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Gefahr: Wenn der Herrgott den Finger hebt

Über 20 Piloten haben auf der Rennstrecke in Le Mans bereits ihr Leben verloren: Audi-Sportchef Wolfgang Ullrich und die schützende Hand 2011

(Motorsport-Total.com) - Das 24-Stunden-Rennen von Le Mans hat in seiner 90-jährigen Geschichte bereits mehr als 100 Todesopfer gefordert. Allein beim größten Drama der Motorsportgeschichte, als 1955 der Mercedes des Franzosen Pierre Levegh auf der Tribüne einschlug, ließen 84 Zuschauer ihr Leben. Der Mythos Le Mans hat seinen Reiz. Nicht ohne Grund gilt der Event als das größte Sportereignis, für viele Piloten als letzte große Herausforderung im Motorsport.

Anthony Beltoise, Allan McNish

Riesenglück 2011: Der Audi von Allan McNish flog nicht in die Zuschauer Zoom

Mit den Besonderheiten des Rennens und der 13,6 Kilometer langen Strecke gehen erhebliche Gefahren einher. In Le Mans treffen Rennstrecke und Landstraße aufeinander, pfeilschnelle LMP1-Boliden fahren Kreise um deutlich langsamere GT-Fahrzeuge, an dessen Steuer nicht selten Amateurpiloten über das persönliche Limit gehen. Die Konsequenz sind Unfälle. Jedes Jahr erleben wir fürchterliche Zwischenfälle an der Sarthe. Seit Jahren das große Glück, dass die Crashs vergleichsweise glimpflich endeten.

Im Rahmen von Rennwoche und Vortest kamen seit 1923 insgesamt 21 Piloten bei Unfällen ums Leben. Jo Bonnier (1972), Jo Gartner (1986) und vor 16 Jahren Sebastien Enjolras sind mahnende Beispiele dafür, dass in Le Mans die Gefahr immer mit an Bord ist. Die Risiken zeigen sich jedes Jahr wieder: Peter Dumbreck und Mark Webber 1999, Marc Gene 2008, Benoit Treluyer 2009, Allan McNish und Mike Rockenfeller 2011, Guillaume Moreau und Anthony Davidson 2012 - die Liste schlimmer Unfälle ist lang.

McNish und Rockenfeller mit Schutzengeln

"Ich danke den Audi-Designern. Die haben beim Bau des Autos einen sehr guten Job gemacht", kommentierte Allan McNish nach seinem Horrorcrash 2011. Sein Audi-Kollege Mike Rockenfeller, der im gleichen Jahr jene ohrenbetäubende Stille ins Fahrerlager brachte, die es nur nach fürchterlichen Unfällen gibt, hatte bei über 300 km/h unfassbares Glück. "Ich hatte noch nie in meinem Leben einen solchen Unfall und hoffe, dass ich das auch nicht mehr erfahren muss", sagt er.

Allan McNish

McNish-Crash: Was von dem Audi nach dem Unfall übrig blieb Zoom

Ebenso wie bei McNish oder auch bei der schmerzhaften Flugeinlage 2012 von Anthony Davidson war eine Kollision mit einem GT-Fahrzeug die Ursache von Rockenfellers Crash 2011. Der Amerikaner Rob Kauffman zog dem Audi-Piloten beim Überrunden in die Linie: keine Chance für 'Rocky'. "Wir überholen an dieser Stelle ganz oft im Rennen. In dem Augenblick, als ich mit 300 km/h neben ihn fuhr, hat er das falsch eingeschätzt", sagt der heutige DTM-Pilot.

Der Unfall des Werkspiloten aus Neuwied ist im Gedächtnis vieler Le-Mans-Fans haften geblieben. Und nicht nur bei den Fans spielt dieser Zwischenfall bis heute eine Rolle. Auch Audi-Sportchef Wolfgang Ullrich sind die Szenen aus jener Juni-Nacht noch äußerst präsent. "Das ist das Jahr, wo ich mich immer schwer tue, wenn ich zurückschaue. Es war bezogen auf Anspannung und Emotionen das intensivste Jahr", erklärt der Österreicher kurz vor dem großen 90-jährigen Jubiläum des 24-Stunden-Rennens.

Le Mans 2011: Emotionen beim Audi-Sportchef

"Es fing mit dem Unfall von Allan McNish an - so früh im Rennen. Im ersten Moment war man geschockt. Gott sei Dank hat man sehr schnell gesehen, wie Allan dort hinauskrabbelt. Es sah ganz schlimm aus, aber ihm ist nichts passiert. Davon musste man sich aber erst einmal erholen", sagt Ullrich. "Alle anderen Fahrer haben immer gefragt, welches Auto es war. Man konnte kaum noch erkennen, dass es ein Audi war. Das Schöne in der Situation: Ich konnte ihnen sagen, dass es zwar leider unser Wagen ist, aber Allan geht es gut - passt."

Wolfgang Ullrich (Audi Sportchef)

Emotionen 2011: Wolfgang Ullrich an den Grenzen der Belastbarkeit Zoom

"Und dann kam der Rockenfeller-Unfall. Das war das bislang schwierigste Erlebnis für mich in Le Mans", meint der Audi-Verantwortliche, der beim Rückblick auf jene Szenen noch einmal die Angst im Blick hat. Ungewissheit, Leere, Stille und Angst - diese Faktoren waren am frühen Morgen des 12. Juni 2011 nahezu körperlich spürbar. "Es war Nacht und der Crash war an einer Stelle, wo keine TV-Kamera in der Nähe war. Wir in der Box haben nichts gewusst. Wir hatten eine unheimlich harte Zeit", so Ullrich.

"In der Onboard-Kamera haben wir gesehen, was passiert ist. Aber dort gab es natürlich keine Wiederholung. Es war nur ein kurzer Moment, wo wir zack-zack-zack gesehen haben, dass das Auto wogegen fährt. Danach war nur noch zu sehen, dass ein Scheinwerfer die Leitplanke anleuchtet. Mehr war nicht mehr zu sehen", sagt Ullrich. Den Fans war zu jenem Zeitpunkt nicht klar, welches Auto betroffen war. Bei Audi wusste man zumindest, dass es das Fahrzeug der Titelverteidiger war.

Die Stille nach dem "Rocky"-Crash

Ullrich erinnert sich an die Szenen, als sei es gestern gewesen: "Wir rufen sofort in den Funk: 'Rocky, Rocky, are you okay?' Und dann kommt nichts..." Die Angst nimmt zu, die Hilflosigkeit ist unendlich. "Wir sprechen ihn noch einmal an - wieder nichts. So etwas beruhigt nicht gerade. Wir haben nichts, absolut gar nichts gewusst." Die Führungscrew rückt in der Audi-Box näher zusammen. Bleiche Gestalten schütteln ungläubig den Kopf, minutenlang wechselt man kaum ein Wort - man wartet.

"Wir haben irgendwelche Bilder von den Streckenkameras gesehen. Zwei Streckenposten rennen zum Auto und schauen bei der Tür hinein. Die beiden sprechen miteinander, schauen noch einmal hinein. Aber die beiden machen nichts. Das ist auch kein positives Zeichen", sagt Ullrich, der anschließend noch einige Minuten bangen musste, bis endlich die Erlösung kam.


Der Unfall von Mike Rockenfeller 2011

"Heute können wir darüber lachen. Die haben deswegen nichts gemacht, weil niemand im Auto war", sagt er. "Rocky war schon ausgestiegen und weggegangen. Deswegen hat er uns auch nichts sagen können. Der hat ganz schnell Funk ausgestöpselt, ID-Stecker abgenommen, Gurt gelöst, Lenkrad ganz normal abgezogen. Dann ist er ausgestiegen, hinter die Leitplanke gekraxelt, weil er von dem Unfall weg wollte. Er hatte Angst vor einem Feuer. Er ist hinter die Leitplanke, hat sich hingelegt und war ein bisschen weg."

Das Drama war damit allerdings noch nicht beendet. "Dann sind die Streckenposten gekommen und haben ihn nicht gefunden. Es hat endlos gedauert, bis ich vom Renndirektor die Nachricht bekam. Der hat mich sofort persönlich angerufen, als klar wurde, was wirklich passiert war. Er sagte: 'Sei ganz ruhig. Der Rocky sitzt hinter der Leitplanke und hat keine sichtbaren Verletzungen. Der redet mit uns.' Das hat endlos gedauert bis dorthin. Es schießt einem immer wieder durch den Kopf, dass dem Fahrer hoffentlich nichts passiert ist."

Der Sieg nach den 2011er-Dramen

"Das war eine unglaublich schwierige Situation", meint Ullrich. "Wir haben anschließend sofort die Diskussion gehabt, was zu tun ist. Es war die Frage, ob wir weiterfahren. Ich habe mir gedacht: 'Jetzt hat der Herrgott zweimal mahnend den Finger gehoben. Er könnte damit ausdrücken wollen, dass wir aufhören sollen. Er hat aber beide Fahrer aussteigen lassen. Das könnte man auch als Signal werten, dass man weitermachen soll.' Dann haben wir uns beraten und sind zu dem Schluss gekommen, dass wir weiterfahren. Die Chefs haben das mitgetragen."

"Wir haben unsere Mannschaften zusammengetrommelt und gesagt, dass wir weitermachen. Die Teams an den Autos, die ausgefallen waren, hätten natürlich gehen dürfen. Die haben aber gesagt: 'Kommt nicht in Frage! Wir bleiben und konzentrieren uns alle gemeinsam auf das eine Auto.' Peugeot hatte zu jenem Zeitpunkt noch drei Autos im Rennen. Für uns gab es nur noch ein Ziel: Unser einziges Fahrzeug sollte siegen", erinnert sich der Audi-Sportchef.


Fotos: Audi 2013 in der WEC


"Es ist natürlich mit weiteren Risiken verbunden, wenn du mit einem einzelnen Auto gegen drei der Konkurrenz über so viele Stunden bestehen sollst. Peugeot hat dann angefangen, einige Spielchen zu spielen. Aufgrund des damals guten Verhältnisses haben wir das aber gelöst", sagt Ullrich. Peugeot war im taktischen Vorteil, hätte den letzten verbliebenen Audi blockieren können. "Die hätten die Möglichkeiten gehabt, uns mit zwei Autos etwas im Weg zu stehen."

Phasenweise deuteten die Franzosen eine solche Möglichkeit an. "Ich habe den Bruno Famin angerufen. Ich habe ihm gesagt: 'Lieber Bruno, wenn ihr das vorhabt, wonach es für mich gerade ausschaut, dann würde ich euch empfehlen, es zu lassen.' Er hat dann sofort zurückgerufen und gesagt: 'Keine Sorge, er lässt euch in dieser Runde vorbei.' Das ist genauso passiert. Die beiden, die vorne waren, konnten den Sieg dann untereinander sauber ausfahren. Das war fair", so Ullrich, der nach all den Dramen 2011 den Sieg von Lotterer/Treluyer/Fässler feiern durfte - und das große Glück, dass alle Piloten wohlauf waren.

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