powered by Motorsport.com
  • 01.08.2021 · 10:39

  • von Roland Hildebrandt

AMG 300 SEL 6.8: Die "rote Sau" sorgte vor 50 Jahren für Aufsehen

Was ist besser als viel Hubraum? Noch mehr Hubraum! 1971 mischte AMG mit einem Rennwagen auf Basis des Mercedes 300 SEL 6.3 die 24 Stunden von Spa auf

(Motorsport-Total.com/Motor1) - Viele Motorsport-Fans mögen die besonders absurden Tourenwagen: Denken wir nur an den Ford Mustang oder den Audi V8 in der DTM. Auch Volvo 240 und 850 sind mit Ziegelstein-Optik im Gedächtnis haften geblieben. Und die "rote Sau": Unter diesem Spitznamen ist der von AMG auf 6,8 Liter Hubraum aufgebohrte Mercedes 300 SEL 6.3 zur Legende geworden.

Mercedes-AMG 300 SEL 6.8 (1971) Zoom

Ein Ereignis bringt AMG schlagartig auf die Bühne des Motorsports: Am 24. Juli 1971 gehen um 15 Uhr fast 80 Renntourenwagen an den Start der 24 Stunden von Spa-Francorchamps. Mittendrin im Feld walzt eine mächtige Mercedes-Luxuslimousine der Baureihe W 109 über den Ardennenkurs. Es ist kein Werksrennwagen, sondern ein Fahrzeug, das von dem 1967 gegründeten Ingenieurbüro von Hans Werner Aufrecht und Erhard Melcher eingesetzt wird.

AMG hat diesen Vorläufer der S-Klasse für das Langstreckenrennen umfassend vorbereitet, die Schwerpunkte liegen auf Motor und Fahrwerk. Die technischen Daten sind für Renntourenwagen der damaligen Zeit gigantisch: 315 kW (428 PS) aus 6.835 Kubikzentimetern Hubraum, bis zu 620 Newtonmeter Drehmoment, eine Spitzengeschwindigkeit von mehr als 265 km/h und ein Beschleunigungsvermögen aus dem Stand auf 100 km/h in 6,1 Sekunden. AMG 300 SEL 6.8 lautet der Name des roten Rennwagens - auch wenn der Stern auf dem Kühler klar auf die Stuttgarter Marke verweist.

Der Firmenname AMG ist 1971 noch nicht weithin bekannt, geläufig vor allem sportlich ambitionierten Liebhabern leistungsgesteigerter Mercedes-Automobile. Die Anfangsbuchstaben der Nachnamen Aufrecht und Melcher und des Orts Großaspach (dort arbeiten die beiden Gründer in den 1960er-Jahren erstmals zusammen an Rennmotoren) ergeben das Kürzel. Unternehmenssitz ist eine ehemalige Mühle im Nachbarort Burgstall.

Am Ende der 24 Stunden von Spa-Francorchamps 1971 hat sich die Marke AMG über Nacht einen Ruf in der Welt des Rennsports verschafft. Denn Hans Heyer und Clemens Schickentanz fahren im 300 SEL 6.8 auf einen sensationellen Platz 2 im Gesamtklassement und sichern sich den Sieg in ihrer Klasse. Selbst die "Tagesschau" berichtet über die Sensation in Belgien.


Fotostrecke: AMG 300 SEL 6.8: Die "rote Sau" sorgte vor 50 Jahren für Aufsehen

Dieser Rennerfolg vor 50 Jahren ist aber absolut keine Selbstverständlichkeit. Denn die große, 1.635 Kilogramm wiegende Limousine (immerhin 195 Kilogramm leichter als die Serienversion) muss sich in dem belgischen Marathonrennen gegen ein Feld flinker Renntourenwagen behaupten.

Zum Glück liegt dem Fahrzeug der alte Kurs von Spa-Francorchamps - damals noch 14,863 Kilometer lang und mit vielen Geraden, auf denen Vollgas gefahren werden kann. Der 300 SEL 6.8 hält sich wacker und rast zuverlässig durch die Nacht, während immer mehr Fahrzeuge aus dem Rennen ausscheiden: Im Morgengrauen sind noch 23 Wagen unterwegs, ganze Werksmannschaften haben ihre Flaggen gestrichen. Der Außenseiter aus Affalterbach zieht weiter seine Bahnen und kommt schließlich als zweites Fahrzeug unter den 18 verbliebenen Renntourenwagen ins Ziel.

Das Fachmagazin "Road & Track" beschreibt im Rückblick den erfolgreichen Balanceakt zwischen Leistung und Gewicht: "Im Rennen hatte der große V8-Motor einen unstillbaren Durst nach Treibstoff, und das Gewicht [des Fahrzeugs] führte dazu, dass es schnell seine Reifen verschliss. Doch die Geschwindigkeit der Roten Sau glich auf den langen Geraden von Spa-Francorchamps diese Ineffizienzen mehr als aus. Nach 24 Stunden stürmte sie auf einen unglaublichen zweiten Platz hinter einem Ford Capri."

Für Mercedes-AMG und für Mercedes-AMG Motorsport ist der Erfolg bei den 24 Stunden von Spa-Francorchamps vor 50 Jahren ein Meilenstein in der Markengeschichte. In diesem Jahr gehen insgesamt 13 von Kundenteams eingesetzte Mercedes-AMG GT3 bei den 24 Stunden von Spa-Francorchamps (31. Juli bis 1. August 2021) an den Start. Einer der GT3 erinnert auf doppelte Weise an das Jubiläum: Sein Design ist angelehnt an den Renntourenwagen von 1971, und er trägt zudem die Startnummer 50.

Mehr aus der Mercedes-Historie:

Mercedes SL (1971-1989): Die legendäre Baureihe 107 wird 50

Vergessene Studien: Mercedes W 118/119 (1962)

Neueste Kommentare

Anzeige

Oldtimer-Newsletter

Abonnieren Sie jetzt den kostenlosen täglichen und/oder wöchentlichen Oldtimer-Newsletter von Motorsport-Total.com!

Motorsport-Total Business Club

Motorsport-Total.com auf Twitter