• 05.07.2015 20:34

  • von Dieter Rencken & Roman Wittemeier

Taktikspiele vs. Raketenstarts: Mercedes nimmt Williams ernst

Und plötzlich kann Williams die übermächtigen Mercedes ärgern: Wie die Briten nach vorne kamen und warum eine Finte für Ehezoff bei Familie Wolff sorgt

(Motorsport-Total.com) - Mercedes war im Grand Prix von Großbritannien 2015 in Silverstone endlich mal wieder etwas gefordert. Die schnellen Williams setzten den Silberpfeilen zumindest rund 40 Runden lang zu, bevor einsetzender Regen und taktische Entscheidungen dann doch wieder für einen Doppelerfolg des Werksteams durch Lewis Hamilton und Nico Rosberg sorgten. Vor allem durch einen fulminanten Start hatten sich Felipe Massa und Valtteri Bottas zu Beginn an die Spitze schieben können.

Titel-Bild zur News: Felipe Massa

Nach dem Start: Williams erwischte die besseren Starts und führte das Rennen an Zoom

"Die Jungs haben es einfach perfekt umgesetzt. Die Autos aus der ersten und der dritten Reihe kamen nicht gut weg, unsere hingegen schon. Das war ein richtig schöner Anblick", frohlockt Williams-Chefingenieur Rob Smeldey. Waren die Williams-Starts so gut, oder die Mercedes-Starts so schlecht? "Es war eine Kombination von beidem", meint der Brite, der seine Schützlinge am Ende des Rennens nur auf den Plätzen vier und fünf notierte.

"Den Start müssen wir analysieren", meint Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff. "Das geht auf unsere Kappe, der Start war einfach schlecht. Grausam", schildert Rosberg. "Es ist das erste Mal, dass wir überhaupt in der ersten Kurve eine Position verloren haben." Die Starts waren bislang nie Rosbergs Problem, hingegen hatte Kollege Hamilton schon des Öfteren seine liebe Not beim Losfahren. Schon bei der Einführungsrunde funkte der Brite an die Box: "Kaum Grip auf dem Startplatz!"

Reifen on the Rocks: Wheelspin beim Start

"Ich glaube, wir haben unterschätzt, wie wenig Grip dort tatsächlich vorhanden war", erklärt der amtierende Champion, der von der Pole-Position gestartet war. "Ich habe im Grid Burnouts gemacht, aber da drehten die Räder einfach nur wild durch. Beim Start genauso: nur Wheelspin! Ich sah in den Spiegel und erkannte nur, dass die Räder immer weiter durchdrehten. Ich dachte: 'Jesus!' Und schon flogen auch schon die Williams vorbei."

Toto Wolff, Susie Wolff

Während des Rennens: Toto Wolff erhielt eine SMS von seiner Ehefrau Susie Zoom

"Als die Jungs mich beim Start überholt haben, dachte ich nur: 'Jawohl, jetzt fängt ein richtiges Rennen an! Und es liegt in meinen Händen!' Ich musste mit den Jungs kämpfen, obwohl es natürlich gut war, dass ich meinen Teamkollegen im Rücken hatte", schildert Hamilton seine Emotionen nach dem verpatzten Auftakt in das Rennen über 52 Runden. "Das ist Motorsport. Es geht immer auf und ab. Das ist ein sehr stressiges Business, sehr konkurrenzfähiges Umfeld", meint Toto Wolff.

"Es war eines der schwierigsten Rennen, das ich jemals gefahren bin. Die beiden Williams zu überholen, war so verdammt schwierig", meint Hamilton. Dabei hatte man im Lager der Silberpfeile doch keine Konkurrenz auf der Liste gehabt. Ein Alleingang war angedacht. "Ich habe nicht aufgepasst, was ich so alles sage...", schmunzelt Rosberg. "Ich dachte, wir hätten keine Gegner und steckten plötzlich hinter zwei Williams fest. Nächstes mal bin ich vorsichtiger mit meinen Prognosen. Sie sind wirklich stark."

Duell gegen Williams: Familie Wolff bekommt Stress

Williams war im ersten Stint auf den Medium-Reifen dermaßen stark, dass Mercedes taktische Spielchen anfing. Man wollte die Briten in eine Falle locken, täuschte bereits in der 14. Runde einen Boxenstopp an, um die Konkurrenz zum viel zu frühen Service zu locken. "Wollt ihr uns reinlegen, oder was?", sandte Susie Wolff eine SMS an ihren Ehemann Toto. Später sagte der vor Journalisten: "Ich glaube, ich muss heute alleine zu Abend essen."

Williams fiel auf die Finte nicht herein. "Wir wollten nicht zu früh stoppen, um auf jeden Fall die Option auf nur einen Stopp nicht zu verlieren. Das war uns am wichtigsten, denn es war klar, dass es eigentlich die schnellste Taktik sein müsste. Es ist immer so ein Katz-und-Maus-Spiel. Man muss warten, um es nachher mit den Reifen bis ins Ziel zu schaffen", sagt Rob Smedley. "Wir haben schon beobachtet, was Mercedes macht. Wir mussten dann abwägen: nicht zu früh und nicht zu spät stoppen."


Fotos: Großer Preis von Großbritannien


"Natürlich will man sich gegen einen Untercut wappnen, aber es darf auch nicht dazu führen, dass man zu früh stoppt und sich somit das Ende des Rennens kaputtmacht", winkt der Williams-Chefingenieur nach der misslungenen Einlage von Mercedes ab. Das Signal: "Mit uns nicht!" Und auch in Zukunft will sich Williams nicht in Fallen locken lassen. "Im Rennen hatten wir eindeutig das zweitschnellste Auto", sagt Smedley stolz. Ab sofort richtet man den Blick wieder nach ganz vorn.

"Wir lagen im Qualifying und im Rennen bezüglich der Performance vor unserem direkten Gegner, der nun einmal Ferrari heißt. Unsere Updates haben alle wie geplant funktioniert. So gesehen war es insgesamt ein tolles Wochenende, das uns aus unterschiedlichen Gründen allerdings nicht das erhoffte Rennergebnis gebracht hat", meint Smedley. "Wir wissen, dass unser Auto je nach Strecke gut oder weniger gut funktioniert. In Budapest sieht die Welt vielleicht wieder ganz anders aus."

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