powered by Motorsport.com

Ross Brawn: Wie Teams die Regelnovelle angehen sollten

2009 schaffte es Ross Brawn mit seinem Team an die Formel-1-Spitze, weil er die neuen Regeln richtig antizipierte - So ging der Mastermind dabei vor

(Motorsport-Total.com) - Noch gehen viele davon aus, dass auch die neue Regelnovelle 2017 an der Dominanz von Mercedes in der aktuellen Formel 1 nicht viel ändern wird. Doch wie gut der Branchenprimus mit den neuen Aerodynamik-Bestimmungen, den breiteren Reifen und insgesamt schnelleren Autos tatsächlich umgehen können wird, muss sich erst zeigen. Denn die neuen Regeln sind Chance und Risiko zugleich.

Ross Brawn

Ross Brawn weiß, worauf es bei der Interpretation neuer Regeln ankommt Zoom

Chance vor allem für andere Teams, sich weiter nach vorn zu bringen. Risiko hingegen für den erfolgverwöhnten Rennstall, der sich zuletzt drei Weltmeisterschaftstitel in Folge sicherte - und das sowohl in der Fahrer- als auch in der Herstellerwertung. Doch dass nicht immer der Champion ist, der mit veränderten Rahmenbedingungen am besten zurechtkommt, zeigt ein Blick auf das Jahr 2009.

Die damalige Regeländerung wusste das neue Team von Ross Brawn am besten umzusetzen, währen die Großen wie Ferrari und McLaren zu kämpfen hatten. Am Ende stand für Brawn GP sogar der Konstrukteurstitel zu Buche. Der 62-jährige Ex-Teamchef weiß, wie wichtig es ist, den Entscheidungsprozess so früh wie möglich mitzugestalten: "Man sollte versuchen, die Änderung aktiv zu prägen", sagt er im FIA-Magazin 'Auto'.

Brawn: Bei Regeländerungen so früh wie möglich mitreden

Denn für gewöhnlich seien die damit verbundenen Diskussionen offen, es sei denn, es geht um Sicherheitsaspekte. "Ich war immer sehr aktiv in diesen Arbeitsgruppen. Wenn man von Anfang an involviert ist, beginnt man zu verstehen, was erreicht werden soll und wo die Prioritäten liegen", sagt Brawn und erklärt, dass sich dieser Prozess im Frühstadium vor allem darum drehe, was gut für den Sport sei.


Highlights 2009: Brawn

"Solange die Regelungen in zwei oder drei Jahren greifen, kann man eine objektive Position unabhängig von der eigenen Teamperspektive einnehmen und schauen, was gut für die Formel 1 ist", so der Brite gegenüber 'Auto'. Danach aber kämpfe jeder für seinen Vorteil: "Dann geht es um das Feintuning. Sobald die Regeln verbindlich genug sind, beginnt man mit der Arbeit im Team, an den Autos und Motoren."

Und damit, die Regeln für sich gewinnbringend zu interpretieren - wie Brawn GP mit dem umstrittenen Doppeldiffusor, der das Team zum Erfolg führte und die Konkurrenz zur Weißglut brachte. "Man sucht im Rahmen der gegebenen Regeln nach den besten Lösungen für das eigene Team", rechtfertigt sich Brawn. "Und wenn man sie einmal gefunden hat, verteidigt man sie und versucht, größtmöglichen Vorteil daraus zu ziehen."

Balance-Akt zwischen Erfolgshunger und Zukunftsplanung

Das kann aus Sicht von Brawn nur gelingen, wenn sich eine eigene Taskforce mit eben dieser Entwicklung beschäftigt. Denn ansonsten funke das tagesaktuelle Drama immer wieder dazwischen und koste Zeit, die am Ende fehlt. Der Brite verrät: "Meine Herangehensweise war immer die, ein Team einzurichten und ihm zu sagen: 'Das ist ein kleines Projektteam. Ich will informiert werden und lasse euch ansonsten in Ruhe.'"

Die Balance zwischen kurzfristigem Erfolg im Hier und Jetzt und langfristiger Zukunftsplanung sei dabei immer eine Gratwanderung, weiß Brawn: "Aber wenn alles nur eine reflexhafte Reaktion ist, findet kein Fortschritt statt. Es mag dann zwar eine schnelle Lösung geben, doch es bleibt ein Teufelskreis aus Antwort und Reaktion. So wird man nie gute Programme entwickeln, die sich später in gute Performance speisen."