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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Ein Schreiber aus der alten Formel 1 nörgelt über die Pannen der virtuellen: So lief der erste Auftritt der Sim-Racer auf der großen Bühne der Königsklasse

Liebe Leser,

Lando Norris

Crashes wie dieser bedeuten in der virtuellen Formel 1 keinen Ausfall Zoom

das war er also, der erste virtuelle Grand Prix der Formel 1. Sky und ORF haben am Sonntagabend ab 21:00 Uhr live übertragen, und natürlich waren auch wir via Live-Ticker dabei. Gespannt habe ich mir den Event reingetan. Zugegeben ausgestattet mit einer grundsätzlich skeptischen Haltung. Aber man will sich in Zeiten wie diesen etwas Neuem auch nicht komplett verschließen. Virtuelles Racing ist besser als gar kein Racing, oder?

Nun, da bin ich mir jetzt ehrlich gesagt nicht mehr so sicher.

Das, was die Formel 1 (und damit meine ich den Laden von Rechteinhaber Liberty Media) da auf die Beine gestellt hat, war ehrlich gesagt eine ziemlich peinliche Veranstaltung. Professionell aufgezogen, ja, aber unterm Strich peinlich.

Es ist für mich kein Rennsport, wenn sich ein Philipp Eng (der DTM-Fahrer stand im Red Bull übrigens auf Pole-Position) mit einem brutalen Manöver in Führung rempeln kann, ohne dass er dafür die geringste Strafe kassiert. Hätte er so ein Manöver im echten Leben fabriziert, wäre mindestens der Frontflügel weg oder die Radaufhängung kaputt gewesen. Und das war nur eins von vielen Beispielen.

Fahrhilfen eingeschaltet, wie bitte?

Irritierend fand ich auch die Interview-Schaltung mit Nico Hülkenberg zwischen Qualifying und Rennen. Der Formel-1-Rentner erzählte dabei, dass er auf seinem Computer die Fahrhilfen gar nicht abgeschaltet hat, sondern mit moderat eingestellter Traktionskontrolle fährt. Wie bitte, das darf man?

Jetzt bin ich wahrlich kein Sim-Racing-Experte, und ich möchte mich auch gar nicht als einer aufplustern. Ganz ehrlich, ich habe davon keine Ahnung! Aber dass ein Wettbewerb, der sich selbst als halbwegs professioneller E-Sport nach außen verkauft, quasi im Arcade-Modus daherkommen darf, das verwundert mich dann schon ein bisschen.

Den Vogel abgeschossen haben aber die Ereignisse rund um den heimlichen Sim-Superstar unter den echten Formel-1-Profis, Lando Norris. Der McLaren-Fahrer berichtete in der (hochgradig unterhaltsamen!) Live-Übertragung auf seinem Twitch-Kanal, dass er aus dem Spiel geworfen wurde. Das liege nicht an seinem Computer, sondern an der Plattform (übrigens F1 2019 von Entwickler Codemasters). (Sponsored Link: F1 2019 für langweilige Quarantäne-Tage jetzt online bestellen!)


#NotTheBahGP: Re-Live des virtuellen F1-Rennens (Lauf 1)

Der Laie würde meinen, dass das dann unter technischer Defekt fällt, wie ein Motorschaden oder ein kaputtes Getriebe im echten Leben. Aber weit gefehlt: Norris' McLaren wurde stattdessen einfach vom Computer gesteuert, was zu einer rasanten Aufholjagd führte, die ihn bis auf den zweiten Platz nach vorne spülte. Erst als Norris dann wieder selbst fahren konnte, fiel er im Klassement auf P5 zurück.

Geboten wurden auch ein paar wirklich unterhaltsame Positionskämpfe, die aber leider unter dem Eindruck standen, dass die Autos nach Crashs, bei denen man sich im echten Leben Sorgen um die Gesundheit der Fahrer machen würde, noch relativ mühelos über die Ziellinie rollten.

Mit echtem Racing hatte das, was die Formel 1 da veranstaltet hat, also nichts, aber auch wirklich gar nichts zu tun. Für alte Nörgler wie mich, die schon vorher skeptisch waren, hat sich der Eindruck verfestigt: Das ist kein Sport, der da betrieben wird - sondern das sind ein paar (teilweise gut damit verdienende) Kids, die in ihren Kinderzimmern Computer spielen.

So haben mich Twitter-User belehrt - teilweise zurecht!

Dass die E-Sport-Szene aber ein bemerkenswertes Following hat, steht außer Frage. Das bekam ich auf Twitter zu spüren, wo sich gegen meinen kritischen Kommentar in unserem Live-Ticker direkt Widerstand regte.

"Sehr schade, dass ihr das so negativ rückt", schreibt etwa ein User. "Warum nicht einen erfahrenen Sim-Racer ins Team holen für diese Serie? Man merkt leider, dass euch wirklich die Erfahrung, aber vor allen Dingen auch die Toleranz fehlt. Gerade Letzteres ist in dieser Zeit so wichtig!"


#NotTheBahGP: Re-Live des virtuellen F1-Rennens (Lauf 2)

Und ein anderer schreibt: "Typisch deutscher Journalismus, den Kachelmann gerne mit Schmierlappen vergleicht: Wahrscheinlich gerade zum ersten Mal einen E-Sport-Stream verfolgt, aber Hauptsache mal dummes Zeug verbreiten."

Stimmt, war mein erster E-Sport-Stream. Und gerade deswegen sollte die "Rennserie", wenn sie sich wirklich ernst nimmt, auf User wie mich abzielen. Wenn sie rein die Computernerds ins Visier nimmt, wird sie in den nächsten Jahren nicht wesentlich wachsen. Sondern die virtuelle Formel 1 muss die Fans der echten Formel 1 begeistern, um eine Chance zu haben, ein ernstzunehmendes Thema zu werden.

Noch ist sie das nicht. Auch nicht in Sachen Reichweite. Den YouTube-Stream verfolgten im Durchschnitt gut 160.000 Zuschauer. Das mag für E-Sport richtig, richtig viel sein - im größeren Kontext ist es gar nichts. Die echten Formel-1-Rennen sehen über 100 Millionen Menschen auf der ganzen Welt. Wir bewegen uns hier also im Promillebereich.

Wobei ich ein Argument eines anderen Users durchaus gelten lasse: "Die Leute müssen sich auch hier erstmal eingrooven. Wenn wirklich alle 20 Fahrer dabei wären, dann wäre die Zuschauerzahl auch viel höher. Für das jetzige Set-up finde ich 160.000 schon gut."

Reichweite im Vergleich zu echten Rennen vernichtend gering

Zumal dazu ja auch noch die Reichweite von anderen Kanälen kommt, die nicht transparent sofort zu sehen war. Etwa die Zuschauer auf Sky und ORF (vermutlich überschaubar), das Engagement auf Social Media (auf den ersten Blick beachtlich), andere Channels wie jener von Lando Norris auf Twitch (mehr als 100.000) und auch konservative Medien wie unseres (unser Live-Ticker hat richtig gebrummt).

Also: Ja, ein Anfang ist gemacht, und das Thema hat sicher großes Potenzial. Aber so, wie es die Formel 1 selbst veranstaltet hat, war das ehrlich gesagt eine ziemlich peinliche Nummer, die mich stark an mein eigenes Computerspielen vor mehr als 20 Jahren erinnert, als ich mit meinem Kumpel in dessen Kellerzimmer stundenlang mit PC-Tastatur Grand Prix 2 fuhr (Sponsored Link: Grand Prix 2 fürs Retro-Gaming jetzt online bestellen!). Abwechselnd mal echt, mal computergesteuert gegeneinander, weil man ja damals noch kein Internet hatte.


Re-Live: Virtueller GP Bahrain der F1 (auf YouTube schauen)

Wie man das Thema E-Sport professionell und respektabel angehen kann, hat Jean-Eric Vergne mit seinem Doppelrennen bewiesen, das vor dem "offiziellen" Grand Prix ausgetragen wurde. Unter dem Hashtag #NotTheBahGP hat Vergnes Firma Veloce Esports in Zusammenarbeit mit Motorsport Games einen virtuellen Event auf die Beine gestellt, den man schon eher ernstnehmen konnte als die anschließende Liberty-Nummer.

Im Sinne der Transparenz muss ich darauf hinweisen, dass ich bei diesem Thema voreingenommen bin (sein könnte). Motorsport Games ist ein Schwesterunternehmen dieser Plattform, und die Verschwörungstheoretiker unter unseren Lesern werden mir sicher reflexartig unterstellen, dass ich den einen Event schlecht- und den anderen schönrede aus in erster Linie kommerziellen Interessen.

Dem halte ich dagegen: Machen Sie sich selbst ein Bild und schauen Sie die Replays vom Liberty- und vom Veloce-Event. Danach sollte jede Diskussion darüber überflüssig sein.

Auf Twitter habe ich gestern Abend einem User geantwortet: "Wenn Sie meinen Ticker gelesen haben, finden Sie darin Formulierungen wie 'ein Anfang ist gemacht' und 'gewisser Charme'. Trotzdem muss man den Event nicht nur bejubeln. Man darf auch kritisieren, was schlecht war."

Coronavirus: Formel 1 lässt jedes Feingefühl vermissen

Diese Kolumne kritisiert den virtuellen Grand Prix der offiziellen Formel 1. Und dazu stehe ich auch. Meine Twitter-Antwort fasst das Thema eigentlich gut zusammen.

Virtueller Grand Prix von Bahrain: Moderatoren im Studio

Derzeit keine gute Idee: Vier Moderatoren auf engem Raum in einem TV-Studio Zoom

Übrigens: Dass man in Zeiten der Coronavirus-Pandemie mit Ansteckungsgefahr und sozialer Isolation virtuelle Autorennen veranstaltet, finde ich eine supersmarte Idee. Dass man den Event begleitet mit vier Moderatoren, die man auf engstem Raum in ein TV-Studio zusammenpfercht, ist vielleicht etwas weniger vorbildlich.

Das wäre fast so dumm, als würde man eine Großveranstaltung mit einer Pressekonferenz im Freien absagen, dabei aber drauf pfeifen, dass sich die Journalisten und Kamerateams in einer Menschentraube drängeln, und auch noch ein Mikrofon zwischen den Teilnehmern hin- und hergeben.

Manche Kommunikationspannen muss man nicht erst zu Gags umschreiben. Manche könnte man direkt für die "heute-show" an Oliver Welke schicken.

Ach ja, und noch was: Es ist ja nicht so, dass mich der Reiz des virtuellen Racing komplett kalt lassen würde. Formel 1 hat im Vergleich zu anderen E-Sportarten einen großen Vorteil: Während Fußball auf dem Computer sehr wenig mit echtem Fußball zu tun hat, sind die Bewegungsabläufe in einem Motorsport-Simulator denen in der Realität sehr nahe (ich weiß, die Fliehkräfte und Belastungen nicht).

Sollte also jemand aus der Industrie auf die Idee kommen, mir einen Simulator ins Büro zu stellen, um mich davon zu überzeugen, dass Sim-Racing doch eine wirklich klasse Sache ist - in der Hinsicht bin ich bestechlich ...

Spaß beiseite: Bin ich nicht. Aber bei aller Nörgelei muss ich zugeben: Ich würde das schon gern mal ernsthaft ausprobieren. Nicht nur schnell im Vorbeigehen - dazu hatte ich schon oft die Gelegenheit in diesem Beruf. Sondern auch mal über einen längeren Zeitraum.

Das selbst mich als Nörgler das reizt, beweist nur, dass das Potenzial für Wachstum da ist.

Das Fazit lautet: Ein Anfang ist gemacht. Die virtuelle Formel 1 hatte ihren ersten wirklich großen Auftritt. Da gibt's noch jede Menge zu verbessern. Ein bisschen was war aber auch schon ganz gut. Darauf müssen die Herren Macher jetzt aufbauen. Und schnell besser werden. Sehr schnell ...

Ihr

Christian Nimmervoll

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