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CART-Anekdoten: Wie Alex Zanardi "The Pass" erlebte

Alex Zanardi schrieb mit einem irren Überholmanöver gegen Bryan Herta IndyCar-Geschichte - Was ihm 1996 auf dem Laguna Seca Raceway durch den Kopf ging

(Motorsport-Total.com) - Jeder erfolgreiche Rennfahrer erweckt im kollektiven Gedächtnis Assoziationen mit bestimmten Rennszenen: Sei es ein spektakuläres Qualifying, ein zauberhafter Sieg bei Regen oder ein völlig waghalsiges Manöver. Alex Zanardi hat sich im Laufe seines Lebens zahlreiche Denkmäler gesetzt. Sein schwerer Unfall jährte sich jüngst zum 15. Mal. Doch in den USA wird er immer mit einer Szene in Verbindung gebracht werden: "The Pass", das legendäre Überholmanöver in der Corkscrew gegen Bryan Herta.

Alessandro Zanardi, 1996

Alex Zanardi versetzte die Welt mit "The Pass" 1996 in Staunen Zoom

Es war 1996 im September - das Ende seiner ersten Saison in der CART-Serie, die in jenem Jahr zum letzten Mal den Namen "IndyCar" tragen durfte. Es war auch das Ende der ersten Saison von Alex Zanardi in Amerika, wo er gerade zu den größten sportlichen Erfolgen seiner Motorsportkarriere ausholte. Nach einem verhaltenen Start in die Saison war in Portland der Knoten geplatzt. Zanardi hatte an der Westküste wie auch in Mid-Ohio gewonnen. (Zu einem Youtube-Video des Manövers)

Auf dem Laguna Seca Raceway stand er das vierte Mal in Folge auf der Pole-Position. Kein anderer Fahrer war in der zweiten Saisonhälfte so stark wie er - nicht einmal sein Teamkollege Jimmy Vasser, der an jenem Tag den Titel einfahren sollte, was aber in der Aufregung um das Manöver beinahe unterging. Neben ihm in der ersten Reihe: Bryan Herta, den Zanardi bei Ganassi beerbt hatte. Der US-Amerikaner stand am Ende seiner dritten Saison unter Druck, schließlich fuhr er noch immer seinem ersten Sieg hinterher, zweimal war er bereits Zweiter. Das Saisonfinale konnte der große Wurf werden.

Führung verloren, Plan geschmiedet

Dazu musste er aber zunächst an Polesetter Zanardi vorbei. Das gelang ihm schon nach wenigen Runden, als die Firestone-Pneus am Ganassi-Reynard anfingen, Blasen zu werfen. Hertas Goodyears kamen mit dem kalifornischen Spätsommer besser zurecht - der Rahal-Pilot ging nach wenigen Runden in Führung. Nach dem ersten Boxenstopp war Zanardi wieder zur Stelle und setzte seinen Rivalen unter Druck. Doch der enge Laguna Seca Raceway ist ein schweres Pflaster, um auf der Strecke zu überholen. Herta behielt die Nerven und hielt dem Druck stand.


Fotostrecke: Karrierestationen von Alex Zanardi

Der Italiener erinnert sich bei 'Spox' noch genau an das Rennen: "Nach dem Reifenwechsel ist das Auto wiederauferstanden. Ich hatte in den letzten Runden einen einzigen Gedanken: Sobald wir die weiße Flagge sehen und in der letzten Runde sind, wird er sich denken, er hätte es geschafft. Er hatte immerhin fast die gesamte Distanz in Führung gelegen. Ich wusste: Dann muss ich zuschlagen." Eine Kaltschnäuzigkeit, die er sich bei Michael Schumacher abgeguckt hatte, der im Jahr zuvor Jean Alesi beim Formel-1-Rennen auf dem Nürburgring den sicher geglaubten Sieg kurz vor Schluss wegschnappte - ebenfalls in einer Schikane.

Herta war auf dem Weg zum ersten Sieg - ein Gefühl, das Zanardi noch aus Portland kannte. "Man denkt daran, wie das Team einen feiern wird, und dass man endlich den Ruhm erhält, den man so lange verfolgt hat", rekapituliert er das, was Herta durch den Kopf gegangen sein muss. "Es war das letzte Saisonrennen, der perfekte Zeitpunkt für seinen allerersten Sieg. Wenn man anfängt so zu denken, wird man unvermeidlich etwas langsamer. Man will das Resultat sichern, bremst früher, lenkt vorsichtiger ein. Man will in der letzten Runde einfach keinen Fehler machen, durch den der Hintermann überholen kann."

Schiefgegangener Plan gebiert Legende

Und tatsächlich bremste Herta die nächsten Kurven ein kleines bisschen früher an als in den Runden zuvor, erinnert sich der heute 50-Jährige weiter. Dadurch ging er in Kurve sechs, die auf die Rahal Straight hin zur Corkscrew führt, volles Risiko: "Ich habe voll draufgehalten und kam so ein bisschen näher an ihn heran, als ich es in den ganzen Runden davor hinbekommen habe. Ich wollte noch näher dran sein, habe mir aber gedacht, dass es reichen müsste."


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Der Angriff war rundenlang geplant, doch bekanntlich kommt alles anders als man denkt. "Ich wollte mein Auto innen reinrollen lassen, um ihn zu überholen", erläutert Zanardi seinen Plan. Nur ist er viel zu spät auf der Bremse und schießt am Einlenkpunkt geradeaus. "Ich rief: 'Oh shit!'", erinnert er sich und lacht. Erst viel zu spät kann er einlenken, nutzt eine zufällig asphaltierte Auslaufzone und verfehlt einen Reifenstapel nur um Zentimeter. Er rutscht mitten auf die Strecke zurück.

Beim Rausbeschleunigen macht Herta, der aufgrund des durchschießenden Zanardis ebenfalls verlangsamen musste, binnen Zehntelsekunden einen taktischen Fehler: Statt außen herum am Italiener vorbeizufahren, versucht er, nach innen zu kreuzen. Dadurch ist der Winkel beim Beschleunigen kleiner, die Hinterreifen können nicht genug Traktion aufbauen. Er hatte wohl befürchtet, Zanardi würde über die komplette Streckenbreite nach links hinaus hoppeln. Zanardi tritt ebenfalls aufs Gas und ist vorbei. Nach der Rainey-Kurve geht Herta genervt von Gas - er weiß, dass er verloren hat.

Revanche glückt zwei Jahre später

Jimmy Vasser

Zanardi Sieger, Vasser Meister: Der Jubel kannte bei Ganassi keine Grenzen Zoom

"Dieses Manöver hat meine gesamte Karriere verändert", bewertet Zanardi den Move, der heutzutage wahrscheinlich in einer Zeitstrafe wegen Missachtens der Track Limits bestraft werden würde. "Den ganzen Winter über befassten sich alle Zeitschriften und Fernsehsendungen mit mir und meinem Überholmanöver." Er gibt zu, dass er "unendlich stolz" auf das Manöver sei: "Wenn man bei Youtube 'The Pass' eingibt, wird mein Überholmanöver gezeigt. Ich hätte mir nie erträumen können, dass mir so was passieren könnte. Ich muss zugeben, dass ich ziemliches Glück hatte."

Zanardi wurde nach dem Manöver zum großen Titelfavoriten für die CART-Saison 1997 auserkoren. Er nutzte den Druck als zusätzliche Motivation. "Von da an war für mich alles ganz einfach", grinst er. Der Rest ist Geschichte: 1997 und 1998 gewinnt er zwei Titel hintereinander, bevor seine Karriere mit dem Formel-1-Engagement bei Williams wieder eine Wendung in die andere Richtung nehmen sollte.

Bryan Hertas Durststrecke ging derweil weiter: Er sollte noch zwei Jahre warten müssen, bis er endlich in die Victory Lane rollen durfte: In einer Neuauflage im Duell gegen Zanardi auf dem Laguna Seca Raceway 1998 ließ er sich nicht überraschen und blockte die Innenbahn erfolgreich ab, um mit 0,3 Sekunden Vorsprung zu gewinnen. Die Revanche war geglückt.

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