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  • 12.10.2021 · 11:26

  • von Roland Hildebrandt

Mercedes S 680 Guard (2021): Alle Infos zur gepanzerten S-Klasse

Ob Präsidenten oder Milliardäre: Wer besonderen Schutz vor Attentaten braucht, kann künftig zum Mercedes S 680 Guard greifen - Wir haben Fotos und den Preis

(Motorsport-Total.com/Motor1) - Staatsoberhäupter und Wirtschaftsführer nutzen meist schwere gepanzerte Limousinen. Ob sich der zukünftige deutsche Bundeskanzler in der neuen Panzer-S-Klasse chauffieren lässt? Der Mercedes S 680 Guard 4matic erfüllt mit der Schutzklasse VPAM VR10 die höchste ballistische Prüfstufe für Zivilfahrzeuge und ist darüber hinaus besonders widerstandsfähig gegen Sprengladungen.

Mercedes S 680 Guard 4Matic (2021) Zoom

Schon beim Typ Nürburg 460 von 1928 hatte Daimler-Benz als erstes Unternehmen damit begonnen, Limousinen bereits ab Werk mit speziellen Schutzeinbauten zu versehen, die ihre Insassen gegen die Folgen von Beschuss und Sprengstoffanschlägen wirkungsvoll schützten.

Auch von den nachfolgenden Oberklasse- und Repräsentationswagen wie dem "Großen Mercedes" Typ 770 und dem Typ 500 entwickelte Mercedes sondergeschützte Varianten. Einen gepanzerten 770 wählte der japanische Kaiser Hirohito als standesgemäßes Automobil für sich persönlich aus. 1935 wurde dieses Fahrzeug ausgeliefert.

Viele Politiker und Staatsoberhäupter folgten dem kaiserlichen Beispiel und vertrauten auf die Sicherheit von Mercedes Sonderschutzfahrzeugen. Von 1965 an bot das Unternehmen zahlreiche sondergeschützte Modelle an.

Neben dem legendären Mercedes 600 als Limousine und Pullman-Limousine zählten dazu in den 1970er- und 1980er-Jahren V8-Modelle der S-Klasse, wie der 280 SEL 3.5, der 350 SE/SEL und 450 SE/SEL sowie 380 SE/SEL bis 560 SEL. Recht bekannt wurde der W 140 von Helmut Kohl, der sich inzwischen im Mercedes-Fundus befindet.

2016 stellte das Unternehmen mit dem Mercedes-Maybach S 600 Guard das erste Modell vor, das mit der Widerstandsklasse VR10 die höchste Schutzstufe für Zivilfahrzeuge erfüllte. Beim neuen S 680 Guard setzt man nun auf ein sogenanntes integriertes Schutzsystem (iSS).

Wurden bisher die entsprechenden Schutzmaterialien bei den Guard Limousinen in die Serien-Rohbaustruktur integriert, so hat man jetzt einen Guard-spezifischer Rohbau aus Schutzelementen entwickelt. Diese selbsttragende Schutzzelle ist der Kern des iSS. Die (Alu-)Außenhaut dient am Ende als Designhülle und sorgt für eine unauffällige Optik. iSS umfasst neben der Panzerung auch die Adaption von Fahrwerk, Motor und Getriebe, um ein seriennahes Handling sicherzustellen.

Neben den nicht sichtbaren Panzerelementen ist der transparente Bereich der Scheiben ein fester und wesentlicher Bestandteil des Schutzkonzepts. Material und Dicke des mehrlagigen Scheiben-Sandwichs entsprechen den hohen Anforderungen der Sicherheitsklassifizierung VR10.


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Auf der Innenseite sind die Scheiben mit einem Polycarbonat-Splitterschutz beschichtet. Trotz ihrer umfassenden Schutzeigenschaften bieten sie sehr gute optische Eigenschaften. Und sie wurden so integriert, dass sie nicht beim ersten Blick auffallen.

Vom aufwändigen iSS-Konzept profitiert überdies das Platzangebot im Innenraum, denn die Komfortmaße entsprechen weitestgehend denen der langen S-Klasse. Wie beim Serienmodell konnten die Karosseriefugen minimal gehalten werden.

Über 80 Individualisierungsmöglichkeiten der S-Klasse sind möglich. Bei Zierteilen und Farbkombinationen gibt es fast keine Einschränkungen. Sonderausstattungen, die dem Schutzzweck widersprechen, etwa ein Schiebedach, sind allerdings nicht erhältlich.

Der neue S 680 Guard ist nach Richtlinien der VPAM (Vereinigung der Prüfstellen für angriffshemmende Materialien und Konstruktionen) zertifiziert. Mitglieder der VPAM sind firmenunabhängige (neutrale) Prüfstellen und Institutionen.

Die Prüfung erfolgte durch das Beschussamt Ulm, der einzigen Prüf- und Zertifizierungsstelle für Waffen-, Munition- und Sicherheitstechnik in Baden-Württemberg und einem der modernsten Institute dieser Art. Die neue S-Klasse Guard erfüllt die Anforderungen der höchsten zivilen Schutzklasse VR10 nach der Richtlinie VPAM BRV Fassung drei (Bullet Resistant Vehicles).

Karosserie und Scheiben müssen dabei einem Beschuss aus einem Sturmgewehr mit entsprechender Stahlhartkern-Munition standhalten. Den Anforderungen des Bundeskriminalamts (BKA) entspricht der S 680 Guard ebenfalls.

Den Schutz vor Sprengangriffen dokumentiert die Erfüllung der jüngsten Fassung der Richtlinie VPAM ERV (Explosive Resistant Vehicles, gegen Explosion widerstandsfähige Fahrzeuge), deren Prüfkriterien nicht frei zugänglich sind.

Der S 680 Guard war nicht nur das allererste Fahrzeug, das die aktuellen Prüfungen absolvierte, er erreichte in allen drei Prüfungen (Dach, Boden und Seite) mit drei von drei Sternen auch die Bestwertungen. Prüfergebnis: "keine Beschädigungen" an Dummys und Indikatoren gemäß Beurteilungsschema VPAM ERV.

Mercedes S 680 Guard 4Matic (2021)

Mercedes S 680 Guard 4Matic (2021) Zoom

Obwohl die Türen wegen ihrer Panzerung sehr schwer sind, erlauben neu entwickelte Türaktoren geringe Bedienkräfte beim Öffnen und Schließen. Das gilt nicht nur in der Ebene, sondern auch, wenn das Fahrzeug am Hang steht. Dort kommt auch die stufenlose Türarretierung zum Einsatz. Die Sensorik der Tür erkennt, wenn und wie sie bewegt oder festgestellt werden soll. Das System erleichtert insbesondere den Personenschützern die Arbeit, gleichzeitig behalten sie eine Hand frei.

Die Fensterheber werden hydraulisch (statt elektrisch) betätigt. Das liegt nicht allein im Gewicht der Scheiben begründet: Auch bei Ausfall des Bordnetzes ist damit eine Notbetätigung möglich, im Fall eines Attentates also ein Schließen. In jeder Tür sitzt eine entsprechende Einheit aus Kompressor und Ventilblock samt Druckspeicher.

Zu den weiteren, speziell für den S 680 Guard konzipierten Sonderausstattungen zählen eine Feuerlöschanlage mit selbständiger Auslösefunktion sowie ein Notfall-Frischluft-System, das Insassen vor eindringendem Rauch oder Reizgasen schützt und mit Frischluft versorgt. Weitere spezielle Guard-Optionen sind umfangreiche Behördenausstattungen wie Sirene, Blitzleuchten und Funkgeräte sowie ein Gefährdeten-Alarm-System.

Zum Serienumfang gehört die Notlaufbereifung Michelin PAX. Auch mit schadhaften Reifen ist damit das Verlassen der Gefahrenstelle bis zu einer Distanz von 30 Kilometern möglich. Aus Gewichtsgründen ist die Höchstgeschwindigkeit im regulären Betrieb elektronisch auf 190 km/h begrenzt.

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Natürlich braucht die schwere Limousine (wir tippen auf mindestens drei Tonnen) einen adäquaten Motor: Der V12 hat eine Leistung von 450 kW (612 PS) und einen Hubraum von 5.980 ccm. Das maximale Drehmoment beträgt 830 Nm ab 2.000 U/min.

Der Kofferraum der Panzer-S-Klasse fasst 390 Liter, da der (optionale) Kühlschrank im Fond in der Mittelarmlehne sitzt. Dahinter befindet sich eine Panzer-Schottwand. Den Mercedes S 680 Guard gibt es als Vier- und Fünfsitzer. Der Basispreis liegt bei 457.100 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer.