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Ex-Schumacher-Teamchef: FIA wollte Benetton 1994 "sabotieren"

Michael Schumacher und Benetton gegen den Rest der Welt: Ex-Formel-1-Teamchef Flavio Briatore schildert, wie die Saison 1994 aus seiner Sicht verlief

(Motorsport-Total.com) - "Benetton war ein T-Shirt-Hersteller. Für Bernie [Ecclestone] und Max [Mosley] war es eine Katastrophe, dass Benetton gewinnt." So formuliert der frühere Benetton-Teamchef Flavio Briatore seine These, wie die Formel-1-Saison 1994 wirklich verlaufen ist. Denn aus seiner Sicht war es offenbar ein einziger Spießrutenlauf für Benetton und Michael Schumacher.

Michael Schumacher, Ross Brawn, Flavio Briatore, Spa 1994

Disqualifiziert in Spa 1994: Michael Schumacher, Ross Brawn, Flavio Briatore Zoom

Der Grund: Das Formel-1-Establishment um Serienchef Ecclestone und FIA-Präsident Mosley habe es missfallen, dass ein Privatteam die ehrbaren Werksteams ärgere. Oder wie es Briatore im Podcast 'Beyond The Grid' formuliert: "Für sie war es nicht gut, wenn Benetton gegen Ferrari, McLaren und alle anderen gewinnt."

Und Benetton gewann gegen alle anderen, zumindest zu Saisonbeginn: Schumacher siegte in Sao Paulo und in Okayama, anschließend auch in Imola und Monte Carlo. Dann, so sagt Briatore rückblickend, hätten die Verantwortlichen eingegriffen.

Der Vorwurf der illegalen Traktionskontrolle

"Wir gewannen so deutlich, dass sie uns nach vier oder fünf Rennen einbremsen wollten, um die Rennen wieder spannender zu machen." Das sei ein "Desaster" für das Benetton-Team um Schumacher und ihn selbst gewesen, wenngleich die Erfolge blieben: Nach zehn Rennen hatte "Schumi" bereits sieben Mal gewonnen.

Da hieß es schon längst: Benetton arbeitet mit einer illegalen Traktionskontrolle. Briatore heute: "Sie haben keine Beweise gefunden. Charlie [Whiting] war da sehr korrekt. Er hat keinen Beweis gefunden, dass wir sie tatsächlich verwendet haben."


Fotostrecke: Alle Formel-1-Autos von Michael Schumacher

Dass es ein solches System im Benetton B194 gab, bestreitet Briatore an dieser Stelle nicht, nur dessen Nutzung, die man "auf Computern hätte sehr leicht erkennen können", wie er meint.

Warum immer Benetton?

Warum aber hielten sich die Vorwürfe? "Weil sie nicht zugeben wollten, dass die Benetton-Ingenieure einen guten Job gemacht hatten", sagt Briatore.

Er klagt: "Wenn man in der Formel 1 Benetton ist, dann heißt es sofort, dass man betrügt. Wenn Ferrari irgendetwas macht, dann ist es einfach eine tolle Leistung des Teams. Bei McLaren ist es das tolle Team von Ron Dennis. Aber Benetton betrügt."

"Weil wir eben Benetton waren, glaubte keiner, dass wir ein Auto bauen konnten, das schneller als alle anderen war."

Schumacher zweimal disqualifiziert

Auch deshalb glaubt Briatore bis heute an "eine Kampagne gegen uns", die beim Britischen Grand Prix in Silverstone ihren Anfang genommen habe. Damals, als Schumacher in der Einführungsrunde Pole-Mann Damon Hill im Williams überholte und später im Rennen die schwarze Flagge sah.

"Wir wurden für zwei Rennen gesperrt", sagt Briatore dazu. "Und wir wussten, dass wir von Max sabotiert werden. Max wollte einfach nicht, dass Benetton gewinnt. Max hat sich damals eine Menge in den Sport eingemischt."

So sei das auch im Fall der zweiten Disqualifikation Schumachers gewesen, behauptet Briatore. Schumacher hatte das Rennen in Spa-Francorchamps auf der Strecke gewonnen, war aber aufgrund einer zu stark abgewetzten Bodenplatte aus der Wertung genommen worden.

Adelaide 1994 endet ohne Strafe

Das sei "absolut" auf eine Anweisung von oberster Stelle zurückgegangen, meint Briatore. "Jeder hat gesehen, dass er sich gedreht und die Bodenplatte auf dem Randstein beschädigt hat. Es war völlig klar, aber dafür wurden wir dann schon wieder disqualifiziert."

Nur einmal entging Schumacher einer Bestrafung: beim Saisonfinale 1994 in Adelaide, als es zur kontroversen Kollision mit Hill kam. Schumacher hatte kurz zuvor die Mauern touchiert und sein Auto beschädigt, lenkte aber entschlossen zurück auf die Strecke - und blockte Hills Überholversuch, sodass beide ausschieden und Schumacher den Titel holte.

"Vielleicht", meint Briatore rückblickend, "hätte man Michael [in diesem Fall] tatsächlich bestrafen müssen, aber Max hatte nicht die Eier, es schon wieder zu tun. Er hatte davor so viel Unsinn gemacht."

Briatore vs. Mosley auf zwei Ebenen

Zu einem klärenden Gespräch mit Mosley sei es 1994 nie gekommen. Laut Briatore war es "schwierig, eine zivilisierte Konversation mit ihm zu führen, denn er fühlte sich immer im Recht". Der Gewinn der Fahrer-WM mit Schumacher sei daher eine Genugtuung gewesen. "Das war das Wichtigste", sagt Briatore.


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Zumal, wie er glaubt, Mosley jeden seiner Schritte genau überwachte und auf einen Fehltritt hoffte. Deshalb seien die Fahrzeuge von Briatores zweitem Formel-1-Team Ligier "nach jedem Rennen komplett auseinandergenommen" worden. Für Briatore ein klarer Fall: "Da steckte wieder Max dahinter."

Briatore hatte Ligier 1994 gekauft, vor allem, um die Renault-V10-Motoren des Teams zu Benetton transferieren zu können, wo Schumacher und Co. 1994 noch Ford-V8-Triebwerke einsetzten.

Wie viel Benetton steckte im Ligier?

Doch Kritiker meinten 1995: Der Ligier JS41 ähnle dem Benetton Benetton B195 nicht nur frappierend, es sei vielmehr eine glatte Kopie. Der Weltverband fand bei seinen Untersuchungen aber am Ende genug Unterscheidungsmerkmale, sodass es nicht zu einem Konflikt kam.

In der Version von Briatore klingt das so: "Benetton sollte Ligier helfen. Das haben alle so gemacht. Frank Williams hatte das in der Vergangenheit auch gemacht, aber bei ihm war das in Ordnung."

Nur bei Ligier hätten die Verantwortlichen ganz genau hingeschaut, "dass es dort keine Teile von Benetton gab", so Briatore. Er habe das als reine Schikane empfunden. "Denn das Team war bei jedem Rennen das letzte, das abreisen konnte, weil es jedes Mal eine Untersuchung durch die FIA gab."

Mosley weist Vorwürfe zurück

Und jedes Mal kam Briatore mit maximal einem blauen Auge davon, wie Mosley schon 2009 festhielt, als er schon einmal auf Vorwürfe des ehemaligen Schumacher-Teamchefs reagierte. Damals sagte Mosley: "Er sollte der Letzte sein, der sich über die Fairness der FIA beschwert."

"Öfter als einmal" hätte der Weltverband bei Briatore Gnade vor Recht ergehen lassen. "Jedes Mal, wenn sein Team erwischt wurde, akzeptierte die FIA seine Behauptung, dass er nichts wusste und nicht involviert war", sagte Mosley.

"Seine übliche Geschichte war, dass ein weniger bedeutsames Teammitglied verantwortlich war und teamintern angemessen zur Verantwortung gezogen wurde."

Hatte Briatore "gezündelt"?

Briatore selbst wollte es also nie gewesen sein. Dabei hatte er, so berichtete der 'Spiegel' schon 1994, den Zwist mit Mosley überhaupt erst angezettelt. Demnach hatte sich Briatore zu Jahresbeginn und nach umfangreichen Regeländerungen in der Formel 1 schriftlich an Mosley gewendet.

Der Spiegel zitiert den Brief so: "Die Autos sind nach den von Ihnen gewünschten Änderungen, wie erwartet, gefährlicher geworden, was zeigt, [dass] weder Sie noch Ihre Ratgeber kompetent sind."

Briatore und Mosley - sie funkten einfach nicht auf einer Wellenlänge.

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