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Nach F1-Reifenfiasko in Katar: Michelin vor MotoGP-Event besorgt, aber gerüstet

Neuer Asphalt, neue Randsteine und Wind: MotoGP-Reifenlieferant Michelin steht am Katar-Wochenende vor Herausforderungen, hat aber Vorkehrungen getroffen

(Motorsport-Total.com) - Als vorletzte Saisonstation im MotoGP-Kalender 2023 kommt dem Grand Prix von Katar auf dem Lusail International Circuit am Wochenende eine vorentscheidende, möglicherweise sogar entscheidende Bedeutung zu. Mit aktuell 14 Punkten Vorsprung auf Jorge Martin kann WM-Spitzenreiter Francesco Bagnaia schon am Sonntag den Titelsack zumachen. Besonders wahrscheinlich ist das aber nicht, weil am Katar-Wochenende und am darauffolgenden Valencia-Wochenende noch insgesamt 74 Punkte auf dem Tisch liegen.

Titel-Bild zur News: Randsteine am Lusail International Circuit in Katar

Neue Randsteine und neuer Asphalt am Lusail International Circuit in Katar Zoom

Eine besondere Herausforderung wird das Katar-Wochenende für MotoGP-Reifenlieferant Michelin. Es ist gerade mal sechs Wochen her, dass die Formel 1 auf dem modernisierten Lusail International Circuit ihren Grand Prix von Katar austrug. Und dabei gab es bezüglich der Reifen alles andere als erfreuliche Schlagzeilen.

Die Pneus von Formel-1-Reifenlierant Pirelli erlitten auf den neuen, pyramidenförmig gestalteten Randsteinen Mikrofrakturen. Hinzu kam, dass der neue Asphalt für die Reifen ausgesprochen aggressiv war. Die Folge: Um ein komplettes Reifendrama zu verhindern, mussten die Formel-1-Piloten im Grand Prix nach jeweils maximal 18 Runden die Reifen wechseln. Das war die aus Sicherheitsgründen von Pirelli und vom Automobil-Weltverband (FIA) vorgeschriebene maximale Stintlänge.

An diesem Wochenende nun gastiert die Motorrad-WM erstmals auf dem mit neuem Asphalt und neuen Randsteinen (und neuen Kiesbetten) versehenen Lusail International Circuit. Piero Taramasso von Michelin gibt zu, dass man besorgt ist. Gleichzeitig betont der für den Motorradsport verantwortliche Michelin-Manager aber, dass man sich für das Rennwochenende gerüstet fühlt, weil man entsprechende Vorkehrungen getroffen hat.

Pirelli-Probleme am F1-Wochenende eine Warnung für Michelin

"Wenn die Reifen kaputtgehen, dann ist das natürlich immer ein Alarmsignal, egal ob es sich um Autos oder Motorräder handelt", sagt Taramasso im Gespräch für die italienischsprachige Ausgabe von Motorsport.com und erklärt: "Wir wussten ja schon im Vorfeld, dass die Strecke einen neuen Asphalt erhalten hat. Also haben wir vorausgeplant und bringen für das Vorderrad und das Hinterrad jeweils eine zusätzliche Reifenmischung mit. Es handelt sich dabei um Mischungen, die so konzipiert wurden, dass der Verschleiß geringer ist."

Piero Taramasso

Piero Taramasso blickt dem Katar-Wochenende durchaus nervös entgegen Zoom

Das Vorgehen, zusätzliche Reifenmischungen bereitzustellen, hat sich für Michelin schon in der Vergangenheit bewährt, "wenn wir es mit einem neuen Asphalt zu tun hatten und es keine Möglichkeit gab, vorab zu testen", sagt Taramasso abermals im Gespräch für die italienischsprachige Ausgabe von Motorsport.com und bekennt: "Ja, nach dem, was wir beim Formel-1-Grand-Prix gesehen haben, herrscht eine gewisse Nervosität. Wir werden sehen, wie sich die Situation darstellt, wenn wir in Lusail sind."

Michelin ist vorbereitet: Zusätzliche Reifenmischungen für Katar

Im Detail handelt es sich bei den für das Katar-Wochenende mitgebrachten Michelin-Reifen laut Taramasso um folgende Spezifikationen: "Für das Vorderrad haben wir vier Reifen mit symmetrischem Charakter dabei. Bezüglich der Mischungen sind drei die Mischungen, die wir schon 2022 [am Katar-Wochenende] im Einsatz hatten."

"Die neue Mischung ist eine Medium-Mischung. Diese und die Soft-Mischung könnten im Rennen, das ja nach Sonnenuntergang stattfindet, eingesetzt werden. Die zwei harten Mischungen hingegen können in den Sessions bei Tageslicht, wenn es wärmer ist, eingesetzt werden", sagt der Michelin-Manager.

Michelin-Reifen

MotoGP-Reifenlieferant Michelin bringt vier Vorder- und drei Hinterreifen nach Katar Zoom

"Für das Hinterrad", so Taramasso weiter, "haben wir Soft und Medium jeweils asymmetrisch dabei, wobei der Soft der gleiche ist wie im Vorjahr und der Medium ein modifizierter, um auf der linken Flanke eine etwas bessere Performance zu erzielen. Hinzu kommt die Hard-Mischung, die wir zusätzlich mitbringen. Dabei handelt es sich um Reifen mit symmetrischem Charakter."

Asphalt macht Michelin mehr Sorgen als Randsteine

Wie Taramasso zugibt, macht ihm der neue Asphalt mehr Sorgen als die neuen Randsteine mit ihrer Pyramidenform: "Die Randsteine sollten für die Motorräder kein Problem sein. Das größte Problem wird der Asphalt, vor allem wenn er aggressiv ist und die Reifen stark beansprucht. In Katar ist es immer so, dass der Wind jede Menge Sand auf die Strecke bläst. Das macht es noch schwieriger. Deshalb bereitet mir der Asphalt mehr Sorgen als die Randsteine."

Sandsturm am Lusail International Circuit in Katar

Sandstürme sind am Lusail International Circuit in Katar keine Seltenheit Zoom

"Die Randsteine sind ähnlich wie in Jerez. Sie beginnen flach und werden höher, je weiter man nach außen kommt. Weil die Gefahr eines Sturzes besteht, versuchen die Motorradfahrer den Teil der Randsteine, der die Formel-1-Reifen ruiniert hat, ohnehin zu meiden, es sei denn es unterläuft ihnen ein Fahrfehler. Es ist ja kein Geheimnis, dass man mit Autos viel aggressiver über Randsteine fahren können als mit Motorrädern. Das liegt einfach an der Aerodynamik und daran, dass die Kurvengeschwindigkeiten mit vier Rädern einfach höher sind", so der Michelin-Manager.

"Neue" Katar-Strecke "eine gute Herausforderung" für Michelin

Um die Gefahr von Reifenproblemen am MotoGP-Wochenende zu verringern, hofft Taramasso, dass der neue Asphalt "vor dem Wochenende ordentlich gesäubert wird. Wir haben in der ersten Trainingssitzung der Formel 1 gesehen, dass sich noch jede Menge Sand auf der Strecke befand. Für die Motorräder wäre ein solche Situation gefährlich".

Alles in allem beschreibt Taramasso die Aufgabe, das MotoGP-Wochenende auf dem modernisierten Lusail International Circuit zu bewältigen als "gute Herausforderung, weil wir die Strecke an sich zwar kennen, aber der neue Asphalt doch sehr aggressiv zu sein scheint. Und dann ist da eben noch der Faktor, dass der Wind Sand auf die Strecke wehen kann, wodurch der Asphalt noch rauer wird. Und wir dürfen auch nicht vergessen, dass es ein Rennen ist, dass nach Sonnenuntergang stattfindet".

Lusail International Circuit in Katar

Der modernisierte Lusail International Circuit in Katar Zoom

Bezüglich der Temperaturen macht sich Taramasso aber keine großen Sorgen. Zwar kann es im November in Katar schon mal etwas kälter sein als im März (dem traditionellen MotoGP-Termin im Land, an den man für die Saison 2024 zurückkehrt). Die Vorhersage für das bevorstehende Wochenende aber lässt für alle drei Streckentage (Freitag, Samstag, Sonntag) Temperaturen im Bereich von 20 bis 29 Grad Celsius erwarten.

"Die Bedingungen sollten daher nicht allzu anders sein [als im März]", sagt Taramasso. Und er geht auch nicht davon aus, dass das leidige Thema Reifendruck so hochgekocht wird wie noch am vergangenen Wochenende in Malaysia. Dort nämlich war das eigentliche Problem nicht der Luftdruck in den Reifen, sondern die Reifenwahl wie der Michelin-Manager nach Analyse der Daten verrät.

Rückblick auf Malaysia: Reifendruck war nicht das Problem

"Es war ein Wochenende, an dem sich die Teams sowohl am Vorderrad als auch am Hinterrad auf die Medium-Mischung konzentriert haben", blickt Taramasso im Gespräch für die italienischsprachige Ausgabe von Motorsport.com auf Sepang zurück. "Diese Kombination sorgte im Qualifying für einen Streckenrekord. Tatsächlich waren sogar fünf Fahrer schneller als der alte Rekord. Mit der gleichen Reifenwahl wurden dann auch der Sprint und das lange Rennen bestritten. Die Performance stand also für alle im Vordergrund."

"Für das lange Rennen allerdings war die Wahl des Medium-Vorderreifens ein bisschen optimistisch", sagt Taramasso und erklärt: "Für die vorherrschenden Streckenbedingungen bezüglich Temperatur und Belastung stellte sich dieser Reifen einfach als zu weich heraus. Es war aber nicht so, dass es Überhitzung oder zu hohen Reifendruck gegeben hätte. Dass die Fahrer ein schlechtes Gefühl hatten, weil ihnen das Vorderrad wegzurutschen drohte, das lag einfach daran, dass zu weiche Reifen gewählt wurden."

MotoGP-Action beim GP Malaysia 2023 in Sepang

Der Malayisa-Grand-Prix in Sepang war in diesem Jahr eine Prozession Zoom

"Mit der härteren Reifenmischung hätten diese Probleme vermieden werden können und die Fahrer hätten im Rennen mehr pushen können, ohne die Reifen so sehr managen zu müssen. Das war die Situation in Sepang. Nach dem Rennen sprachen alle Fahrer über den Reifendruck, aber der war gar nicht das Problem. Die Daten belegen das. Leider aber hatten die Fahrer zum Zeitpunkt, als sie ihre Interviews gaben, noch keine Möglichkeit, die Daten zu sehen", so Taramasso.

Letzten Endes wurden im Malaysia-Grand-Prix fünf MotoGP-Piloten wegen zu niedrigen Reifendrucks verwarnt. Es betraf Rennsieger Enea Bastianini, WM-Spitzenreiter Francesco Bagnaia (P3) sowie Luca Marini (P10), Iker Lecuona (P16) und Alvaro Bautista (P17). Im WM-Kampf, in dem "Pecco" Bagnaia und Jorge Martin die einzigen verbliebenen Titelkandidaten sind, tragen nun beide eine Verwarnung und damit die drohende Gefahr einer Drei-Sekunden-Strafe.

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