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DTM & ADAC sprechen über gemeinsame Aktivitäten: Was ist da im Busch?

DTM und ADAC haben noch keine Rennkalender für 2023 präsentiert, hinter den Kulissen gibt es intensive Verhandlungen: Verkauft Gerhard Berger die DTM?

(Motorsport-Total.com) - Seit dem Saisonfinale ist es ungewöhnlich ruhig bei der DTM-Dachorganisation ITR: Während vor einem Jahr die Einschreibung für die kommende Saison bereits begonnen hatte und der Reglement-Workshop abgeschlossen war, gibt es aktuell nicht mal einen Kalender oder ein "Commercial Agreement", also eine kommerzielle Rahmenvereinbarung, für die Saison 2023.

Gerhard Berger

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Und das, obwohl man den Kalender eigentlich bereits vor zwei Monaten, am Spielberg-Wochenende, veröffentlichen wollte. "Da ist definitiv etwas im Busch", sagt ein Teamchef, der namentlich nicht genannt werden will.

Und er hat recht: Denn laut Informationen von 'Motorsport-Total.com' verhandelt die ITR seit Wochen hinter den Kulissen mit dem ADAC über zukünftige gemeinsame Aktivitäten, was noch vor zwei Jahren angesichts des damaligen, sehr öffentlich ausgetragenen, GT3-Streits zwischen DTM-Boss Gerhard Berger und Ex-ADAC-Sportpräsident Hermann Tomczyk völlig undenkbar gewesen wäre.

Intensive Gespräche am Norisring-Wochenende

Dieses Jahr hielten sich aber die Verbalattacken zwischen den Verantwortlichen der beiden konkurrierenden deutschen GT3-Serien in Grenzen, was angesichts der Annäherung offenbar kein Zufall ist. Dazu kommt, dass der ITR-Einstieg von Hermann Tomczyks Sohn Martin Tomczyk als übergeordneter Serienmanager und zweites Gesicht der DTM-Plattform für das Verhältnis zum ADAC sicher kein Nachteil ist.

Schon am Norisring-Wochenende Anfang Juli 2022 traf sich Berger mit Hermann Tomczyk und Gerd Ennser, der im Sommer 2021 dessen Amt als ADAC-Sportpräsident übernommen hatte, zu ausführlichen Gesprächen.

DTM und ADAC-Events noch ohne Kalender

Doch was ist das Ziel des intensiven Austauschs? Auffällig ist, dass nicht nur die DTM noch keinen Kalender für die Saison 2023 präsentiert hat, sondern auch das ADAC GT Masters und die dieses Jahr ins Leben gerufene Breitensport-Plattform ADAC Racing Weekend mit der Hauptserie GTC Race.

"Wir evaluieren aktuell noch die letzten Terminkonflikte und Optionen für das kommende Jahr und werden voraussichtlich bis circa Anfang Dezember den Kalender finalisiert haben", erklärt eine ITR-Sprecherin auf Nachfrage von 'Motorsport-Total.com'.

Der eigentliche Plan, den Kalender am Spielberg-Wochenende Ende September zu präsentieren, platzte, weil die ITR umdisponieren musste: Die Formel 1 hatte den Belgien-Grand-Prix auf den Traditionstermin des 24-Stunden-Rennens von Spa-Francorchamps gelegt, weshalb der Langstrecken-Klassiker ausgerechnet auf den Norisring-Termin der DTM Anfang Juli verschoben wurde.


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Inzwischen hat man aber für das DTM-Wochenende auf dem Norisring mit dem 8. und 9. Juli längst einen neuen Termin gefunden. Daran kann es also nicht liegen, dass der Kalender zwei Monate später noch immer nicht präsentiert wurde, was bei allen Teilnehmern wichtige Planungssicherheit bedeuten würde.

Was gegen gemeinsame Wochenenden spricht

Dass es bei den gemeinsamen Aktivitäten um gemeinsame Rennwochenenden von DTM und ADAC GT Masters geht - wie sie bereits 2016 und 2017 mit dem Motorsport-Festival auf dem Lausitzring durchgeführt wurden -, wäre eine Möglichkeit. Auffällig ist aber, dass bei den infrage kommenden Rennstrecken aktuell offenbar niemand etwas davon weiß und ITR und ADAC für DTM und ADAC GT Masters unterschiedliche Termine blockiert haben.

Eine Zusammenlegung würde zahlreiche Herausforderungen bergen, denn beide Serien haben teilweise konkurrierende Partner und ein unterschiedliches Rahmenprogramm. Zudem wäre nicht genügend Platz, um alle Teams in den Boxen unterzubringen, weshalb einige Teams in Zelte im Fahrerlager ausweichen müssten.

Übernimmt ADAC die DTM?

Zudem gibt es aktuell Hinweise, wonach die Gespräche zwischen DTM und ADAC eine weitaus größere Dimension haben könnten: Laut hartnäckigen Gerüchten könnte sogar eine Übernahme der DTM durch den ADAC Thema sein. Denn trotz aller Qualitäten haben beide Serien gegensätzliche Probleme.

Der ADAC kämpft seit dem Wechsel der DTM auf das GT3-Reglement im Jahr 2021 mit sinkenden Teilnehmerzahlen bei den Teams, während die DTM nach der ersten GT3-Bewährungsprobe vor allem 2022 ein Rekord-Starterfeld präsentierte. Ein Trend, der sich 2023 fortzusetzen scheint.

Dafür sieht sich Berger damit konfrontiert, dass die DTM, die bis Ende 2020 über den inzwischen aufgelösten Trägerverein ITR e.V. (eingetragener Verein) zu je einem Drittel auch den Herstellern Audi und BMW gehörte, seit dem Herstellerausstieg ausschließlich in seinem Besitz steht. Trotz der harten Arbeit des 63-Jährigen, ohne die eine DTM-Rettung nicht möglich gewesen wäre, bedeutet das auch, dass er das volle wirtschaftliche Risiko trägt.

Die Hersteller haben ihm zwar bei der Abwicklung der Serie vor zwei Jahren laut Informationen von 'Motorsport-Total.com' insgesamt rund fünf Millionen Euro hinterlassen, durch die Coronavirus-Krise und deren Folgen fuhr man aber seitdem oft vor leeren Rängen.

Man muss also davon ausgehen, dass das Herstellergeld längst aufgebraucht wurde, um die entstandenen Budgetlöcher zu stopfen, zumal es das DTM-Geschäftsmodell vorsieht, dass man neben Serienpartnern vor allem über den Ticketverkauf Geld verdient. Und die Zeiten, als die ITR mit Rahmenserien wie dem Porsche-Carrera-Cup Deutschland - seit 2019 übrigens im Rahmenprogramm des ADAC GT Masters - Geld verdiente, sind längst vorbei.

ADAC muss mit Motorsport keine Gewinne machen

Auch wenn Berger zuletzt immer wieder dementierte, dass er die DTM verkaufen will, ist nicht auszuschließen, dass bei den Verhandlungen zwischen ihm und dem ADAC dieses Thema eine zentrale Rolle spielt.

Denn im Gegensatz zum Ex-Formel-1-Piloten, der schon in aktiven Zeiten für seinen Geschäftssinn bekannt war, ist der ADAC mit den Motorsport-Aktivitäten nicht dazu gezwungen, Gewinn zu erwirtschaften, wie Sportpräsident Ennser eben erst unmissverständlich klarstellte. Eine DTM unter Führung des größten Automobilclubs Deutschlands könnte daher auch für Berger mittelfristig Sinn ergeben.

Und der ADAC hätte mit einer Übernahme die Möglichkeit, eine Karrierepyramide im deutschen GT-Sport zu etablieren: die DTM als Topklasse für Profi-Werksfahrer, das ADAC GT Masters als GT3-Talenteschmiede und die ADAC GT4 Germany als günstige Einstiegsklasse.

ITR bestätigt Gespräche mit ADAC

Auf Nachfrage von 'Motorsport-Total.com' wollte der ADAC nicht zu den Spekulationen Stellung nehmen. "Gerüchte kommentieren wird grundsätzlich nicht", so ein ADAC-Sprecher. Die ITR bestätigt hingegen, dass man mit dem ADAC spricht. "Wir befinden uns aktuell in Gesprächen mit Blick auf das kommende Jahr", heißt es in einem Statement der ITR GmbH.

"Wir können bestätigen, dass wir mit dem ADAC sprechen und mögliche Synergien prüfen, die wir - vor allem zum Vorteil der teilnehmenden Teams und Partner - künftig gemeinsam realisieren könnten. Sobald es eine Entscheidung gibt, werden wir dazu informieren."

Die Zeit drängt allerdings bereits, denn die durch die Funkstille von Seiten der ITR verunsicherten Teams und die Rennstrecken müssen für 2023 planen und die Weichen stellen. Das wissen auch die Verantwortlichen. Dass noch immer nichts bekanntgegeben wurde, könnte auf größere Hürden hindeuten. Es kann also auch nicht ausgeschlossen werden, dass es zu keinem Ergebnis kommt - und vorerst alles beim alten bleibt.