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Dominik Kraihamer: Der kommende Le-Mans-Mann

Der ungewöhnliche Weg des Dominik Kraihamer in den Prototypensport - Viel Lob für Gasfuß und Charakter

(Motorsport-Total.com) - Bis vor wenigen Jahren kannte den Namen Dominik Kraihamer im Motorsport kaum jemand. Kein Wunder, denn der junge Österreicher betreibt erst seit 2004 aktiv Rennen. Seither folgte ein konsequenter Aufstieg. Innerhalb weniger Saisons marschierte der 21-jährige Student vom Kartsport in die Prototypenszene und gilt dort eindeutig als der kommende Mann auf der Langstrecke. Viele Beobachter sehen in Kraihamer eine Art "Langstrecken-Vettel".

Dominik Kraihamer

Der Österreicher Dominik Kraihamer gilt als der "Langstrecken-Vettel" Zoom

Die Karriere des jungen Mannes aus Mattsee begann mit einem großen Zufall. Der Vater war zu einem Event auf der Kartbahn in Ampfing eingeladen. "Er hat mich damals mitgenommen. Ich war 13 Jahre alt und durfte in der Mittagspause ein Kart ausprobieren. Es war zum Spaß, aber ich habe mich offenbar nicht allzu blöd angestellt. Daraufhin sind Leute auf meinen Vater zugegangen und haben gefragt, ob ich nicht mal ein oder zwei Rennen in der österreichischen Meisterschaft fahren könnte", erklärt Kraihamer.

"Es lief vom ersten Rennen an gut. Ich bin im ersten Jahr österreichischer Meister geworden. So ist Fahrt in die Sache gekommen", beschreit der 21-Jährige die Anfänge. "Ich hatte nie den Drang, irgendetwas im Bereich Sport zu machen - auch nicht im Motorsport. In der Volksschule habe ich als Berufswunsch zwar immer Rennfahrer genannt, aber ich bin nie zum Papa gegangen und habe gesagt: 'Jetzt will ich das mal probieren'. Mich hat es fasziniert und ich fand das cool, aber es war eben Träumerei - mehr nicht."

Kein Interesse am Formelsport

Urplötzlich war Kraihamer jedoch mittendrin, fuhr viele Erfolge im Kart ein. Nach nur drei Saisons erreichte der Youngster einen entscheidenden Punkt: Wie geht es mit der Karriere weiter? "Formelsport hat mich nie interessiert", sagt er ganz offen. "Ich habe 2007 zwei Testtage in der Formel BMW absolviert. Das hat mir zwar gefallen und es hat ganz gut funktioniert, aber es war nicht der Sport, in den ich aufsteigen wollte."

Im Umfeld von männlichen Eislauf-Muttis fühlte sich "Dodo" nicht wohl: "Es mag jetzt vielleicht etwas abgehoben klingen, aber ich empfinde es nunmal so: Die gesamte Szene taugt mir nicht. Diese ganzen Väter, die im Hintergrund herumschrauben und herumschreien, ihren Sohn für den Allergrößten halten und immer nur nach Erklärungen suchen, warum es bei ihrem Buben an jenem Tag ausgerechnet nicht läuft..."

Schnell wurde deutlich, dass Kraihamer einen ganz eigenen Weg gehen wird. "Ich komme mit manch einer Denkweise im Formelsport nicht so zurecht, kann mich damit nicht identifizieren. Selbst wenn man sich Formelsport leisten kann, ich halte es einfach nicht für fair. Man kann sich ins beste Team einkaufen und gewinnen, auch wenn man nicht der beste Fahrer ist."

GT-Sport "komplett andere Welt"

Nach eingehenden Beratungen wählte der Österreicher den Schritt in die GT3-Szene mit einem Lamborghini. "Der Sprung vom Kart ins Auto war am schwierigsten. Es ist eine komplett andere Welt", bickt der Student zurück. Lachend fügt er an: "Ich war spätpubertär und am Anfang wirklich etwas überfordert. Es ist ganz anders als im Kartsport. Es ist nicht einfach, sich dort dann zu etablieren."

Nach kurzer Zeit zog es ihn weiter. Kraihamer stieg mit Boutsen-Energy in die Prototypenszene ein. "Vom GT3-Auto in den Formula-Le-Mans-Wagen war nicht ganz so schlimm. Es gab zwar auch große Unterschiede, aber ich hatte nie das Gefühl, gar nicht mehr zurecht zu kommen", sagt er. Enormer Vorteil im Vergleich zu den ungeliebten Formelserien: Chancengleichheit.

"Im Prototypensport gibt es gewisse Hersteller. Diese Hersteller bauen eine Serie von gleichen Autos. Dort sind insgesamt die erbrachten Leistungen viel repräsentativer", sagt Kraihamer, der sich von Beginn an pudelwohl im FLM-Auto fühlte. Der Aufstieg ging von dort unaufhaltsam weiter. Boutsen wechselte zu diesem Jahr in die LMP2 - ein logischer nächster Schritt.

"Das ging nicht von mir aus. Ich war nicht derjenige, der unbedingt LMP2 fahren wollte. Man nahm einfach an, dass ich das hinbekomme", sagt er. "Ich persönlich hätte mir noch mehr Zeit gewünscht, denn immerhin war es erst mein drittes Jahr in einem Rennauto. Boutsen hat den Schritt zum Oreca 03 ganz bewusst gewählt. Man wollte näher an das Werk Oreca, denn die gehören ganz klar zu den renommierten Größen im Langstreckensport."

Die Leistungen in der LMP2-Klasse waren stets überzeugend, große Teams und Werke wurden binnen kürzester Zeit immer mehr auf den jungen Nachwuchsmann aufmerksam. Das französische Team Oreca fragte Kraihamer um einen Start in Le Mans an - ein Ritterschlag im zarten Alter von 21. Gemeinsam mit Alexandre Premat und David Hallyday absolvierte der spätpubertäre Junge aus Salzburg das größte Rennen der Welt.

"Le Mans ist gewaltig. Ich war vor drei Jahren erstmals dort, als Christian Klien noch bei Peugeot war. Er hat mir alles gezeigt. Obwohl ich nur Zuschauer war, war ich total baff - es war unglaublich", sagt Kraihamer. "Dieses Jahr war es noch unendlich viel beeindruckender. Wenn man Le Mans in einem solchen Umfeld erleben darf - und Oreca ist ein großes, erstklassiges Team -, dann ist man mittendrin. Die haben mich sofort voll integriert. So habe ich es einfach nur genießen können. Es war die beste Woche in meinem ganzen Leben."

Le-Mans-Auftritt sorgt für Aufsehen

Bei den 24 Stunden von Le Mans konnte Kraihamer auf Anhieb überzeugen Zoom

Und der junge Mann aus Österreich hinterließ seine Spuren in Le Mans. Mit ultraschnellen Stints im Oreca-Nissan und der schnellsten Rennrunde der LMP2-Klasse sorgte Kraihamer für Staunen. "Dominik hat ein beeindruckendes Debüt in Le Mans hingelegt", lobt Oreca-Technikchef David Floury. "Wir hatten ihm zwei Dinge mit auf den Weg gegeben: Lernen und Fehler vermeiden. Beides sind Ziele, die für einen Rookie schwierig zu erreichen sind. Aber er hat es geschafft!"

"Er hat seinen Speed und seine Anpassungsfähigkeit bewiesen", sagt Floury weiter. "Wir haben seine Karriere vor dem Le-Mans-Einsatz verfolgt und werden ihn weiter im Auge behalten. Er ist jung und hat großartiges Potenzial. Abseits der sportlichen Seite ist Dominik einfach ein sehr netter Kerl. Rein menschlich passte er einfach perfekt zu uns. Es gibt niemandem im Team, der ihn nicht in allerbester Erinnerung hat."

Diese Worte von David Floury spiegeln das wider, was man von allen Seiten aus dem Team Oreca zu hören bekommt: Kraihamer ist der kommende Mann mit einer netten Art sowie Intelligenz. "Toll, so etwas zu hören", lacht Kraihamer ob des Lobes verlegen. "Der Schlüssel ist, dass man als Mensch normal bleibt und völlig normal mit allen Leuten kommuniziert."

"Wie Vettel: Man muss versuchen, die Menschen im Team hinter sich zu scharen. Wenn man freundlich und normal mit den Leuten umgeht, dann kommt es entsprechend zurück", sagt er. "Ich garantiere: Wenn du irgendein Problem hast, die Teammitglieder sind für dich einfach nur Mechaniker, dann sind gewisse Dinge aus deren Sicht schnell mal nicht mehr zu richten - das war es dann. Wenn du aber die Leute für dich gewinnen kannst, dann reißen sie sich den Hintern auf, damit du wieder ins Rennen kommst."

Bei Oreca einen Stein im Brett

Bei Oreca hat der junge Österreicher nicht erst seit seinem Le-Mans-Einsatz, der durch einen Crash von Hallyday jäh endete, einen Stein im Brett. Kraihamer hat bei Boutsen sein Zuhause, seine Perspektiven beim Team von Hugues de Chaunac. "Das Fernziel ist auf jeden Fall: Le Mans in einem Werks-LMP1 fahren - das ist ein hochgestecktes Ziel. Ich weiß, dass nicht viele die Gelegenheit bekommen. Aber man muss sich solche Ziele setzen."

Kraihamer hat sich zum Erreichen dieses hohen Zieles einen realistischen Zeitrahmen gesteckt. Im kommenden Jahr soll es nach Möglichkeit eine weitere Saison im LMP2-Auto sein. Frühestens danach soll der Schritt in die großen LMP1-Boliden folgen. "Mir wird immer wieder verdeutlicht, dass ich keine Fehler machen darf. Das ist nicht so leicht. Kein Mensch ist perfekt. Darauf muss ich achten, muss in möglichst kurzer Zeit möglichst viel lernen. Man merkt manchmal eben schon noch, dass ich vergleichsweise wenig Erfahrung habe", schätzt er sich selbst ein.

"Mein Wunsch wäre, im kommenden Jahr noch nicht in der LMP1-Klasse zu fahren. Das möchte ich wirklich erst dann tun, wenn ich dafür bereit bin. Der Sprung von LMP2 auf LMP1 wird ein großer sein. Ich habe Respekt davor, will niemanden enttäuschen", sagt er. "Abgesehen von Imola haben die Leistungen dieses Jahr gestimmt, aber dennoch möchte ich noch warten."

"Nach jedem Rennen schreibe ich mir eine Liste mit Dingen, die ich noch besser machen kann. Diese Liste ist aktuell meist noch relativ lang. Wenn man sich zu gut einschätzt, dann kommt man irgendwann an die Grenze", gibt Kraihamer Einblick in seinen persönlichen Ablauf. "Ich habe jetzt die Gelegenheit, mich in den kommenden zwei oder drei Jahren in der Szene so zu etablieren, sodass ich irgendwann mal vom Motorsport längerfristig leben kann."

Zukunft im LMP1-Cockpit?

Bei Oreca will man möglicherwesie nicht mehr zwei oder drei Jahre auf den vielversprechenden Youngster warten. Im kommenden Jahr dürften Plätze im LMP2-Programm, aber nach dem Abschied von Olivier Panis auch sogar im LMP1 zu vergeben sein. Bei der Suche nach geeigneten Kandidaten für die Saison 2012 steht der Name Kraihamer auf der Oreca-Wunschliste ganz oben. Mögliches Szenario: Alexandre Premat wechselt in die LMP1, der Österreicher bekommt einen festen LMP2-Platz bei den Franzosen.

"Es gibt sogar auch Ideen bezüglich LMP1. Oreca würde womöglich im kommenden Jahr das neue Coupe einsetzen", sagt der junge Nachwuchsmann. "Aber ganz ehrlich: Ich sehe mich noch nicht in der Lage, ein solches Auto zu entwickeln. Ich würde lieber in der LMP2 bleiben. Wenn alles perfekt funktioniert, dann könnte es 2013 vielleicht in die LMP1 gehen - am liebsten mit Oreca."

Kraihamer will nichts überstürzen. Daher steht auf seiner Agenda derzeit nicht die Verhandlung um ein Cockpit für 2012 ganz oben, sondern der nächste Renneinsatz mit Boutsen in Silverstone. "Das Glück wird kommen. Irgendwann überschreiten wir die wichtige Schwelle und gewinnen mal", sagt er. "Im Moment sind wir etwas im Stress. Mein bisheriger Teamkollege Nicolas de Crem macht nicht mehr weiter. Jetzt suchen wir einen zweiten Fahrer - allein kann ich nicht fahren. Es ist nicht ganz einfach, aber Oreca-Chef Hugues de Chaunac hat Hilfe zugesagt."

Gesucht wird kurzfristig also ein schneller, aber gleichzeitig erfahrener LMP2-Mann - für einen Sport, den Kraihamer so beschreibt: "In der Prototypenszene wird mit solch großer Leidenschaft gearbeitet. Davon könnte sich mancher in der Formel 1 eine Scheibe abschneiden. Ich schätze, dass mit der neuen WM ab dem kommenden Jahr mehr Aufmerksamkeit und mehr Wertschätzung für die Langstrecke erzeugt wird." Es bleiben in diesem Jahr nur noch zwei Chancen auf den ersten Sieg: Silverstone und das LMS-Saisonfinale in Estoril.

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