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  • 24.07.2016 · 17:24

  • von Dominik Sharaf

Mercedes dominiert: 618 Meter gezittert, dann Kalter Krieg

Wieso Hamilton und Rosberg sich nicht attackierten, Reifenmanagement zum Risiko wurde und der Stinkefinger gegen Esteban Gutierrez "schon wieder gut" ist

(Motorsport-Total.com) - Ist der Zweikampf der Mercedes-Piloten um den WM-Titel beim Ungarn-Grand-Prix am Sonntag gekippt? Mit seinem Sieg in Budapest hat Lewis Hamilton nach der Saisonhalbzeit erstmals die Führung in der Gesamtwertung übernommen und liegt sechs Zähler vor Stallrivale Nico Rosberg. Außerdem scheinen die Konkurrenten Ferrari und Red Bull keine Rolle mehr zu spielen, schließlich dominierten die Silberpfeile sogar auf einem der ungeliebten Kurs die Szenerie nach Belieben.

Hamilton erklärt, um den Erfolg kurz nach dem Start gebangt zu haben, als er zwar die Führung von Rosberg übernahm, aber von Daniel Ricciardo im Red Bull attackiert wurde. "Er hat verdammt viel Druck gemacht, aber dann hat das Team mit der Strategie einen guten Job gemacht", so der Brite, der die Szenerie sonst von der Spitze aus bestimmte und nach eigener Aussage keine Sekunde um Platz eins fürchtete. Er belächelt eine weitere hitzige Szene, als er dem überrundeten Haas-Pilot Esteban Gutierrez den Stinkefinger zeigte, weil er nicht sofort aus dem Weg ging, als die Spitze angeflogen kam.

So kam der sonst mit Respektabstand folgende Rosberg das einzige Mal in das DRS-Fenster, doch er schlug daraus kein Kapital. "Alles gut", sagt Hamilton in Richtung Gutierrez. "Aber der Verkehr war heute schwierig." Und auch das Reifenmanagement in der Hitze Ungarns. Mercedes entschied sich für eine extrem konservative Marschroute, bremste beide Piloten im ersten Stint klar ein und ließ sie nur tun, was sie tun mussten. "Sogar, wenn wir nur mit einer Zehntelsekunde Vorsprung gewonnen hätten", meint Hamilton.

Rosberg räumt ein: "Ich habe es am Start verloren"

Sportchef Toto Wolff räumt ein: "Wir haben von Anfang den Reifen sehr gemanagt. Vielleicht ein bisschen zu sehr. Dann kam Ricciardo ein Stück näher, aber als wir Lewis gesagt haben, dass es ein bisschen knapp wird, war die Pace wieder da." Der Österreicher erklärt auch, dass die vermeintliche Meinungsverschiedenheit zwischen Hamilton und dem Renningenieur infolge dieses Funkspruchs keine tiefere Bedeutung hatte, obwohl er um einen Undercut Rosbergs und um den Sieg bangte.

"Er dachte, wir regeln das Tempo auf eine Art und Weise, die nicht vernünftig wäre. Irgendwann wusste er nicht mehr, was hinter ihm los ist", winkt der Sportchef ab. "Das war nur ehrlich und transparent." Doch es gab noch ein weiteres Problem bei Hamilton: Erst hatten seine Reifen starkes Körnen, dann fummelte er mal wieder an seinem Lenkrad herum, um eine bestimmte Einstellung beizubehalten. "Aber ich wusste schon, was ich tat", lacht er und betont, dass dadurch der Erfolg nicht in Gefahr gewesen wäre und er den Abstand zu Rosberg immer kontrolliert hätte.

Rosberg dürfte mittlerweile gedünkt haben, dass er sich großen Pokal würde abschminken müssen. Der Deutsche sagt sogar zähneknirschend, dass ihm das nach 618 Metern - nämlich in der ersten Kurve - klar gewesen sei: "Ich habe es am Start verloren", schnauft er, freut sich aber immerhin über das anschließende Ricciardo-Manöver: "Den zweiten Platz habe ich wieder zurückgeholt, das war echt cool - und Schadensbegrenzung."

Mercedes jetzt auch auf ungeliebtem Terrain unschlagbar

Denn als Rosberg wieder vor Ricciardo war, sah es so aus, als kontrollierte er den Abstand locker und sogar mit einigen Reserven in petto. Eine Attacke auf den Stallrivalen hielt er jedoch selbst in der Gutierrez-Szene für utopisch: "Ich habe versucht, auf Lewis so viel Druck wie möglich zu machen und nahe dran zu sein, dass er bloß nicht seine Reifen schonen kann. Das hat ganz gut funktioniert, aber auf dieser Strecke kann man nicht überholen", moniert Rosberg.

Lewis Hamilton, Nico Rosberg

Mercedes scheint die Butter 2016 nicht mehr vom Brot zu nehmen zu sein Zoom

Toto Wolff ist froh, dass er um die Unversehrtheit seiner Autos nicht mehr bangen musste als es unbedingt nötig war. "Beide Fahrer in der ersten Reihe ist immer kritisch. Wir haben jedoch heute ein gutes Gespräch geführt. Da war alles unter Kontrolle." Auch, als Rosberg im Verlauf des Rennens nochmals näher kam, witterte er kein Kleinholz: "Wenn man keinen klaren Vorteil hat, kommt man nicht vorbei. Unter Teamkollegen wäre sich das nicht ausgegangen", weiß Wolff.

Für Mercedes ist der Ungarn-Sieg auch der Beweis, die Schwächen des W07 gegenüber seinen Vorgängern ausgemerzt zu haben. Schließlich waren enge, langsame und verwinkelte Bahnen nicht das Jagdrevier der Silberpfeile - bisher. "Wir haben im Rennen ein super Tempo gehabt. Es war am Start entschieden", sagt Wolff. "Ungarn ist eine Strecke, auf der der Red Bull eigentlich stärker ist. Aber unser Gesamtpaket stimmt. Auch das Chassis, die Aerodynamik und der mechanische Abtrieb. Wir haben im vergangenen Jahr in Singapur auf den Deckel bekommen. Das hat uns geholfen."

'RTL'-Experte Timo Glock ist aufgefallen, dass Hamilton und Rosberg dann zulegten, als sie durch den Undercut Ricciardos beim zweiten Boxenstopp unter Druck gerieten - auf älteren Pneus: "Heute haben wir die wahre Stärke von Mercedes gesehen. Sie haben mit gebrauchten Reifen mehr Leistung gegeben", unterstreicht der Ex-Formel-1-Pilot und erkennt mehr taktische Flexibilität mit einem so überlegenen Auto. "Wenn man so viel in der Hinterhand hat, ist es viel einfacher."