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2007: Ein China-Grand-Prix für die Ewigkeit

Lewis Hamilton vergibt einen sicheren WM-Matchball, Sebastian Vettels erste Sternstunde bei Toro Rosso und das letzte Formel-1-Rennen von Alexander Wurz

(Motorsport-Total.com) - Es hätte das Happy End eines Formel-1-Märchens werden können, doch der Grand Prix von China in der Saison 2007 wurde für Lewis Hamilton und McLaren vielmehr der erste Akt eines Dramas, das 14 Tage später in Brasilien seine Vollendung finden sollte. In Schanghai wird Hamilton in seiner ersten Formel-1-Saison der WM-Titel auf dem Silbertablett serviert, doch eine verhängnisvolle Fehlentscheidung von McLaren und ein Fehler Hamiltons vertagen die WM-Entscheidung.

Lewis Hamilton

Der gestrandete McLaren: Ein Symbolbild für den WM-Kampf 2007 Zoom

Und Schuld daran ist der Regen, der zum wiederholten Male in der Saison 2007 für ein turbulentes Rennen sorgt. Erst sieben Tage zuvor hatte die Formel 1 in Fuji eines ihrer schlimmsten Regenrennen erlebte, aus dem Hamilton als triumphaler Sieger und damit nun klarer WM-Favorit hervorgegangenen war.

Zwei Rennen vor dem Saisonende reist der Brite mit einem komfortablen Vorsprung von zwölf Punkten auf seinen Teamkollegen Fernando Alonso nach Schanghai. Damit ist klar: Gewinnt Hamilton in China, ist er vorzeitig Weltmeister. Ferrari-Pilot Kimi Räikkönen hat bei noch 20 zu vergebenden Zählern und einem Rückstand von 17 Punkten auf Hamilton zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur noch theoretische Titelchancen.

Hamilton hat zunächst alles im Griff

Lewis Hamilton

Von der Pole-Position aus geht Lewis Hamilton nach dem Start in Führung Zoom

Und diese Chancen sind für Räikkönen nach dem Qualifying nicht gestiegen. Zwar stellt der Finne den Ferrari auf Startplatz zwei, wo er Rückendeckung durch Teamkollegen Felipe Massa hat, gegen Hamilton ist allerdings kein Kraut gewachsen. Von der Pole-Position aus startet der damals 22-Jährige in das vielleicht wichtigste Rennen seiner noch jungen Formel-1-Karriere.

Doch das steht unter einem schlechten Stern, denn nach trockenen Trainingstagen hat Taifun Krosa Kurs auf Schanghai genommen. Nach dem Aufstehen am Morgen des 7. Oktober 2007 können aber alle Beteiligten Aufatmen. Zwar regnet es in Schanghai, doch von einem Tropensturm bleibt die drei Jahre zuvor eröffnete Strecke verschont.

Bei nasser Strecke geht das Feld auf Intermediates ins Rennen. Dort fährt Hamilton zunächst ganz im Stile eines kommenden Weltmeisters. Der McLaren-Pilot geht von der Pole-Position aus in Führung und setzt sich in der Anfangsphase kontinuierlich von seinen Verfolgern ab. Nach sieben Runden liegt Hamilton schon fünf Sekunden vor Räikkönen.

Verhängnisvoller Poker von McLaren

In Runde 15 eröffnet Hamilton die Runde der ersten Boxenstopps, bei denen die Frage lautet: Intermediates oder Trockenreifen? Obwohl die Strecke zunehmend abtrocknet, entscheidet sich das Spitzenquartett Hamilton-Räikkönen-Massa-Alonso für die scheinbar sichere Variante Intermediates. Im Mittelfeld kann Alexander Wurz (Williams) mehr riskieren und zeigt mit schnellen Runden auf Trockenreifen, welcher Pneu zu diesem Zeitpunkt der richtige ist.


Fotostrecke: Triumphe & Tragödien in China

Ein kurzer Regenschauer gegen Rennrunde 20 lässt das Pendel zwar noch einmal in Richtung Intermediates ausschlagen, doch bei einer Lufttemperatur von knapp 30 Grad Celsius verdunstet das Wasser auf dem Asphalt in nu, was den Intermediates der Führenden zusetzt. Mit der Gummischicht auf seinem Reifen schmilzt auch Hamiltons Vorsprung auf Räikkönen dahin.

Der Brite kämpft mit stumpfen Waffen. Der rechte Hinterreifen seines McLarens ist derart verschlissen, dass schon die Karkasse durchschimmert. Folgerichtig geht Räikkönen in Runde 29 an Hamilton vorbei. Obwohl man auch am Kommandostand von McLaren die schweren Reifenprobleme von Hamilton erkennt, wird er aber nicht an die Box gerufen. "Wir hatten zu diesem Zeitpunkt die Meldung, dass weitere Schauer kommen würden. Daher wollten wir zu dieser Phase nicht an die Box kommen", erklärte Geschäftsführer Martin Whitmarsh nach dem Rennen. Doch dieser Poker schlägt kolossal fehl.

Hamilton strandet im Kiesbett

Lewis Hamilton

Hamiltons Reifen waren bis auf die Karkasse abgefahren Zoom

Nach 31 Runden kann Hamilton den Boxenstopp nicht länger herauszögern, doch auf den völlig abgefahrenen Hinterreifen fährt sich der McLaren wie auf Eis. Hamilton schafft es bis in die Boxeneinfahrt - aber nicht weiter. Im Linksknick bricht sein Fahrzeug aus und schlittert in eines der wenigen Kiesbetten des Kurses, wo sich der McLaren eingräbt.

Hamilton winkt verzweifelt die Streckenposten herbei, doch alles Rütteln, Schieben und Ziehen der chinesischen Marschalls ist vergebens. Der McLaren kommt nicht mehr vom Fleck, Hamilton muss das Auto abstellen. Während sein Renningenieur aus Enttäuschung über den verspielten Sieg und die damit verpasste WM-Entscheidung in Tränen ausbricht, versucht Hamilton Haltung zu wahren. "Wir haben noch ein Rennen vor uns und meine Chancen sind immer noch gut", diktiert er den Reportern mit gequält wirkendem Lächeln in die Notizblöcke.

Tatenlos muss er anschließend mit ansehen, wie seine WM-Rivalen entscheidenden Boden gutmachen. Räikkönen ringt Alonso nieder und fährt zum Sieg, nachdem der zwischenzeitlich überraschend führende Robert Kubica (BMW-Sauber) mit technischen Problemen ausrollt. 107 (Hamilton) zu 103 (Alonso) zu 100 (Räikkönen) lautete nun vor dem WM-Finale in Sao Paulo der WM-Stand, und dort sollte es dann für den Mann in Rot ein Happy End geben.

Vettels Stern geht auf

Sebastian Vettel, Vitantonio Liuzzi

Toro Rosso feierte das beste Ergebnis der Teamgeschichte Zoom

Im Schatten des WM-Duells erlebt 2007 in Schanghai ein junger Deutscher seine erste von vielen weiteren Sternstunden in der Formel 1. In seinem erst vierten Formel-1-Rennen und dem dritten Grand Prix für Toro Rosso fährt Sebastian Vettel nach einer bärenstarken Vorstellung auf Platz vier - obwohl er in der Schlussphase des Rennens kräftig Benzin sparen muss.

Zum ersten Mal verleiht der Heppenheimer mit einem in den Boxenfunk gebrüllten "Yes, yes, yes!" seiner Freude Ausdruck. "Das ist fantastisch, einer der schönsten Tage in meinem Leben. Ich habe gezeigt, was ich kann", sagt ein sichtlich stolzer Vettel nach dem Rennen. Und nicht nur der damalige Toro-Rosso-Miteigentümer Gerhard Berger erkennt an diesem Tag, welchen Rohdiamant er mit Vettel in seinem Team hat: "Aus dem wird mal was", sagt der Österreicher. Er sollte Recht behalten.

Während Vettels Stern aufgeht, endet 2007 in Schanghai auch eine Ära. Denn der 69. Grand Prix von Alexander Wurz sollte zugleich auch sein letzter sein. Zwei Tage nach dem Rennen gibt der Österreicher seinen Rücktritt als Formel-1-Fahrer bekannt, beim Saisonfinale sitzt schon Toyota-Zögling Kazuki Nakajima im Williams.

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