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  • 06.06.2015 · 08:50

  • von Roman Wittemeier

Le Mans vor 60 Jahren: Die größte Katastrophe

Über 80 Menschen sterben beim schlimmsten Motorsportunglück der Geschichte: Erinnerungen an die Katastrophe vom 11. Juni 1955 in Le Mans

(Motorsport-Total.com) - Eine Tragödie hat den Motorsport auf einen Schlag für immer verändert. Vor 60 Jahren, am 11. Juni 1955, starben bei einem Unfall im Rahmen der 24 Stunden von Le Mans insgesamt 84 Menschen. Es ist die größte Katastrophe, die der Motorsport in seiner langen Geschichte hervorgebracht hat. Das Drama von Le Mans wirkt bis heute nach. Wir erinnern an die Tragödie, die auch in der diesjährigen Le-Mans-Woche im Zentrum zahlreicher Veranstaltungen stehen wird.

Piere Levegh

Die Katastrophe: Helfer wollten das Magnesium-Chassis mit Wasser löschen Zoom

Die Voraussetzungen

Für das 24-Stunden-Rennen in Le Mans hatten sich die Hersteller Mercedes, Ferrari und Jaguar intensiv vorbereitet. Es tobte zu jener Zeit ein harter Kampf berühmter Marken - nicht nur an der Sarthe, sondern zeitgleich auch in der Formel 1, auf Strecken wie Sebring oder bei der Mille Miglia in Italien. Mercedes hatte 1952 in Le Mans gewonnen und kehrte drei Jahre später zurück, 1953 hatte sich Jaguar den Sieg geholt, ein Jahr später war es Ferrari gewesen.

Während Jaguar mit aller Macht mit dem D-Type einen weiteren Sieg einfahren wollte und Mike Hawthorn daraus eine Angelegenheit von "höchster nationaler Wichtigkeit" (auf den Jaguars prangte das Emblem der Royal Air Force) formulierte, brachte Mercedes zahlreiche Innovationen in den 300 SLR. Die Stuttgarter traten unter anderem mit einer Benzineinspritzung an und bauten neue Duplex-Trommelbremsen. In den silbernen Autos saßen die Superstars der damaligen Zeit: Juan Manuel Fangio, Stirling Moss und Karl Kling.

Le Mans 1955 schien nie unter einem guten Stern zu stehen. Schon beim Test passierte an jedem der drei Tage ein Zwischenfall. Am ersten Abend wurden Stirling Moss und Jean Behra von einem Konkurrenten angefahren, am zweiten Tag verunglückte Dennis Taylor im Dunlop-Bogen und am dritten Testtag landete Elie Bayol nach einem Crash in Maison Blanche im Krankenhaus. Die extreme Rekordjagd auf dem Circuit de la Sarthe hatte ihre Schattenseiten gezeigt.

Der Rennverlauf

Am Nachmittag des 11. Juni 1955 wurde das 60 Fahrzeuge umfassende Feld bei herrlichen Bedingungen auf die Reise geschickt. 250.000 Zuschauer säumten die damals 13,492 Kilometer lange Strecke. Es herrschte ausgelassene Stimmung und große Spannung, denn alle Beobachter freuten sich auf eine Schlacht zwischen Jaguar und Mercedes um den Gesamtsieg.


ARTE-Doku: Die Le-Mans-Katastrophe 1/2

Die Frühphase des Rennens bestimmte jedoch ein Ferrari. Eugenio Castelloti eilte dem Feld mit seinem Ferrari 121 LM auf und davon, dahinter rangelte Mike Hawthorn (Jaguar) mit den beiden Mercedes von Fangio und Levegh. Es wurde verbissen mit allen Mitteln um Positionen und Meter gekämpft. Die französischen Fans vor Ort hatten ihre helle Freude am starken Auftritt von Mercedes-Neuzugang Pierre Levegh (bürgerlicher Name: Pierre Bouillin).

Der Fahrer

Pierre Levegh hatte sich 1952 in die Herzen der Fans gefahren. In einem französischen Talbot hatte er das Rennen in jenem Jahr deutlich angeführt - und zwar als einziger Starter im Auto. Über 23 Stunden lang bestimmte Lavegh das Rennen trotz der zunehmenden Erschöpfung an der Spitze, dann folgte das bittere Aus. Der Franzose hatte den 4,5-Liter-Motor in der letzten Rennstunde - es waren noch rund 45 Minuten zu fahren - nur kurz überdreht, da versagte der Antrieb den Dienst.


ARTE-Doku: Die Le-Mans-Katastrophe 2/2

Der geplatzte große Traum des Franzosen und die verschwundenen Hoffnungen der Fans in Le Mans brachten Mercedes damals den Sieg. Lang/Riess triumphierten vor den Markenkollegen Helfrich/Niedermayer. Bei Mercedes hatte der starke Auftritt des zähen Mannes aus Paris enormen Eindruck hinterlassen. Die Deutschen verpflichteten Levegh deshalb für 1955 - und auch als Zeichen für die Versöhnung nach dem Krieg.

Der Unfallhergang

Um genau 18:26 Uhr passiert die größte Katastrophe des Motorsports, ausgelöst durch eine Kettenreaktion. Mike Hawthorn zieht auf der Start-Ziel-Gerade am langsamen Austin-Healey von Lance Macklin vorbei, steigt in die Bremsen und schert anschließend abrupt in Richtung Box ab. Macklin wird von dem Manöver komplett überrascht, muss dem Jaguar nach links ausweichen. Der nachfolgende Levegh kann nicht ausweichen und erwischt das Heck des Austin-Healey.

Der kleine britische Sportwagen wirkt wie eine Abschussrampe. Der Mercedes mit der Startnummer 20 wird in die Luft katapultiert, Levegh schlägt mit großer Wucht auf einen Erdhügel. Der 300 SLR zerbricht, es fliegen große Trümmerteile in die Zuschauer, der Motor jagt wie ein Geschoss auf die Tribüne und der noch gut gefüllte Tank fängt Feuer. Durch die Hitze gerät das Magnesium-Chassis in Brand. Levegh fliegt beim Überschlag aus dem Auto und ist sofort tot.

Mike Hawthorn

Nachwirkungen des Krieges: Mike Hawthorn mochte die Deutschen nicht Zoom

Von den Boxen aus ist der Zwischenfall zwar zu sehen, aber das Ausmaß wird kaum deutlich. 83 Menschen werden von Trümmerteilen tödlich getroffen, über 100 weitere Menschen werden schwer verletzt. Zwei französische TV-Reporter filmen das Drama, eilen anschließend sofort in ihre Redaktion nach Paris. Doch dort wird die Hälfte des Filmmaterials sofort unter Verschluss genommen. Zu heftig sind die Bilder von Menschen, die durch Wrackteile geköpft werden.

Mercedes-Rennleiter Alfred Neubauer will seine beiden verbliebenen Fahrzeuge aus dem Rennen holen, er fordert den Abbruch - aber er setzt sich nicht durch. Rennleiter Charles Faroux, der vor dem Start einige Warnungen bezüglich der gefährlichen Anfahrt zur Box ignoriert hat, lässt die Show weiterlaufen. Aus gutem Grund: Bei einem Abbruch wären 250.000 Menschen von der Strecke geströmt und hätten den Krankenwagen den Weg in die Kliniken blockiert.

Aus den Lautsprechern an der Strecke ertönt Akkordeonmusik, man ist um eine Vermeidung von Panik bemüht. So mancher Zuschauer fragt sich dennoch, was passiert sein mag. Die immer wiederkehrenden Durchsagen, dass sich Personen bitte dringend telefonisch bei den Eltern melden sollen, lassen erahnen, dass sich eine Katastrophe ereignet haben muss. Erst um 1:40 Uhr in der Nacht erreicht Neubauer die Konzernleitung in Stuttgart - und zieht seine Autos anschließend sofort ab.

Hawthorn Fangio

Im Rennen lieferten sich Hawthorn (Jaguar) und Fangio (Mercedes) ein hartes Duell Zoom

Hawthorn und Jaguar machen unterdessen weiter. Der britische Pilot stürmt während des Rennens zu Lance Macklin, den er vor der Katastrophe so knapp überholt hatte. "Er benahm sich wie ein Irrer und befand sich jedenfalls in einem Zustand äußerster Erregung. Offenbar war ihm klar geworden, welche entsetzlichen Folgen sein Bremsmanöver gehabt hatte, und er wollte mich sprechen, um sein Gewissen zu erleichtern", schildert Macklin später.

"Nachdem ich Leveghs Mercedes in Arnage überholt hatte, ging ich zwischen der White-House-Kurve und den Boxen am Austin Healey vorbei. Ich habe das Handsignal rechtzeitig gegeben, habe frühzeitig gebremst. Es war ausreichend Zeit für alle nachfolgenden Piloten, meine Absichten zu erkennen", beschreibt Hawthorn seine Sicht der Geschehnisse nach dem Rennen. Er wiederholt seine Worte in ähnlicher Form bei der richterlichen Vernehmung in Frankreich.

Nachdem die vielen teils schwer verletzten Menschen in nur rund 20 Minuten geborgen werden können, lässt man das Rennen trotz der unfassbar hohen Zahl von Todesopfern bis zum Ende laufen. In Abwesenheit der Mercedes hat Jaguar leichtes Spiel. Mike Hawthorn und Ivor Bueb fahren als Sieger über die Linie und feiern ihren Erfolg anschließend mit Champagner. Nur eine Woche später geht der Brite für Ferrari im Formel-1-Rennen in Zandvoort an den Start.

Die Konsequenzen

Die tragische Katastrophe vom 11. Juni 1955 hat den Motorsport nachhaltig verändert. In der Schweiz wurde vor dem Hintergrund des Unglücks jeglicher Wettbewerb auf Rundstrecken verboten - bis heute hat dieses Gesetz Gültigkeit. Mercedes, das damals den Rückzug aus der Formel 1 aus wirtschaftlichen Gründen ohnehin schon geplant hatte, zog sich komplett aus dem Motorsport zurück und kehrte erst 30 Jahre später wieder werksseitig zurück.

Le Mans 1955 Tafel

Seit zehn Jahren erinnert eine Tafel in Le Mans an die Katastrophe von 1955 Zoom

Der schlimmste Unfall der Motorsportgeschichte hatte auch ein juristisches Nachspiel. Die französische Staatsanwaltschaft nahm den Hergang unter die Lupe, auf der Suche nach einem möglichen Verantwortlichen. Nach 18 Monaten wurde das Verfahren nach Anhörung von zahlreichen Zeugen - auch Mike Hawthorn sagte aus - und der Sichtung von umfangreichem Material eingestellt. Man konnte weder den Rennorganisatoren noch Mercedes oder Jaguar-Pilot Hawthorn eine Schuld nachweisen.

Zwischen Mercedes auf der einen und Mike Hawthorn und Jaguar auf der anderen Seite tobte weiter Krieg. Man wollte sich gegenseitig die Verantwortung anlasten. Der Kampf mündete in einem Statement des damaligen Jaguar-Pressesprechers Bill Rankin: "Die Deutschen betreiben intensive Propaganda mit drei Zielen. Sie wollen festhalten, dass sie in keinster Weise verantwortlich sind, darstellen, dass sie ein überlegenes Auto hatten und alle wissen lassen, dass sie den Kampf um den Sieg vor dem Ausstieg ohnehin im Griff hatten."

In Le Mans reagierte man mit einem Maßnahmenpaket, um die Sicherheit beim 24-Stunden-Rennen nachhaltig zu verbessern. Dies musste man tun, weil der französische Innenminister alle Rennen auf heimischem Boden bis zur Umsetzung entsprechender Maßnahmen untersagt hatte. Die Strecke wurde beispielsweise im Bereich des Dunlop-Bogens derart umgebaut, dass die Piste fortan um 31 Meter kürzer war; die Zuschauerbereiche wurden gesichert, die Zufahrt zur Box neu geregelt. Seit 2005 erinnert eine Tafel an der Unfallstelle an die Katastrophe von 1955.

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