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Nach Bestzeiten bei den Tests: Wie gut ist Ferrari wirklich?

Ferrari glänzte bei den Testfahrten in Bahrain mit Bestzeiten, doch Teamchef Frederic Vasseur bleibt vorsichtig - Er sagt: Reifenprobleme jetzt besser im Griff

(Motorsport-Total.com) - Wie gut ist Ferrari vor der Formel-1-Saison 2024 wirklich? Geht man nach den reinen Bestzeiten, dann müssten die Roten das schnellste Team sein, da man zwei Tages- und auch die Wochenbestzeit geholt hat. Doch obwohl Ferrari mit den schnellsten Zeiten geglänzt hat, gilt man neben Red Bull nicht als Favorit.

Titel-Bild zur News: Carlos Sainz (Ferrari SF-24) bei den Formel-1-Testfahrten in Bahrain 2024

Carlos Sainz sicherte Ferrari die Wochenbestzeit in Bahrain Zoom

Denn es gibt einige Faktoren, die im Vergleich gegen Ferrari sprechen. Die so wichtigen Longruns sahen bei den Bullen etwas besser aus, zudem sind auch die Bestzeiten von Ferrari mit Vorsicht zu genießen. Sainz hatte am Donnerstag den C4-Reifen aufgeschnallt, Leclerc am Freitag sogar den weichsten C5. Verstappen war seine Zeiten hingegen mit dem C3 gefahren.

Zudem dürfte Red Bull wohl nie mit komplett leerem Tank gefahren sein. Wie viel Sprit sie an Bord hatten, das weiß nur das Team selbst.

"Es ist immer schwierig zu wissen, wo wir bei der reinen Performance stehen", meint Teamchef Frederic Vasseur. "Wir wissen nicht, mit wie viel Sprit die anderen fahren. Hinter Red Bull ist es so eng, dass zehn Kilogramm dich schon von Platz zwei auf Platz sechs fallen lassen können."

Daher ist es für ihn wichtiger, dass sich Ferrari auf sich selbst konzentriert, anstatt die Konkurrenz im Auge zu haben. Und mit dem Test selbst kann Ferrari aus seiner eigenen Sicht durchaus zufrieden sein.

Denn was auf jeden Fall stimmt, ist die Zuverlässigkeit. Ferrari kam ohne Probleme durch die drei Testtage in Bahrain und hat mit 416 Runden die zweitmeisten aller Teams (hinter Haas!) absolviert. "Natürlich möchte man immer mehr, weil der Test sehr kurz ist. Wir haben eineinhalb Tage für jeden Fahrer, und ich denke, dass jedes Team gerne mehr testen würde", sagt Vasseur.

Reifenprobleme jetzt im Griff?

Doch was man in den drei Tagen gesehen hat, stimmt ihn zufrieden, weil man die größten Baustellen angegangen zu sein scheint: "Im vergangenen Jahr hatten wir ein Auto, das sehr schwierig zu fahren und im Rennen schwierig zu benutzen war, weil es ziemlich inkonstant und sensibel war", meint er. "Aber in dieser Hinsicht haben wir einen guten Schritt nach vorne gemacht."

Das Auto sei laut dem Feedback der beiden Fahrer einfacher zu fahren und habe auf den Longruns eine größere Konstanz gezeigt. Das war 2023 noch ein echter Schwachpunkt: Zwar konnte Ferrari im vergangenen Jahr sieben Mal auf die Pole fahren, das allerdings nur ein Mal auch in einen Sieg umwandeln - in Singapur, wo es sich nur schwer überholen lässt.

"Es ist kein Geheimnis, dass wir im vergangenen Jahr starke Probleme mit der Konstanz im Rennen durch Wind und externe Elemente hatten und auch mit dem Reifenabbau", so der Teamchef. "Aber in diesem Jahr ist das deutlich besser. Das Feedback der Fahrer ist sehr positiv. Sie sind im Auto in einer viel besseren Position und können das auch spüren."

Ferrari hatte bei den Testfahrten einen großen Wert auf Rennsimulationen gelegt. Carlos Sainz hatte am Donnerstag einen guten Longrun, Charles Leclerc fuhr am Freitagnachmittag ebenfalls eine solche Simulation.

Vergleicht man diese mit der von Max Verstappen zu einem ähnlichen Zeitpunkt, dann fällt aber auf, dass der Weltmeister etwas schneller war. Im ersten Stint auf Mediums (Verstappen 17, Leclerc 20 Runden) fuhr Verstappen konstant Zeiten im Bereich von 1:37.3 Minuten, bei Leclerc bewegte es sich eher bei drei Zehntelsekunden dahinter.

Beim folgenden Stint auf härteren Reifen (Leclerc 19 Runden, Verstappen 17 Runden) war Leclerc jedoch pro Runde eine Sekunde schneller als der Red Bull - was eher dafür spricht, dass die Bullen wieder aufgetankt haben. Der generelle Trend geht eher dahin, dass Red Bull aktuell einen Longrun-Vorsprung von rund einer halben Sekunde besitzen soll.

Vasseur will keine Prognose wagen

Und was ist mit der reinen Performance auf eine Runde? Kann Ferrari zumindest da wieder ein regelmäßiger Herausforderer sein angesichts der Zeiten, die Sainz und Leclerc hingelegt haben? Auch da bleibt Vasseur vorsichtig und will keine klare Antwort geben, weil er nicht weiß, in was für einem Zustand der RB20 seine Runden hingelegt hat.

"Wenn sie mit 20 Kilogramm [Benzin] gefahren sind, dann sind wir in guter Form, aber wenn sie mit 80 Kilogramm gefahren sind, dann sind wir nirgendwo", so der Franzose. "Aber das weiß niemand außer sie. Aber so ist es nun einmal."

Daher sollte man eben nicht so sehr auf die Konkurrenz schauen, sondern eher auf sich. "Wir hatten eine lange Liste von Dingen, die wir bei den Tests machen wollten, und sind darauf fokussiert. Und in einer Woche werden wir die große Antwort haben", sagt Vasseur.


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Ob 2024 besser für Ferrari laufen wird, bleibt abzuwarten. Der Teamchef selbst hatte bereits verlauten lassen, dass er 2024 nicht als Übergangsjahr für Ferrari sieht. Doch was heißt das? Er klärt auf: "Ich weiß nicht, was ein Übergangsjahr sein soll", sagt er. "Jeder sagt mir das, aber wir können nicht zuhause bleiben und warten, bis die Dinge laufen."

"Wir wissen, dass es schwierig ist, weil Red Bull einen deutlichen Vorsprung hat. Nächstes Wochenende werden wir sehen, ob sie einen unüberbrückbaren Vorsprung haben. Aber wir werden nicht aufhören. Wir werden weiter entwickeln und weiter arbeiten. Im vergangenen Jahr haben wir zumindest während der Saison aufgeholt, und diesen Fleiß müssen wir uns bewahren."

Lob für Entwicklung 2023

Vasseur sagt, dass er mit dem dritten Platz in der Gesamtwertung 2023 "nicht glücklich" sein konnte, allerdings sei er sehr zufrieden damit gewesen, wie das Team reagiert hatte. "Wir waren irgendwann 60 Punkte hinter Mercedes, am Ende waren wir aber auf Augenhöhe", sagt er. "Und wir waren irgendwann auf Augenhöhe mit Aston Martin und lagen am Ende 120 Punkte vor ihnen."

"Dass wir uns während der Saison so verbessert haben, ist eine großartige Befriedigung für das Rennteam."

Und es war natürlich auch ein guter Schritt für Vasseur in seinem ersten Jahr als Ferrari-Teamchef. Er hatte erst vor der Saison die Geschicke von Mattia Binotto übernommen und musste erst einmal mit den vorhandenen Mitteln arbeiten und nebenher seine eigene Eingewöhnung hinbekommen.


Was hat das erste Ferrari-Jahr mit ihm gemacht? "Du legst einfach fünf Kilos zu", lacht er. "Nein, jetzt bin ich besser integriert, und kenne die Leute, Systeme und Abläufe besser. Und es ist einfacher, Dinge nach vorne zu treiben. Aber das ist nicht das Problem von nur einer Person. Das Rennteam besteht aus 1.000 Personen."

"Und was ich sagen kann: Die Atmosphäre ist positiv."