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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Honda

Zum ersten Mal seit 40 Jahren sammelt Honda keinen WM-Punkt - Mit der neuen RC213V dreht sich Honda im Kreis - Sollte man externe Unterstützung suchen?

Pol Espargaro, Stefan Bradl

Honda sammelte auf dem Sachsenring keinen einzigen WM-Punkt Zoom

Liebe MotoGP-Fans,

was war das für eine tolle Stimmung am Sachsenring! 232.202 Besucher am gesamten Wochenende, davon 95.214 am Sonntag. Das ist ein klares Zeichen, dass Deutschland die MotoGP lebt und der Grand Prix für immer im Kalender stehen muss.

Zuletzt waren die Zuschauerzahlen im Vergleich zu 2019 ziemlich enttäuschend. Le Mans ragte positiv heraus. Aber klar, Frankreich erlebt mit Weltmeister Fabio Quartararo einen neuen Hype. Mugello war der negative Höhepunkt mit lediglich 43.661 Fans am Sonntag.

Dass es auch anders geht, hat der Sachsenring eindrucksvoll bewiesen. Auch ohne deutschen MotoGP-Superstar, ohne Valentino Rossi und ohne Marc Marquez waren die Tribünen rappelvoll. Marcel Schrötter hat in der Moto2 gekämpft wie ein Löwe und wurde zurecht gefeiert!

Ducati wird in diesem Jahr nicht Weltmeister

Aber widmen wir uns unserer traditionellen Montagskolumne. Wer hat nach dem Renntag im übertragenen Sinne schlecht geschlafen? Kandidat Nummer 1 wäre natürlich Francesco Bagnaia. Mit dem Sturz hat sich der Ducati-Fahrer endgültig aus dem WM-Kampf verabschiedet.

91 WM-Punkte Rückstand holt er in der zweiten Saisonhälfte nicht mehr auf. Ducati stand wieder mit zwei Fahrern auf dem Podest. Aber es fehlt der klare Leader, der den WM-Titel gewinnen kann. Das war schon das Thema in meiner Kolumne nach dem Barcelona-Rennen.

Francesco Bagnaia, Fabio Quartararo

Mit dem Sturz hat Francesco Bagnaia seine WM-Chancen endgültig begraben Zoom

Kandidat Nummer 2 wäre Joan Mir. Suzuki hat nun in drei der vergangenen vier Rennen eine Nullnummer geschrieben. Klar, Alex Rins kann für die Verletzung vom Startunfall in Barcelona nichts. Dass er es am Sachsenring trotzdem im Training probiert hat, ringt mir großen Respekt ab.

Aber bei Suzuki ist seit der Ankündigung des Ausstiegs mit Saisonende irgendwie die Luft draußen. Davor galten sie noch als eventuelle Kandidaten, die um den WM-Titel mitmischen können. Diese Chance ist natürlich komplett vorbei. Es gilt, das Jahr noch so gut wie möglich zu Ende zu fahren.

Nicht nur die Fahrer müssen sich einen neuen Job suchen, sondern auch die ganzen Teammitglieder. Selbst wenn alle 100 Prozent geben wollen, ist auch klar, dass man aufgrund der Gesamtsituation und dem hohen MotoGP-Level irgendwie Federn lässt. Wollen wir mit Suzuki nicht zu kritisch sein.

Honda ein Schatten vergangener Erfolge

Also wer hat nun nach dem Sachsenring schlecht geschlafen? Da gibt es für mich nur einen Kandidaten: Honda. Seit dem Grand Prix in Jarama 1982 war immer ein Honda-Fahrer in den WM-Punkterängen. Das waren in den vergangenen 40 Jahren 633 Rennen hintereinander!

Nun musste Alex Marquez mit einem technischen Problem am Ride-Height-System aufgeben. Takaaki Nakagami stürzte in Kurve 8 und konnte sich das nicht erklären. Pol Espargaro gab wegen körperlicher Probleme auf.

Pol Espargaro

Honda ist bei Saisonhalbzeit auf dem letzten Platz der Marken-WM Zoom

Stefan Bradl kam abgeschlagen als Letzter ins Ziel und klagte über die Hitzeentwicklung der RC213V. Bei Saisonhalbzeit ist Honda auf dem sechsten und letzten Platz der Konstrukteurswertung. Für den größten Motorradbauer der Welt ist das ein Armutszeugnis.

Groß war im Winter die Euphorie über das komplett neu entwickelte Motorrad. Die Rundenzeiten waren bei den Wintertests stark. Der Saisonauftakt war mit der langen Führung und Platz drei von Espargaro vielversprechend.

Es hatte den Anschein, dass Honda aus dem Stand weg ein konkurrenzfähiges Motorrad gebaut hat. Auch ich war überzeugt vom prinzipiellen Potenzial. Es braucht natürlich etwas Zeit, bis man das Paket optimiert hat, damit man auf allen Strecken vorne mitmischen kann.

Wo ist das Potenzial vom Saisonanfang hin?

Aber das Gegenteil ist geschehen. Je länger die Saison dauert, desto schwieriger wird es. Der Enthusiasmus ist bei allen Fahrern verschwunden. Als Marc Marquez mehrfach betonte, dass maximal die Plätze fünf, sechs, sieben möglich wären, wollte man ihm kaum glauben.

Aber auch er hat nicht tiefgestapelt, sondern uns seine ehrliche Einschätzung mitgeteilt. Wo Honda ohne die klare Speerspitze herumfährt, sehen wir. Bradl betont seit Wochen, dass unglaublich viel probiert wird, man sich aber "im Kreis dreht".

Pol Espargaro, Marc Marquez

Beim Saisonauftakt kämpfte Honda mit der neuen RC213V noch um den Sieg Zoom

Der Testfahrer hat auch schon durchblicken lassen, dass er "nur Angestellter" von Honda ist und auch "manche Dinge anders machen" würde. Von Espargaro kommen ähnliche Aussagen. Er fühlt sich von Beginn an zu wenig von Honda in die Entwicklung einbezogen.

Dass Honda mit der neuen RC213V einen Neustart vollzogen hat, war prinzipiell die richtige Entscheidung. Auch die beiden Rennteams vor Ort versuchen alles und experimentieren mit der Abstimmung, um das volle Potenzial herauszuholen.

Sollte sich Honda einen externen Partner suchen?

Aber vielleicht sitzt das Problem tiefer. Nämlich bei Honda in Japan. Blicken wir auf die Gesamtsituation in der MotoGP und denken wir uns für einen Moment die Lichtgestalt Quartararo mit seiner Yamaha weg. Denn ohne ihn würde Yamaha in der gleichen Situation sein wie Honda.

Dann haben eigentlich die europäischen Hersteller das Kommando übernommen. Suzuki verabschiedet sich. Yamaha verliert das Kundenteam und ist im nächsten Jahr die einzige Marke mit einem Reihenvierzylinder. Und Honda ist von den Erfolgen her ein Schatten seiner selbst.

Max Verstappen

In der Formel 1 ist Honda mit Red Bull als technischem Partner voll konkurrenzfähig Zoom

Im nächsten Jahr haben wir sechs japanische Motorräder im Feld und 16 europäische. Yamaha hat die Zeichen der Zeit erkannt und sich auf Motorenseite mit Luca Marmorini verstärkt, um endlich ein paar PS mehr zu finden.

Sollte auch Honda mit einem externen Partner zusammenarbeiten? Werfen wir einen Blick über den Tellerrand zur Formel 1. Honda hat jahrelang keinen konkurrenzfähigen Turbohybrid-Antrieb gebaut und sich in der McLaren-Zeit blamiert (Zitat Fernando Alonso: "GP2-Motor").

Erst mit dem Wechsel zu Red Bull inklusive technischer Unterstützung hat sich das geändert. Der Honda-Antrieb ist voll konkurrenzfähig geworden. In der MotoGP hat Honda kein Motorenproblem, sondern es geht um Handling und Aerodynamik.

In diesen beiden Feldern hat Honda in den vergangenen Jahren auf die Konkurrenz verloren. Marc Marquez hat vor seiner schweren Armverletzung die Probleme kompensieren können. Wo man ohne ihn steht, sieht jeder. Seit 2020 steckt Honda nun in Problemen und dreht sich im Kreis.

Deswegen glaube ich, dass Honda im Hintergrund, in Japan strukturelle und personelle Änderungen vornehmen sollte, wenn man in der MotoGP wieder konkurrenzfähig sein will. Denn die Europäer werden nicht stehenbleiben und technologisch die nächsten Schritte machen.

Sportliche Grüße,


Gerald Dirnbeck

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