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Fragen & Antworten zu Vettels Benzin-Disqualifikation in Ungarn

Warum braucht die FIA einen ganzen Liter? Wo war Aston Martins Sportdirektor? Und worum geht's jetzt, sollte der Protest formalisiert werden? Wir liefern Antworten!

(Motorsport-Total.com) - Den chronologischen Ablauf der Disqualifikation von Sebastian Vettel beim Grand Prix von Ungarn haben wir in einem Erklärvideo auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de bereits nachgezeichnet. Und auch die Key-Facts, um die es geht, verständlich erklärt.

Otmar Szafnauer und Sebastian Vettel

Otmar Szafnauer ist davon überzeugt, dass noch mehr Benzin im Tank ist Zoom

Trotzdem blieben bei vielen Lesern Fragezeichen offen. Viele verstehen zum Beispiel nicht, warum der FIA nicht 0,3 Liter Spritprobe reichen, sondern ein ganzer Liter entnommen werden muss. Oder warum in der Formel 1 überhaupt Spritproben entnommen werden.

In dieser Q&A haben wir die wichtigsten Fragen zu Vettels Benzin-Disqualifikation am Hungaroring beantwortet. Auch jene nach dem entscheidenden Faktor für Erfolg oder Misserfolg eines etwaigen Protests.

Warum braucht die FIA einen ganzen Liter für die Spritprobe?

Zunächst einmal: weil das in Artikel 6.6.2 des Technischen Reglements der FIA so verankert ist. Viele Fans fragen sich jedoch, warum es gleich ein ganzer Liter sein muss. Aston Martin hatte nach dem Rennen immerhin 0,3 Liter abpumpen können. Das sollte für ein modernes Labor locker reichen, um eine gründliche chemische Analyse durchführen zu können.

Aber tatsächlich wird nicht nur eine Probe genommen, sondern gleich drei. Eine wird von der FIA selbst analysiert. Eine zweite wird an ein unabhängiges Labor geschickt, einfach um potenzielle Fehler ausschließen zu können. Und eine dritte bleibt beim Team, damit es gegebenenfalls auch selbst Untersuchungen anstellen kann.

Für die FIA bleibt also nur ein Drittel der entnommenen Probe zur Analyse. Und das ist dann schon deutlich weniger als eine große Mineralwasserflasche ...

Warum braucht die FIA überhaupt eine Spritprobe?

Um zu verhindern, dass die Teams mit einem Benzin, das nicht dem Reglement entspricht (zum Beispiel wegen verbotener chemischer Zusätze), tricksen. Jedes Team muss vor Saisonbeginn eine Probe des zu verwendenden Benzins bei der FIA hinterlegen. Mit diesem "Fingerabdruck" werden dann alle während der Saison genommenen Proben verglichen. Wird eine Abweichung festgestellt, wird disqualifiziert.

Der vielleicht berühmteste Fall einer solchen Abweichung trat beim Grand Prix von Brasilien in Interlagos 1995 ein - also gleich im ersten Rennen, nachdem ein neues Benzinreglement eingeführt wurde. Sieger Michael Schumacher (Benetton) und David Coulthard (Williams) wurden wegen irregulärer Spritproben disqualifiziert, und Gerhard Berger (Ferrari) rückte zum Sieger auf.

Doch sowohl Benetton als auch Williams (beide mit Renault-Motoren und elf-Benzin unterwegs) legten Protest ein - und erzielten zumindest einen Teilerfolg. Schumacher und Coulthard bekamen ihr Ergebnis und die Punkte für die Fahrer-WM zurück; in der Konstrukteurs-WM blieben diese aber gestrichen.

Übrigens: Wenn ein Mineralölhersteller während der Saison ein neues Benzin einführt, muss bei der FIA ein neuer "Fingerabdruck" hinterlegt werden, der dann mit etwaigen Proben abgeglichen werden kann.

Wie oft wird eine Spritprobe genommen?

Nicht nach jeder Session. Gut möglich, dass es in der Vergangenheit unentdeckte Fälle gegeben hat, in denen weniger als ein Liter Benzin im Tank übrig war, das aber niemand gemerkt hat. Aber jedes Team weiß, dass zu jedem Zeitpunkt eines Rennwochenendes eine Probe entnommen werden kann. Das steht so im Reglement. Daher wagt es normalerweise auch niemand, das Benzin komplett zu verbrauchen. Das Risiko einer Disqualifikation ist viel zu hoch.

Trotzdem gab es immer wieder Fälle, in denen das passiert ist. Einmal war Vettel selbst betroffen. Im Qualifying zum Grand Prix von Abu Dhabi 2012 erhielt er von Red Bull einen Funkspruch, das Auto noch auf der Strecke abzustellen, nachdem er sich gerade als Dritter qualifiziert hatte.

Da wurde die FIA misstrauisch. Damals hieß es im Reglement noch, dass ein Auto aus eigener Kraft an die Box zurückkommen muss, bevor die Spritprobe entnommen wird. Es sei denn, es handle sich um einen Fall höherer Gewalt (etwa einen technischen Defekt).

Die FIA akzeptierte damals höhere Gewalt als Argument. Allerdings konnte der erforderliche Liter nicht entnommen werden. Weshalb Vettel aus der Wertung geschmissen wurde und das Rennen vom letzten Startplatz aus aufnehmen musste.

Sebastian Vettel

Abu Dhabi 2012: Sebastian Vettel rollt aus und wird vom Quali disqualifiziert Zoom

Daraufhin wurde die Regel geändert. Um zu verhindern, dass die Fahrer nach der schnellen Qualifyingrunde auf der Strecke stehenbleiben, um Sprit zu sparen, trotzdem mindestens einen Liter im Tank zu lassen und so ein leichteres Auto fahren zu können, wird heute erstmal gerechnet.

Angenommen, Vettel hatte, wie Teamchef Otmar Szafnauer behauptet, zum Zeitpunkt seines Ausrollens in Ungarn noch 1,74 Liter Benzin im Tank. Dann zieht die FIA erstmal jene Benzinmenge ab, die Vettel auf dem Weg zurück an die Box noch verbraucht hätte. Das lässt sich anhand der Daten ziemlich treffsicher bestimmen. Bleibt dann weniger als ein Liter übrig, droht eine Disqualifikation.

Allerdings, und das ist in diesem Kontext ganz wichtig: Die "Rechenregel" wendet die FIA nur in Trainings und Qualifyings an! Es gilt seit Beginn der Hybridära als Konsens, dass ein Ausrollen in der Auslaufrunde solange unproblematisch ist, wie nachher noch mindestens ein Liter Benzin entnommen werden kann. Das war bei beiden Williams-Fahrern in Ungarn der Fall. Bei Vettel nicht.

Ist Vettel absichtlich stehen geblieben?

Zumindest der Verdacht ist da. Zwar hat Szafnauer nach dem Rennen erklärt, dass die Benzinpumpe defekt gewesen sei und man ihm daher gesagt habe, Vettel solle abstellen. Doch der Boxenfunk in der letzten Runde und nach Zieldurchfahrt suggeriert, dass Aston Martin sehr wohl bewusst war, wie eng es mit der Benzinmenge werden könnte.

Vettel, der Ocon das ganze Rennen hindurch gejagt hatte, erhielt in der letzten Runde einen Funkspruch: "Sebastian, wir müssen Benzin sparen." Und nach der Zieldurchfahrt: "Viel Gummi mitnehmen, Sebastian, viel Gummi mitnehmen. Superlangsam auf dem Weg zurück. Sprit sparen, Sprit sparen!" Am Ende der Auslaufrunde wurde ihm dann noch gesagt, an einer sicheren Stelle anzuhalten.

Dieser Boxenfunk lässt vermuten, dass dem Renningenieur da schon klar war, dass es mit der erforderlichen Restbenzinmenge eng werden könnte. Und weil der Tank so gut wie leer war, hatte man offenbar auch Bedenken, möglicherweise unters vorgeschriebene Mindestgewicht zu fallen. Daher wurde Vettel instruiert, so viel Reifengummi wie möglich aufzusammeln. Ein Trick, der in der Formel 1 durchaus nicht unüblich ist.

Warum war Otmar Szafnauer bei den FIA-Kommissaren?

Um 20:20 Uhr wurde ein Teammitglied von Aston Martin zu den Kommissaren vorgeladen. Normalerweise wäre das ein Job für Sportdirektor Andy Stevenson. Doch der war zu dem Zeitpunkt schon in Richtung Flughafen Budapest unterwegs, um die Heimreise in die Sommerpause anzutreten.


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Szafnauer war hingegen auf einen Rückflug am Montag gebucht und eines der wenigen hochrangigen Teammitglieder, das sich zu so später Stunde noch am Hungaroring befand. Also telefonierte der Amerikaner mit seinen Ingenieuren, bevor sie ihren Flieger bestiegen, und nahm die Verteidigung des Falls vor Ort so gut es ging selbst in die Hand.

Was passierte dann in der FIA-Garage?

Nach der Anhörung ging Szafnauer wieder zum Auto, das immer noch in der FIA-Box stand. Dort wurde irgendwie versucht, die restlichen 1,44 Liter, die sich laut Aston-Martin-Daten noch im Auto befinden hätten sollen, abzupumpen. Was wegen der angeblich defekten Förderpumpe nicht gelang.

Weil mehrere Versuche scheiterten, das Benzin zu entnehmen, wurde es den Kommissaren irgendwann zu bunt. Um 22:02 Uhr Ortszeit in Budapest wurde die Disqualifikation fixiert. Kurz darauf gab Aston Martin die Absicht bekannt, dagegen zu protestieren. Für das Einreichen des Protests bleiben von dem Zeitpunkt an 96 Stunden Zeit. Also bis Donnerstagabend.

Dass es in der FIA-Box nicht gelungen ist, mit konventionellen Methoden das angeblich noch vorhandene Benzin zu entnehmen, ist nicht regelkonform. Akzeptiert wird etwa, dass das Auto nach vorn oder hinten bewegt wird, um irgendwie doch noch ein paar Tropfen mehr abzupumpen. Oder auch, dass die Frontpartie und das Bodywork über dem Tankstutzen freigelegt werden.

Das Auto aber komplett auseinanderzunehmen, um weiteres Benzin entnehmen zu können, ist nicht vorgesehen. Im Reglement steht sogar ausdrücklich: "Die Prozedur darf nicht das Starten des Motors oder das Entfernen von Bodywork erforderlich machen."

Ein Schlüsselelement der Debatte zwischen FIA-Techniker Nikolas Tombazis und Szafnauer war, ob die angeblich defekte Förderpumpe getauscht werden darf, um auch die letzte Restmenge noch entnehmen zu können. Das könnte auch bei einem etwaigen Protest eine Schlüsselfrage sein.

Wo befindet sich Vettels Auto jetzt?

In einer FIA-Technikeinrichtung in Frankreich. Normalerweise werden die Autos nach einem Rennen vom Team noch ersten Prüfroutinen unterzogen, zerlegt und für die Weiterreise verladen. Diesmal wurde das Auto genau so, wie es über die Ziellinie gefahren ist, von der FIA beschlagnahmt und ein Transport nach Frankreich organisiert.

Diesbezüglich hatte Aston Martin Glück im Unglück. Bei einem normalen Rennrhythmus oder gar einem Back-to-Back hätte ein Transport des Autos nach Frankreich unangenehme Konsequenzen gehabt. Weil es zeitlich nicht möglich gewesen wäre, mit diesem Auto das nächste Rennen zu bestreiten.

Theoretisch hätte das Team ein Ersatzchassis für Vettel aufbauen können, aber selbst das hätte zumindest eine Gridstrafe wegen Getriebewechsel nach sich gezogen, und auch den Tausch von Komponenten der Powerunit. Weil ja die bestehende Powerunit nicht einfach aus dem beschlagnahmten Auto ausgebaut werden darf.

Doch aufgrund der bevorstehenden Sommerpause ist genug Zeit, das Auto unter FIA-Supervision in Frankreich genau zu untersuchen und zu probieren, das angeblich noch vorhandene Benzin irgendwie aus dem Auto zu bekommen. Trotzdem sollte die Zeit reichen, das Auto für den Grand Prix von Belgien am letzten Augustwochenende wieder flott zu machen.

Worauf kommt's jetzt an?

Sollte Aston Martin wirklich formell Protest einreichen, ist wohl die erste Frage, ob eine neue Förderpumpe eingebaut werden darf oder nicht. Sollte diese wirklich defekt sein, wäre das als höhere Gewalt womöglich argumentierbar. Und nur wenn es dann gelingen sollte, mit dieser neuen Pumpe doch noch auf eine Gesamtprobe von mindestens einem Liter zu kommen, hat ein Protest überhaupt eine Chance.

Warum wurde Vettel trotz Disqualifikation als Zweiter geführt?

Im offiziellen Rennergebnis der FIA und auch im offiziellen WM-Stand war Vettels Disqualifikation zunächst nur als Fußnote vermerkt. Das Ergebnis sei solange vorläufig, bis ein etwaiger Protest entschieden sei, hieß es da. Ein Formfehler, den die FIA am Montag korrigiert hat. Inzwischen wurde Vettel aus dem offiziellen Ergebnis gestrichen und auch die 18 WM-Punkte wurden gelöscht.

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