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  • 16.11.2016 · 11:56

  • von Gary Anderson (Haymarket)

Gary Anderson: Die Formel 1 muss im Regen ihr Ding machen

Niemand will einen verletzten Fahrer, doch für Experte Gary Anderson gibt es Wege, wie man ein Regenrennen ohne Verzögerung, Abbruch und Konfusion handhabt

(Motorsport-Total.com) - Brasilien war eines dieser Rennen, das kein Ende zu haben schien. Mehr als drei Stunden dauerte es, mit zwei roten Flaggen und fünf Safety-Car-Phasen. Die Formel 1 hat sich damit wieder einmal ins eigene Fleisch geschnitten. Eigentlich ist Regen an einem Renntag nichts Neues, allerdings scheinen die Verantwortlichen solche Bedingungen und die Herausforderung für die Fahrer weniger zu akzeptieren als in der Vergangenheit.

Lewis Hamilton

Der Formel-1-Fan möchte auch im Regen unterhalten werden Zoom

Zu verstehen, was im Rennen vor sich ging, und wirklich involviert zu sein, war durch den Start-Stopp-Charakter der Abläufe fast unmöglich. Ich kann komplett verstehen, warum die Fans an der Strecke ein wenig sauer waren, denn sie hatten noch weniger Überblick als die Zuschauer zuhause. Selbst ich war ein wenig verloren, obwohl ich alle verfügbaren Informationen hatte.

In solchen Situationen sind wieder einmal die Reifeninformationen das Wichtigste, weil dabei jemand vielleicht einen Vorteil erlangen und etwas Außergewöhnliches vollbringen könnte. Während des gesamten Rennens wechselten die Fahrer zwischen Regenreifen und Intermediates, von daher war es wichtig, das im Blick zu haben.

FOM (Formula One Management; Anm. d. Red.) hat nie verstanden, welchen Bonus eine übersichtliche Reifeninformation der Show bringt. Der neue Eigentümer Liberty Media muss dies als erstes ändern, damit der Zuschauer alle Informationen bekommt, die er benötigt. Das ist ein einfacher und schneller Erfolg, denn selbst die TV-Kommentatoren schienen keine Ahnung zu haben - und wenn, dann haben sie es dem Zuschauer nicht mitgeteilt.

Regenrennen gab es schon viele...

In den vergangenen Jahren gab es viele sehr nasse Rennen: Fuji 1976 und 2007, Silverstone 1978, Donington 1993 und Spanien 1996 kommen mir in den Sinn - aber es gibt auch viele andere. Bei allen gab es eine schlechte Sicht und schwierige Streckenbedingungen - wie in Interlagos am Sonntag. In einigen Fällen war es sogar schlimmer, aber die Rennen liefen mit einer Minimalzahl an Unterbrechungen.

James Hunt

James Hunt holte 1976 in Fuji den Titel, weil Niki Lauda freiwillig ausstieg Zoom

Zwar wurde der Start in Fuji vor 40 Jahren verschoben, doch als es einmal lief, wurde das Rennen durchgezogen. Es war so nass, dass Niki Lauda an die Box kam und aufgab - und dabei hatte er um den Titel gekämpft. Man kann ihn dafür nicht verurteilen, schließlich war er nach seinem fürchterlichen Unfall auf dem Nürburgring erst wieder zurückgekehrt. Aber es zeigt, dass der Einzelne die Macht hat zu entscheiden, ob er teilnehmen möchte oder nicht.

In Silverstone 1978 schien jeder im Rennen einen Unfall gehabt oder sich gedreht zu haben, trotzdem konnten jene mit außergewöhnlichem Talent unter solchen Bedingungen herausstechen. Das gleiche gilt für Donington, wo Ayrton Senna dominierte, und für Brasilien vor 13 Jahren, als Giancarlo Fisichella in einem Jordan gewann, der nicht einmal annähernd einer unserer Besten war. "Fisi" gewann dort, weil er das Talent besaß, auf der Strecke zu bleiben und bis zum Ende zu kommen, während andere in der Mauer oder knietief im Matsch endeten.

Heutzutage gibt es viele schnelle Piloten, aber erst im Regen stechen Fahrzeugkontrolle und Talent wirklich heraus. Er ermöglicht den großartigen Fahrern, dass sie sich hervortun. Am Sonntag gab es davon nur zwei Fahrer: Lewis Hamilton und Max Verstappen. Auch andere wie Sergio Perez, Carlos Sainz und Felipe Nasr zeigten eine gute Leistung, aber diese beiden waren wirklich außergewöhnlich.

Wie man vom Fahrer zum Regengott wird

Was macht einen Fahrer im Nassen schnell? Es geht nur um das Gefühl für das Auto und zu wissen, was es tun wird, bevor es das tut. Hamilton besitzt diese Fähigkeiten im Übermaß, und darum sagte er, dass es einer seiner einfachsten Siege war. Weil er vorne und dadurch nicht im Spray war, konnte er sich auf die Bedingungen fokussieren. Allerdings muss man ihm das anrechnen, denn er hatte sich selbst in die Position gebracht und keinen Fehler gemacht.

Ob man Hamilton mag oder nicht, man muss großen Respekt vor ihm haben. Er ist einer der Großen seiner Zeit, und in Brasilien zu gewinnen und seinem Idol Senna nachzueifern, war etwas Besonderes. Das ist ziemlich weit oben auf seiner langen Liste der 52 Siege, da bin ich mir sicher.


Fotostrecke: GP Brasilien, Highlights 2016

Was Verstappen angeht: Er hat einfach das gemacht, was er am besten kann. Er attackierte von der ersten Kurve der grünen Flagge bis zur letzten Kurve der letzten Runde und nutzte jede mögliche Rennlinie. Dadurch fand er auch heraus, dass in einigen Kurven außen mehr Grip war, wenn nötig.

In der Vergangenheit war die Außenlinie immer als "Regenlinie" verschrien, weil es immer mehr Grip gab, weil auf der Oberfläche einfach weniger Öl und Gummi lag. In jüngster Zeit scheinen die Piloten solche Dinge aber nur zögerlich auszuprobieren. Wahrscheinlich beschweren sie sich am Funk eher über das Handling, als etwas auszuprobieren und eine Lösung zu finden. Gut gemacht, Max! Mach so weiter!

Kritik an der Rennleitung: "Das Schlechteste"

Was die Rennorganisation angeht: Das ist vermutlich die schlechteste, die ich je gesehen habe. Die linke und die rechte Hand scheinen nicht zu kommunizieren. Ich akzeptiere, dass es schwierig ist, weil das Feedback von Fahrern kommt, die geteiltes Interesse daran besitzen, ob das Rennen weitergeht oder gestoppt wird. Aber als sich viele dafür ausgesprochen hatten, dass es weitergeht, warum hat die Rennleitung dann das Safety-Car draußen gelassen oder die rote Flagge gezeigt?

Rote Flagge

Rote Flagge, keine fahrenden Autos: Dieses Bild verärgerte die brasilianischen Fans Zoom

Einzig ein variables Speedlimit wie auf Autobahnen hat gefehlt. Wenn man das gehabt hätte, dann hätte man es an den Stellen einsetzen können, wo Aquaplaning ein Problem war - an allen anderen Stellen hätten die Fahrer frei fahren können. Das ist im Übrigen ein Witz. Wobei, bei dem aktuellen Status der Formel 1 ist es das wahrscheinlich nicht...

Die FIA sollte den Rat von Fahrern annehmen. Vielleicht sollten fünf Fahrer nominiert werden, um Feedback über die Bedingungen zu geben - per Los an jedem Wochenende aus dem Hut gezogen. Einer davon sollte Weltmeister sein (von denen es fünf gibt), und dann hätte man ein eindeutiges Feedback und würde vermeiden, auf so viele unterschiedliche Interessen zu hören.

Problemfall Safety-Car

Das nächste Problem: Wir haben schon so oft gesehen, dass den Fahrern das Leben hinter dem Safety-Car schwer gemacht wird, weil ihnen dabei Reifen- und Bremstemperaturen in den Keller gehen. Warum lässt man sie nicht in Reih und Glied hintereinander herfahren und dabei eine Pace nutzen, die der Führende vorgibt? Man könnte eine Begrenzung einführen, damit sie nicht bei Renngeschwindigkeiten fahren.

Man könnte dafür eine neue Flaggenfarbe schaffen, die anzeigt: kein Überholen, zusammenbleiben! Und wenn sich die nominierten Fahrer einig sind, dass die Bedingungen akzeptabel sind, dann würde die FIA durch eine stationäre gelbe Flagge auf Start und Ziel darüber informieren, bevor es eine Runde später mit Grün weitergeht. Jegliche Probleme in der Periode könnten mit geschwenkten gelben Flaggen signalisiert werden.


Mercedes: Die Regenchaos-Taktik in Brasilien

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Bei dieser Pace könnten die Fahrer alles näher an Rennbedingungen halten und ein besseres Verständnis über die Streckenbedingungen und das Gischt-Level bekommen, wodurch sie sich besser auf einen Restart vorbereiten könnten. Und zumindest würde das zahlende Publikum ein wenig Unterhaltung bekommen.

Könnt ihr euch einen Tag in Wimbledon vorstellen, bei dem die Organisatoren das Dach den ganzen Tag öffnen und wieder schließen würden, wenn die Sonne wieder hervorkommt oder wenn es einen Regentropfen gibt? Für mich ist genau das in Brasilien passiert. Niemand hat das Rennen am Genick gepackt und es einfach passieren lassen.

Sicherheitsargument nur ein Alibi

Das Letzte, was ich sehen möchte, ist ein verletzter Fahrer. Aber in den Jahren sind die Autos sicherer und sicherer geworden, zudem wurden die Auslaufzonen und Einschlag-absorbierenden Barrieren auf ein Level entwickelt, das Verletzungen ziemlich selten macht. Außerdem fahren die Autos im Nassen nicht so schnell wie im Trockenen, von daher wird jeder Aufprall bei viel geringeren Energiemengen passieren.

Kimi Räikkönen

Sicherheit wird in der Formel 1 groß geschrieben - vielleicht zu groß Zoom

Wir sollten die 22 besten Fahrer der Welt in der Formel 1 haben, warum lassen wir sie also nicht einfach machen? Im Auto gibt es zwei Pedale: Eines macht es schneller, das andere macht es langsamer. Der Fahrer hat die Wahl, welches er drückt und wie stark. Aquaplaning gibt es schon, solange es nasses Wetter gibt.

Ich bin sicher, dass die meisten auf der Autobahn schon so einen Moment erlebt haben, der eine Pause beim nächsten Rastplatz notwendig gemacht hat, um die dortigen Anlagen zu nutzen. Das passiert sehr schnell und kann einen definitiv auf dem falschen Fuß erwischen, wenn man nicht aufpasst. Bei einem Straßenwagen kommt der Reifen einfach mit der Wassermenge nicht klar und schwimmt oben auf.

Rennwagen sind natürlich mehr am Limit, als jeder von uns auf der Autobahn sein sollte. Das Aquaplaning kann daher kommen, dass das Auto zu tief auf dem Boden sitzt oder dass der Reifen mit den Wassermengen nicht umgehen kann. Allerdings gibt es ziemlich ausgeklügelte Systeme, die dabei helfen, es am Limit zu bewegen. Und eigentlich machen die Fahrer nur ihren Alltagsjob und fokussieren sich darauf, am Limit zu fahren. Dafür werden sie bezahlt, und Leute bezahlen dafür, das zu sehen.

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