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Kolumne: Die Bahrain-Posse geht in die nächste Runde

Die Formel 1 will 2012 wieder einen Grand Prix in Bahrain austragen - Doch die politische Lage im Königreich am Persischen Golf ist weiterhin kritisch

Sebastian Vettel

Die Formel 1 unternimmt einen neuen Anlauf in Bahrain - oder doch nicht?

Liebe Formel-1-Fans,

der Motorsport-Weltrat hat am Mittwoch beschlossen, dass der Grand Prix von Bahrain wie geplant am 22. April 2012 stattfinden wird. Diese Entscheidung kam nach den jüngsten Aussagen von Formel-1-Promoter Bernie Ecclestone und mehreren Teamverantwortlichen nicht wirklich überraschend. Zu groß ist der wirtschaftliche Reiz, den das Königreich am Persischen Golf auf die Königsklasse des Motorsports ausübt.

Doch ob dieser Beschluss Bestand haben wird, ist noch längst nicht klar. Wir blicken zurück: Wegen der seit Februar andauernden politischen Unruhen in Bahrain, bei denen es auch zu Todesfällen kam, wurde der für 2011 geplante Grand Prix, der am 13. März den Auftakt der diesjährigen Formel-1-Saison hätte bilden sollen, kurzfristig abgesagt. Dies passierte allerdings nicht etwa nach einer geschlossenen Initiative der Formel-1-Teams oder der FIA, sondern auf politischen Druck, ausgeübt durch europäische Regierungen und Menschenrechts-Organisationen. Letztlich war es Kronprinz Salman Al Chalifa selbst, der das Rennen absagte.

Im Juni entschied der Motorsport-Weltrat der FIA, das Rennen im Oktober nachzuholen. Ein Sturm der Entrüstung brach aus, selbst der frühere FIA-Präsident Max Mosley bezeichnete diese Entscheidung als "Fehler, der nicht vergessen wird. Die Formel 1 wird dafür teuer bezahlen, sofern man diese Entscheidung nicht aufhebt." Exakt eine Woche nach dem Beschluss des Weltrats waren es wiederum die bahrainischen Organisatoren, die das Rennen endgültig absagten.

Dies war allen Beteiligten nur recht, denn so war es nicht die Formel 1, die teuer bezahlte, sondern die Regierung von Bahrain - und zwar knapp 30 Millionen Euro. Denn das Königreich überwies seine jährliche Gebühr für den Grand Prix trotzdem, schließlich war es am Ende selbst für den Ausfall des Rennens verantwortlich. Hätten sich hingegen die Teams geweigert, in Bahrain anzutreten, wären womöglich Regressansprüche bei Promoter Ecclestone geltend gemacht worden.

War die Absage 2011 Teil eines Kuhhandels?

Bernie Ecclestone (Formel-1-Chef)

Hat Bernie Ecclestone Bahrain den WEC-Lauf als Kompensation versprochen? Zoom

Ein sauberer Deal, dem womöglich ein Kuhhandel zu Grunde liegt? Jedenfalls war die Überraschung in der Sportwagen-Szene groß, als im Kalender der neuen Langstrecken-WM plötzlich ein Lauf in Bahrain auftauchte. Eigentlich hatten sich sowohl der ACO als auch die Hersteller Audi und Peugeot auf eine WEC-Saison mit sieben Rennen gefreut. Nun sind es insgesamt acht Veranstaltungen. Dient das Ende September angesetzte Sechs-Stunden-Rennen von Bahrain womöglich als kleine Wiedergutmachung für den in diesem Jahr geplatzten Formel-1-Termin?

Stand heute wird also Bahrain im kommenden Jahr gleich zweimal Schauplatz eines von der FIA abgesegneten WM-Laufs sein. Doch was spricht dafür, dass die politische Lage in dem ölreichen Land 2012 stabiler sein wird als in diesem Jahr? Im Moment nicht sehr viel. Die Nachrichten, die uns in den vergangenen Wochen aus Bahrain erreichten, handelten unter anderem von einem erneuten Todesfall bei einer Demonstration in einem schiitischen Vorort der Hauptstadt Manama, einer Bombenexplosion vor der britischen Botschaft und einem Sprengsatzfund am Flughafen von Manama. Der Untersuchungsbericht einer unabhängigen Kommission, welche die blutige Niederschlagung der Proteste in diesem Frühjahr untersuchte, listet 559 Foltervorwürfe auf. 741 der insgesamt 2.919 festgenommenen Personen befänden sich nach wie vor in Haft, tausende staatliche wie private Angestellte verloren wegen ihrer angeblichen Beteiligung an den Protesten ihre Jobs. Sieht so ein stabiler Staat aus?

Bahrain bleibt ein Pulverfass

Lennart Schmid

Das Possenspiel geht in die nächste Runde, findet Redakteur Lennart Schmid Zoom

Bahrain ist weiterhin ein Pulverfass und es ist denkbar, dass der Grand Prix 2012 erneut kurzfristig ausfällt. Darauf ist die Formel 1 diesmal offenbar auch besser vorbereitet als im Frühjahr 2011, als das Rennen den Saisonauftakt bilden sollte. "Bernie weiß, dass einige Rennen - aus kommerziellen Gründen oder aus politischen Gründen wie im Fall von Bahrain - den Kalender etwas verwundbar machen", sagt Red-Bull-Pilot Mark Webber.

Bei einem Blick auf den am Mittwoch verabschiedeten Formel-1-Kalender fällt auf, dass das Rennen in Manama den Abschluss des ersten Saisonabschnitts in Übersee bildet. Drei Wochen später startet in Barcelona die Europa-Saison, dazwischen sind Testfahrten in Mugello geplant. Lange Rede, kurz Sinn: Der Bahrain-Termin ist wohl etwas, das man guten Gewissens als Sollbruchstelle des Kalenders bezeichnen kann.

Erneute Absage käme Teams nicht ungelegen

Sollte das Rennen erneut ausfallen, würde dies die Teams vor keine übermäßigen logistischen Probleme stellen. Und über eine kleine Pause wäre zu diesem Zeitpunkt wohl auch niemand besonders traurig, stehen doch im Zeitraum von Mai bis Ende Juli sieben Rennen an, darunter der obligatorische Abstecher nach Montreal.

Es bleibt also abzuwarten, inwieweit der nun verabschiedete Formel-1-Kalender Bestand haben wird. Vielleicht bildet der jüngste Beschluss des FIA-Weltrats auch nur den Auftakt zu einem neuerlichen Possenspiel, das dem Ruf des Motorsports weiter schadet.

Herzlichst,

Ihr


Lennart Schmid

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