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  • 05.04.2022 · 12:24

  • von Roland Hildebrandt

Alfa Romeo Alfasud (1972-1983): Golf-Vorreiter und Rufmörder

Eigentlich müssten wir heute von der Alfasud-Klasse anstelle der Golf-Klasse reden - Warum das nicht der Fall ist, zeigt unser Rückblick

(Motorsport-Total.com/Motor1) - In der Automobilgeschichte gibt es genügend Modelle, die das Zeug dazu gehabt hätten, eben jene Geschichte umzuschreiben. Doch oft genug scheiterte es am Geld, den Umständen, dem Vorstand, der Politik oder der Qualität. Beim Alfasud, der vor 50 Jahren auf den Markt kam, vereinten sich gleich mehrere dieser Punkte unglückselig.

Alfa Romeo

Alfa Romeo Alfasud (1972-1983) Zoom

Ende der 1960er-Jahre hatte Alfa Romeo das Bedürfnis, seinen Kundenstamm zu erweitern und entwarf einen Wagen, der der gleichen Kategorie angehörte wie der Fiat 128, dessen Debüt kurz bevorstand.

Um die Entwicklung im Süden Italiens zu fördern und die Abwanderung junger Menschen in den Norden zu bremsen (Alfa Romeo war ein staatliches Unternehmen), wurde beschlossen, das Auto in einem brandneuen Werk zu produzieren, das zu diesem Zweck in Pomigliano D'Arco bei Neapel auf einem Grundstück errichtet wurde. Und so taufte man den Wagen schlicht auf "Alfasud", der "Alfa aus dem Süden".

Aus Maurern und Landarbeitern wurden Autobauer

1967 wurde die Firma "Alfasud" gegründet und eine Gruppe von Konstrukteuren unter der Leitung des Ingenieurs Rudolf Hruska begann mit der Arbeit an dem Modell. Ein Jahr später wurde mit dem Bau des neuen Autowerks begonnen, dessen Fertigstellung sich jedoch erheblich verzögerte: Es waren die Jahre harter gewerkschaftlicher Auseinandersetzungen, endloser Streiks und Straßenschlachten.

Ein weiteres schwerwiegendes Problem, das die reguläre Aufnahme der Produktion behinderte, war der Mangel an qualifizierten Arbeitskräften und vor allem die Tatsache, dass die Gewerkschaften von Alfa Romeo die Einstellung derselben Maurer erwirkt hatten, die beim Bau des Werks gearbeitet hatten.

Es war nicht leicht, ihnen einen völlig neuen Beruf beizubringen und vor allem von Grund auf eine Arbeitsmentalität zu entwickeln, die diejenigen, die früher Maurer oder Landarbeiter waren, nicht kannten.

Erster Alfa mit Frontantrieb


Fotostrecke: Alfa Romeo Alfasud (1972-1983): Golf-Vorreiter und Rufmörder

Trotz allem gelang es Alfa Romeo, auf dem Turiner Autosalon 1971 einige Vorserienmodelle des Alfasud als Viertürer zu präsentieren (die Einführung der zweitürigen Variante, die bereits im ursprünglichen Projekt vorgesehen war, wurde vorübergehend zurückgestellt).

Der "Baby-Alfa" fiel vor allem durch seinen avantgardistischen Inhalt auf, der allerdings Puristen der Marke die Nase rümpfen ließ. Der Alfasud war das erste Auto mit Frontantrieb, das die Mailänder Firma produzierte.

Die sehr aerodynamische Linie (cW 0,40), die von Giorgetto Giugiaro (der auch den Golf I zeichnete) entworfen wurde, war vorne abgerundet und hinten eckig, mit dem charakteristischen stumpfen Heck und der großen schrägen Heckscheibe.

Wassergekühlter Vierzylinder-Boxer

Die Abmessungen waren ziemlich kompakt (Länge 3,89 Meter, Breite 1,59 Meter, Höhe 1,37 Meter und Radstand 2,455 Meter), aber dank der Anordnung von Motor und Getriebe, der kurzen Motorhaube und des unter den Rücksitz verlegten Kraftstofftanks (50 Liter) bot der Wagen dennoch genug Platz für vier Passagiere.

Der Kofferraum konnte sich mit einem Fassungsvermögen von 400 Litern gut behaupten, allerdings musste der Alfasud lange über einen kleinen Heckdeckel beladen werden. Das Lenkrad war in der Höhe verstellbar, was zu dieser Zeit selten war. Die Instrumentierung geriet allerdings etwas dürftig.

Aber wie man es von einem Alfa Romeo erwarten würde, lagen die Hauptqualitäten des Alfasud, zumindest auf dem Papier, in der Mechanik. Der Motor, ein wassergekühlter Vierzylinder-Boxer zeichnete sich unter anderem durch seine Kompaktheit aus, die seine Queranordnung ermöglichte und Giugiaro erlaubte, eine niedrige, aerodynamische und nicht zu lange Motorhaube zu entwerfen.

Mangelhafte Innenausstattung

Der Hubraum betrug 1186 Kubikzentimeter, die maximale Leistung lag bei 63 PS bei 6000 U/min, das maximale Drehmoment bei 83 Nm bei 3500 U/min. Der Motor wurde mit einem synchronisierten Viergang-Schaltgetriebe verbunden. Der Hersteller gab eine Höchstgeschwindigkeit von über 150 km/h und einen Durchschnittsverbrauch von 7,6 Litern pro 100 km an.

Die Vorderradaufhängung folgt dem klassischen McPherson-Layout, während die Hinterradaufhängung eine Starrachse mit Längsstreben und einem Panhard-Querstab aufweist. Das Bremssystem verfügt über Scheiben an allen vier Rädern, eine echte Seltenheit für ein Auto in diesem Segment, aber es gibt keine Bremskraftverstärker.

Was aber nicht überzeugte, vor allem in den Augen eines aufmerksamen Publikums, war die niedrige Qualität und die schlechte Verarbeitung der Innenausstattung und der Bleche, Mängel, die zunächst zum Teil damit begründet wurden, dass es sich bei den ausgestellten Modellen um Vorserienmodelle handelt.

Rostanfälligkeit schmälerte den Fahrspaß

Die Produktion des Alfasud begann schließlich im Frühjahr 1972. Die ersten Lieferungen erfolgten einige Monate später zu einem Preis von 1.420.000 Lire.
Die ersten Eindrücke auf der Straße gerieten positiv: Der Alfasud war wendig mit einer hervorragenden Straßenlage und einer sehr guten Fahrbarkeit. Die Laufruhe des Boxermotors wurde ebenfalls sehr geschätzt.

War schon bei den ersten Serienmodellen das wahrgenommene Qualitätsniveau, was Karosserie und Innenraum betraf, noch mittelmäßig, begannen die Alfasud im Zeitraffer zu rosten, was die Kundenzufriedenheit, vor allem im Ausland, erheblich sinken ließ.

Beinahe nonstop legten Streiks das Werk lahm, Rohkarosserien wurden ungeschützt im Freien gelagert, hinzu kam die Verwendung minderwertigen Stahls und die Ausschäumung von Hohlräumen, was Feuchtigkeit natürlich noch extremer band.

Zigarettenanzünder gegen Aufpreis

Eine Episode zeigt die absurden Zustände in der Alfasud-Fertigung exemplarisch: Der Mitarbeiter, der die Schweißnaht am oberen Ende der C-Säule verzinnen sollte, weigerte sich. Die Lösung von Alfa Romeo war eine Art Banderolen-Aufkleber für diesen Bereich am Auto.

Ein Jahr nach seiner Markteinführung, im Juni 1973, wurde der Alfasud mit dem Bremskraftverstärker ausgestattet. Aufgrund der Beschwerden der ersten Käufer, die mit der Serienausstattung nicht sehr zufrieden waren, wurden die Heckscheibe, der Zigarettenanzünder und vor allem der Drehzahlmesser gegen Aufpreis angeboten.

Ende desselben Jahres präsentierte Alfa Romeo den Alfasud Ti in einer zweitürigen Version. Im Innenraum wurde der Innenraum durch neue Sitzbezüge (die Vordersitze haben Kopfstützen) mit einem Mittelstreifen aus Stoff, ein neues Dreispeichenlenkrad und Bodenbeläge mit Teppich (statt Gummi) aufgewertet.

Kostenpunkt knapp 1.900.000 Lire

Die Instrumentierung ist vollständiger und umfasst nun einen Drehzahlmesser und zwei zusätzliche Instrumente (Öldruckmesser und Wasserthermometer) in der Mitte des Armaturenbretts.

Der Motor des Ti ist derselbe wie bei der viertürigen Limousine, jedoch mit einer höheren Maximalleistung von 68 PS bei 6000 U/min und einem maximalen Drehmoment von 90 Nm bei 3200 U/min. Das Getriebe ist jetzt ein Fünfgang-Getriebe. Die angegebene Höchstgeschwindigkeit liegt bei 160 km/h, der Durchschnittsverbrauch bei 8,6 Litern pro 100 km. Der Preis betrug 1.874.500 Lire.

Ein Jahr später, im Januar 1975, beginnt die Vermarktung der neuen Alfasud-Baureihe, die vergrößert wird und einige Änderungen erfährt. Inzwischen gibt es drei Versionen:

Das bedeuten die unterschiedlichen Modellbezeichnungen

- Alfasud N (Normal) ist die neue Bezeichnung für die Basisversion, die mit dem 1.2-Motor mit 63 PS ausgestattet ist. Er unterscheidet sich von der Vorgängerversion durch die neuen Felgen und die Einführung schwarzer Scheibenwischer.

- Alfasud L (Lusso), gekennzeichnet durch eine umfangreichere Serienausstattung (Drehzahlmesser, Aschenbecher hinten, elektrische Scheibenwaschanlage) und eine feinere Verarbeitung (Sitze mit Stoffbezug, Lenkrad mit neuem Design, Armaturenbrett mit Mittelkonsole und Handschuhfach mit Schlüsselschloss).

Äußerlich unterscheidet er sich vom N durch die Chromverzierungen am Kühlergrill und an den Türschwellern sowie durch das hintere Erkennungszeichen. Die wichtigste mechanische Änderung betraf den Motor und bestand darin, dass die gleichen Nockenwellen wie beim Ti verwendet wurden: Dadurch konnte das Drehmoment auf 88 Nm bei 3200 U/min und die Höchstgeschwindigkeit auf 155 km/h erhöht werden.

Neue Version ab März 1976

- Der Alfasud Ti blieb praktisch unverändert.

Im April desselben Jahres wurde die Palette mit der Präsentation der dreitürigen Giardinetta erweitert. Jener Kombi, der sich durch ein beträchtliches Ladevolumen zwischen 600 und 1300 Litern auszeichnete, blieb aber eine Randerscheinung.

Im März 1976 präsentierte Alfa Romeo den Alfasud 5m in den Versionen Limousine und Giardinetta, der sich vor allem durch die Übernahme des mechanischen Fünfganggetriebes auszeichnete, das bereits beim Ti serienmäßig war. Der 5m ersetzte den L in der Baureihe, von dem er die Ausstattung übernahm, und gesellte sich zum N, der weiterhin ein Vierganggetriebe besaß. Alle Alfasud-Fahrzeuge waren nun serienmäßig mit Sicherheitsgurten vorne ausgestattet.

Mit den neuen Versionen kamen auch umfangreiche Anpassungen

Ein Jahr später, im September 1977, wurde die Palette des Ti erweitert und er war nun auch mit dem 1300er-Motor (1286 ccm, 75 PS bei 6000 U/min, 103 Nm bei 3500 U/min) erhältlich, der den Alfasud Sprint, die Coupé-Version, antreibt, die seit einem Jahr auf dem Markt ist.

Zwei Monate später wurde der 5m durch den Super ersetzt, der sich dem 1.2 N mit vier Gängen anschloss und mit denselben beiden Motoren wie der Ti ausgestattet war: dem 1.2 mit 68 PS und dem 1.3 mit 75 PS. Die Umstellung zwischen den beiden Versionen ist durch zahlreiche äußere und innere Veränderungen gekennzeichnet:

- neue Stoßstangen mit schwarzen Stoßstangenleisten,
- neue Abluftgitter (jetzt schwarz) an den Seiten hinter den hinteren Türen,
- neue vordere Fahrtrichtungsanzeiger, jetzt in Orange statt in Weiß
- neues Lenkrad,
- neues Armaturenbrett, modifiziertes Armaturenbrett, neue Lüftungsdüsen und neues Handschuhfach,
- neuer Schalthebel,
- Sitze mit zweifarbiger Polsterung,
- neues Design der Türverkleidung,
- Gepäckraum mit Teppichboden,
- Leichtmetallräder sind als Option erhältlich.

Debüt der zweiten Alfasud-Serie im März 1980

1980 debütierte die zweite Serie des Alfasud, diesmal mit einem entscheidenden Restyling. Durch die äußeren und inneren Veränderungen gelang es, das Modell zu modernisieren, das jedoch etwas schwerer wurde.
Äußerlich gab es

- Neue Kunststoff-Stoßstangen,
- eine neue Frontpartie mit neuen Scheinwerfern,
- neue Rückleuchten, die breiter und teilweise in den Kofferraumdeckel integriert sind,
- schwarze seitliche Stoßstangenleisten,
- Türgriffe aus schwarzem Kunststoff,
- Giulietta-Felgen
- die Beseitigung von Chrom.

Im Innenraum fielen das neue Armaturenbrett und die neuen Sitz- und Türverkleidungen auf. Die Limousinenpalette bestand weiterhin aus vier Versionen mit vier verschiedenen Motoren:

Kombiversion "Giardinetta" traf auf wenig Gegenliebe

- 1.2 4-Gang, 1186 ccm, 63 PS, 150 km/h
- 1.2 5-Gang, 1186 ccm, 68 PS, 155 km/h
- 1.3 5-Gang, 1350 ccm, 79 PS, 160 km/h
- 1.5 5-Gang, 1490 ccm, 85 PS, 165 km/h

Die Giardinetta wurde von der Preisliste gestrichen, da die Öffentlichkeit wenig Interesse an ihr zeigte. Vielleicht war es noch zu für einen Kombi früh, aber die unglückliche Linienführung und die unpraktische dreitürige Konfiguration waren sicherlich nicht hilfreich.

Um den Absatz anzukurbeln, beschloss Alfa Romeo im April 1982, eine Version des Alfasud auf den Markt zu bringen, die relativ preisgünstig war, aber über eine wesentliche Ausstattung verfügte: den Junior mit einem 1,2-Motor mit 68 PS und fünf Gängen, der den 1,2-Motor mit 63 PS und einem Vierganggetriebe ersetzte. Äußerlich war es durch den orange-gelb-roten Klebestreifen und den Schriftzug "Junior" gekennzeichnet.

Ein Jahr später war die Karriere des Alfasud zu Ende. Im Sommer 1983 präsentierte Alfa Romeo seinen Nachfolger, den Alfa 33, der zwar die Mechanik seines Vorgängers übernahm, aber eine völlig neue Karosserie erhielt. Im Jahr 1984 wurde der Alfasud endgültig aus den Listen gestrichen. Der Sprint überlebte und blieb bis 1989 im Handel. Von 1972 bis 1984 wurden 906.000 Alfasud-Limousinen produziert.

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