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  • 16.09.2023 13:18

  • von M.Fritzsche, Co-Autoren: G. Garcia Casanova, L.D'Adderio

MotoGP-Piloten uneins: Ist die Startphase gefährlicher geworden?

Sorgen Entwicklungen wie das Holeshot-Device und die Überholproblematik dafür, dass direkt am Start von MotoGP-Rennen mehr riskiert wird als früher?

(Motorsport-Total.com) - Haben technische Entwicklungen wie das Holeshot-Device dafür gesorgt, dass die Startphase in MotoGP-Rennen heutzutage gefährlicher ist als es in der Vergangenheit der Fall war? Wird heutzutage von den Fahrern direkt am Start ein höheres Risiko eingegangen, weil man im Rennverlauf nur noch schwer überholen kann? Darüber sind sich die Stars der MotoGP-Szene uneins.

Titel-Bild zur News: Startunfall im MotoGP-Sprint in Jerez 2023

Mitten im Pulk direkt nach dem Start (Foto: Jerez) bergen Stürze eine große Gefahr Zoom

Dani Pedrosa, der allein in der Königsklasse mehr als 220 Starts absolviert hat, sagt: "Es scheint so als ob all die technischen Starthilfen, die beispielsweise die Tendenz zum Wheelie verringern und die helfen, einen besseren Start hinzulegen, zur Folge haben, dass alle Fahrer gleichzeitig in der erste Kurve ankommen."

"Früher war das anders", erinnert sich Pedrosa. "Da kam es schon mal vor, dass es größere Lücken im Feld gab, weil ein Fahrer besser gestartet ist als ein anderer. Heutzutage aber starten alle gut. Das bedeutet, dass alle gleichzeitig am Bremspunkt für die ersten Kurve ankommen."

"Deshalb könnte es schon sein, dass diese [technische] Entwicklung dazu geführt hat", so Pedrosa, dass das Einfädeln in die erste Kurve nach dem Start "ein bisschen den Effekt eines Trichters hat".

Grand-Prix-Start gefährlicher als Sprint-Start?

Zu Saisonbeginn wurden in der MotoGP-Klasse für alle Rennwochenenden die kurzen Sprintrennen am Samstag eingeführt. Somit gibt es für die Piloten der Königsklasse jetzt immer zwei Starts anstatt nur einen wie es früher der Fall war. Ist der Start zum Grand Prix am Sonntag womöglich gefährlicher als der Start zum Sprint am Samstag, weil noch mehr riskiert wird?

"Das glaube ich eigentlich nicht", sagt Francesco Bagnaia und begründet: "Punkte gibt es in beiden Rennen. Da bist du natürlich bemüht, in beiden Rennen gut abzuschneiden. Wenn überhaupt, dann glaube ich, dass der erste Start gefährlicher ist, weil du beim zweiten schon mehr Referenzen hast. Aber es kommt natürlich immer auf die jeweilige Situation an."

Start zum MotoGP-Sprint auf dem Sachsenring 2023

Mit Holeshot-Device starten die MotoGP-Piloten heutzutage fast alle ähnlich gut Zoom

"Eines ist klar", so Bagnaia. "Du kannst nicht versuchen, in der Anbremszone der ersten Kurve sechs Positionen auf einen Schlag zu gewinnen. Schließlich bremsen wir alle mehr oder weniger am selben Punkt." Dazu Jorge Martin: "Wir versuchen natürlich alle, unsere Position auf der Strecke zu verbessern."

Sollte es an jedem Wochenende einen Probestart geben?

Aleix Espargaro regt an: "Wir sollten das, was wir in Silverstone gemacht haben, auch anderswo machen, nämlich einen Probestart auf der Start/Ziel-Gerade. Das kann helfen, eine bessere Referenz zu bekommen."

In Silverstone gab es einen solchen Übungsstart nur deshalb, weil man Start/Ziel nun auch für die Motorrad-WM wieder auf die Gerade verlegt hat, auf der die Formel 1 startet (zwischen den Kurven Club und Abbey). In den vergangenen paar Jahren starteten die Motorräder auf der alten Start/Ziel-Gerade (zwischen den Kurven Woodcote und Copse).

Start zum MotoGP-Rennen beim GP Großbritannien 2023 in Silverstone: Jack Miller führt

In Silverstone gab es vor dem Rennstart (Foto) ausnahmsweise einen Probestart Zoom

Trotzdem: Könnte ein Übungsstart auch auf anderen Strecken Schule machen, um die Gefahr von Startunfällen zu reduzieren? "Vielleicht wäre das eine Überlegung", meint Brad Binder. "Andererseits kann man bei einer solchen Gelegenheit vielleicht überhaupt erst herausfinden, wie spät man tatsächlich bremsen kann. Somit könnte das auch nach hinten losgehen."

"Ich glaube", so Binder, "wenn 22 oder wie viele Fahrer auch immer gleichzeitig in eine Kurve einbiegen, dann kommt es schon mal vor, dass man übereinander stolpert. Das ist einfach Racing. Schwer zu sagen, ob sich so etwas vermeiden lässt oder ob man irgendwas tun könnte, um so etwas zu verhindern. Es ist ja nicht so, dass so etwas Woche für Woche passieren würde. Wenn es mal vorkommt, dann ist es einfach Pech".

Maverick Vinales findet die von seinem Aprilia-Teamkollegen Aleix Espargaro vorgebrachte Idee eines regelmäßigen Probestarts "interessant". Fabio Quartararo hingegen sieht es wie Binder und sagt: "Das kann gut, aber auch schlecht sein. Ich glaube, es kommt immer auf den Einzelfall und auf die Bedingungen an. Letzten Endes wird man es wohl nie ganz ausschließen können, weil wir immer ans Limit gehen."

Nach zwei Verwicklung in zwei Startunfälle: Bezzecchi ändert Taktik

Marco Bezzecchi, der kürzlich bei einem Startunfall in einem Sprint und auch bei einem Startunfall in einem Grand Prix unverschuldet abgeräumt wurde, sagt daher aus seiner Erfahrung: "Ich finde, beide Starts sind gleichermaßen gefährlich."

Weil Bezzecchi sowohl im Sprint in Spielberg als auch im Grand Prix in Barcelona jeweils auf der Außenseite der ersten Kurve fuhr, als er von innen abgeräumt wurde, will er seine Taktik nun, wenn möglich, ändern. "Ich werde ab jetzt versuchen, in der ersten Kurve weiter innen zu sein, sodass ich nicht mehr von anderen getroffen werde", sagt der VR46-Pilot.

Startunfall im MotoGP-Sprint auf dem Red-Bull-Ring in Spielberg 2023

Marco Bezzecchi (Vordergrund) wurde zuletzt zweimal in Startunfälle verwickelt Zoom

Und Michele Pirro, der genau wie Dani Pedrosa nur bei ausgewählten MotoGP-Rennen antritt, weil er in erster Linie Testfahrer ist, sagt: "Wenn du ein schlechtes Qualifying oder einen schlechten Start hattest, dann ist es umso schwieriger, wieder aufzuholen. Deshalb kommt dem Start heute eine viel größere Bedeutung zu. Als Fahrer muss ich schon sagen, dass der Start der Moment ist, der ein Rennen drehen kann."

"Würde es etwas größere Lücken im Feld geben oder eine Chance, über die Strategie Positionen gutzumachen", so Pirro, "dann würde ich sagen: Ich riskiere nicht gleich alles in der ersten Kurve. Weil es auch später noch Gelegenheiten gibt, bremse ich mal lieben einen Meter früher."

Genau diese Gelegenheiten bieten sich heutzutage aber kaum noch, wobei es von Strecke zu Strecke unterschiedlich ist, wie viele beziehungsweise wie wenige Überholmanöver es gibt. Als Grund dafür sehen die MotoGP-Piloten neben der Aerodynamik auch die neue Reifendruck-Regel, die seit Anfang August gilt.

Start zum MotoGP-Sprint in Barcelona 2023

Dem Start kommt heutzutage eine größere Bedeutung zu als früher Zoom

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