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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Charles Leclerc

Warum an Charles Leclercs Talent kein Zweifel besteht, er den Ruf als "Reifenfresser" der Formel 1 aber schleunigst ablegen sollte und wie das gehen könnte

Charles Leclerc (Ferrari) beim Grand Prix von Frankreich in Le Castellet (Circuit Paul Ricard) 2021 (Fotomontage)

Charles Leclerc befindet sich gerade in einer schwierigen Phase seiner Formel-1-Karriere Zoom

Liebe Leser/-innen,

es muss irgendwann im Januar 2019 gewesen sein, da saß ich (unter anderem) mit Josef Leberer im wunderschönen ZillerSeasons in Tirol zum Abendessen und auf ein paar Gläser Wein. Leberer, das ist der fast schon legendäre Physiotherapeut von Ayrton Senna, der bis heute für Sauber in der Formel 1 arbeitet und (zumindest mit Journalisten, wenn sie ein Diktiergerät dabei haben) weder besonders viel noch besonders gern redet (ohne Diktiergerät sieht die Sache ganz anders aus).

Charles Leclerc hatte gerade seine erste Saison in der Formel 1 hinter sich (im Sauber-Team) und war von Ferrari im September als neuer Teamkollege für Sebastian Vettel bestätigt worden. Zwar hatte er 2018 nach einem holprigen Saisonstart ein paar beeindruckende Visitenkarten hinterlassen, doch dass er 2019 so einschlagen würde, wie er das im Nachhinein betrachtet getan hat, davon ist im Januar jenes Jahres noch kaum jemand ausgegangen.

So beschreibt ein ehemaliger Weggefährte Leclercs Talent

Leberer schon. "Pass auf, Christian", höre ich ihn noch sagen. "Ich sag' dir, der gewinnt gleich das erste Rennen." Ich war neugierig geworden. Ob dieser Leclerc denn das gewisse Extra habe, etwas, was sonst nur die ganz Großen wie Senna und Prost (Leberer hat mit beiden gearbeitet) mitbringen. Ich sehe immer noch vor mir, wie "Joe" mit leuchtenden Augen davon erzählt, was diesen Leclerc so besonders macht und wie schmerzresistent und fokussiert er ist, wenn es ums Arbeiten geht.

Und wie er 2018 ab Baku plötzlich den Schalter umlegen konnte, weil er in den ersten paar Rennen zu stur war, um auf die Ingenieure zu hören, und deren Ratschläge dann endlich doch annahm, weil es nicht in sein Weltbild passte, nicht sofort zu den Besten zu gehören, selbst in der Königsklasse Formel 1. Und siehe da, plötzlich ging was beim jungen Monegassen. Eine Lektion, einmal gelernt, die seine Karriere bis heute prägt.

Josef Leberer und Charles Leclerc (Sauber) beim Grand Prix von Russland in Sotschi 2018

Josef Leberer und Charles Leclerc beim Grand Prix von Russland in Sotschi 2018 Zoom

"Joe" sollte mit seiner Prognose, dass Leclerc selbst Vettel von Anfang an das Leben schwer machen wird, nicht nur Recht behalten, sondern Leclerc schlug Vettel gleich im ersten gemeinsamen Jahr (auf beide Jahre gesehen ganz klar mit 362:273 Punkten) und stieg in der Betrachtung der meisten "Möchtegern-Experten", wie ich selbst wahrscheinlich auch einer bin, zum nächsten großen Ding in der Formel 1 auf.

Die Frage war plötzlich nicht mehr ob, sondern nur noch wann Leclerc Formel-1-Weltmeister wird, schließlich bringt er neben dem nötigen Können am Lenkrad und dem wahrscheinlich finanzstärksten Team auch noch ein starkes politisches Umfeld mit (mit Manager Nicholas Todt, dem Sohn von FIA-Präsident Jean Todt, und einer ausgeprägten Verwurzelung in der Ferrari-Familie, in die er schon 2016 als Junior aufgenommen wurde).

Kann Leclerc den Vorschusslorbeeren gerecht werden?

Hamilton, Verstappen, Leclerc: Diese drei Fahrer werden meistens genannt, wenn jemand wissen möchte, wer denn aktuell die besten Fahrer in der Formel 1 sind. Doch während die ersten beiden um die WM kämpfen, fährt Leclerc hinterher. In Le Castellet besonders krass: Nach Platz 16 mit einer Runde Rückstand kann einer mit seinem Selbstverständnis nicht gut geschlafen haben.

Ferrari, das weiß man, hat Ende 2019 irgendwie den Anschluss an die Spitze der Formel 1 verloren. Ob es zum bis heute äußerst intransparent gehandhabten FIA-Ferrari-Motorendeal einen kausalen Zusammenhang gibt, darüber wird in der Branche immer noch gestritten. Aber das tut auch nichts zur Sache. Dass man sein Image auch mit einem mäßig konkurrenzfähigen Auto aufpolieren kann, hat Leclerc 2020 an Vettels Seite bewiesen.


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Aber 2021 ist anders. Der Goldjunge von Mattia Binotto ist jetzt kein Anfänger mehr, der an der Seite eines viermaligen Weltmeisters in Wahrheit nur gut aussehen kann, sondern ein hochbezahlter Rennprofi mit einem Vertrag bis Ende 2024. So einen langfristigen Deal hat die Scuderia aus Maranello nicht einmal für Niki Lauda oder Michael Schumacher am Höhepunkt ihrer jeweiligen Karrieren gemacht.

Aber der Vertrag lässt nicht nur Leclercs Bankkonto, sondern auch die Erwartungshaltung steigen, und da schickt es sich ganz und gar nicht, gegen den eigenen Teamkollegen zu verlieren. Carlos Sainz nimmt's aber völlig unbekümmert mit Leclerc auf und beweist, dass auch das Wunderkind aus Monaco letztendlich nur mit Wasser kocht. Zwar steht's im Qualifyingduell immer noch 5:2 für Leclerc, nach Punkten (52:42) geht's zwischen den beiden aber ziemlich knapp zu.

"Reifenfresser": Das kann Sainz besser als Leclerc

Sainz ist der einzige Teamwechsler 2020/21, der auf Anhieb auf Augenhöhe mit seinem Teamkollegen mithalten kann. Weil er so gut ist oder Leclerc so schlecht? In Le Castellet war es wohl eine Mischung aus beidem. Sainz kam als Elfter immerhin noch in der gleichen Runde wie Sieger Max Verstappen ins Ziel. Leclerc brauchte einen Boxenstopp mehr und büßte auf 53 Runden gesehen 22 Sekunden auf seinen Teamkollegen ein. Zu viel.

Keiner anderer Fahrer verbrennt aktuell seine Reifen so schnell wie Leclerc, und dass der Ferrari SF21 auch nicht gerade ein "Reifenflüsterer" ist, das macht die Lage auf Strecken, wie Le Castellet eine ist, besonders dramatisch. Zumindest im Rennen. Im Qualifying kann die Gabe, schnell Hitze in die Reifen zu bekommen, auch vorteilhaft sein. Das haben die sensationellen Polepositions in Monaco und Baku bewiesen.

Nur damit wir uns nicht falsch verstehen: Leclerc hat nicht plötzlich sein Talent an der Garderobe abgegeben und auch nicht verlernt, wie man ein Formel-1-Auto schnell bewegt. Aber mit dem extrem spitzen Zuschnitt des aktuellen Ferrari, was die Reifen mit ihrem schmalen Betriebsfenster betrifft, kommt er nicht so gut zurecht wie Sainz, der, so meint zumindest unser Experte Marc Surer, als Sohn einer Rallyelegende eine gewisse Anpassungsfähigkeit in denen Genen trägt.

Ich bin felsenfest davon überzeugt: Wenn Ferrari 2022 unter dem dann neuen Reglement wieder ein Auto hinstellt, mit dem man Grands Prix gewinnen kann, wird auch Leclerc über sich hinauswachsen und selbst einen profilierten Könner wie Sainz langfristig zum Statisten degradieren. Aber auf dem Weg dahin hat der 23-Jährige noch die eine oder andere Hürde zu überwinden.

Druck bei Ferrari kann zur Belastung werden

Er ist jetzt Teamleader bei Ferrari, dem traditionsreichsten Team der Formel 1, und er wird auch von den manchmal gnadenlosen italienischen Medien nicht mehr als der junge und unbekümmerte Charles wahrgenommen, dem man gar nicht böse sein kann, auch wenn er sein Auto mal in die Mauer setzt (Baku-Qualifying 2019). Er ist jetzt Seigneur Leclerc, von dem erwartet wird, dass er den ersten Fahrer-WM-Titel seit Kimi Räikkönen 2007 nach Maranello holt.

Vielleicht muss sich Leclerc von genau diesem Druck mental befreien und einen Schritt zurückmachen, um sein außergewöhnliches Talent auch unter schwierigen Rahmenbedingungen unter Beweis zu stellen. Vielleicht sollte er probieren, die Siege nicht aus dem Ferrari rauszuprügeln, sondern das "springende Pferd" behutsam zu streicheln, und vielleicht sollte er sich ein bisschen mehr von seinen Ingenieuren sagen lassen.

So wie 2018, als er noch keine Ahnung davon hatte, wie der Hase in der Formel 1 so läuft, sich von Beat Zehnder und dessen Team die Welt erklären ließ und innerhalb eines einzigen Wochenendes plötzlich von Zero auf Hero umschaltete.

Es war eine prägende Zeit für den weiteren Verlauf seiner Karriere. Jetzt gerade steht er wieder an so einem Punkt.

Ihr

Christian Nimmervoll

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P.P.S.: Mein Kollege Stefan Ehlen hat sich in der Schwesterkolumne "Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat" auf Motorsport.com mit McLaren-Teamchef Andreas Seidl auseinandergesetzt. Warum, das kannst Du hier nachlesen!

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