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  • 26.05.2013 · 15:08

  • von Stefan Ziegler

Pirelli, Mercedes und viel Ärger hinter den Kulissen

Die Hintergründe zum "geheimen" Mercedes-Test für Pirelli: Wie Silber die Situation sieht und an was sich die Formel-1-Konkurrenz ganz konkret stört

(Motorsport-Total.com/Sky) - 1.000 Kilometer. Das ist, was am Rande des Großen Preises von Monaco für Aufsehen sorgt. Denn diese 1.000 Kilometer hat Mercedes zwischen den Rennen in Barcelona und Monte Carlo im Auftrag von Pirelli zurückgelegt. Um Prototypen-Reifen zu testen und wichtige Erkenntnisse für den aus Italien stammenden Reifenhersteller zu sammeln. Und genau dagegen laufen die Konkurrenz-Teams nun Sturm.

Nico Rosberg

Mercedes im Kreuzfeuer der Kritik: Der Pirelli-Test in Barcelona wirft Fragen auf Zoom

Für Red-Bull-Teamchef Christian Horner steht nämlich fest: "Es handelt sich ganz klar um einen Regelverstoß. Ich kann zwar verstehen, warum Pirelli einen solchen Test braucht, aber so wie es gehandhabt wurde - nicht transparent, nicht öffentlich. Das ist einfach vollkommen falsch. Dass unsere Rivalen die aktuellen Reifen mit dem aktuellen Auto getestet haben, ist absolut nicht regelkonform."

Denn Testen ist während der Formel-1-Saison nur sehr eingeschränkt möglich. Und dann testet ausgerechnet das Mercedes-Werksteam, das in diesem Jahr bisher große Probleme mit den Pneus von Pirelli hatte. Doch Mercedes-Sportchef Toto Wolff stellt klar: "Es war kein Mercedes-Test, sondern ein Pirelli-Test. Wir wurden von Pirelli gefragt, ob wir ihnen helfen können." Wie auch andere Teams.

Red Bull will Klarheit

"Und das schon vor einem Jahr", betont Wolff. Er fährt fort: "Es war gewissermaßen eine Black-Box. Wir sind mit Prototypen-Reifen von Pirelli gefahren, die uns hier in Monaco keinen Vorteil verschafft haben. Es ging für Pirelli darum, ein Verständnis aufzubauen, warum ihnen die Reifen delaminieren. Es ging um eine Sicherheitsfrage. Die anderen Teams fühlen sich jetzt auf die Zehen getreten."

"Wir wollen Klarheit. Und ich denke, da sind wir nicht das einzige Team." Christian Horner

"Ich denke, vergangenes Jahr gab es hier am Sonntagvormittag eine Geschichte rund um Red Bull, nun gibt es unsere Reifen-Geschichte", meint der Mercedes-Sportchef. Und diese zieht weite Kreise, denn Red Bull hat bereits angekündigt, Protest gegen die Testfahrten einzulegen, die Mercedes in Barcelona durchgeführt hat. "Wir wollen Klarheit. Und ich denke, da sind wir nicht das einzige Team", sagt Horner.

"Es ist ja nicht Pirellis Fehler. Sie müssen der Situation ja Herr werden. Das Problem ist die Art und Weise, wie damit umgegangen wurde. Das war nicht richtig", erklärt der Red-Bull-Teamchef bei 'Sky Sports F1'. Sein Team habe zwar ebenfalls Diskussionen geführt, sei aber "nicht formell" von Pirelli gefragt worden", sagt Horner und merkt an: "Weil einfach klar war, dass es gegen die Regeln ist."

Was genau hat Mercedes in Barcelona gemacht?

Aber was genau ging in Barcelona eigentlich vor sich? Mercedes-Teamchef Ross Brawn schildert bei 'Sky Sports F1' die Hintergründe zum Pirelli-Reifentest: "Pirelli machte sich große Sorgen aufgrund der Probleme, die in jüngster Zeit aufgetreten waren. Sie hatten nicht das Gefühl, dass das Testauto, das sie bis dato eingesetzt hatten, repräsentativ ist." Pirelli steht nämlich kein aktuelles Auto zur Verfügung.

Ross Brawn

Ross Brawn und Mercedes haben im Auftrag von Pirelli einige Reifen getestet Zoom

"Deshalb baten sie die FIA um Erlaubnis, ein Team darum bitten zu dürfen, ein paar Kilometer zu absolvieren, um die Reifen zu testen", erklärt Brawn. Mercedes habe sich aber sofort rückversichert: "Wir fragten bei der FIA nach, um zu erfahren, ob sie das abnicken. Im Anschluss an das Rennen in Barcelona führten wir den Test dann auch durch." Sehr zum Ärger der Konkurrenz aus der Formel 1.

Dabei habe man, so Brawn weiter, doch nur Daten für Pirelli gesammelt. "Wenn du einen Reifentest für Pirelli machst, dann bekommst du Codes. Du weißt nicht, was für Reifen es sind. Du erhältst jeden Tag ein gewisses Paket an Reifen. Und wir wissen nach wie vor nicht, welche Schlussfolgerungen aus dem Test gezogen wurden", sagt der Brite. Für ihn sei der Test auch alles andere als "geheim" gewesen.

Von wegen "Geheimtest" - es war "offensichtlich"

"Als wir uns auf den Test vorbereiteten, waren die anderen Teams ja ebenfalls noch vor Ort. Warum haben sie dann nicht bemerkt, dass sich unsere Trucks nicht auf den Heimweg machten? Es gab keinen Versuch, die Sache zu vertuschen", meint der Mercedes-Teamchef und fügt hinzu: "Es liegt an Pirelli, darüber zu informieren, wenn sie einen Reifentest absolvieren. Sie sind dafür verantwortlich."

"Bei diesen Prototypen waren auch Reifen dabei, die in Kanada eingesetzt werden..." Marc Surer

Auch dafür, klar zu kommunizieren, was eigentlich das Thema der Testfahrten war. Laut Brawn hat es um ganz normale Reifentests gehandelt. Man habe definitiv keine Entwicklungsteile ausprobiert, zumal es klare Vorgaben gegeben habe: "Pirelli wollte ein konstantes Auto. Sie wollten einen so konstanten Test wie möglich. Die Mehrheit der Arbeiten wurden im Hinblick auf 2014 durchgeführt."

Formel-1-Experte Marc Surer sieht das aber anders: "Bei diesen Prototypen waren auch Reifen dabei, die in Kanada eingesetzt werden." Und dort will Pirelli bekanntlich neue Mischungen präsentieren. Hat also Mercedes doch einen Vorteil gewonnen? "Natürlich", meint Surer, schließlich habe man wichtige Daten sammeln können. "Daten werden in der Formel 1 immer gesammelt - egal, was man draufschraubt."

Test für 2014 mit Vorteilen für 2013?

"Diese Reifen waren mit dabei. Sicherlich waren 2014er-Reifen dabei, aber auch die von Kanada. Das wird hinter den Kulissen noch viel Ärger geben. Da bin ich sicher", sagt der Ex-Formel-1-Pilot. Warum, das kann sich auch Wolff denken: "Die anderen Teams wissen wahrscheinlich nicht im Detail, was gemacht wurde. Dabei war es mit Sicherheit kein Geheimtest", erklärt der Mercedes-Sportchef.

Niki Lauda, Toto Wolff

Niki Lauda und Toto Wolff sehen nicht, dass Mercedes etwas falsch gemacht hätte Zoom

Auch Niki Lauda, Aufsichtsratsmitglied bei Mercedes, lässt der angekündigte Protest kalt: "Ich wünsche ihnen viel Glück dabei. Mercedes kann nicht mehr machen, als vorher die Behörde zu fragen. Ich glaube, Mercedes hat alles richtig gemacht." Er selbst nimmt sich aber bewusst aus der Schusslinie: "Ich habe damit nichts zu tun, denn ich bin nicht für das Team verantwortlich."

Alles Weitere müsse der Automobil-Weltverband klären. "Pirelli hat einen Vertrag, der vorsieht, dass sie in der Not 1.000 Kilometer fahren dürfen. Deswegen haben sie Mercedes und andere Teams gefragt. Die FIA hat das Okay gegeben. Dann haben wir den Test gemacht. Die anderen haben es verschlafen. Das sage ich jetzt mal so auf gut Deutsch", meint Lauda. "Und nun regen sie sich auf."

Das letzte Wort hat die FIA

"Wir werden sehen, wer letztendlich Recht bekommt. Die FIA muss natürlich Recht haben. Die Information, die ich von der FIA habe, ist, dass uns offiziell genehmigt wurde, zu testen. Und mit dem Rennen hier in Monaco hat das auf jeden Fall gar nichts zu tun. Die Reifen sind ja schließlich nicht die gleichen wie in Barcelona." Doch ist es wirklich so einfach? Formel-1-Experte Surer hat seine Zweifel.

" Normalerweise kenne ich mich im Reglement sehr gut aus, aber diesen Fall gab es noch nie", erklärt der Schweizer. "Deswegen kann ich mir nichts darunter vorstellen, was passieren wird. Man muss entscheiden, ob es ein Wettbewerbsvorteil war, oder ob vielleicht die Anderen auch testen dürfen. Das wäre eigentlich die logische Konsequenz davon. Dann wäre es wieder für alle gleich", sagt Surer.


Fotos: Mercedes, Großer Preis von Monaco


"Man kann ja aber nicht sämtliche Teams testen lassen. Ich bin also gespannt, was da herauskommt", so der frühere Rennfahrer. "Aus Pirelli-Sicht war das natürlich voll in Ordnung, dass man die Chance gibt, die Reifen mal zu fahren - und zwar auf einer Strecke, wo man vorher gefahren ist, und mit dem Auto, das die größten Probleme hatte. Die Konkurrenz ist da aber natürlich hellhörig geworden."

"Einerseits muss man sagen, dass man keinen WM-Favoriten genommen hat. Wenn Red Bull, Ferrari oder Lotus getestet hätten, wäre es noch schlimmer gewesen", meint Surer und merkt an: "Aber wer weiß? Vielleicht ist Mercedes jetzt doch ein WM-Favorit. Die Saison ist schließlich noch lang." Und die Diskussion um den "Geheimtest" von Barcelona hat gerade erst ihren Anfang genommen...

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