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Kolumne: Warum eine sexy Blondine gut für die Formel 1 ist

In den sozialen Netzwerken prasseln Hohn und Spott auf Carmen Jorda ein, doch 'Motorsport-Total.com'-Redakteur Dominik Sharaf gewinnt dem Werbegag etwas ab

(Motorsport-Total.com) - Liebe 'Motorsport-Total.com'-Leser,

Hand auf's Herz: Wenn Sie ein Mann sind, wie viele Fotos der neuen Lotus-Testfahrerin Carmen Jorda haben Sie sich in unserer Fotogalerie angesehen? Wie oft haben Sie in die Google-Bildersuche den Namen eingegeben? Wie lange haben Sie damit verbracht, den Twitter-Account der Blondine zu durchforsten? Wie auch immer die Antwort ausfallen mag, ich erlaube mir zu behaupten, dass Sie für die Herren Felipe Nasr, Marcus Ericsson, Will Stevens und Carlos Sainz jun. höchstens so viel Zeit aufgewendet haben, wenn man alles addiert und mit 100 potenziert.

Meine Antwort ist nicht repräsentativ, weil ich mich beruflich mit der Formel 1 beschäftige. Aber wäre ich Fan, ich hätte mir die hübsche Carmen sicher ganz genau angeschaut. Ich hätte wissen wollen, ob diese unmögliche Story eines Models in der Königsklasse Wirklichkeit wird. Heißt im Umkehrschluss: Man mag von ihr als Rennfahrerin halten was man will, ihre Aufgabe als Lotus-Marketingfigur erledigt sie fabelhaft - ohne einen einzigen öffentlichen Aufritt absolviert zu haben.

Ex-Teamkollege: "Carmen könnte keine Rolle Film entwickeln"

Ich finde, dass Carmen Jorda ein Farbtupfer in einem Business ist, das vor grauen Mäusen nur so wimmelt. Was hat die Formel 1 an Charakterköpfen zu bieten, wenn man auf die Rennfahrer blickt, die die Szene in fünf bis zehn Jahren prägen werden? Das einzig Spannende an Dreikäsehoch Max Verstappen ist, dass er in den meisten Ländern der Welt kein Glas Rotwein trinken darf. Interessant ist an Sainz höchstens, dass sein Erzeuger in grauer Vorzeit zügig über Schnee und Schotter brauste. Stevens? Dessen Hobbys finden sich bei der Recherche für das Fahrerportrait erst gar nicht...

Jorda tut der Formel 1 in gewisser Weise gut. Im Postmaterialismus, in dem individuelle Mobilität einen immer kleineren Anreiz hat und der Führerschein mit 18 Jahren höchstens noch "nice to have", aber nicht mehr die Lizenz für Coolness ist, bringt sie Motorsport wieder auf die Agenda. Über Jorda berichten plötzlich Kollegen, die mit Reifenverschleiß, Diffusoren und MGU-Ks gar nichts am Hut haben. Und: Sie betrachten die Personalie in einem anderen Licht, als wir es tun.

Sie als gut informierter Fan wissen genauso gut wie ich, dass die 26-Jährige mit ihrer Aufgabe heillos überfordert sein wird - wenn sie sie überhaupt wahrnehmen darf. Jorda gewann in ihrer gesamten Karriere nie ein Rennen, gurkte in mittelklassigen Serie unter ferner liefen und ging im ernstzunehmenden Nachwuchsbereich mit Pauken und Trompeten unter. Ihr Ex-GP3-Teamkollege Rob Cregan spottet via Twitter: "Carmen Jorda könnte keine Rolle Film, geschweige denn ein Formel-1-Auto entwickeln." Sein Frust ist verständlich: Er war schneller, jetzt ist er arbeitslos.

Nina Rindt und Suzy Hunt waren gestern

Auch die begabten Formelsport-Hoffnungen Richie Stanaway ("LOL") und Mitch Evans ("Es ist noch nicht der erste April") haben nur Hohn für Jorda übrig. Das mag in der Sache richtig sein und es ist verständlich, dass sie sich diesen Platz mit Talent und Können verdient haben wollen. Aber es ist kurzsichtig: Wenn die Evans' dieser Welt eines Tages ohne die Vermögen von Oligarchen und die Millionen von Ölkonzernen eine Chance in der Formel 1 haben wollen, brauchen sie Marketinggags wie eine heiße Spanierin, die die meisten Fernsehzuschauer mit den Augen ausziehen.

Blicken wir über den Tellerrand: Bei den Kollegen von der 'Welt' heißt die Überschrift: "Dieses Model fährt bei Lotus." Der 'Focus' schreibt: "Lotus schmückt sich mit sexy Testfahrerin." Und so weiter. Zu Zeiten von Nina Rindt und Suzy Hunt, später von Katie Price, zogen Frauen als schmuckes Beiwerk. Im Zeitalter der Emanzipation und Gleichstellung wollen die Menschen sie im Overall, weil leicht bekleidete Mädels in Hochglanzmagazinen im Überschuss vorhanden sind. Aber welche fahren Formel 1? Sex sells, aber eben längst nicht mehr alleine. Das Konzept geht auf, wie andere Beispiele demonstrieren.

Cockpits gehören nach wie vor denen, die sie verdienen

Dominik Sharaf

Für Redakteur Dominik Sharaf gehören Paydriver nicht in die Startaufstellung Zoom

Susie Wolff, sicher eine ambitioniertere Sportlerin als Jorda, talkte kürzlich sogar bei 'ZDF'-Abendunterhalter Markus Lanz. Ob die Redaktion schon das Management von Jolyon Palmer kontaktiert hat? Simona de Silvestros sporadische Sauber-Testeinsätze in älteren Autos waren auf jeder allgemeinen Sportseite dokumentiert. Ich müsste mich schwer täuschen, hätte ich Artikel und Fotogalerien zu den Probefahrten eines Esteban Ocon überall übersehen. Sogar die Fahrerfrauen sind heute nicht nur ansehnlich, sie sind wie Vivianne Rosberg erfolgreiche Architektinnen, wie Emilia Pikkarainen Olympiaschwimmerinnen oder wie Marion Jolles gefragte TV-Moderatorinnen.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich wünsche mir nicht, dass Carmen Jorda bald Romain Grosjean bei Lotus ersetzt. Die Cockpits sollten diejenigen bekommen, die sich den Drive durch Talent und harte Arbeit verdient haben. Eine Quotenfrau oder Werbeikone, die nicht einmal eine 207-Prozent-Hürde überstehen würde, braucht kein Mensch im Rennbetrieb. Das ist mindestens genauso schlimm wie mittelmäßig begabte Paydriver. Aber die Formel 1 braucht Geschichten und genau so eine Geschichte liefert Jorda. Und ich freue mich, wenn ich demnächst wieder in der Tennishalle gefragt werde: "Sag mal, fährt da in dieser Formel 1 nicht so eine hübsche Blondine?"

Sie halten das alles für völligen Unfug? Lassen Sie es mich via Twitter oder über unser Kontaktformular wissen! Ich freue mich auf Ihre Meinungen,

Dominik Sharaf