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  • 10.06.2014 · 12:33

  • von Christian Ebner

Gastkolumne: Mit den Augen eines Streckenpostens

Christian Ebner, Streckenposten am Red-Bull-Ring, schreibt über seine Vorbereitung auf den Grand Prix von Österreich: Formel 1, die unbekannte Serie?

Streckenposten Christian und Petra Ebner

Streckenposten Christian Ebner und seine Frau Petra im Einsatz am Salzburgring Zoom

Liebe Leser,

nein, die Überschrift beinhaltet weder einen Schreib- noch einen Lesefehler. Für so manchen ist die Formel 1, die Speerspitze des Motorsports, eine Unbekannte. Dazu zählen einige Streckenposten (oder: Marshalls) am Red-Bull-Ring. Da presche ich mit wehenden Fahnen voraus und oute mich als selbiger.

Natürlich kennt man die Formel 1 aus dem Fernsehen. Natürlich diskutiert man auch mit, wenn es um die Reglementänderungen geht. Wenn es darum geht, dass der Bernd Mayländer momentan den geilsten Sound im ganzen Feld hat. Und natürlich meckert man auch, wenn es um das Thema Treibstoff sparen geht. Man ist eben ein Fan, auch abseits der Strecke.

Formel-1-Comeback nach elf Jahren

Es ist ja nicht so, dass die Sicherheitsstaffel in Spielberg Anfänger sind. Bewährt bei zahlreichen Rennwochenenden, national und international, bei Hobby- ebenso wie bei WM-Läufen. Viele Marshalls kennen die Formel 1 auch aus den Jahren, als sie noch in Österreich gastierte.

Nun kommt aber die Formel 1 in diesem Jahr das erste Mal seit viel zu langer Zeit in die Steiermark zurück, und das mit völlig anderen Boliden und gänzlich neuer Technik unter dem Karbonkleid. Somit muss beziehungsweise darf ich mich auch erstmals mit dieser Serie befassen. Aber wie kann man sich auf eine derart sterile und von der Außenwelt abgeschottete Motorsportserie vorbereiten? Um dieses Thema wird es in den nächsten beiden Wochen gehen.


Streckenposten beim GP Kanada 2008

Als erster und einfachster Weg: Fehleranalyse via TV. Wie so üblich im Leben, lernt man aus den Fehlern anderer am meisten. Und da gibt und gab es schon immer viel Gesprächsstoff. Abends, nach jedem Einsatztag an der Strecke, bespricht sich die Mannschaft im Schulungsraum und sieht sich die Videos von diversen Bergungen und allen anderen Vorkommnissen auf der Strecke an. Man diskutiert darüber, sucht nach Verbesserungspotenzial. Aber man sieht sich auch die Arbeiten anderer Marshalls an. Für mich am lustigsten sind noch immer die Einparkversuche der kanadischen Kollegen.

Auf der Strecke: Gefahr für die Marshalls

Streckenposten im Einsatz

Die Streckenposten erfüllen im Motorsport eine der wichtigsten Aufgaben Zoom

Lustig, aber irgendwie auch erschreckend! Es kann doch nicht sein, dass die drei Marshalls geschlagene zweieinhalb Minuten brauchen, um Massas Ferrari rückwärts in die Tasche zu schieben? Diese Gelbphase - und ich hasse Gelbphasen, weil die erstens Arbeit bedeuten und zweitens den Racern den Spaß rauben - war unnötig lang. Auch - und da sind wir beim dritten Punkt, der mir an Gelbphasen missfällt - weil man sich indirekt in Gefahr begibt.

Ein Mensch hat auf einer Rennstrecke nämlich nichts zu suchen. Wir müssen aber ab und an mal raus, um einem Liegengebliebenen oder Verunfallten zu helfen. Das ist unser "Job". Nun, Job trifft es nicht ganz. Es ist das Freizeitvergnügen von mir, meiner Frau und natürlich allen anderen an der Strecke. Es ist kein Fulltime-Job, aber man erspart sich schon mal die Eintrittskarten, hat einen besseren Stehplatz und bekommt für diesen Zeitraum mit viel Glück die Unterkunft gestellt.

"Deswegen soll man die Zeit auf der Strecke auf das absolute Minimum reduzieren." Christian Ebner

Dass jeder Marshall am Abend gesund nach Hause gehen will, sich über superspannende Rennen freuen möchte und glücklich, aber todmüde ins Bett fällt, das will jeder. Deswegen soll man die Zeit auf der Strecke auf das absolute Minimum reduzieren. Einparkversuche von zweieinhalb Minuten sind da eher nicht der richtige Weg.

Natürlich möchte ich mich nun nicht ellenlang über unsere kanadischen Kollegen amüsieren, sondern lediglich aufzeigen, wie ich persönlich eine Motorsport-Veranstaltung am heimischen Fernsehschirm verfolge. Ich weiß nicht immer, wer gerade auf welcher Position ist. Zugegebenermaßen auch oftmals nicht, welcher Helm zu welchem Fahrer gehört. Aber ich sehe andere Dinge. Für mich und meine kommende Freizeit-Beschäftigung essentielle Vorkommnisse, die normalen Fans selten auffallen.

Ein veränderter Blick auf das Wesentliche

Beim Grand Prix in Bahrain - einer der wenigen, die ich live mitverfolgen konnte - gab es auch zwei solche Schlüsselerlebnisse. Der Überschlag von Esteban Gutierrez - ich musste jetzt recherchieren, wen es da überschlagen hatte, weil ich mich einfach auf die Situation konzentrierte und nicht auf irgendwelche Kommentatoren (so viel zum Thema andere Sicht der Dinge) - war das erste Erlebnis dieser Art, wenige Augenblicke darauf das zweite, das Ausrollen von Kevin Magnussen. Auch da musste ich nachlesen...

Doch der Reihe nach: Ein Rennwagen überschlägt sich. Beileibe nichts Besonderes in unserem Job. Das Wichtigste ist erstmal der Fahrer, da gibt es keine Diskussion. Klar, im TV sah man, dass er sich bewegte. Er funkte an die Box. Kleine Bewegungen, also nichts, was man aus der Entfernung, wenn man gerade zum Verunfallten läuft, so leicht erkennen oder beurteilen kann. Also sollte man schnellstmöglich nachsehen, wie es dem Fahrer geht. Dass es zu einer Safety-Car-Phase kommen muss, war mir gleich klar.


Streckenposten: Ohne sie läuft gar nichts

Dass die Formel 1 keine Wald-und-Wiesen-Veranstaltung ist, wo sich die Teams keinen Funk leisten wollen oder können, ist selbstverständlich. Sekunden nach dem Überschlag wussten alle Fahrer Bescheid darüber, dass etwas passiert war, man sich aufgrund der bevorstehenden Safety-Car-Phase möglicherweise auf einen vorgeschobenen Boxenstopp vorbereitet und und und.

Schnelles Eingreifen im Interesse der Fahrer gefordert

"Wenn doppelt Gelb geschwenkt wird bolzen sie nicht mit 99 Prozent um die Kurve." Christian Ebner

Was dazukommt: Diese Fahrer, alle 22, haben eine Ahnung von Flaggensignalen. Das wiederum ist nicht selbstverständlich! Aber wenn da doppelt Gelb geschwenkt wird, zusammen mit der Info vom Kommandostand, bolzen sie nicht mit 99 Prozent um die Kurve. Da kann man als Marshall hingehen und nachsehen. Nein! Da muss man als Marshall reagieren und dem Fahrer helfen, denn dieser vertraut der Sicherheitsmannschaft.

Warum sich da eine halbe Minute lang keiner die Mühe gemacht hat hinzugehen - im Laufschritt natürlich -, kann viele Gründe haben. Gründe, die ich mir mit den Kollegen der Sicherheitsstaffel des Red-Bull-Rings auch noch genauer ansehen werde. Eine der Möglichkeiten: Sie mussten auf die Freigabe, via Funk, aus der Race-Control warten.

Leider ist es auf vielen Rennstrecken so, dass die Betreiber, der Rennleiter oder der Leiter der Streckensicherung wenig Vertrauen in das Personal vor Ort haben. Einfach, weil sie zu wenige Veranstaltungen im Jahr haben, bei der sie eine dicke Haut bekommen können. Wo sie standardisierte Arbeitsabläufe immer und immer wieder trainieren können und müssen. Dass alles einfach ins Blut übergeht, was wann und wie zu machen ist. Fehlt diese Praxis, dieser siebte Sinn, dann kann man die Leute natürlich nicht blindlinks rausschicken, ganz klar.


Fotostrecke: GP Bahrain, Highlights 2014

Ein weiterer Aspekt, der in dieser neuen und noch jungen Saison hinzukommt, ist die Speicherung und Abgabe von Elektrizität in die Fahrdynamik der Boliden. Und wir reden hier von deutlich mehr Elektrizität als in den vergangenen Jahren.

ERS bedeutet für Streckenposten Herausforderung

Der aufmerksame Fan hat diese acht LED-Lichter am Überrollbügel sicher schon gesehen. Diese LEDs leuchten in drei verschiedenen Farben: rot, gelb und grün. Diese Lichter dienen allen Leuten, die am Auto arbeiten, als Information über den momentanen Fahrzeugzustand. Leuchtet es rot, dann darf niemand das Auto berühren, dann herrscht akute Stromschlag-Gefahr. Auch am Chassis, wie ich nach Recherche mitgeteilt bekommen habe. Karbon ist nämlich ein ausgezeichneter elektrischer Leiter!

Pastor Maldonado

Unfall im Jahr 2013: Die Streckenposten in Monaco gelten als die besten der Welt Zoom

Nach dem Überschlag von Gutierrez fehlten diese LEDs jedoch, sie sind mitsamt der Kamera abgerissen worden. Woher nun wissen, ob das Fahrzeug unter Strom steht oder nicht? Streichholz ziehen und den Verlierer hinschicken, um zu sehen, ob er zum Glühwürmchen mutiert? Eine glatte Fehlkonstruktion! So ein Formel-1-Auto kostet Millionen und Abermillionen, jedoch ist das Anbringen einer optischen Sicherheitseinrichtung auf einem Überrollbügel nicht die beste Idee... Sechs, setzen!

Klar, von diesem Gesichtspunkt aus gesehen ist es nur logisch, dass die Marshalls erstmal in der Race-Control nachfragen. Sie wurden über die Farben und deren Bedeutung gebrieft, sicherlich aber nicht darüber, welcher Fahrzeug-Zustand herrscht, wenn nichts leuchtet, sondern alles zappenduster ist, weil nicht mehr vorhanden.

Kritik am Fall Magnussen in Bahrain

Was ich deutlich kritisiere, ist der Fall Magnussen. Er bleibt mit defektem Getriebe, weiß man nun im Nachhinein, bei einer "F-Tasche" stehen - zu erkennen am weißen "F" auf rotem Hintergrund. Diese Tafel bedeutet, dass hier ein "Firemarshall" samt Löschmittel den ganzen Tag nichts anderes macht, als auf Kundschaft zu warten.

"Als Rennfahrer bleibt man eben mit qualmendem Auto lieber dort stehen, wo man weiß, dass es Löschmittel gibt." Christian Ebner

Nicht nur seit dieser Saison, in allen Saisons und Rennserien werden diese Positionen von den Fahrern verstärkt gesucht, wenn sich da irgendwas am Auto in Rauch aufzulösen droht. Gern beim Trackwalk, die nicht so Sportlichen tun es beim Freien Training. Als Rennfahrer bleibt man eben mit qualmendem Auto lieber dort stehen, wo man weiß, dass es Löschmittel gibt, als irgendwo anders. Ganz einfach deshalb, weil ein Rennauto sehr viel (eigenes?) Geld kostet und möglichst unbeschadet bleiben soll.

Magnussen blieb brav an einer solchen Stelle stehen, es qualmte aus der Airbox. Es qualmte weiter, weiter und weiter. Aber siehe da: kein Marshall samt Feuerlöscher weit und breit! Jeder möge sich dazu seine eigenen Gedanken machen. Wie auch wir, die wir uns auf die Formel 1 in Spielberg vorbereiten. Auf diese neue, unbekannte Materie...

Christian Ebner

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