• 08.08.2005 13:31

Istanbul: Herausforderung mit vielen Unbekannten

So bereiten sich die Teams auf den ersten Grand Prix der Türkei am 21. August vor - Interview mit Streckenarchitekt Hermann Tilke

(Motorsport-Total.com) - Das erste Rennen auf einer neuen Strecke: Für Fahrer und Teams ist der Grand Prix der Türkei auf dem 'Istanbul Racing Circuit' eine Herausforderung mit vielen Unbekannten: "Nur wer vorher seine Hausaufgaben macht", sagt Grant Tuff, Experte für Computersimulationen bei WilliamsF1, "kann auf einem neuen Kurs sein volles Leistungspotenzial abrufen."

Titel-Bild zur News: Skizze der Strecke in Istanbul

Skizze der neuen Rennstrecke in Istanbul, auf der am 21. August gefahren wird

Schon lange vor der mit Spannung erwarteten Premiere der Formel 1 am Bosporus schlug die Stunde der Computerspezialisten. Die Herren der Bits und Bytes sind an sich genügsame Zeitgenossen, die nicht viel brauchen, um zufrieden zu sein. Schon eine einfache Streckenskizze reicht ihnen für eine erste Simulation, die sie in der Vorbereitung auf das Rennen nach und nach mit zusätzlichen Erkenntnissen und aktuellen Daten anreichern.#w1#

Informationen über das Gripniveau sind am wichtigsten

Was sie dazu vor allem benötigen, sind neben Basisinformationen vom Streckenbetreiber möglichst exakte Angaben über das Gripniveau der neuen Strecke. Die werden den Teams normalerweise vom Reifenpartner zur Verfügung gestellt und sind - zusammen mit den anderen Daten - die Grundlage jeder verlässlichen Simulation. Doch die Fehlerquelle ist groß: Ungenaue Gripwerte führen zwangsläufig zu falschen Rundenzeiten und falschen Geschwindigkeiten, was wiederum Auswirkungen auf so wichtige Parameter wie Abtrieb und Kühlung der Bremsen hat.

Aber selbst wenn man das Gripniveau richtig voraussagt, ist man dieses Problem noch lange nicht für immer los: "Der Grip einer neuen Strecke kann sich im Verlauf eines Rennwochenendes dramatisch verändern", erklärt Tuff. "Die Ergebnisse einer Simulation für den Freitag sind deshalb oft schon am Samstag ein Fall für den Papierkorb."

Diese Möglichkeit im Hinterkopf, verlassen sich die Spezialisten der Teams nach Möglichkeit nicht allein auf ihre Computerprogramme. Doch wenn die Formel 1 zum ersten Mal auf einem neuen Kurs gastiert, wurde dort in der Regel noch kein anderes Rennen ausgetragen, so dass keinerlei Daten verfügbar sind, etwa von Tourenwagen, die man auf die Formel-1-Boliden übertragen könnte. Deshalb ist man auf die Kooperation der Streckenbetreiber angewiesen.

Ähnlichkeiten mit anderen Strecken können helfen

Eine zusätzliche Hilfe ist der Vergleich mit einem existierenden Kurs, auf dem bereits ein Grand Prix ausgetragen wurde. Das funktioniert dann so, dass man beispielsweise sagt, die durchschnittlichen Kurvengeschwindigkeiten dürften dieser und der maximale Speed auf der Geraden dürfte jener bekannten Strecke entsprechen. Auf diese Weise basteln die Ingenieure einen Referenzkurs zusammen, für den sie dann ein Basis-Setup erstellen.

Bevor ein Fahrer auf einer neuen Strecke zur ersten Trainingsrunde rausfährt, hat er sich den Kurs schon eingeprägt. Das ist kein Hexenwerk. Er schaut sich auf einer Grafik die Kurven an, merkt sich, ob sie links herum gehen oder rechts herum, wirft noch einen Blick auf die Schikanen und die Geraden, dann hat er den Streckenverlauf normalerweise im Kopf. Den erfahrenen Piloten reichen diese Informationen aus, um zu wissen, wo sie mit welchem Gang fahren und wo vor einer Kurve der Bremspunkt ist.

Trotzdem ist es auch für sie wichtig, eine neue Strecke vorher mit dem Fahrrad oder dem Motorroller abzufahren, am besten zusammen mit ihrem Renningenieur. Einige gehen auch lieber zu Fuß um den Kurs. Dabei sehen sie Dinge, die sie keiner Skizze entnehmen können, zum Beispiel leichte Unebenheiten im Asphalt oder die Beschaffenheit der Kiesbetten, was spätestens dann von elementarer Bedeutung sein kann, wenn man in einem gelandet ist und einen schnellen Ausweg suchen muss.

Fahrer brauchen zwei bis drei Runden zum Lernen einer Strecke

Nach dieser ersten Erkundung dauert es bei Formel-1-Fahrern in der Regel noch zwei oder drei Runden, um alle markanten Punkte einer neuen Strecke zu verinnerlichen. Was dabei unter Umständen für eine nicht immer angenehme Überraschung sorgen kann, sind die Randsteine. Die muss man im wahrsten Sinne des Wortes erfahren, denn zu wissen, welcher Umgang mit den Randsteinen sich auf dieser speziellen Strecke empfiehlt, kann spätestens im Rennen von elementarer Bedeutung sein. Manchmal hebt ein Auto völlig aus, wenn man die Randsteine nur berührt, doch wenn man sie voll mitnimmt, ist das erstaunlicherweise kein Problem. Die wahren Geheimnisse einer neuen Strecke kommen nur Stück für Stück ans Licht.

"Es gibt viele Dinge", sagt Tuff, "die kann man auch mit der besten Simulation nicht herausfinden. Die muss man einfach ausprobieren."

Wussten Sie schon...

...dass der 'Istanbul Racing Circuit', der Schauplatz des Grand Prix der Türkei, die 69. Rennstrecke ist, auf der seit 1950 ein Formel-1-Rennen ausgetragen wird? Der Grand Prix der Türkei ist das 745. Rennen in der Geschichte der Formel 1 und die Türkei das 26. Land, in dem ein Formel-1-Grand-Prix stattfindet.

Interview mit Streckenarchitekt Hermann Tilke

Frage: "Was erwartet die Formel 1 bei ihrem ersten Auftritt in der Türkei?"
Hermann Tilke: "Der 'Istanbul Racing Circuit' wird linksherum gefahren, das ist schon mal ein typisches Merkmal, das ihn von den meisten anderen Strecken unterscheidet, genauso wie die Topographie. Es geht ständig rauf und runter, das erinnert an den 'A1-Ring' und an Spa. Dazu kommen Hochgeschwindigkeitsabschnitte, für Abwechslung ist also gesorgt. Wir erwarten zwei bis drei hundertprozentige Überholmöglichkeiten."

Frage: "Was waren die größten Probleme beim Bau der neuen Strecke?"
Tilke: "Wir mussten sehr viel Fels wegsprengen. Aber das waren wir ja schon von Bahrain gewöhnt. Dort haben wir ungefähr eine Million Kubikmeter Gestein bewegt, hier kamen wir auf insgesamt etwa drei Millionen Kubikmeter Aushub, was auch eine ganze Menge ist. Es musste sogar ein kleiner Fluss verrohrt werden, das heißt, er verläuft jetzt in einem Betonkanal unterhalb der Strecke."

Frage: "Wie wichtig ist Ihnen bei Ihren Rennstrecken eine landestypische Architektur?"
Tilke: "Wir legen sehr großen Wert darauf, dass man unseren Strecken ansieht, in welchem Land man zu Gast ist. In Bahrain war es die Wüste, in Shanghai haben wir die Umgebung des von Kanälen und Wasserflächen durchzogenen Flussdeltas aufgenommen. Beim 'Istanbul Racing Circuit' haben wir auf orientalische Elemente zurückgegriffen, die man in der Türkei, die auch von der Architektur her ein moderner Staat geworden ist, sonst nicht mehr so häufig sieht."

Tilke: "Jede Strecke hat ihren eigenen Charakter"

Frage: "Gehen Ihnen bei den vielen Formel-1-Strecken, die Sie in den letzten Jahren gebaut haben, nicht irgendwann die Ideen aus?"
Tilke: "Im Gegenteil: Jede Strecke hat ihren eigenen Charakter und auch das eine oder andere Merkmal, das man nirgendwo sonst findet. Beim 'Istanbul Racing Circuit' ist es zum Beispiel eine 180-Grad-Kurve, die aus geraden Segmenten zusammengesetzt wurde, also keinen flüssigen Radius hat. Für den Fahrer ist es eine besondere Herausforderung, da die Ideallinie zu treffen. Schafft er es, kann er mit Vollgas durchfahren, trifft er sie nicht, verliert er Zeit, weil er ein paar Mal korrigieren muss."

Frage: "Konnten Sie alle Ihre Vorstellungen beim Bau des 'Istanbul Racing Circuit' durchsetzen und wie, glauben Sie, kommt die Strecke bei den Fahrern an?"
Tilke: "Bei der Qualität der Rennstrecke, also zum Beispiel bei den Auslaufzonen und der Qualität des Belags, mussten wir keine Kompromisse machen, wobei wir in Sachen Sicherheit grundsätzlich relativ kompromisslos vorgehen. Auch in dieser Hinsicht konnten wir unsere Vorstellungen 1:1 durchsetzen. Natürlich wird es immer Fahrer geben, die an der Strecke etwas auszusetzen haben, aber wenn sich Fahrer beschweren, kann man oft davon ausgehen, dass es eine gute Strecke ist. Auf dem 'Istanbul Racing Circuit' werden sie sich nicht leicht tun, keine Frage, denn die Strecke ist eine echte Herausforderung, mit langen Geraden und engen Kurven. Dieser Wechsel bedeutet Schwerstarbeit für die Fahrer und jede Menge Action für die Zuschauer."