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Interview: Die wichtigsten Antworten zum Racing-Point-Urteil

Nikolas Tombazis als Formelsport-Beauftragter des Automobil-Weltverbands (FIA) erklärt wichtige Hintergründe zum Urteil gegen Racing Point

(Motorsport-Total.com) - Der Automobil-Weltverband (FIA) hat Racing Point bestraft. Für welchen Regelverstoß und mit welchen Konsequenzen für das Team, das erklärt Nikolas Tombazis im ausführlichen Interview. Er spricht auch darüber, was das Urteil für die Zukunft der Formel 1 bedeuten könnte und welche Maßnahmen hinter den Kulissen bereits getroffen werden. Und er sagt auch konkret, ob Racing Point den aktuellen RP20 umbauen muss oder nicht.

Nikolas Tombazis

Nikolas Tombazis erklärt das Urteil gegen Racing Point aus der Sicht der FIA Zoom

Frage: "Nicolas, könntest du bitte das Kernproblem bei diesem Protest beschreiben?"
Nikolas Tombazis: "Die Crux an diesem Protest war die Frage, ob Racing Point seine Bremsschächte selbst designt hat. Die Regeln verlangen von den Teams, dass sie ihre gelisteten Teile selbst designen müssen. So definiert sich ein Team als ein Konstrukteur."

"Von 2019 auf 2020 hat sich der Status der Bremsschächte verändert. 2019 war es noch legal für die Teams, Informationen über Bremsschächte auszutauschen oder Bremsschächte an andere Teams weiterzugeben. Das hat sich 2020 verändert. Nun müssen die Teams diese Bremsschächte selbst designen. Renault hat Racing Point vorgeworfen, dass sie ihre Bremsschächte eben nicht selbst designt hätten."

Frage: "Kannst du nachvollziehen, weshalb Renault Protest gegen das Auto eingelegt hat?"
Tombazis: "Ja, natürlich. Und diese Untersuchung hat uns gezeigt: Es gibt gewisse Aspekte in den Regeln, die nicht völlig klar waren. Und daraus ist dann eine große Diskussion darüber entstanden, was wirklich mit 'Design' gemeint ist und was passiert, wenn Teile einen veränderten Status erhalten. Es stand Renault natürlich zu, die Situation in Frage zu stellen. Und die Art und Weise, das zu tun, ist ein Protest bei einem Rennen."

Frage: "Was ist das Ergebnis des Protests?"
Tombazis: "Nun, zunächst einmal [müssen wir festhalten]: Der Verstoß betrifft das Sportliche Reglement, Anhang sechs. Dort heißt es: Ein [Konstrukteur] muss die gelisteten Teile verwenden, die er selbst designt hat."

"Die Sportkommissare haben erkannt: Die Bremsschächte, die Racing Point verwendet, wurden nicht von Racing Point designt. Das betrifft vor allem die hinteren Bremsschächte, aber teilweise auch die vorderen. 2019 hatte Racing Point auf legalem Wege eine beträchtliche Menge an Informationen [darüber] erhalten."

Warum es nur eine Strafe gibt

"Das bedeutet: Racing Point hat die Bremsschächte nicht selbst für 2020 designt. Deshalb haben die Sportkommissare Strafen ausgesprochen. Denn die Bremsschächte können nicht als illegale Komponenten eingestuft werden. Der Regelverstoß findet sich also in den Abläufen."

Frage: "Renault hat drei Mal gegen Racing Point protestiert: nach dem Steiermark-Grand-Prix, nach dem Ungarn-Grand-Prix und nach dem Großbritannien-Grand-Prix. Gibt es nach jedem Rennen eine ähnliche Strafe?"
Tombazis: "Nein. Die Sportkommissare vertreten die Ansicht, dass die Abläufe fehlerhaft waren, nicht die Komponenten an sich."

Mercedes, Racing-Point

Der Mercedes W10 diente als Vorbild für den Racing Point RP20 Zoom

"Beim ersten Protest, beim Steiermark-Grand-Prix, wurden daher Meisterschaftspunkte aberkannt und eine finanzielle Strafe ausgesprochen. Damit, so denken die Sportkommissare, sind alle Probleme bei den Abläufen abgegolten."

"Die Proteste wurden bei den folgenden Rennen ebenfalls als zulässig eingestuft. Aber: Die Sportkommissare meinen, es braucht keine weitere Sanktion. Deshalb bekam Racing Point eine Verwarnung für diese Rennen. Es handelt sich um eine Strafe, die die komplette Meisterschaft betrifft. Deshalb wurden Racing Point Punkte abgezogen, aber nicht exakt so viele Punkte, wie das Team beim Steiermark-Grand-Prix erzielt hat."

Wem eine Berufung offensteht

Frage: "Können alle Beteiligten gegen das Urteil in Berufung gehen?"
Tombazis: "Ja. Alle Beteiligten haben ganz normal das Recht, Berufung gegen das Urteil einzulegen, innerhalb einer bestimmten Frist. Wenn jemand Berufung einlegt, dann wäre der nächste Schritt das Internationale Berufungsgericht. Das müsste sich dann noch einmal von vorne mit dem Fall beschäftigen."

Frage: "Wird nun von Racing Point erwartet, dass die Bremsschächte verändert werden?"
Tombazis: "Nun, auf Basis der Entscheidung der Sportkommissare, lautet die Antwort auf diese Frage nein, denke ich. Ich glaube, dafür gibt es auch gute Gründe. Es wäre schlichtweg nicht logisch, von Racing Point zu erwarten, dass sie ihr Wissen vergessen und noch einmal von ganz von vorne designen, mit einem weißen Blatt Papier."

"So funktioniert das beim Design nun mal nicht, niemals. Man arbeitet immer von einem Basiswissen weg. Zu erwarten, sie würden jetzt etwas komplett anderes auf die Beine stellen, das wäre unlogisch. Es wäre außerdem sehr schwierig für uns, sicherzustellen, dass es ausreichend anders ist. Also ja, es wäre eine ziemlich unlogische Erwartungshaltung."

Frage: "Gab es mildernde Umstände für Racing Point, weil sich der Status der Bremsschächte von nicht gelistet zu gelistet verändert hat?"
Tombazis: "Ja, natürlich. Aber erst einmal muss ich betonen, dass sich Racing Point in dem gesamten Prozess völlig transparent verhalten hat. Es gab keine Aktionen unter der Hand oder versteckte Vorhaben oder dergleichen. Sie haben die Regeln so interpretiert, wie sie es für richtig hielten."

"Klar ist aber: Die Statusänderung bei den Bremsschächten von einem Jahr auf das andere hat diese bisher einmaligen Umstände hervorgebracht. Das zwingt uns dazu, zu klären, was man genau unter einem Design versteht und so weiter."

"Ich muss auch sagen: Racing Point hätte ein sehr ähnliches Endergebnis designen können, wenn sie für die Bremsschächte genauso [nur] Fotografien verwendet hätten wie für den Rest des Fahrzeugs. Das wird bei der Proportionalität der Strafe natürlich in Betracht gezogen."

Hat die FIA etwas versäumt?

Frage: "Warum sind die Bremsschächte nicht aufgefallen, als die FIA im März einen Werksbesuch bei Racing Point vorgenommen hat?"
Tombazis: "Das ist eine gute Frage. Das wurde zuletzt intensiv in den Medien diskutiert. Wir haben Racing Point Anfang März einen Besuch abgestattet."

"Das Hauptziel war, zu überprüfen, ob sie bei den großen Bereichen des Fahrzeugs, den Flügeln, dem Bodywork und so weiter genau so vorgegangen waren, wie sie behauptet haben - also mit Reverse Engineering anhand von Fotografien, oder ob sie Informationen erhalten hatten, was einen großen Regelverstoß bedeuten würde."


In der Formel 1 wurde schon immer kopiert!

"Wir haben eine sehr ausführliche Untersuchung [vor Ort] vorgenommen. Unsere Erkenntnis war, dass ihr Vorgehen sehr fundiert war. Ohne jetzt zu sehr ins Detail zu gehen: Wir waren davon überzeugt. Es gab kein Versteckspiel."

"Racing Point hat uns erzählt, wie sie vorgegangen waren. Wir aber hatten uns nicht auf diesen Aspekt konzentriert bei unserer Einschätzung. Es war aber natürlich ein mildernder Umstand für Racing Point. Was aber nicht heißt, dass wir bei unserer Diskussion seit letztem Monat nicht ins Detail gegangen wären."

Was das Urteil für die Zukunft bedeutet

Frage: "Losgelöst von diesem Fall: Gibt es hieraus eine philosophische Grundhaltung zur DNA der Formel 1 für die Zukunft?"
Tombazis: "Ja, absolut. Auch wenn das nicht der Fokus des Renault-Protests war. Renault und andere Teams haben ihr Besorgnis darüber zum Ausdruck gebracht, welches Vorgehen Racing Point gewählt hat, um den Mercedes zu einem großen Teil zu kopieren. Wir, die FIA und die Formel 1, haben viel Zeit damit verbracht, dieses Thema zu diskutieren."

"Wir halten es für wichtig, ein paar Konzepte zu erklären und unsere geplanten Maßnahmen zu erläutern. Zunächst: In der Formel 1 wird schon seit langer Zeit kopiert. Man macht Fotos und betreibt manchmal Reverse Engineering, um ähnliche Lösungen zu erhalten. Wir sehen in manchen Bereichen identische oder fast identische Teile, bei unterschiedlichen Teams."

"Wir glauben aber nicht, dass das in der Zukunft komplett aufhören kann. Wir glauben aber: Racing Point hat das auf ein ganz neues Niveau gehoben. Sie haben diese Philosophie klarerweise auf das komplette Fahrzeug ausgedehnt. Ich halte das für einen Paradigmenwechsel: Sie haben mit der Norm beim Fahrzeugdesign der letzten 40 Jahre gebrochen."

"Man sollte sie aber nicht bestrafen, nur weil sie die ersten waren, die dieses Vorgehen in die Tat umgesetzt haben. Wir glauben aber nicht, dass sich die Formel 1 in diese Richtung entwickeln sollte. Wir wollen nächstes Jahr nicht acht oder zehn Mercedes oder Mercedes-Kopien in der Startaufstellung haben."

Neue Regeln für 2021 geplant

"Es soll nicht darum gehen, wie perfekt man das hinbekommt. Das soll nicht die normale Formel 1 werden. Wir wollen schon sehr kurzfristig einige Änderungen für das Sportliche Reglement 2021 einführen, die verhindern sollen, dass das zur Norm wird."

"Das soll die Teams davon abhalten, zu sehr von Fotos zu leben, um Kopien anzufertigen, oder ganze Autobereiche nachzubauen, so wie es Racing Point gemacht hat. Wir werden weiterhin akzeptieren, wenn einzelne Komponenten in manchen Bereichen kopiert werden. Wir wollen aber nicht, dass ganze Autos praktisch die Kopien eines anderen Fahrzeugs sind."

Frage: "Können sie etwas mehr darüber sagen, wie genau das ausgeschlossen werden soll?"
Tombazis: "Wir haben lange darüber nachgedacht. Es würde wahrscheinlich zu weit in die Weite führen, wenn ich jetzt ins Detail gehe, aber wir werden natürlich entsprechende Hilfestellungen geben. Es wird Regeln geben, mit bestimmtem Wortlaut, und schon in den nächsten Wochen."

"Wir wollen den Teams eine starke Botschaft an die Hand geben, dass sie dergleichen nicht für das nächstjährige Auto machen, weil es dann schlichtweg nicht erlaubt sein wird. Was auch immer die Teams an ihren Autos für 2020 haben, das werden wir natürlich akzeptieren. Sie müssen das nicht entfernen oder neu entwickeln, weil so funktioniert es nie."

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