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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Sebastian Vettel

Warum der Druck auf Sebastian Vettel größer wird und sein Teamchef ein Symptom dafür ist, das erklärt Chefredakteur Christian Nimmervoll in seiner Kolumne

Sebastian Vettel und Otmar Szafnauer

Sebastian Vettel hatte sich seinen Einstand bei Aston anders vorgestellt Zoom

Liebe Leser/-innen,

nach eineinhalb (völlig verkorksten) Testtagen und vier Rennwochenenden hat Sebastian Vettel jetzt endlich ungefähr so viele Runden im Aston Martin beisammen, wie er sie in der Vergangenheit schon nach den Wintertests gefahren hatte. Das allein ist Grund genug, mit ihm (und allen anderen, die das Team gewechselt haben) noch ein bisschen gnädig zu sein.

Aber die Formel 1 ist von Natur aus ein gnadenloses Business, und wenn ein viermaliger Weltmeister gegen einen, der von vielen Fans (zu Unrecht!) als Paydriver wahrgenommen wird, mit 1:3 Qualifyings und 0:5 Punkte im Hintertreffen liegt, dann wird der Druck fast unweigerlich zunehmen.

Dabei hatte Barcelona für Seb so ermutigend begonnen. Nach exakt 29 Minuten und 58 Sekunden setzte er sich am Freitagmorgen an die Spitze des Klassements, und blieb dort für immerhin 2:29 Minuten.

Das war nicht etwa ein Zufallstreffer, weil sonst noch keiner eine schnelle Runde gefahren war. Nein, Vettel war zu dem Zeitpunkt auf den gleichen Reifen um 0,7 Sekunden schneller als Fernando Alonso im hochgelobten Alpine, um nur ein Beispiel zu nennen. Selbst Lewis Hamilton hatte schon Softs aufgezogen und lag 0,4 Sekunden hinter Vettel.


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Weil andere Piloten ihre beste FT1-Runde später in der Session fuhren, als die Strecke immer griffiger und damit schneller wurde, fiel Vettel bis zum Ende noch auf den achten Platz zurück. Aber auf die Bestzeit von Valtteri Bottas fehlten gerade mal 0,7 Sekunden, und Teamkollege Lance Stroll hatte er um immerhin zwei Zehntelsekunden abgehängt.

In Barcelona gleiche Update-Spec wie Stroll am Auto

Das war vor allem deshalb eine gute Nachricht, weil Vettel sofort liefern konnte, als er zum ersten Mal die gleichen Updates wie Stroll am Auto hatte. Unterboden und Diffusor waren in Barcelona neu am "Honey Ryder" - um nach und nach jenes Defizit zu kompensieren, das Aston Martin wegen der Regeländerung im Unterbodenbereich wegen des "Low-Rake"-Konzepts aufgerissen hat, wie Teamchef Otmar Szafnauer sagt.

Aber ausgerechnet im Qualifying (auf einer Strecke wie Barcelona die halbe Miete) war Vettel dann erstmals spürbar langsamer als Stroll, und so reichte es nur für den 13. Startplatz. Damit war sein Rennen in Wahrheit definiert, denn dass der Circuit de Barcelona-Catalunya kaum Überholmanöver zulässt, das musste gestern nicht nur Vettel frustriert feststellen.

Der wahre Speed des Aston Martin, davon bin ich überzeugt, ist weit besser als das, was wir bisher gesehen haben. Er blitzt manchmal schon in Ansätzen durch. Aber die Formel 1 ist ein ungeduldiges Geschäft geworden. Es ist jetzt langsam an der Zeit, dass Seb Ergebnisse liefert. Vier Rennen ohne Punkte, das ist sicher nicht, wie er sich den Teamwechsel vorgestellt hatte.

Sicher, dass 2021 nicht einfach werden würde, das war von Anfang an klar. Vettel und Aston Martin, das ist keine Liebe auf den ersten Blick, sondern ein Langzeitprojekt, das zusammenwachsen muss. In Silverstone wird gerade die Fabrik saniert und erweitert, und die Ingenieure müssen erstmal damit zurechtkommen, dass sie jetzt viel mehr Möglichkeiten haben als früher, als das Team noch ums Überleben kämpfte. Das klingt absurd, erfordert aber eine ganz andere Denkweise.

Bei der Sache mit dem Anstellwinkel, die Szafnauer gebetsmühlenartig als Grund für die schlechten Leistungen vorträgt, bei der schwingt immer ein bisschen der Touch von billiger Ausrede mit. Mercedes hatte genau die gleichen Probleme, und Toto Wolff sagt mir, dass es keine besonders ressourcenintensive Übung war, diese in den Griff zu bekommen. Hamilton hat trotz des schlechten Starts in den Testwinter drei der ersten vier Rennen gewonnen. Noch Fragen, Otmar?


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Es wäre smart, zuerst vor der eigenen Haustür zu kehren und selbstkritisch und demütig an den offensichtlichen Schwächen zu arbeiten anstatt mit dem Finger auf die FIA und die Formel 1 zu zeigen. Aber vielleicht hat das etwas damit zu tun, dass Szafnauer den Druck seines mächtigen Chefs langsam zu spüren bekommt?

In Silverstone weht jetzt ein anderer Wind

Als das Team noch Force India hieß und Vijay Mallya der Eigentümer war, da war die Truppe aus Silverstone ein motivierter und zusammengeschweißter Haufen; zwar stets mit der Angst lebend, dass die aktuelle Saison die letzte sein könnte, aber die chronischen Geldsorgen haben das Team irgendwie auch zusammengeschweißt und so besonders gemacht.

Force India war ein familiärer Haufen mit einer menschenfreundlichen Führung, die weniger von Mallya ausging als vielmehr von Szafnauer und Mallyas rechter Hand Robert Fernley.

Jetzt hat Lawrence Stroll das Sagen, und der hat von der langen Leine, die Szafnauer früher hatte, gleich mal ein ganzes Stück abgeschnitten. Wer die dritte Staffel der Netflix-Doku "Drive to Survive" gesehen hat, der weiß, dass Stroll keine halben Sachen macht. Bei einem Typen wie dem Kanadier lieferst du entweder ab - oder du suchst dir einen neuen Job.

Szafnauer zu unterstellen, dass er sich in dieser neuen Atmosphäre nicht wohlfühlt, wäre unfair. Dafür weiß ich zu wenig über die Hintergründe der täglichen Arbeit bei Aston Martin. Übrigens auch, weil wir Journalisten uns im Paddock noch immer nicht frei bewegen dürfen (und ich es daher vorziehe, gleich im Büro zu bleiben, denn an diversen Online-Pressekonferenzen kann ich auch vom Schreibtisch aus teilnehmen).

Lawrence Stroll

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Aber es ist schon auffällig, dass Szafnauer viel von seiner früheren Unbeschwertheit verloren hat, zumindest in der Außendarstellung. Dass er sich nach dem Rennen 15 bis 30 Minuten für uns schreibende Journalisten Zeit nimmt, um ganz locker über das vergangene Wochenende und seine Sicht auf die politischen Hintergründe der Formel 1 zu plaudern, das ist selten geworden in letzter Zeit.

Und wenn er den Kollegen von Sky eines von vielen Fünf-Minuten-Interviews vor der Kamera gibt, wirkt er manchmal ebenso verkrampft und kurz angebunden wie bei den Liveschalten vom Kommandostand, die ihn spürbar viel mehr nerven als früher.

Szafnauer: Wollte er Perez wirklich rausschmeißen?

Angefangen hat das nicht erst letzte Nacht, sondern schon letzten Sommer, als Stroll sen. entschieden hat, dass einer wie Vettel eine gute Idee für eine Marke wie Aston Martin wäre und Szafnauer "Checo" Perez doch bitte trotz eines bestehenden Vertrags rausschmeißen soll.

Szafnauer muss das Herz dabei geblutet haben, ausgerechnet jenen Fahrer zu kündigen, der 2018 maßgeblich dabei mitgeholfen hat, das damals arg gebeutelte Team, den eingeschworenen Haufen guter Jungs aus Silverstone, überhaupt zu retten. Ohne Perez' Insolvenzantrag hätte auch Stroll niemals bei Force India einsteigen und sich den Traum vom eigenen Formel-1-Team verwirklichen können.

Perez dafür mit dem "Rausschmiss" zu danken, das entspricht nicht den Wertvorstellungen, für die Szafnauer steht. Und auch bei der "Low-Rake"-Diskussion und der scharfen Kritik an der FIA und der Formel 1 hatte man nicht das Gefühl, als würde Szafnauer selbst sich um Kopf und Kragen reden; sondern es wirkte immer ein bisschen so, als fühle er sich furchtbar unwohl dabei, als ferngesteuerte Marionette die Meinung seines Chefs verkaufen zu müssen, von der er selbst ganz genau weiß, dass sie kompletter Unsinn ist.

Es bleibt Vettel zu wünschen, dass bei Aston Martin wieder jener Spirit einkehrt, der das Team in den vergangenen zehn Jahren so erfolgreich gemacht hat. Denn mit gleich viel oder sogar weniger Geld als andere einen besseren Job zu machen, das ist eine Disziplin, die haben Szafnauer und seine Jungs immer ganz hervorragend beherrscht.

Vielleicht wäre Seb wirklich besser beraten gewesen, auf seinen alten Freund Helmut Marko zu hören, der ihm für 2021 eine Auszeit ans Herz gelegt und ihn für 2022 mit Sicherheit dabei unterstützt hätte, wieder ein Cockpit zu finden.


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Vielleicht ja sogar noch einmal bei Red Bull? Pierre Gasly wird dort keine zweite Chance bekommen. Für Yuki Tsunoda kommt Red Bull Racing noch zu früh. Und Alexander Albon hat sich 2020 selbst aus der Verlosung genommen. Es hätte mit einem frischen Mindset eine emotionale Abschiedstournee werden können, und zum Ende der Karriere hätte sich der Kreis geschlossen.

Ist aber nicht so. Seb hat die Seiten gewechselt, sich gegen Marko und für Stroll/Wolff entschieden. Mal sehen, ob das auf lange Sicht richtig war.

Ich wünsche es ihm.

Noch zwei Hinweise in eigener Sache. Erstens: Mein Kollege Stefan Ehlen hat sich in der Schwesterkolumne "Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat" auf Motorsport.com mit Toto Wolff auseinandergesetzt. Und zweitens: Um 19:00 Uhr begründen wir die Gedankengänge hinter unseren Kolumnen und beantworten Fragen zum Rennen in Barcelona im Formel-1-Livestream auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de (Jetzt abonnieren!).

Ihr

Christian Nimmervoll

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