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TV-Grafiken in der Formel 1: "Nicht spoilern, sondern Spannung erzeugen"

Die Formel-1-Fans an den Bildschirmen werden heutzutage mit so vielen Daten wie noch nie versorgt - Doch der Informationsfluss hin zum Zuschauer birgt Gefahren

(Motorsport-Total.com) - Nie standen den Formel-1-Fans mehr Informationen zur Verfügung, um das Geschehen an Grand-Prix-Wochenenden live zu verfolgen. Noch vor einigen Jahren gab es höchstens ein paar Grafiken mit den Rennpositionen, dem Abstand zwischen den Führenden und einer groben Schätzung der Dauer der Boxenstopps.

Formel 1

Die Formel 1 versorgt Konsumenten heute mit einer großen Menge von Daten Zoom

Heutzutage ist die Technologie so weit fortgeschritten, dass es kaum ein Ende der Statistiken und Daten gibt, die regelmäßig auf dem Bildschirm erscheinen. Dank der Zusammenarbeit mit Amazon Web Services (AWS) erhalten wir Duellprognosen, Strategievorhersagen, Leistungswerte der Autos, Kurvenanalysen und Daten zur Reifenleistung.

Aber all diese zusätzlichen Informationen sind nicht ohne Kritik geblieben. Einige haben die Stabilität der Daten infrage gestellt, wobei vor allem die Grafiken zur Reifenleistung vor einigen Jahren für Aufsehen sorgten.

Darüber hinaus gab es einige Diskussionen darüber, ob der Unterhaltungsfaktor beim Verfolgen von Formel-1-Rennen durch Grafiken ruiniert wird, die vorhersagen, wann Überholmanöver stattfinden werden und wie deren Erfolgschancen liegen.

Denn je genauer die Grafiken vorhersagen, was passiert, desto mehr nimmt das vom Spektakel weg. Und wenn die Grafiken nicht genau sind, welchen Wert haben sie dann?

Rob Smedley: So genau sind die Formel-1-Grafiken

Die Formel 1 ist sich solcher Konflikte wohl bewusst und weiß, dass sie es nie allen Leuten immer recht machen kann. Der hoch angesehene Ingenieur Rob Smedley, Formel-1-Direktor für Datensysteme, der maßgeblich an der Entwicklung der Grafiken mitgewirkt hat, ist sich jedoch sicher, dass das Datenmodell sehr gut funktioniert und dass die Daten genauer sind, als viele annehmen.

Das wurde ihm in der frühen Phase der AWS-Grafik deutlich vor Augen geführt. Zu dieser Zeit hatten viele Fans einige der Informationen abgetan, aber die Formel-1-Ingenieure waren beeindruckt, wie nah sie an der Realität waren.

"Es war eigentlich ziemlich interessant, denn als wir damit anfingen, gab es viele Kommentare wie: 'Wie können die das nur machen?'", sagt Smedley gegenüber 'Motorsport.com'.

"Aber nachdem die Grafiken zur Reifenleistung aufgetaucht waren, bekam ich viele Nachrichten von Freunden, vor allem von Technikern, die in den Teams arbeiten: 'Wie habt ihr das gemacht? Denn im Nachhinein betrachtet, ist das ziemlich genau!'"

"Nun ist es nicht immer richtig, denn es kann nicht immer richtig sein, da kein Modell zu 100 Prozent immer richtig ist, sonst wäre die Formel 1 ein ziemlich langweiliger Sport", räumt Smedley ein. "Aber ich fand es einfach sehr amüsant."

"Und es war auch nicht nur von einem Team. Es war von Teams, denen wir gezeigt haben, wo wir dachten, dass ihre Reifen sind, und als sie dann die Daten bekamen und sich diese anschauten, sagten sie: 'Oh ja, so schlecht ist es eigentlich nicht, oder?'"

Rob Smedley

Rob Smedley (links) hat als Formel-1-Direktor für Datensysteme den Überblick Zoom

Die Prozesse und Qualität der Informationen, mit deren Hilfe die AWS-Grafiken generiert werden, sind sehr präzise, weiß Smedley. Es gibt 300 Sensoren an jedem Formel-1-Auto, die mehr als 1,1 Millionen Datenpunkte pro Sekunde generieren. Außerdem hat die Formel 1 Zugriff auf die einzelnen Zeitmessschleifen auf jeder Strecke.

"Der Datensatz, den wir hier haben, ist in gewisser Weise wirklich reichhaltig", sagt er. "Wir haben 25 bis 35 Schleifen, abhängig von der Streckenlänge. Und daraus kann man eine Menge Informationen ableiten." Mehr als die Teams.

"Wenn man bedenkt, dass die Teams die drei Sektoren haben und sie in der Lage sind, eine Menge Konkurrenzanalysen aus diesen drei Sektoren zu nehmen, hat man mit 25 Schleifen nochmal eine Größenordnung mehr an Informationen. Aber wie bei allen Daten muss man wissen, wie man sie nutzen kann", sagt Smedley.

"Es geht nicht darum, dass wenn ich mehr Daten habe, ich automatisch besser bin. Stattdessen kommt hier die Partnerschaft mit AWS ins Spiel, denn sie sind erfahren in der Datenanalyse und machen das schon seit vielen Jahrzehnten."

Dabei ist der Umgang mit Big Data ein ständiger Prozess. Smedley ist sich bewusst, dass der Vorstoß der Formel 1 in Sachen Grafik genau wie die Entwicklung von Autos ist, wo eine Verbesserung die Tür für eine weitere öffnet.

"Es wirft mehr und mehr Fragen auf. Es ist, als würde man 25 Jahre zurückgehen, zum Zeitpunkt als ich angefangen habe: Da bekommst du ein bisschen Daten und denkst, wenn ich dieses bisschen Daten bekomme, werde ich alles wissen. Aber dann führt es dich nur zum nächsten Bisschen und zum nächsten und so weiter. Das hört nie auf."

"Es ist einfach ein ständiges Graben nach Wissen, das nie aufhören kann. Wenn man denkt, den heiligen Gral gefunden zu haben, der alle Probleme löst, merkt man schnell, dass es noch mehr gibt, was man nicht weiß. Und je mehr man nicht weiß, desto größer und größer wird es. Das ist das Spannende daran, um ehrlich zu sein."

Keine Informationsüberflutung: Wie viel ist zu viel?

In der Kommunikation der Daten nach außen muss die Formel 1 freilich ausgleichend eingreifen, indem sie die wichtigen Informationen herausgreift, und das auf eine Art und Weise, die nicht zu komplex ist und die Zuschauer zu Hause abschreckt.

"Wir müssen die Sache auf einem Niveau halten, bei dem es keine Informationsüberflutung gibt, bei dem wir nicht ein Haufen Ingenieure sind, die mit einem Haufen Ingenieure reden, oder ein Haufen Ingenieure, die mit einem Haufen Datenwissenschaftler reden. Denn dann gäbe es eine winzige Gruppe von Leuten, die die Formel 1 genießen und einen Nutzen daraus ziehen", fährt Smedley fort.

Der vielleicht größte Drahtseilakt bei der Bereitstellung relevanter Grafiken besteht ohnehin darin, sicherzustellen, dass sie den Zuschauern des Rennens nicht den Spaß verderben.

Denn wenn die Formel 1 Grafiken produzieren würde, die zu 100 Prozent die Startaufstellung vorhersagen könnten und dann schon früh im Rennen die richtigen Antworten für Boxenstopps, Überholmanöver und das Endergebnis ausspucken würden, dann würde das bedeuten, dass es wenig Sinn hätte, sich die Action anzusehen.


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Smedley ist sich darüber im Klaren, dass die Grafiken das Erlebnis für die Fans, die zu Hause zuschauen, verbessern müssen und nicht dazu führen dürfen, dass das Zuschauen der Rennen überflüssig wird. "Wir dürfen die Unberechenbarkeit des Sports nicht ruinieren, denn das ist der Grund, warum die Leute einschalten."

"Wenn wir uns alle am Sonntagmorgen hinsetzen und sagen: 'Okay, wir haben diese brillanten Modelle, hier ist die Reihenfolge des Zieleinlaufs', dann haben wir die ganze Spannung aus der Sache genommen. Man hat die Geschichte schon erzählt, bevor sie überhaupt passiert ist, und das ist ziemlich langweilig."

Grafiken sollen Spannung erzeugen, nicht ersticken

"Was diese Grafiken tun sollten, ist zu sagen, da passiert jetzt etwas vor dir, aber warte einen Moment, denn in 20 Runden wird auch noch etwas passieren." Die Botschaft ist klar: AWS wirft die Vorhersage, wann ein Überholmanöver stattfindet, nicht als Spoiler aus, sondern als Einladung, um die Leute zum Dranbleiben zu bewegen.

"Die Formel 1 ist so komplex, wenn man sie beobachtet", sagt Smedley. "Es gibt Boxenstopps und Reifenstrategien, und es ist fast unmöglich, alles zu wissen, was vor sich geht."

"Es ist nicht wie beim Fußball, wo man zuschaut und das, was vor einem passiert, ist es dann. In der Formel 1 muss man manchmal bis zum Ende warten, bis sich alles entfaltet und sich die Strategie entfaltet. Wir versuchen also, mit diesen Grafiken Spannung zu erzeugen und zu vermitteln, was noch passieren könnte. Ohne diese Hilfsmittel ist es sehr, sehr schwierig, das zu tun", weiß der Datenexperten.

"Man kann vielleicht sehen, dass Bottas 15 Sekunden hinter Verstappen liegt, aber (die Grafiken zeigen) in so und so vielen Runden wird er ihn einholen und die Überholwahrscheinlichkeit ist diese. Was wir also eigentlich sagen wollen, ist, dass da noch einiges an Action auf uns zukommt, also bleibt dran."

"Es ist das Gleiche mit den Reifen. Wir können nicht sagen, wie das Ergebnis aussehen wird, weil wir es nicht wissen. Aber wir können eine Aussage über den Status der Reifen und ihre Lebensdauer treffen. Es ist also sehr wahrscheinlich, dass es einen Boxenstopp geben wird, der eine Aktion auslöst, die für weitere Spannung sorgt."

"Wir müssen verantwortungsvoll sein und sie (die Grafiken) für diesen Zweck nutzen. Ich denke, wenn man so weit geht, alles zu erklären, was passieren wird, und es immer eintrifft, verdirbt das ein wenig die Show", sagt Smedley abschließend.

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