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  • 14.07.2016 · 12:22

  • von Dieter Rencken

Gespräch mit Bernie Ecclestone: Sterblichkeit akzeptiert

Angst vor EU-Maßnahmen, Bau des Formel-1-Kalenders 2017 und Ende seiner Tätigkeit: 'Motorsport-Total.com'-Redakteur Dieter Rencken trifft Bernie Ecclestone

(Motorsport-Total.com) - Ein Gespräch mit Bernie Ecclestone ist immer spaßig. Zuweilen pietätlos und lapidar kaschiert er seinen messerscharfen Verstand, der ihm im Spiel immer drei oder vier Schritte Vorsprung ermöglicht. Der Beginn unseres Gespräches ist diesmal der Fußball und vor diesem Hintergrund eine Verbindung zum Themenkomplex, dass in der Formel 1 seit 2013 große Boni an die vier größten Teams gezahlt werden.

Bernie Ecclestone

Sieht nun doch womöglich sein Ende nahen: Formel-1-Boss Bernie Ecclestone Zoom

Nach drei tiefgehenden Untersuchungen hat die EU nun entschieden, dass öffentliche Förderung von spanischen Fußballvereinen sieben Clubs einen unfairen Vorteil gegeben hat und somit gegen das Wettbewerbsrecht verstößt. Die Kommission hat entsprechend angeordnet, dass die Vereine diese illegalen Hilfen zurückzahlen müssen.

Im spanischen Fußball ging es um öffentliche Gelder, aber ein Satz in der Erklärung der Kommission ist besonders interessant. Dort heißt es: "Das Eingreifen der Kommission hält einen Wettbewerb in der Waage, in der die meisten Clubs ohne Subventionen arbeiten müssen. Solche Subventionen können großen oder kleinen Vereinen dabei helfen, an Rivalen vorbei zu kommen."

Was passiert, wenn die EU eingreift?

"Das Prinzip ist also in dem Sinne das gleiche, dass Arrangements einigen wenigen Teams gewisse Vorteile bringen. Das ist Wettbewerbsverzerrung", sagt Robert Fernley. Der stellvertretende Force-India-Teamchef selbst war es, der bei der EU eine Untersuchung angestoßen hat. "So etwas ist unfair und illegal. Die EU wird bei solchen Fällen eingreifen. Ich bin zuversichtlich, dass die EU auch in unserem Fall tätig werden wird."

Robert Fernley

Setzt auf Gerechtigkeit und die Europäische Union: Robert Fernley von Force India Zoom

Geht man davon aus, dass Fernleys Einschätzung richtig ist und die EU erklärt die Bonuszahlungen in der Formel 1 für illegal, dann könnte dies für die betroffenen Teams Ferrari, Red Bull, Mercedes und McLaren katastrophale Folgen haben. Allein in diesem Jahr haben die Teams zwischen 30 und 90 Millionen Euro kassiert, insgesamt belaufen sich die Sonderzuwendungen für 2015 (werden 2016 ausgezahlt) auf über 180 Millionen Euro.

Noch einmal: Seit 2013 wird dies so gehandhabt. Nehmen wir die oben genannte Summe also mal vier - da kommt dann die Frage auf: Wie würde Bernie Ecclestone auf eine entsprechende Direktive der EU, falls sie denn kommt, reagieren?

Nach einer kurzen Diskussion, ob die EU nach dem Brexit überhaupt noch zuständig ist - und das ist sie zweifellos, wenn Kommissarin Vestager Verfahren gegen Apple und andere einleiten kann - und ob die Debatte nicht "ein bisschen dämlich" sei, gibt Bernie zu, dass "alles davon abhängt, zu welchem Vorgehen sie sich entscheiden".

Können die Topteams dies stemmen?

Kernpunkt ist, dass die EU-Direktiven bindend sind. Das musste Microsoft schon am eigenen Leib erfahren. Wenn ein solches Vorgehen beispielsweise Ferrari treffen würde, ein Unternehmen das seit kurzer Zeit an der New Yorker Börse notiert wird, dann würde dort mal schnell ein Loch von 360 Millionen Euro gerissen. Um die gleiche Summe geht es auch nochmal, wenn der Vertrag bis 2020 zu Ende läuft.

Man stelle sich angesichts der aktuellen sportlichen Talfahrt vor, bei McLaren würden plötzlich 110 Millionen Euro fällig. Wie würde Red-Bull-Boss Dietrich Mateschitz denken, wenn plötzlich ein Bescheid über eine Rückforderung vorn 290 Millionen Euro auf den Tisch flattert? Würden diese Teams eine solche Direktive der EU überhaupt überleben?

Die noch viel entscheidendere Frage lautet: Sollte die EU entscheiden, dass die Bonuszahlungen nicht rechtens sind und somit zurückgezahlt werden müssen, steckt sich dann die FOM das Geld in die Taschen? Oder wird auf Grundlage der Leistungen seit 2013 dann gleichmäßig auf alle Teams aufgeteilt? Es gibt sicherlich die Verlockung, dass CVC Capital Partners, der Mehrheitseigner der FOM, dieses Geld einsackt...

Ecclestone gibt zu, dass beispielsweise für Ferrari ein harter Schlag drohen könnte. "Glücklich würde es sie nicht machen", meint er. "Ich würde aber erst einmal nichts machen, denn wir wissen nicht, ob etwas passieren wird. Du hast sowieso gesagt 'Wenn es denn passieren wird...'" Würde Ecclestone die verbotenen Zuwendungen unter allen Teams aufteilen?

Wo landet das Geld bei Rückzahlungspflicht?

"Nein", sagt der Formel-1-Vermarkter, "falls wir das Geld bekommen, das wir vorher bezahlt haben - wenn es das ist, was das Gesetzt verlangt - halten wir uns an die Regeln, wie immer sie auch aussehen mögen. Wenn es heißt, dass das Geld an uns zurückgezahlt werden muss, dann wird das auch so passieren..."

Dass die Rückzahlungen tatsächlich in die Kassen von CVC fließen könnten, dürfte Teams wie Sauber und Force India sicherlich nicht gefallen. Die positivere Variante wäre für sie die andere, denn dann könnte die Lücke zwischen den Reichen und Armen deutlich verkleinert werden. Teams würden von einem größeren Topf profitieren und manche könnten Schulden zurückzahlen, die sich in den vergangenen Jahren angesammelt haben.


Fotos: Großer Preis von Großbritannien, Girls


Es ist wahrscheinlicher, dass sich McLaren einen Mann wie Colin Kolles ins Haus holt als dass CVC freiwillig auf Milliarden verzichtet. Die kränkelnden Teams können nur darauf hoffen, dass die EU nicht nur in ihrem Sinne entscheidet, sondern auch noch anweist, dass die Sonderzahlungen künftig unter allen aufgeteilt werden sollen, bevor sie von einem Investor weggeschnappt werden.

Formel-1-Kalender 2017: Wer fliegt raus?

Mein Gespräch mit Bernie fand mitten in der intensivsten Phase dieser Saison statt, zum Start des vierten von sechs Grands Prix innerhalb von acht Wochen. Wie stehen die Chancen auf 21 Rennen im kommenden Jahr, vor allem auch die Möglichkeiten für einen zusätzlichen Grand Prix in den USA?

"Wahrscheinlich 21", so Bernies kurze Antwort. Bleiben also Deutschland und Brasilien im Kalender? Was ist mit Italien und dem zweiten US-Rennen? Beim Thema USA kommen abfällige Äußerungen über die Fortschritte auf der anderen Seite des Atlantiks. Und Monza? "Es war alles klar, dann hat es sich wieder verändert... wir bleiben zuversichtlich."

Tribüne leer

An manchen Schauplätzen ist es egal, wie viele Fans zum Rennen kommen Zoom

Für Brasilien gilt: "Wir sollten ihnen eine Chance geben." Deutschland ebenso? Weiterhin in Hockenheim? "Wenn wir sie finanziell unterstützen", stellt Ecclestone in Aussicht. Insgesamt wird klar, dass er lieber einen Kalender mit etwas weniger als 20 Rennen möchte als einen mit mehr als 20 Grands Prix. Ein erster Kalenderentwurf soll Ende August vorliegen, sagt er.

Als unser Gespräch auf Kyalami kommt, gibt Bernie erneut wenig Hoffnung: "Nicht groß genug. Ich hätte vielleicht Freude an einem Rennen in Kyalami, aber ich glaube nicht, dass sich ein Promoter finden würde, der es umsetzen könnte. Solange nicht die Regierung etwas unterstützt..."

Aber Bernie, dort hat man fast 30 Millionen Euro für Renovierungen investiert.... "Ja, sie haben einen guten Job gemacht", antwortet er. "Sie werden es aber nicht schaffen, dort ein Rennen auf der Strecke zu absolvieren, das sich rechnet. Wirtschaftlich ist das undenkbar - es geht einfach nicht."

Wann werden die Antrittsprämien gesenkt?

Wenn drei Grands Prix auf der Kippe stehen, die Fans sogar in Österreich ausbleiben und es keinen Hoffnungsschimmer am Horizont gibt, ist dann nicht die Zeit gekommen, endlich einzusehen, dass die Antrittsprämien - und dadurch bedingt auch die Eintrittspreise - zu hoch sind? "Ich habe Leute, die wollen etwas kaufen und beschweren sich nicht", sagt Bernie. "Ich verstehe nicht, wo das Problem ist..."

In Spielberg haben die Fans ihr Geld gespart und sind ferngeblieben. Bernie betont, dass es nicht seine Sache sei, was die örtlichen Veranstalter von den Zuschauern verlangen. Dies isoliert betrachtet stimmt sogar - ein typischer "Bernie-ism". Allerdings müssen oftmals über Ticketpreise die hohen Antrittsprämien finanziert werden.

Bernie Ecclestone trinkt Heineken

Neuester Deal in der Formel 1: Bernie Ecclestone wird zum Heineken-Trinker Zoom

"Es gibt viele Orte, an denen wir fahren und niemand beschwert sich. Dort interessiert es nicht einmal, wie viele Tickets verkauft werden. Oder nimm mal beispielsweise Olympia hier in London. Jeder weiß, wie viel das gekostet hat, aber aufgeregt hat sich keiner." Da war er wieder, der Hinweis auf staatliche Finanzierung. Aber Moment: Olympia oder Fußball-WM werden von Verbänden veranstaltet und getragen - und nicht von einer Gruppe Bänker, die jeden Cent herausziehen wollen. Der Vergleich hinkt also.

In unserem Vorgespräch deutete Bernie an, dass es wieder einige Gruppierungen gibt, die möglicherweise Interesse an den kommerziellen Rechten der Formel 1 haben könnten. Konkretes gab es aber nicht. Ist das nur eine Vermarktungstaktik eines der größten Verkäufer im aktuellen Sport? Sicher ist: je mehr sich gegen einen solchen Deal entscheiden, desto mehr gilt der Sport als unverkäuflich und die Aussichten für die aktuellen Besitzer verschlechtern sich.

Restlaufzeit der Verträge: Nur vier Jahre noch

Das bringt uns zu der Diskussion um die Formel 1 in der Zeit nach 2020, wenn die aktuellen Verträge auslaufen. Gibt es bereits erste Gespräche mit den Teams über Agreements für die Zeit danach? Es sind nur noch vier Jahre bis dorthin. Verschärft gesagt: Die aktuelle Lebensdauer der Formel 1 beträgt nur noch vier Jahre. Wenn also die Gespräche noch nicht begonnen haben, wann wird es denn losgehen?

"Ich hoffe, ich bin noch da, wenn in drei Jahren verhandelt wird." Bernie Ecclestone

"Brauchen wir jetzt noch nicht", sagt Bernie. Er verdrängt dabei offenbar, dass er genau dieses Thema in einem Artikel der 'Times' für wichtig erachtete und uns in Österreich noch gesagt hat, dass er hoffe, "noch im Verlauf dieses Jahres etwas auf die Beine zu stellen", in der Hoffnung, dass für das Jahr 2021 gleichzeitig neue technische und sportliche Regeln in Kraft treten können.

Dann eine überraschende Wende in unserem Interview: "Es ist noch viel Zeit. Ich hoffe, ich bin noch da, wenn in drei Jahren verhandelt wird..." Man bemerke den letzten Satz. Erstmals realisiert Bernie, dass er vielleicht doch nicht für alle Zeiten dabei bleiben kann. Der 86-Jährige weiß um seine Sterblichkeit, auch wenn er noch im April solche Dinge mit der Aussage, er werde "noch 35 bis 40 Jahre leben" vom Tisch wischte.

Ist MotoGP-Boss Ezpeleta der perfekte Nachfolger?

Das gibt mir die Chance, ihm zu sagen, dass es meiner Meinung nach genau einen Mann gibt, der all die notwendigen Fähigkeiten mitbringt, die man für das Steuern der Formel 1 braucht: Verhandlungen führen mit Teams, Strecken und TV-Anstalten, mit Behörden und Verbänden wie der FIA umgehen, bei Regierungen vorsprechen, Sponsoren und Konzerne bei Laune halten, Anstellung der richtigen Leute für Organisation, Sport und Rechtsangelegenheiten - und generell als Frontmann eines globalen Sports auftreten.

Carmelo Ezpeleta

Möglicher Nachfolger für Bernie Ecclestone? Dorna-Boss Carmelo Ezpeleta Zoom

"Wen meinst du denn?", fragt Bernie erwartungsfroh. MotoGP-Boss Carmelo Ezpeleta, der in seinem eigenen Metier aus Sicht mancher mindestens einen genauso guten Job wie Ecclestone in der Formel 1 macht. Er ist wohl der einzige Kandidat, der nach dem Ausscheiden von Bernie den Laden ohne große Übergangszeit fortführen könnte. Der andere Kandidat, Ross Brawn, hat ja angeblich kein Interesse.

"Ah, stimmt", sagt Bernie zum Thema Ezpeleta. "Er ist ein guter Freund von mir. Ich wäre sehr froh, ihn im Vorstand zu haben, aber er ist zu teuer. CVC kann ihn sich nicht leisten..." Wenn er es doch wert ist? "Bei seinem aktuellen Deal ist er für CVC nicht zu haben. Er macht alles richtig. Ich mache es nicht des Geldes wegen. Ich bin in der glücklichen Situation, dass ich keinen Job brauche. Ich brauche kein Geld - so ist es nun mal."

Wenn Bernie tatsächlich in drei oder vier Jahren nicht mehr dabei sein wird und er den Sport so leidenschaftlich liebt wie er es angibt, dann lastet nun ein enormer Druck auf seinen Schultern. Das zumindest implizieren seine Aussagen. Es muss klar sein, dass etwas passieren muss - lieber früher als später.

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