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  • 01.02.2014 · 14:02

  • von Stefan Ziegler

Kolumne: Langsam und leise in eine neue Ära

Neuer Sound, neue Nasen und wenig Fahrbetrieb: Stefan Ziegler hat die ersten Formel-1-Tests 2014 vor Ort in Jerez verfolgt und schildert seine Eindrücke

Lewis Hamilton

Auf in eine neue Ära: Der Mercedes-Silberpfeil war in Jerez schon in Topform Zoom

Liebe Leser,

hier ist das Wort, mit dem ich die Formel-1-Tests in Jerez beschreiben würde: überraschend. Denn so hatte ich mir die ersten Probefahrten des Jahres nicht vorgestellt. Und ich bin davon überzeugt: Auch die unmittelbar Beteiligten im Fahrerlager hatten teilweise etwas Anderes erwartet. Die neuen Regeln haben die Formel 1 aber grundlegend verändert. So sehr, wie selten zuvor in der Geschichte des Sports.

Das habe ich während der Testwoche am Circuito de Jerez in Spanien bei vielen Gesprächen zu hören bekommen. Es hat sich auch beim Fahrbetrieb auf der Strecke bemerkbar gemacht, natürlich auch beim Aussehen der Autos. Und auch die Geräuschkulisse ist nun eine andere, wie ich mit eigenen Ohren festgestellt habe. Kurzum: Wir reden hier tatsächlich von einer neuen Ära in der Formel 1.

Wie hört sich die neue Formel 1 eigentlich an?

Vielleicht gehe ich an dieser Stelle erst einmal darauf ein, wie sich das Ganze jetzt anhört. Ich denke mir, das ist ein Punkt, der Euch sicher sehr interessiert. Und da muss ich frei heraus gestehen: Der Sound der neuen 1,6-Liter-Turbomotoren hat mich schwer enttäuscht. Ja, damit hätte man rechnen können (selbst Bernie Ecclestone hat davor gewarnt), aber was sagt schon ein Tonband vom Prüfstand aus?

Der Live-Eindruck ist, was zählt. Und da kommt leider nur sehr wenig rüber. Um es auf den Punkt zu bringen: Die neuen Formel-1-Motoren klingen nicht besonders toll. Ich würde es als dumpfes Dröhnen beschreiben, begleitet vom sehr auffälligen Turbogeräusch - es pfeift oder surrt, wie auch immer man das empfinden mag. Fest steht auf jeden Fall: An das Lärmniveau der V8-Motoren (oder gar der V10-Motoren) kommt das nicht ran.


Soundvergleich zwischen 2013 und 2014

Wer schon mal ein Formel-1-Rennen vor Ort auf der Tribüne verfolgt hat, der weiß, dass es nach ein paar Runden durchaus schmerzhaft sein kann, sich die Action ohne Ohrstöpsel zu geben. Klar, da ist natürlich jeder ein wenig anders gestrickt. Empfehlenswert ist ein solcher Gehörschutz aber allemal. Wobei ich nach Jerez sagen muss: Er war es. Denn die neue Formel 1 dringt nicht mehr bis an die Schmerzschwelle vor.

Wird die GP2 die neue Lärm-Königsklasse?

Ganz und gar nicht, wie ich während der vier Tage in Spanien und an verschiedenen Stellen der Strecke festgestellt habe. Selbst als die Autos nur wenige Meter neben mir vorbeigepfiffen sind, kam ich beim Zuhören nie an den Punkt, dass es unangenehm laut gewesen wäre. Es war laut, ja, aber nicht so, dass man zusammenzuckt oder auch nur daran denkt, die Ohrstöpsel tatsächlich zu nutzen.

Als großer Fan der V10-Ära (und zu einem gewissen Grad der V8-Ära) hat mich das enttäuscht. Für mich ist nämlich auch die Geräuschkulisse ein Teil der Faszination, die die Formel 1 ausmacht. Jetzt ist wahrscheinlich die GP2 (mit 4-Liter-V8-Saugmotor) die neue Königsklasse im Formelsport, was den Lärm angeht. Kurios, oder nicht? Der Sound der Formel 1 ist jetzt hingegen nichts Außergewöhnliches mehr.


Fotos: Testfahrten in Jerez, Mittwoch


Und wo wir gerade schon beim Thema sind: Für die Formel 1 wackelt auch der Ruf der schnellsten Formelserie (den eigentlich die US-amerikanischen IndyCars für sich beanspruchen dürfen, aber nur auf den Ovalkursen). Denn nun droht der Formel 1 noch Konkurrenz von der eigenen Nachwuchs-Meisterschaft: Die GP2 ist ab 2014 nicht mehr wesentlich langsamer. Wir reden hier von ein paar Zehnteln.

"Schön" ist anders - und schneller!

Es gibt sogar konkrete Vergleichsdaten: Tom Dillmann fuhr am 27. Februar 2013 in Jerez im GP2-Auto eine Runde in 1:24.400 Minuten. Kevin Magnussen markierte im McLaren MP4-29 am 30. Januar 2014 in 1:23.276 Minuten die Wochen-Bestzeit der neuen Formel 1. Der Unterschied: gerade mal 1,124 Sekunden. Oder etliche Millionen Euro an Entwicklungskosten - je nach Sichtweise.

Klar: Ein solcher Vergleich ist nur bedingt repräsentativ. Die Formel 1 steht ja noch am Anfang ihrer Entwicklungsphase mit den neuen Antriebssträngen, es waren noch nicht die 2014er-Rennreifen und die jeweiligen Testbedingungen waren wohl auch andere. Dennoch sprechen diese Zahlen Bände, finde ich. Auch wenn sich der Abstand zwischen Formel 1 und GP2 sicher wieder vergrößern wird.


Die Formel 1 testet in Jerez

Fest steht auf jeden Fall: Die neuen Formel-1-Autos werden nicht unbedingt als die schönsten in die Geschichte eingehen. Dafür musste ich nicht nach Jerez fahren. Es war ja schon auf den zuvor von den Teams veröffentlichten Bildern zu sehen gewesen. Diese "Rammsporne", diese "Zapfen", diese "Dildos" - von Nahem sieht all dies noch viel bizarrer aus. Ob das sicher ist? Nicht nur ich habe meine Zweifel.

Von Rammspornen, Zapfen und Dildos

Schon kurios: Die Formel 1 gibt sich ein neues Reglement, dessen Umsetzung ein Vermögen kostet. Und dann kommt am Ende so etwas dabei heraus? Das ist eigentlich, was mich an dieser Sache am meisten erstaunt. Oder haben die Regelmacher die Formel-1-Ingenieure etwa schon wieder unterschätzt? Sind die Regeln nicht zu Ende gedacht? Es ist wie bei den Stufennasen, die auch keine Ausgeburt an Ästhetik waren.

Auch hier gilt natürlich wieder: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Und irgendwann wird man sich auch an Rammsporne, Zapfen und Dildos an den Nasen der Formel-1-Autos gewöhnt haben. Ich finde es zwar noch immer nicht toll, störe mich aber beispielsweise - da muss ich ehrlich sein - nicht mehr an den schmalen Heckflügeln und den "Mähdrescher"-Frontflügeln. Ich nehme sie nicht mehr als störend wahr.


Fotostrecke: Die Nasen der Formel 2014

Genau so wird es vermutlich mit den Nasen laufen. Wobei ich wirklich hoffe, dass sich die Sache alsbald erledigt und die Autos wieder eine gescheite Frontpartie bekommen. Und ich hoffe auch, dass sich die Bedenken, die unter anderem Red-Bull-Designer Adrian Newey in Jerez geäußert hat, nicht erhärten werden. Er meint: Die tieferen Nasen stellen eine größere Gefahr für die Sicherheit dar als höhere Nasen.

"Das ist man so gar nicht gewohnt..."

Doch Red Bull hat erst mal ganz andere Probleme. Auch eine Überraschung aus Jerez. Oder hättet Ihr gedacht, dass das Weltmeister-Team mit dem neuen RB10 nach vier Tagen gerade einmal 92,988 Kilometer auf dem Tacho haben würde? Das entspricht 21 Runden in Jerez - und einen Teil davon hat Red Bull noch auf der Ladefläche des Abschleppwagens zurückgelegt. Hier trifft das Wort "Fehlstart" mal wirklich zu.

Wieder ein kleiner Vergleich: Nach vier Testtagen hatte Red Bull 2013 mit dem RB9 schon satte 1.647 Kilometer abgespult. Schlusslicht war damals Marussia mit 974 Kilometern. Das wäre in diesem Jahr der vierte Platz in der Kilometer-Rangliste! Diese Zahlen belegen, wie anders die Formel-1-Tests in Jerez verlaufen sind. Einen solchen "Stotterstart" hat die Formel 1 selten hingelegt. Ebenfalls sehr überraschend.


Fotos: Testfahrten in Jerez, Donnerstag


Die Teams haben schließlich über mehrere Monate (oder vielleicht sogar Jahre) auf diese neue Formel-1-Ära hingearbeitet. Und dann steht der erste Test an, wo erst einmal (fast) gar nichts passiert. Nico Hülkenberg hat es schön formuliert: "Das ist man von der Formel 1, dieser High-Tech-Welt, in der alles vorausgeplant und berechnet wird, gar nicht gewohnt." Vom finanziellen Aufwand ganz zu schweigen.

Mercedes war gut in Form - und was heißt das?

Es gab aber auch gute Nachrichten in Jerez. Zumindest für Mercedes. Denn der neue W05 lief von Anfang an wie ein Uhrwerk. Ja, Lewis Hamilton hat damit auch den ersten Abflug der Saison 2014 hingelegt, aber am Ende der viertägigen Testwoche schlagen 309 Runden und 1.368 Kilometer für den neuen Silberpfeil zu Buche. Es geht also! Auch Ferrari und McLaren haben mehr als 1.000 Kilometer geschafft.

Womit wir bei der Frage wären, was all dies zu bedeuten hat. Ich meine, und da stimmen mir meine Kollegen zu: noch nicht sehr viel. Denn der Test in Jerez war in erster Linie eine Entdeckungsreise für die Teams. Das konnte man sogar hören. Richtig voll gefahren sind die Fahrer wohl nur im Einzelfall, nicht über alle Runden hinweg. Nein: Jerez war ein großer Funktionstest. Nicht mehr, nicht weniger.

Die neue Technik ist schließlich überaus komplex. Man redet nicht mehr vom Motor als Kernstück des Autos, sondern vom Antriebsstrang. Der umfasst neben dem Verbrennungsmotor die Elemente MGU-H, MGU-K, den Turbolader, den Energiespeicher und die Steuerelektronik. Hybrid-Power ist so wichtig wie nie, das Fahrzeug an sich komplizierter denn je. Kein Wunder, dass man sich da herantasten muss.

Die Formel 1 auf Entdeckungsreise

An dieser Stelle frage ich mich aber wiederum, und da komme ich auf das Zitat von Hülkenberg zurück: Wie kann es denn bitteschön sein, dass die Formel-1-Teams über Monate hinweg die neue Technik entwickeln und dann bei der ersten Ausfahrt feststellen: "So funktioniert's nicht"? Hätte Red Bull nicht zum Beispiel anhand von Simulationsdaten gewisse Schwachstellen erkennen müssen?

Dieter Rencken, Stefan Ziegler

Für Euch bei den Formel-1-Tests in Jerez vor Ort: Dieter Rencken und Stefan Ziegler Zoom

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. All dies zeigt wahrscheinlich nur: In der Formel 1 hat eine ganz neue Zeitrechnung begonnen. Was früher gut funktioniert hat, muss jetzt nicht mehr automatisch immer noch gut funktionieren. Der Sport hat sich eben bewusst für einen neuen Weg entschieden und zahlt jetzt den Preis dafür. Natürlich auch buchstäblich, wenn man die hohen Entwicklungskosten bedenkt.

Was mich zu folgender Schlussfolgerung bringt: Ja, die Motoren sind kleiner geworden. Ja, sie hören sich nicht mehr so toll an. Und ja, die Autos sehen vorneherum beknackt aus. Wahr ist aber auch: Die technische Herausforderung ist immens. Da darf bei Testfahrten (nichts anderes war die Nummer in Jerez) auch mal was in die Hose gehen. Solange es dann beim Renneinsatz in Melbourne passt.

Da muss nachgebessert werden!

Fraglich ist nur, ob sich die Formel 1 mit dem ersten Test in Jerez einen Gefallen getan hat. Bisschen viele Pannen für eine Königsklasse, findet Ihr nicht? Vielleicht hätte man dafür doch besser Bahrain oder dergleichen angesteuert, um medial nicht gar so im Fokus zu stehen. So hat das Debüt der neuen Formel 1 doch ein wenig an Glanz verloren. Aber vielleicht macht sie das bei den Grands Prix wieder wett.

Ich bin jedenfalls gespannt darauf, wie es in den kommenden Wochen weitergeht. Und das ist ja eigentlich auch das Schöne für uns Beobachter: Gerade weil bei der Premiere nicht alles glatt gegangen ist, muss eine Reaktion erfolgen. Das zu verfolgen wird sicherlich sehr interessant! Und so wünsche ich uns allen viel Vorfreude auf die nächsten Tests und den Teams gutes Gelingen mit der neuen Technik!

Beste Grüße & auf in die neue Formel-1-Ära!

Euer


Stefan Ziegler

PS: Folgt mir auf Twitter unter @MST_StefanZ!

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