powered by Motorsport.com

Detroit 1982: Ein US-Grand-Prix für die Ewigkeit

Aus einer Zeit, in der man über "Snapchat-gate" nur lachen würde und F1-Fahrer noch echte Männer waren: John Watsons sensationelle Aufholjagd von P17 auf P1

(Motorsport-Total.com) - Als die Formel 1 1982 zum ersten Mal nach Detroit kam, zum Grand Prix USA-Ost, tickten die Uhren in der Königsklasse des Motorsports noch ein bisschen anders. Das Rennen selbst lieferte mit einer der spektakulärsten Aufholjagden der Formel-1-Geschichte an und für sich schon genug Stoff, um dieses History-Feature mit Leben zu füllen; doch es sind auch die kleinen Anekdoten abseits der Strecke, die die frühen 1980er aus heutiger Sicht so besonders machen.

Da wäre zum Beispiel die Sache mit der Political Correctness. Anno 2016 herrscht eine Riesenaufregung darüber, wenn sich Lewis Hamilton in der FIA-PK lieber sein Smartphone greift und auf Snapchat Hasenohren malt, anstatt die Fragen der Journalisten geduldig zu beantworten. Heutzutage taugt so etwas für einen handfesten Medienskandal. 1982 wäre das in den einschlägigen Magazinen wahrscheinlich noch nicht einmal eine Randnotiz wert gewesen.

Ausgerechnet Niki Lauda, heute Hamiltons Chef bei Mercedes, war es, der unter den Zuschauern für Entrüstung sorgte, als er während einer Unterbrechung des Rennens über die Betonmauer sprang, um sich in den Detroit-River zu erleichtern. Pionierarbeit für einen gewissen Kimi Räikkönen, könnte man sagen, der beim Abbruch-Grand-Prix in Malaysia 2009 genüsslich in Shorts ein Eis schleckte, als viele seiner Konkurrenten noch in voller Montur in ihren Cockpits saßen.

Political Correctness anno 1982? Nicht vorhanden!

Oder Jochen Mass, dem zu den Absperrdrähten, die über Nacht mehrfach gestohlen wurden, nur einfiel: "Die werden deshalb geklaut, weil sich die Neger Schlafsäcke draus machen wollen."

Niki Lauda, John Barnard und John Watson in Detroit 1982

McLaren-Team 1982: Niki Lauda, Designer John Barnard und John Watson Zoom

Und Nigel Mansell, der eigentlich nur mit seiner Ehefrau Roseanne shoppen wollte, im mächtigen Renaissance-Center, und von einem dunkelhäutigen Taschendieb "höflich" um sein Geld gebeten wurde. Mansell lief weg. Hätte er sich auf eine Auseinandersetzung eingelassen, "läge der Kerl heute noch im Erdgeschoss", grinste der damalige Lotus-Fahrer.

Auch in Bezug auf ihre Teams und Autos war die Sprache der Fahrer damals noch eine direktere als heute. "Die Bremsen an meiner Kiste haben noch nie funktioniert", jammert etwa Manfred Winkelhock nach dem ersten Training über seinen ATS-Ford, und Mansell macht keinen Hehl daraus, dass er seinen Lotus-Teamchef Peter Warr für inkompetent hält: "Ich habe ihm schon einen eingeschriebenen Brief geschickt, dass er sich am Riemen reißen soll."

Statements in einer Klarheit, wie sie in der Formel 1 anno 2016 undenkbar wären.

Vorbereitung 1982 noch amateurhaft

Die Königsklasse fährt 1982 zum ersten Mal in Detroit. Heute werden Asphaltanalysen durchgeführt, bevor der Formel-1-Zirkus an eine neue Strecke kommt, die Teams schicken im Vorfeld mehrmals Delegationen zu einer Inspektion. Die dabei genommenen Daten werden in die Computer gespeist, anhand von Fotos virtuelle Landschaften für die Simulationen geschaffen. Bevor Hamilton und Co. ihre erste Runde auf einer neuen Strecke drehen, kennen sie die Kurvenfolge aus dutzenden Simulatorstunden schon in- und auswendig.


Detroit 1982: Der Start

Vor Detroit 1982 klagt Ferrari-Pilot Didier Pironi: "Auf Plänen kann man nie genau sehen, was einen erwartet." Und Emilio de Villota, Vater der 2013 verstorbenen Formel-1-Testfahrerin Maria de Villota, hält sich mit seinem Urteil über die neue Strecke nicht zurück: "Alles ist schlecht", sagt der March-Ford-Fahrer, der die Qualifikation für das Rennen nicht schafft.

Erstes Training muss abgesagt werden

Tatsächlich muss das Zusatztraining am Donnerstag abgesagt werden, weil die Strecke noch nicht befahrbar ist. Und das Freitags-Qualifying wird auf Samstag verschoben. Der Veranstalter hatte vergessen, in den Kurven 1 und 12 Reifenstapel anzubringen. Also spielen die Fahrer Frisbee, bis es endlich losgehen kann. Als Nelson Piquet (Brabham-BMW) die Scheibe im Fluss versenkt, hat wenigstens die Wasserschutzpolizei ihren ersten Einsatz.

Nelson Piquet 1982

Nelson Piquet hat Sorgen mit dem BMW-Motor und verpasst die Qualifikation Zoom

Piquet verpasst in Detroit als amtierender Weltmeister die Qualifikation, zum ersten Mal in seiner Karriere. Der Brasilianer rollt im ersten Qualifying mit Motorschaden aus. Im zweiten schafft er wegen Regens nicht die erforderliche Zeit. "Es ist kein Weltuntergang, wenn ich als Weltmeister auch mal nicht qualifiziert bin. Jody Scheckter hat das ja in Montreal 1980 schon vorgemacht. Aber ich glaube an die Zukunft des Turbo", meint er achselzuckend.

Seinen Titel 1981 hat Piquet mit einem Ford-Saugmotor geholt. Um Detroit 1982 herum stellen sich beim Brabham-Boss, ein gewisser Bernard Charles Ecclestone, erste Zweifel ein, mit dem Wechsel zu BMW den großen Wurf gemacht zu haben. "Wir sind mächtig wettbewerbsfähig, oder nicht?", verhöhnt er BMW-Motorenbauer Paul Rosche. Was Ecclestone da noch nicht weiß: Piquet sollte 1983 zum zweiten Mal Weltmeister werden, diesmal mit BMW-Turbo-Power.

BMW noch weit weg vom WM-Titel

In Detroit 1982 ist BMW von WM-Qualitäten noch weit entfernt. In den 90-Grad-Kurven des Stadtkurses sinkt die Drehzahl unter 5.000 Touren ab, wo der BMW-Motor nur noch "kracht, scheppert und spinnt" (Rosche). Dem mit einem lang übersetzten ersten Gang gegenzusteuern, ist aber wegen der extrem engen Haarnadelkurve, in der ein kurzer erster Gang erforderlich ist, nicht möglich. So schafft auch Piquets Teamkollege Riccardo Patrese nur Startplatz 14.

Riccardo Patrese in Detroit 1982

Nach dem Crash von Ricciardo Patrese wird das Rennen unterbrochen Zoom

Das Rennen wird dann zur großen Soloshow von John Watson. Der McLaren-Ford-Pilot steht auf dem 17. Startplatz, vier Reihen hinter seinem Teamkollegen Lauda, der ebenfalls nicht über P10 hinauskommt. Bereits in der Anfangsphase kommt es zu einigen Rempeleien und einem großen Crash: Elio de Angelis (Lotus-Ford) kollidiert mit Roberto Guerrero (Ensign-Ford) - und der von hinten kommende Patrese kann nicht mehr ausweichen.

Als der Italiener schon in der Leitplanke klebt, beginnen die Lufthuzen seiner Hinterbremsen zu brennen. Ein Streckenposten stürmt hektisch heran, stolpert tollpatschig - und verteilt den ganzen Löschschaum, bevor er sich um das in Flammen stehende Auto kümmern kann. Kein Wunder: Bei den Streckenposten in Detroit handelt es sich um 100 Freiwillige, die größtenteils noch nie zuvor bei einem Autorennen gearbeitet haben.

Panne: Feuer nach Patrese-Crash

Wegen der Wrackteile von Patrese und Guerrero muss das Rennen in der siebten Runde mit roten Flaggen unterbrochen werden. In Führung zu dem Zeitpunkt Alain Prost (Renault), im siebten Saisonrennen 1982 zum sechsten Mal auf Pole-Position, vor Keke Rosberg (Williams-Ford) und Didier Pironi (Ferrari). Andrea de Cesaris (Alfa Romeo), der sich für die erste Startreihe qualifiziert hat, ist da bereits draußen: gebrochene Halbachse in der dritten Runde.


Detroit 1982: Highlights

"Ich habe ja gleich gesagt, dass wir hier ein Pace-Car brauchen, das das Feld während Aufräumarbeiten unter Kontrolle hält", knurrt Lauda, zum Zeitpunkt des Abbruchs schon Sechster. "Wir fahren immer nur sechs Runden", lacht er, "und dann kann ich Mineralwasser trinken." Offenbar ein paar Schluck zu viel, um es ohne "Boxenstopp" zurück ins Cockpit zu schaffen...

Diskussionen während der Unterbrechung

Während der Rot-Unterbrechung kommt es auf dem Grid zu Diskussionen. Renault beschuldigt Williams, bei Rosberg die Zündbox getauscht zu haben, und Ligier verdächtigt McLaren, Lauda habe ein komplett neues Auto bekommen. Für den Fall einer roten Flagge gibt es kein klares Regelwerk. Bezeichnend auch: Bereits vor dem Wochenende gibt es Streit über die Renndistanz. Ferrari-Rennleiter Marco Piccinini will eine feste Rundenzahl vereinbaren - aber das blockiert Ken Tyrrell mit seinem Veto. Es bleibt bei zwei Stunden.

Detroit 1982

Crash: Mauro Baldi schiebt Brian Henton und Raul Boesel in Kurve 5 ins Aus Zoom

Entscheidend für den Rennausgang: McLaren schraubt bei Watson, zur Pause bereits auf Platz 13 vorgerückt, frische, harte Reifen drauf; Lauda nimmt einen weicheren Satz Michelins. An der Spitze zieht zunächst Prost als souverän Führender seine Kreise, später wird er jedoch von Rosberg überholt. Während bei den meisten Spitzenfahrern die Reifen nachlassen, wird Watson immer schneller: "Als ich einmal mit dem Überholen begonnen hatte", sollte er später sagen, "mochte ich gar nicht mehr damit aufhören."

In der 33. Runde überholt Watson binnen weniger Kurven Lauda, den tapfer kämpfenden Lokalmatador Eddie Cheever (Ligier-Matra) und Pironi. Leader Prost kämpft zuerst mit abbauenden Reifen, dann mit seinem dritten Gang. Er ist kein ernsthafter Gegner. Auch Rosberg muss den entfesselt auffahrenden Watson ziehen lassen. Am Ende werden die beiden Rennsegmente vor und nach der Unterbrechung addiert - und Watson gewinnt 15,7 Sekunden vor Cheever, 28,1 vor Pironi und 1:12.0 Minuten vor Rosberg.

Amerikaner jubeln: Lokalmatador auf dem Podium

"Heute konnte hier nur einer gewinnen, und das war Watson", gratuliert Pironi anerkennend. Cheever, schon mit Startplatz neun überglücklich, zittert am Ende um sein zweites Formel-1-Podium, noch dazu vor eigenem Publikum: "Die letzten 15 Runden in diesem Rennen waren die Hölle für mich!" Und Lauda gibt zu, dass er selbst an der Kollision mit Rosberg schuld war: "Mein Fehler. Man muss wissen, mit wem man sich bei Überholversuchen einlässt."

John Watson in Detroit 1982

John Watson fährt mit den harten Michelins ein entfesseltes Rennen Zoom

Auch ein Deutscher zeigt beim Grand Prix USA-Ost 1982 auf. Manfred Winkelhock fährt auf den fünften Startplatz, liegt im Warm-up phasenweise in Führung. "Jetzt kann wirklich keiner mehr sagen, dass ich kein Talent für Monoposti habe", freut sich der Tourenwagen-Spezialist. Aber die Freude währt nicht lange: Im Rennen scheidet er schon in der zweiten Runde mit einer gebrochenen Lenkung aus.

Der heutige Formel-1-Experte Marc Surer (Arrows-Ford) wird mit Rundenrückstand Achter. "Meine Pirelli-Reifen", analysiert er, "hätten auch ein 24-Stunden-Rennen durchgehalten." Und: "Ich bin kaputt, fertig, am Ende." Der verwinkelte Stadtkurs und die hohen Temperaturen haben bei allen Fahrern Spuren hinterlassen - nur Watson sieht frisch wie ein Turnschuh aus. Kleine Randnotiz: Surer muss das Interview nach dem Rennen in seinem Hotelzimmer im 33. Stock irgendwann abbrechen - er hat sich parallel schon Badewasser einlaufen lassen...

Watson: Weltrekord ein Jahr später überboten

Ebenfalls erwähnenswert: Im Rahmenprogramm der Formel 1 führt ein gewisser Michael Andretti das Super-Vee-Rennen an, bis er ausscheidet. Sein berühmter Papa Mario gibt zeitgleich zu, dass er sich vorstellen kann, wieder Grand-Prix-Rennen zu fahren - bastelt aber in Wahrheit schon an einem Le-Mans-Projekt. Und Patrick Tambay wird als Ferrari-Fahrer für den Rest der Saison bestätigt. Nach dem Tod von Gilles Villeneuve hat die Scuderia zwei Rennen nur mit dem Pironi-Auto bestritten.

Notiz am Rande: Watsons phänomenale Aufholjagd vom 17. auf den ersten Platz ist kein Weltrekord. In Long Beach ein Jahr später sollte er selbst sogar von der 22. Startposition aus gewinnen. Nach Detroit führt der Ire die Fahrer-WM an, mit 26 Punkten vor Pironi (20), Prost (18) und dem späteren Weltmeister Rosberg (17), dem ein einziger Sieg (beim Grand Prix der "Schweiz" in Dijon-Prenois) reichen sollte, um den Titel zu gewinnen.

McLaren-intern scheint Watson Lauda den Rang abzulaufen. Laudas Kollision mit Rosberg, eine Folge davon? "Ich durfte John nicht ziehen lassen", räumt der Österreicher, 1982 nach zwei Jahren Formel-1-Pause der große Comeback-Superstar, ein. Dass er der programmierte McLaren-Weltmeister sein soll, ist ein offenes Geheimnis. Der junge Teamchef Ron Dennis gibt zu: "Ich bin nur halb glücklich. Wir sind in der unerwarteten Situation, dass Watson in der WM führt und Niki 14 Punkte Rückstand hat."

Neueste Diskussions-Themen

Formel-1-Paddock-Tickets

ANZEIGE
Anzeige

Formel-1-Tickets

ANZEIGE

F1-Tests: Zeiten, Termine, Statistiken

Exklusives Formel-1-Testcenter

Im F1-Testcenter finden Sie Zeiten, Termine und unzählige Statistiken zu den Testfahrten in der Formel 1!