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Jack Miller siegt und besiegt die Kritiker: "Bin kein Idiot!"

Der junge Australier ging in Assen volles Risiko, um mit seinem ersten MotoGP-Erfolg Hondas Vertrauen zurückzuzahlen: "Es bringt das Projekt neu auf die Beine"

(Motorsport-Total.com) - MotoGP-Sensationssieger Jack Miller hofft, dass sein Überraschungserfolg bei der Dutch TT am Sonntag in Assen einen Wendepunkt seiner Karriere markiert. Der 21-jährige Australier lobpreist seinen ersten Triumph in der Königsklasse als einen Beweis für seine in der Szene infrage gestellte Qualität. "So viele Leute haben an mir gezweifelt und geglaubt, dass das Projekt scheitern würde", meint der 2015 aus der Moto3 aufgestiegene Miller, "aber ich bin verdammt nochmal kein Idiot."

Jack Miller

Jack Miller zeigte im Regen sein Talent - und hofft auf einen Wendepunkt Zoom

Er sagt diesen Satz, als er den Tränen nahe ist. Die zweigeteilte Regenschlacht von Assen hatte an den Nerven des Youngsters gezehrt. Miller, der sich im ersten Teil des Rennens schadlos hielt, aber mit dem Medium-Regenreifen am Motorrad unauffällig bleib ("Ich war mit Platz neun glücklich und wollte tunlichst nichts Beklopptes machen"), setzte erst nach dem Neustart auf abtrocknender Bahn zum Feuerwerk auf den weichen Pneus an. Er flog aus dem Mittelfeld binnen weniger Runden gen Spitze und ging dabei an den etablierten Größten des Geschäfts vorbei.

"Dabei bin ich im Freien Training zweimal gestürzt", bemerkt er mit einem verschmitzten Lächeln auf den Lippen und scherzt über seine eigene Fehleranfälligkeit: "Ich habe einfach versucht, ruhig zu bleiben. Manchmal gehen mit mir die Pferde durch." Doch Miller ging im Zwölf-Runden-Sprint, als es mehr auf das Händchen für das Zweirad und das Testosteron im Blut ankam als auf die PS unter der Verkleidung ankam, kalkuliertes Risiko. Und ließ sein Talent endlich in der MotoGP aufblitzen.


Fotos: MotoGP in Assen


Während Superstar Valentino Rossi mit dem Sieg vor Augen den Asphalt küsste. Das hatte Miller natürlich registriert: "Als 'Vale' im Kies lag, habe ich versucht, runterzukommen und die gleichen Rundenzeiten zu fahren", sagt er. Trotz nur wenig Fahrpraxis im Nassen, die er auf seiner privaten Honda zuvor hatte sammeln können. Er schwärmt von seinem Motorrad: "Die Beschleunigung im Nassen war wirklich gut. Seit den Testfahrten hat sich viel getan", lobt Miller.

Miller beherzigt Andreas-Goldberger-Motto: "Pokal oder Spital!"

Der Rossi-Sturz war ihm eine Warnung, hielt ihn aber nicht von der Attacke auf Marc Marquez, der die Führung geerbt hatte, ab. Der Spanier, der erst wenig Widerstand leistete und anschließend nur abwartete, war mit Blick auf die WM-Gesamtwertung nicht gewillt, einen Zweikampf auf Biegen und Brechen einzugehen. "Marc wollte nicht wirklich Tempo machen. Dafür kann man ihm keinen Vorwurf machen", so Miller. Dennoch war Marquez auch als friedfertiger Verfolger eine Gefahr.

Er war omnipräsent. Miller musste sich gar nicht umdrehen, um zu wissen, dass ihm der Superstar im Genick saß: "Ich konnte Marc hören. Wir wissen alle um seine Kämpferqualitäten, aber für ihn geht es um den Titel. Bei mir? Pokal oder Spital, das ist meine Mentalität. Er hat wohl gedacht, ich läge drei Kurven später sowieso auf der Nase." Und eine coole Socke ist der Mann aus Down Under, der ohne Schreckmoment dem Sieg entgegensegelte, sowieso: "Ich war ganz entspannt in den letzten zwei Runden. Den Rest kennt ihr", scherzt Miller mit Journalisten.

Seine Motocross-Vergangenheit wäre ihm bei der Rutschpartie eine Lehre gewesen: "Ich bin wegen meines Beinbruchs lange nicht auf Schotter gefahren. Aber es hilft schon. Wir Australier können das irgendwie immer gut, auch wenn es bei uns nicht oft regnet", erklärt der mehrmalige Landesmeister auf unbefestigter Bahn, der erst im Jahre 2011 komplett auf den Asphalt wechselte.

Miller dankt Honda für Vertrauen: "Sie haben so sehr gezockt"

Jack Millers Erfolg besitzt historischen Charakter: Er war der erste MotoGP-Rennsieg eines privat eingesetzten Motorrads, seitdem Toni Elias 2006 im portugiesischen Estoril auf einer Honda der Gresini-Mannschaft auf Platz eins fuhr. "Es fühlt sich schon gut genug an, zu gewinnen. Mehr geht gerade eh nicht in meinen Kopf", sagt Miller darauf angesprochen. Dazu triumphierte seit Casey Stoner kein Australier mehr in der Königsklasse - vor vier Jahren in Phillip Island, was auch das jüngste Rennen war, bei dem sich nicht Valentino Rossi, Marc Marquez, Jorge Lorenzo oder Dani Pedrosa den größten Pokal holte.

Miller ist der zwölfte Pilot aus Down Under, dem ein MotoGP- respektive 500ccm-Sieg gelingt. Er steht damit in einer Reihe mit Landsleuten wie Mick Doohan oder Wayne Gardner. Doch anders als seine berühmten Vorgänger ging er durch ein Tal der Tränen. "Wenn die Leute jemanden im Kies liegen sehen, dann ziehen sie ihre Schlüsse. Das bringt unser Projekt jetzt wieder auf die Beine", betrachtet Miller den Assen-Sieg als Wendepunkt seiner rasant verlaufenen Karriere.

Er sieht seinen Wechsel aus der Moto3-Klasse, die er 2014 als Gesamtzweiter abschloss, direkt in die MotoGP nun gerechtfertigt. "Ich muss mich bei allen Jungs bedanken, dass sie so sehr gezockt haben", sagt er in Richtung Honda. "Es ist etwas, was sich für sie auszahlt, dass es richtig war. Auch für meine Familie, die vor sechs Jahren nach Europa gekommen ist."

Seine - wie in der Szene immer wieder zu hören ist - wilden Partys wird Miller deshalb nicht ad acta legen. Schon zu Zeiten in der Deutschen Superbike-Meisterschaft (IDM) soll bis zum frühen Montagmorgen kein Auge zugegangen sein. Gut möglich, dass in Assen noch das eine oder andere Kaltgetränk geöffnet wird: "Pläne? Ich habe noch mit niemanden gesprochen. Sorry, da kann ich jetzt echt nichts zu sagen. Aber wann ich abreise, kommt darauf an, wie viel Bier ich trinke."

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