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"Viele Kopfschmerzen": Hat Porsche gar keinen LMDh-Vorsprung?

Der Porsche 963 war weit vor den anderen LMDh-Boliden fertig, doch die Einheitskomponenten waren nicht ausgereift - Wo die Hersteller stehen

(Motorsport-Total.com) - Wenn bei den 24 Stunden von Daytona Ende Januar die LMDh-Boliden ihr Wettbewerbsdebüt geben, wird sich vor allem die Frage nach der Zuverlässigkeit der Fahrzeuge stellen. Porsche hat hier nominell einen Vorteil, da der 963 das einzige LMDh-Fahrzeug ist, das beim Rennstart seit mehr als einem Jahr gerollt sein wird. Aber so einfach ist die Situation nicht. Weder Porsche noch die Konkurrenz sehen einen Vorteil für Penske.

Porsche 963 bei Testfahrten in Daytona 2022

Porsche hat mit dem LMDh am meisten getestet, aber gibt es wirklich einen Vorteil? Zoom

Denn Porsche musste im ersten Halbjahr 2022 Pionierarbeit bei allen Systemen leisten, inklusive der Einheitsbauteile. Und hier machte insbesondere das Hybridsystem von Bosch noch bis in die zweite Jahreshälfte hinein große Probleme.

"Wir hatten Probleme mit dem Elektromotor, der MGU von Bosch. Ich möchte nicht mit dem Finger auf Bosch zeigen. Aber das war das Teil, das uns im Sommer viele Kopfschmerzen bereitet hat. Das ist mittlerweile gelöst, aber das war das größte einzelne Problem, das wir hatten", sagt Porsche-Werksmotorsportchef Urs Kuratle.


IMSA GTP 2023: Erste LMDh-Eindrücke aus Daytona

"Ich würde sagen, dass wir der Schneepflug gewesen sind, der viele Probleme aus dem Weg geräumt hat. Als die anderen Hersteller angefangen haben, mit ihren Autos zu testen, hatten wir Zugriff auf mehr Daten und konnten mehr fahren. Als wir allein waren, waren wir in der Tat ziemlich allein."

BMW bedankt sich bei Porsche

Auch BMW erkennt die Pionierarbeit von Porsche an. Maurizio Leschiutta, Projektleiter beim BMW M Hybrid V8, sagt: "Viele Leute werden sagen, dass Porsche einen Vorteil haben werde, weil sie früher angefangen haben. Aber wisst ihr, ich bin froh, dass sie früher angefangen haben. Sie haben sich aller Probleme während des steilsten Teils der Lernkurve angenommen."

"Wir konnten daraus lernen und haben an einem höheren Punkt [der Lernkurve] begonnen. Es war eine äußerst sinnvolle Herangehensweise, dieses Pilotprogramm mit dem Hybrid-Ausrüster zu haben. Porsche war in der besten Position, es zu machen. Deshalb war es logisch. Sie haben viel gelernt, wir haben viel gelernt. Am Ende haben wir dadurch Zeit in unserem Programm gewonnen, deshalb ist BMW sehr glücklich, wie das alles gelaufen ist, und was Porsche uns allen gegeben hat."

Doch selbst mit der Pionierarbeit von Porsche war es für BMW alles andere als einfach. Vom ersten Rollout des M Hybrid V8 bis zum ersten Rennen bleiben lediglich sechs Monate - eine Zeit, in der es eigentlich unmöglich ist, ein modernes Rennauto komplett fertig zu entwickeln.


Porsche 963: Test mit zweitem Auto in Monza

"Auf einer Skala bis 10 stand unsere Lernkurve bei 12 oder 13", scherzt Leschiutta. "Manchmal habe ich das Gefühl, dass wir einen Felsen einen Berg hinaufschieben. Und manchmal rollt er wieder runter! Wir haben uns riesigen Herausforderungen gestellt, vor allem aufgrund des engen Zeitplans."

"In 18 Monaten sind wir von einem weißen Blatt Papier zum ersten Rennen gekommen, das gleich ein 24-Stunden-Rennen ist. Das hat uns allen einen Haufen Arbeit eingebracht. Wir haben unsere GT- und Formel-E-Teams mit einbezogen, weil dieses Programm für BMW M Motorsport Priorität Nummer eins hat."

Cadillac-Rückzieher war möglich

Laura Wontrop Klauser, Motorsport-Chefin von General Motors, betont ebenfalls die herstellerübergreifende Zusammenarbeit: "Dieses Programm hat uns wirklich dazu gebracht, zwischen den Teams, ja sogar zwischen den Herstellern zusammenzuarbeiten. Wir hatten dermaßen enge Zeitpläne, ein brandneues, einheitliches Hybridsystem und ein neues Chassis."


Testfahrten BMW M Hybrid V8 in Barcelona

Die Teilnahme an den 24 Stunden von Daytona war angesichts dessen nicht in Stein gemeißelt: "Hätten wir uns [mit unseren Teams] auf völlig verschiedenen Inseln befunden, hätten wir an den 24 Stunden von Daytona nicht teilnehmen können."

"Wir haben Teile hin und her getauscht, damit die Autos fahren konnten. Wir mussten alle Erfahrungen teilen. Manchmal ist Notwendigkeit das beste Werkzeug, das man haben kann. Denn es hat keine andere Möglichkeit gegeben. Jetzt ernten wir die Früchte der Zusammenarbeit."

"Doch wir haben noch immer einen ganzen Berg zu erklimmen. Maurizio hat Recht mit seiner Einschätzung, dass es sich anfühlt, als würde man einen Felsbrocken einen Berg hochschieben. Aber bei allen Schmerzen versammeln wir uns immer wieder um den Felsen herum. Es ist schön, dass uns andere rechts und links zur Seite stehen, wenn wir versuchen, etwas Unglaubliches zu bewerkstelligen."

Die Zusammenarbeit besteht auch weiterhin, wie Kuratle ausführt: "Wir gehen immer noch offen miteinander abseits der Strecke um. Die Themen sind nicht mehr ganz so groß. Jetzt geht es ans Performance-Testen, da würden wir ohnehin keine ehrlichen Antworten von den anderen bekommen. Und genauso andersrum!"

Zuverlässigkeit 2023 wichtiger als Speed

Doch wie standfest sind die Boliden wirklich? Mittlerweile wurden bei Testfahrten alle Temperaturen von 0 bis knapp 40 Grad Celsius abgedeckt. Die ersten 30-Stunden-Tests sind im Kasten - teils auf brutalen Strecken wie Sebring. Doch zu allen Problemen beim Zeitplan kamen die Schwierigkeiten mit den Lieferketten, die für zusätzliche Kopfschmerzen sorgten.


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Jonathan "JD" Diuguid, Chef von Porsche Penske Motorsport, bleibt vorsichtig: "Selbst wenn Teams mit einem Auto schon mehrere 24-Stunden-Rennen absolviert haben - wenn man sie fragt, wie wohl sie sich fühlen, wenn sie nach Daytona oder Le Mans gehen, werden sie immer sagen: 'Nichts ist garantiert.' Selbst mit doppelt so vielen Kilometern würde ich dieselbe Antwort geben."

"Es gibt immer Unsicherheiten. Deshalb machen wir das ja. Wir haben jedenfalls viel Anstrengung und Kilometer investiert, um all die Probleme auszusortieren, die auftauchen können. Wir vertrauen auf unsere Arbeit bis hierhin, aber das heißt nicht, dass wir keine Probleme haben werden."

"Ich glaube nicht, dass in Daytona das schnellste Auto gewinnen wird. Es wird das Team sein, das mit einem zuverlässigen Auto den besten Job macht. Nach ein paar Rennen wird es vielleicht mehr in die Richtung gehen [dass das schnellste Auto gewinnt], aber wir müssen den Datenstock erst noch aufbauen, um die richtigen Entscheidungen zu treffen."

Kuratle ergänzt: "Die Wahrheit liegt in Daytona. Erstmal muss man durchkommen. Wir sitzen alle im selben Boot mit diesen neuen Autos. Derjenige, der durchkommt und keine großen Probleme dabei hat, wird ganz vorne sein."

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