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  • 13.12.2016 · 17:23

  • von Scott Mitchell (Haymarket)

Aki Hintsa: Der Mann, der die Performance der Fahrer änderte

Im November verstarb der Arzt Aki Hintsa nach schwerer Krankheit: Sein Erbe wird in der Formel 1 weiterleben, und jeder Fahrer hat von seinen Lehren profitiert

(Motorsport-Total.com) - In Abu Dhabi gewann Aki Hintsa einen weiteren Fahrertitel in der Formel 1. Der Finne, der im November mit 58 Jahren verstarb, holte Titel mit Mika Häkkinen, Kimi Räikkönen, Lewis Hamilton, Sebastian Vettel und nun Nico Rosberg, seit er 1998 das erste Mal im Grand-Prix-Rennsport involviert war. Mittlerweile steht die Anzahl der Titel des ehemaligen McLaren-Arztes bei elf.

Mika Häkkinen

Aki Hintsa kam über Landsmann Mika Häkkinen 1998 in die Formel 1 Zoom

Aki erlag am 16. November einem Krebsleiden, doch seine Methoden haben sich bei seinen Schützlingen eingebrannt. "Wohlbefinden" ist das Wort, das am ehesten mit Hintsas Arbeit in Verbindung gebracht wird, die von seiner Zeit in Afrika in den 1990ern inspiriert wurde. Seine Methodik wurde bei Langstreckenlauf-Legende Haile Gebrselassie und seinen Trainingspartnern angewandt, bevor er unerwartet in die Formel 1 ging.

Häkkinen war endlich ein Grand-Prix-Sieger, hatte jedoch das Gefühl, dass irgendetwas fehlen würde, das ihn von der absoluten Spitze abhalten würde. Anfang 2016 gab Hintsa zu: "Ich dachte, dass die Formel 1 kein Sport sei. Für mich war sie eher ein Business. Ich wusste nicht, warum er mich angerufen hatte." Drei Stunden lang trafen sich die Finnen. "Ein Deal bis zum Ende der Saison?", erinnerte sich Hintsa an die Frage. "Nein, für immer. Wir sind immer noch wie Brüder."

Wichtiger Faktor für Häkkinen, Räikkönen und Hamilton

Hintsa nannte die Formel 1 "das faszinierendste Labor" für seine Performance-Philosophie. "Die Formel 1 ist sehr komplex", sagte er, "wie das Leben sehr komplex ist. Wenn jemand ein sehr leichtes und simples Leben hat, dann würde ich dich gerne treffen und dann kannst du mir sagen, wie das möglich ist..."

Laut Hintsa arbeiten wir im Kopf mit 55 Prozent unseres Potenzials, aber laut einer Studie seines Teams denken andere, dass wir mit 85 Prozent arbeiten. "Die Lücke ist eine Maske, die wir benutzen, um unsere Schwächen nicht zu verraten", sagt er. "Wenn du in der Formel 1 keine Resultate lieferst, dann bist du raus. Es ist sehr, sehr hart." Hintsa war ein Schlüsselpart dazu, dass Häkkinen 1998 sein Talent endgültig umsetzen konnte, als er seinem Landsmann bei der Entwicklung half.

Lewis Hamilton

In Abu Dhabi fuhr Lewis Hamilton mit einem Tribut für Hintsa auf dem Helm Zoom

Später half Hintsa einem weiteren Finnen auf gleiche Weise: Kimi Räikkönen. In McLarens Tribut heißt es: "Aki hat dabei geholfen, die mentale und emotionale Stärke zu entwickeln, damit sie ihr launenhaftes Talent in disziplinierte Performances umwandeln können, die zu vielen Siegen für McLaren - und in Häkkinens Fall zu Weltmeisterschaften 1998 und 1999 - geführt haben."

"Unzweifelhaft spielte Aki eine wichtige Rolle in Lewis' (Hamilton; Anm. d. Red.) engstem Kreis während seiner Zeit bei McLaren, und es war häufig Aki, dem sich Lewis in Zeiten von Stress zuwandte." 2011 erklärte ein strauchelnder Hamilton, dass er eine "glückliche Blase" von Freunden und Familie brauche, um 2012 stärker zurückzuschlagen. Ob zufällig oder absichtlich: Das war ein Abbild von Hintsas Grundprinzip.

Der Mensch steht im Mittelpunkt

"Man kann sagen, dass Hintsas Kernmethode der ersten Formel-1-Saison mit Mika Häkkinen vollständig bis nach Äthiopien zurückverfolgt werden kann", erklärt Luke Bennett, Chef der Medizin- und Sportperformance bei Hintsa Performance. "Die Philosophie lag immer auf der Verbesserung der Performance durch das Beachten des Lebens des Athleten."

"Das hat sich mit Sicherheit im Detail entwickelt, da Aki in vielen Jahren mehr Fahrern zur Seite stand und sie beobachtet hat und zudem eine ausgewählte Gruppe an Performance-Trainern engagiert hat, die mit den Fahrern leben und trainieren sollen." Obwohl er sich zunächst nicht sofort mit der Formel 1 anfreunden konnte, wurde Hintsas Einfluss schließlich zu einem langfristigen.

"Dass die Philosophie in diesem Umfeld mit so vielen verschiedenen Persönlichkeiten und mit all den Teamchefs involviert so erfolgreich war, zeigt, dass sein Fokus auf dem menschlichen Wesen im Zentrum des Sports einen beachtlichen Wert hat", so Bennett, der Hintsas Vollzeit-Tätigkeiten in der Formel 1 im Januar 2014 übernommen hat.

Hintsa Performance ist jetzt ein Kernstück für mehr als die Hälfte des aktuellen Formel-1-Starterfeldes. Man stellt acht Fahrern einen Vollzeit-Performance-Trainer zur Verfügung und unterstützt vier Fahrer auf andere Weise. Die Vollzeit-Trainer besitzen alle Abschlüsse der Sportwissenschaft - "meistens auf Master-Niveau", wie Bennett betont - und helfen ihren Fahrern über die Saison bei körperlichem Training, Schlaf- und Erholungsmanagement sowie Ernährung.

Red-Bull-Junior nach erstem Treffen überzeugt

Auch eine Face-to-face-Beratung gehört zu den Programmen, um Fahrern dabei zu helfen, die notwendige Energie für den anstrengenden Formel-1-Kalender mit seinen 21 Rennen aufzubringen. Zudem arbeitet das Team mit den Juniorprogrammen bei Mercedes, Red Bull und natürlich McLaren und stellt eine medizinische Betreuung für die reisenden Angestellten bei Mercedes und McLaren zur Verfügung.

Antonio Felix da Costa

Antonio Felix da Costa war nach dem ersten Treffen mit Hintsa begeistert Zoom

BMW-Pilot Antonio Felix da Costa hat als Teil des Red-Bull-Juniorprogramms mehr als ein Jahr mit Hintsa gearbeitet. Der Portugiese traf ihn zuerst am Ende der Saison 2012, als er gerade um den GP3-Titel kämpfte und in der Formel Renault 3.5 am Band gewann, obwohl er erst in der Mitte der Saison zur Serie stieß.

"Als ich zum ersten Mal dorthin ging, war es, weil Marko (Helmut, Red-Bull-Motorsportberater; Anm. d. Red.) sagte, dass ich muss", gibt Felix da Costa zu. "Ich gewann jedes Rennen und dachte mir nur: 'Was tu ich hier? Ich brauche das doch nicht.' Ich war ein Idiot. Beim ersten Mal, dachte ich: 'Scheiße, ich liebe diesen Kerl!' Und das hat nie aufgehört."

Felix da Costa traf Hintsa einmal im Monat in Genf. "Wir haben kaum über Rennsport gesprochen - ein wenig, aber nicht viel. Er versuchte dir beizubringen, wie du jeden in deinem Umfeld in ihre glückliche Zone bringst, wie du 50 Leute motivierst, wie du nirgendwo Schmerzen hast. Es gab eine breite Auswahl an kleinen Dingen, die er angehen würde. All das zusammen und du würdest Leistung bringen."

Wie Hintsa Antonio Felix da Costa half

Die beiden arbeiteten in der Saison 2013 eng zusammen, die in Felix da Costas Karriere eine entscheidende sein sollte: Nach dem starken Momentum Ende 2012 wurde erwartet, dass er die McLaren-Junioren Kevin Magnussen und Stoffel Vandoorne im Kampf um den Titel in der Formel Renault 3.5 schlagen würde, doch er wurde mit Fahrzeugproblemen und anderen Schwierigkeiten abgeschlagen Dritter.


Aki Hintsa spricht beim "The Brain Forum"

Trotzdem preist er Hintsa für seine Hilfe bei verschiedenen Dingen in der Saison. "Es gab definitiv viele Aufs und Abs in diesem Jahr, und er hat mir enorm geholfen", sagt er. "Wäre ich nicht bei ihm gewesen, wäre ich nach Hause gegangen und hätte die Dinge überdacht. Er hat mir gezeigt, wie man entspannt. Budapest war wie ein Wendepunkt, als ich dachte, dass ich den Formel-1-Platz (bei Toro Rosso; Anm. d. Red.) wirklich bekommen würde."

"Jeder hat angerufen - Helmut Marko, Franz Tost -, wie ich nach meinem Crash im ersten Rennen zurückgekommen bin und gewonnen habe. Das war alles Akis Arbeit. Red Bull und Marko haben mich in dem Jahr oft in Milton Keynes sein lassen. Das war hart, denn meistens gab es nichts zu tun. Es war gut für meine Karriere, aber dort gibt es nichts, was dich ablenken könnte."

Vermittler zwischen Fahrern und Helmut Marko

Marko, der Kopf des Juniorprogramms, war für die Nachwuchsfahrer eine bedrohliche Figur: "Tanz aus der Reihe und er könnte ein anderes Kind als Ersatz finden", war die Sorge. Laut Felix da Costa half Hintsa auch dabei. Er selbst schaute auch immer auf sich, auch wenn er es nicht so offensichtlich machen konnte.

Christian Horner

Aki Hintsa spielte auch den Vermittler zu Red Bull, wie hier Christian Horner Zoom

"Auf Aki hörte Helmut ein wenig mehr", sagt er. "Er half mir dabei, das zu bekommen, was ich brauchte. Manchmal kann es schlecht sein, zu fokussiert zu sein; das sagte Aki zu mir. Er fragte, wie lange es her sei, dass ich Freunde gesehen oder in meinem eigenen Bett geschlafen habe. Und ich sagte, dass es schon lange her gewesen sei. Dann sagte er: 'Ich rufe Helmut an. Du musst nach Hause.'"

"Am Mittwoch vor meinem letzten Rennen in der Renault-World-Serie sah ich ihn. Er sagte: 'Du musst an diesem Wochenende gewinnen.' Ich war so sicher, dass ich den Formel-1-Platz bekommen würde. Ich denke, dass er wusste, dass ich ihn nicht bekommen würde, und er wusste auch, dass es nicht gut aussehen würde, wenn ich beide Rennen gewinnen und ihn dann nicht bekommen würde. Er hat versucht, mir einen anderen Antrieb zu geben. Dadurch dachte ich: 'Wow, dieser Kerl will wirklich, dass ich es gut mache...'"

Das stimmt mit dem Charakter überein, der von Jenson Button als "absolute Legende", von Alexander Wurz als "toller Mensch" und von Lewis Hamilton als "Freund, Mentor und jemanden, den ich als Familie bezeichnen würde", beschrieben wurde.

Teamübergreifend vollstes Vertrauen

Hintsa Performance könnte im kommenden Jahr seine Paddock-Reichweite expandieren, indem die Trainer die Mechaniker und Ingenieure unterstützen. Es spricht für sich, dass Hintsa in einer Welt, die häufig so geheimniskrämerisch und verschlossen wie die Formel 1 ist, ein Unternehmen schaffen konnte, das über viele Teams verteilt arbeitet.

"Aki genoss das Vertrauen und die Freundschaft vieler wichtiger Schlüsselpersonen im Formel-1-Paddock, obwohl er gelegentlich seine Unabhängigkeit und Integrität verteidigen musste", sagt Bennett. "Dass Hintsa Performance anvertraut wird, über so viele konkurrenzfähige Teams verteilt zu arbeiten, ist ein riesiges Zeugnis seiner Werte."

"Akis stille Weisheit und sein Rat waren in den vergangenen zehn Jahren von unermesslichem Einfluss - nicht nur für Fahrer und Teamchefs, sondern auch für unzählige Mechaniker, Medienvertreter, Caterer und Administratoren, die er auf dem Weg begleitet hat. Sein Beispiel war ein Signal menschlicher Werte in einer Welt, die nicht immer für ihre Integrität bekannt war, und hat auch andere mit Integrität ermutigt, ihren Einfluss zu erhalten."

"Auf subtilere Weise ist seine wachsende Schar an Trainern im Paddock in der Lage, einen Spirit von Wohlwollen (zumindest meistens) und Kollegialität in und unter den Formel-1-Teams und Fahrern aufzubauen, was in der Geschichte des Sports aus meiner Sicht eine Neuheit darstellt."

Immer auf dem Boden bleiben...

Felix da Costa stimmt zu: "Vor allem war er einfach ein netter Mensch. Es gab keine Politik oder Bullshit, den man in der Formel 1 kennt. Die größte Message, die er uns mit auf den Weg gab, war, dass er viele Fahrer gesehen hat, die sich haben gehen lassen. Er hat versucht, unsere Füße auf dem Boden zu halten."

Tribut für Aki Hintsa

In der Formel 1 zeigt man sich teamübergreifend geschockt Zoom

"Aki sagte immer, dass man nie einen Freiflug im Privatjet eines Sponsors akzeptieren sollte. Man sollte geerdet bleiben. Diese Jungs würden Dinge anbieten, und wenn man alle annehmen würde, würde das irgendwann auf einen zurückkommen. 'Erinnerst du dich, als ich das gemacht habe?', solche Dinge. Aki brachte uns bei, dass wir echt bleiben sollten."

Hintsa hat unzweifelhaft all jene beeinflusst, die auf ihn gehört und seine Perspektive begrüßt haben. Der Einfluss, den sein ganzheitlicher Ansatz im Motorsport hatte, war extrem. Durch Hintsa Performance lebt sein Erbe weiter. Und jedem Fahrer, der sein Geld wert ist, würde es gut zu Gesicht stehen, wenn er sich daran hält.

"Ich war - und bin - geehrt von der Möglichkeit und dem Privileg, die er mir gegeben hat", sagt ein dankbarer Bennett. "Die Entscheidung, sich aus dem Fahrerlager zurückzuziehen, hat Aki und auch seine wichtigen Klienten lange ziemlich schwer belastet, aber er hat enormes Vertrauen bewiesen, dass er die Formel-1-Geschäfte ohne weitere Einwirkung von außen abgegeben hat."

Hintsas Erbe lebt weiter

"Sein Erbe und sein Beispiel werden am besten in einem selbstlosen, geduldigen Fokus, absoluter Integrität und Diskretion über die Politik im Paddock wiedergegeben - und in einer scharfsinnigen Weisheit über den Druck, dem die Fahrer und die Teams drumherum ausgesetzt sind."

Die, die mit Hintsa gearbeitet haben, und die, die mit seinen Mentoren zusammenarbeiten werden, werden eine richtige mentale Vorbereitung auf den Wettbewerb nie unterschätzen. Das ist im Grand-Prix-Sport genauso wichtig wie in jedem anderen Top-Sport. Aber er hat seine Philosophie auch der breiteren Welt gegeben. Wirtschaftlichen und politischen Führern, Entertainern und Sportlern in anderen Bereichen wurde "entweder zu Krisenzeiten oder um ihre Performance zu verbessern" geholfen.

"Besseres Leben, bessere Performance" wurde zum Mantra, als sich seine Philosophie verbreitete. Außerdem war es der Untertitel seines Buches "The Core", das im vergangenen Jahr herausgebracht wurde. "Es wurde viel auf Notizzetteln vermerkt, und ich habe sie und die genutzten Bücher alle noch", sagt Felix da Costa. "Ich schaue sie immer noch an, besonders wenn es schwere Zeiten gibt. Es hat mich verändert; den Weg, wie ich den Sport angehe - und auch das Leben generell."