkollegen Carlos Sainz, der die Strategie Medium-Medium-Soft gefahren ist und am Ende von beiden Mercedes-Piloten sowie Max Verstappen geschlagen wurde und damit nur auf den vierten Platz ins Ziel kam.

Dabei ist umso erstaunlicher, dass Hamilton vom siebten Startplatz die gleiche Rennstrategie wie der Spanier wählte und ihn zu Rennende locker überholen und dabei auch noch die schnellste Rennrunde einsacken konnte.

Binotto: Speed war auf allen Reifen nicht da

Dies ist ein weiterer Hinweis darauf, dass Ferrari schlicht und einfach die Pace gefehlt hat, das Rennen unter diesen kalten Bedingungen in Ungarn aus eigener Kraft gewinnen zu können. Leclerc war der schnellere der beiden Ferraris im Rennen, doch mit der gleichen Strategie wie Sainz hätte er bestenfalls das Podium erreichen können, aber nicht den Rennsieg.

Dies deutet auch Binotto an: "Insgesamt war der Speed nicht genug, egal, welche Reifen wir benutzt haben. Ich glaube nicht, dass wir so gut waren, wie wir uns das vorgestellt hatten, aber mit den harten Reifen waren wir sicherlich noch schlechter."

Leclerc mit besten Reifen ohne schnellste Rennrunde

In den Daten zeigt sich, dass im letzten Stint Lewis Hamilton auf dem weichen Reifen der schnellste Pilot war und nicht Leclerc, obwohl die Reifen des Monegassen um drei Runden frischer waren.

Zudem gelang es Leclerc auch nicht, mit den besten Reifen des Spitzenfeldes die schnellste Rennrunde zu fahren, geschweige denn Sergio Perez im Red Bull für Platz fünf zu überholen, der auf alten Medium-Reifen zum Schluss die Zeiten von Leclerc mitgehen konnte.

Verstappen an der Spitze im Schongang

Sainz ist nach seinem letzten Boxenstopp 13 Sekunden hinter Max Verstappen auf die Strecke zurückgekommen, der zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr Vollgas gefahren ist, wie er selbst nach dem Rennen bestätigte.

Hochgerechnet wäre Leclerc also ungefähr acht Sekunden hinter dem Red-Bull-Piloten auf die Strecke zurückgekommen, wenn man für ihn die Sainz-Strategie gewählt hätte.

Der Monegasse konnte in seinen letzten Stint auf den roten Reifen ab Runde 54 insgesamt 16 Sekunden auf Verstappen aufholen, auf seinen Teamkollegen Perez jedoch nur vier. Das zeigt, dass der Niederländer gegen Rennende schon im Schongang gefahren ist, was den Vergleich schwierig macht.

Perez fuhr in den letzten 15 Runden auf ähnlich alten Medium-Reifen etwa eine halbe Sekunde pro Runde schneller als der Weltmeister, obwohl der Mexikaner am gesamten Wochenende keine Chance gegen Verstappen hatte.

Sainz zeigt: Soft-Reifen war bei Ferrari am Ende

Verstappen hätte somit unter normalen Bedingungen die Pace von Leclerc abblocken können, zumal der Monegasse auch früher als Runde 54 in die Box zum Reifenwechsel hätte kommen müssen, weshalb sich die Frage stellt, ob er überhaupt so schnell gewesen wäre.

Bei Sainz hat sich am Ende des Stints bereits gezeigt, dass die Soft-Reifen bei Ferrari in die Knie gegangen sind, womit er keine Attacke mehr gegen George Russell starten konnte. Der Spanier kam sieben Runden vor Leclerc an die Box und war zu Rennende der langsamste der sechs Top-Fahrer.

Dieser Trend machte sich auch schon bei Leclerc bemerkbar. In der letzten Runde vor dem virtuellen Safety-Car fuhr der Ferrari-Pilot nur noch vier Zehntel schneller als Verstappen und sogar vier Zehntel langsamer als Perez.

Binotto: Hätten nicht gewinnen können

So kann man zum Ergebnis kommen, dass für Leclerc ohnehin nur der zweite Platz das höchste der Gefühle gewesen wäre, was auch Ferrari-Teamchef Mattia Binotto durchklingen lässt, als er gefragt wurde, ob der Sieg möglich gewesen wäre.


80 Punkte: So viel hat noch nie jemand aufgeholt!

Ferrari hat eins der schnellsten Autos, aber kriegt die Strategie nicht auf die Reihe. Das hat Leclerc womöglich seine letzten WM-Chancen gekostet. Weitere Formel-1-Videos

"Ich denke nicht", antwortet er. "Uns hat zum ersten Mal einfach der Speed gefehlt, um gewinnen zu können. Deswegen werden wir bei der Untersuchung darauf unseren Fokus legen und nicht auf die Strategie."

"Das Gleiche galt auch für Carlos", fügt Binotto hinzu. "Er war auf der exakt gleichen Strategie wie Lewis und ist vor ihm gestartet, aber kommt zehn Sekunden hinter ihm ins Ziel. Das Auto hat nicht performt und das wirkt sich dann natürlich auf die Reifen aus."

Hätte Ferrari auch auf Softs starten sollen?

"Am Freitag hat das Auto noch gut funktioniert, deswegen ist uns noch nicht ganz klar, warum die Reifen nicht funktioniert haben", so der Ferrari-Teamchef. Eine offensichtliche Erklärung wären die stark gefallenen Temperaturen, aber vielleicht steckt noch mehr dahinter.

Möglicherweise hätte Ferrari bessere Aussichten auf Erfolg gehabt, wenn man wie die direkte Konkurrenz auf Soft-Reifen gestartet wäre, was die Strategie während des Rennens flexibler gemacht hätte. So sah man sich dem Undercut von Verstappen ausgesetzt, auf den man nur mit den weichen oder harten Reifen reagieren konnte, was zu diesem Zeitpunkt nicht optimal war.

So oder so scheint die WM für Ferrari nun komplett außer Reichweite zu sein. 80 Punkte fehlen Charles Leclerc auf Max Verstappen in der Fahrerwertung - ein Rückstand, der in der Formel-1-Geschichte noch nie aufgeholt werden konnte.

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