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Das unglaubliche Comeback des Nigel Mansell

Nach dem Tod von Ayrton Senna kehrte Nigel Mansell im Jahr 1994 zu Williams zurück - Wir erzählen die Geschichte dieses unglaublichen Comebacks

(Motorsport-Total.com) - Als Nigel Mansell mitten in der Saison 1994 als "Gastfahrer" zu Williams zurückkehrte, war dies ebenso bemerkenswert wie unerwartet, angesichts der Umstände, unter denen er das Team am Ende seiner Weltmeisterschafts-Saison 1992 verlassen hatte. Wie so oft bei Mansell, war auch sein Comeback, bei dem Bernie Ecclestone eine treibende Kraft war, mit Drama und Aufregung verbunden. Und wie vieles andere in der Saison 1994 war es eine Folge des San-Marino-Grand-Prix in Imola.

Nigel Mansell

Der Sieg in Adelaide krönte 1994 Nigel Mansells Comeback Zoom

Mansell erlebte eine schwierige zweite Indycar-Saison bei Newman/Haas und stand vor dem "Month of May" in Indianapolis, als sein langjähriger Rivale Ayrton Senna starb. "Das war eine Katastrophe", erinnert sich Mansell. "Ich wäre um ein Haar auf der Stelle zurückgetreten. Ayrton und ich standen uns sehr nahe. Wir sind viele Rennen gegeneinander gefahren, waren gemeinsam in viele Zwischenfälle verwickelt. Er war ein richtiger Racer, außergewöhnlich talentiert und hat alles gegeben, genau wie ich."

"Die Weltmeisterschaft zu gewinnen war das beste Gefühl auf der Welt. Ayrton sagte auf dem Podium in Ungarn unglaubliche Dinge zu mir. Einige davon waren für ihn wenig schmeichelhaft, waren für mich im Moment, in dem ich die Weltmeisterschaft gewonnen hatte, sehr ergreifend. Er sagte: 'Jetzt weißt du, warum ich so bin, wie ich bin'."

Große Trauer nach Sennas Tod

Nigel Mansell

Der Tod von Ayrton Senna ging Nigel Mansell sehr nahe Zoom

"Ich glaubte wirklich, Ayrton wäre unzerstörbar. Als er seinen tragischen Unfall in Imola hatte - und niemand sollte vergessen, dass auch Roland Ratzenberger ums Leben kam - gab es wohl keinen Rennfahrer auf der Welt, der sich nicht verwundbar gefühlt hat. Ich fühlte mich sehr, sehr verwundbar. Ich war unglaublich traurig."

Nach Imola gab es im Starterfeld der Formel 1 keinen Weltmeister mehr, und Michael Schumacher im Benetton dominierte das Geschehen. Bernie Ecclestone war verständlicherweise über die möglichen Auswirkungen auf die Zuschauerzahlen besorgt und suchte nach einem Weg, Mansell zu Williams zurückzubringen. Der Sport war in Aufruhr und brauchte dringend positive Nachrichten.

Nach den Geschehnissen Ende 1992 erschien die Aussicht, Mansell wieder in einem Williams zu sehen, recht unwahrscheinlich. Mit Unterstützung von Renault kam Bernie mit Indycar-Teamchef Carl Haas überein, dass Nigel am 3. Juli beim Frankreich-Grand-Prix fahren könnte, wo sich eine Lücke im Terminkalender der Indycars ergab. Nach dem Saisonfinale in Laguna Seca würde er die letzten drei Rennen in Jerez, Suzuka und Adelaide fahren können. Sennas regulärer Ersatzmann, Rookie David Coulthard, würde Platz machen.

Mansell wird nach Europa abkommandiert

Auch Williams hatte Interesse an einer Rückkehr von Mansell, von dem sich das Team mehr Feedback erhoffte. Denn selbst Senna hatte das Auto als sehr schwierig bezeichnet. Von Mansell versprach man sich nicht nur Inspiration für Damon Hill, sondern für das gesamte Team.

Seinerzeit war die landläufige Meinung, dass Mansell die treibende Kraft hinter seinem Comeback war, und sicherlich wurde er für seine vier Auftritte sehr gut bezahlt. Mansell besteht jedoch darauf, dass er daran nicht beteiligt war, sondern das vielmehr Haas ihm eines Tages gesagt habe, er würde zurück nach Europa gehen. Zu dieser Zeit hatte er sich mit seiner Familie in den USA niedergelassen und sich langfristig an die Indycars gebunden.

"Ich hatte von nichts eine Ahnung und kann selbst heute nicht genau sagen, wie es gelaufen ist." Nigel Mansell

"Ich hatte gerade Verträge für drei weitere Jahre unterschrieben und war bis 1997 gebunden. Er sagte: 'Tut mir leid, aber wenn du weiter fahren willst, musst du mit jemand anderem reden. Ich habe deine Verträge gerade verkauft'. Es war alles gelaufen, ich hatte von nichts eine Ahnung und kann selbst heute nicht genau sagen, wie es gelaufen ist. Ich war einfach nur Passagier. Ich war über den großen Teich gegangen, die Kinder hatten sich in der Schule eingelebt, und dann passiert ein tragischer Unfall, der das Leben für immer verändert. Und er hat unser Leben für immer verändert."

Beim Comeback in Startreihe eins

Nigel Mansell

In Frankreich fuhr Mansell sein erstes Rennen nach dem Comeback Zoom

Alle freuten sich, als er den FW16 auf dem Indy-Circuit von Brands Hatch testete. Die Tribünen waren an diesem Tag geöffnet, und viele Zuschauer fanden den Weg an die Rennstrecke. In Magny-Cours erfolgte dann seine triumphale Rückkehr. Tief im inneren plagten Mansell aber gemischte Gefühle.

"Es war schrecklich, absolut entsetzlich", sagt er. "Einerseits lebte die großartige Beziehung zu David Brown (Renningenieur; Anm. d. Red.) wieder auf, aber ich kann nicht beschreiben wie schrecklich das Gefühl war, in ein Auto zu steigen, in dem gerade jemand umgekommen ist. Nur mit voller mentaler Stärke konnte ich mich auf den Job konzentrieren. Ich musste alles andere ausblenden. Hätte ich Emotionen zugelassen, hätte ich es nicht machen können."

In Frankreich qualifizierte er sich hinter Hill auf Position zwei, und nachdem Schumacher am Start beide überholt hatte, lag er bis zu einem Getriebeschaden auf Rang drei. "Ich war beschäftigt und konzentriert", fährt Mansell fort. "Im Auto muss alles passen, sonst bringst du dich am Ende um. Das sind keine Spielzeuge. Beim ersten Rennen nach der Rückkehr in der ersten Reihe und fast auf der Pole-Position zu stehen, war nicht schlecht. Damon sagte: 'Zum ersten Mal habe ich mir den Arsch aufgerissen, um die Pole zu holen', und David Brown sagte: 'Nigel macht das ständig...'"

Glanzstunde im japanischen Regen

Nigel Mansell, Heinz-Harald Frentzen, Mika Häkkinen

Im Regen von Suzuka ließ Nigel Mansell seine Klasse aufblitzen Zoom

"Das rückt Damon in den Fokus, denn bei meiner Rückkehr ins Auto nach gut zwei Jahren hätte ich nicht ansatzweise dort (in der Nähe der Pole; Anm. d. Red.) sein sollen. Damon war ein sehr, sehr guter Fahrer. Manchmal wird er nicht so stark wahrgenommen, wie er tatsächlich war. Ich konnte ihm helfen, in dem ich ihm Zutrauen gab und seine Eindrücke bestätigte. 'Spürst du das auch?' 'Ja, tue ich.' Plötzlich bekam er Bestätigung und konnte sich weiterentwickeln. Ich glaube, Ayrton hatte damit ein paar Probleme, denn bei McLaren haben sie eine andere Philosophie des Rennsports. Davon habe ich später einen Eindruck bekommen..."

Nach Frankreich ging Mansell in die USA zurück und beendete seine enttäuschende Indycar-Saison. Beim Europa-Grand-Prix in Jerez saß Mansell am 16. Oktober wieder im Williams. In einem ereignisreichen Rennen schied er nach einem Dreher aus. "Das Ende des Jahres war sehr schwierig. Ich bin praktisch jede Woche über den Atlantik hin und her geflogen, um meinen Verpflichtungen nachzukommen und stieg völlig weggetreten ins Formel-1-Auto. Die Rennen waren aber großartig und haben Spaß gemacht."

Im Regen von Suzuka erregte Mansell Aufmerksamkeit. Nach der Roten Flagge fuhr er ein herausragendes Rennen und überholte auf der Strecke den Drittplatzierten Jean Alesi - um hinterher festzustellen, dass er in der Addition der beiden Rennen wieder auf Rang vier zurückfiel. "Mit etwas besserer Sicht und einem wirklich guten Auto hätte ich wahrscheinlich deutlich mehr erreichen können. Ich war aber seinerzeit nicht bereit, etwas zu riskieren, und es war wirklich gefährlich. Es war eine meiner Lieblingsstrecken, obwohl ich dort nie gewonnen habe."

Störfaktor bei der WM-Entscheidung

Michael Schumacher, Nigel Mansell, Mika Häkkinen, Gerhard Berger, Rubens Barrichello

Den Start in Adelaide hatte Mansell nach eigener Aussage absichtlich verpatzt Zoom

Nach Hills triumphalen Sieg in Suzuka, musste die Meisterschaftsentscheidung mit Schumacher beim dramatischen Finale in Adelaide fallen. Mansell hielt sich jedoch nicht ans Drehbuch, schlug beide und fuhr auf die Pole-Position. "Vor dem Rennen wurde mir von allen Mächtigen eingeflüstert: 'Du bist nicht Teil dieses Rennens, mach keinen guten Start, schau dir das Rennen an und greife nicht ein.' Ich machte daher absichtlich keinen guten Start und habe einfach zugesehen."

"Zu sehen, was sich vor mir ereignete, war gleichermaßen interessant wie frustrierend. Ich habe schließlich angefangen, Damon in meinem Helm anzuschreien. "Tu's nicht, lass dich nicht reinlegen!' Er hatte ein wirklich gutes Auto, und ich wusste wie viel schneller mein Auto war. Dann geschah das Unvermeidliche. Dazu sage ich lieber: 'Kein Kommentar'."

Nachdem Hill und Schumacher beide ausgeschieden waren, führte Mansell das Rennen an. Es waren 36 der 81 Runden gefahren, doch dann entwickelte sich ein Kampf mit Gerhard Berger. "Das war lustig", so Mansell. "Die Leute müssen denken, ich wäre glücklich gewesen, aber das war ich überhaupt nicht. Ich war stocksauer und habe mich aufgeregt und dabei ganz vergessen, mich aufs Fahren zu konzentrieren. In der nächsten Kurve kam ich von der Strecke ab und beschädigte den Unterboden des Autos."

Sieg vor der Winterpause gibt frische Motivation

"Ich war außer mir. Ich wollte, dass Damon Weltmeister wird, wollte auch, dass Williams die Meisterschaft gewinnt und brauchte einige Runden, um mich zu sammeln. Ich hatte viele Erinnerungen an Australien, vor allem, weil ich dort die Weltmeisterschaft verloren habe (1986; Anm. d. Red.). Ich musste mich wieder in den Griff bekommen, denn Gerhard verfolgte mich wie ein Irrer."

"Es war ein schöner Kampf mit ihm, und schließlich gelang es mir, mich zu konzentrieren und ordentliche Runden zu fahren. Ich entscheid, dass es das Beste für mich wäre, das Rennen nun zu gewinnen, nahm mich also zusammen und gewann." Das war in traumhaftes Ende seiner Saison. Mansell glaubte zu der Zeit daran, dass er auch 1995 im Team bleiben würde und zusammen mit Hill fahren würde. Das war seine hauptsächliche Motivation im Kampf um den ersten Platz.

"Wenn du nur ein Rennen im Jahr gewinnst, bei welchen Rennen wäre es dir am liebsten? Bei deinem Heim-Grand-Prix und dann vielleicht noch in Monaco, mit all dem Glanz und Glamour. Für mich war es aber immer das Beste, das letzte Rennen vor dem Winter zu gewinnen. Der Winter mit all dem Training liegt vor dir. Dann die Gewissheit zu haben, dass du den Job ordentlich erledigen kannst, ist sehr motivierend."

Papier ist geduldig...

"Ich dachte, alles wäre fantastisch, aber dann zeigte sich, dass die eigene Wahrnehmung nicht immer viel bedeuten muss. Kurz vor dem Jahreswechsel bekam ich in Gleneagles einen Telefonanruf, es herrschte, wie soll ich sagen, einige Verwirrung." Mansell musste zu seiner Überraschung feststellen, dass Williams Coulthard behalten wollte. Er selbst landete letztlich bei McLaren.

Nigel Mansell

Für McLaren fuhr Nigel Mansell 1995 nur zwei Rennen Zoom

"Ich weiß nicht, ob die Wahrheit eines Tages an Licht kommen wird. Ich hatte bei Williams einen Vertrag für 1995. Die Leute müssen raten, warum ich nicht für Williams gefahren bin, denn ich weiß es bis heute nicht", sagt Mansell. "Was soll ich sagen? Ich hatte die Möglichkeit, 28 Rennen mit ihnen zu gewinnen, und dafür bin ich sehr dankbar."

"Aber es ist schon erstaunlich. Hätten sie 1988 die Honda-Motoren nicht an McLaren verkauft, hätten sie mir erlaubt, 1993 und 1994 zu bleiben und hätten sie schließlich den Vertrag für 1995 erfüllt, hätten wir so viel mehr gewinnen können, vielleicht sogar weitere Weltmeisterschaften. Davon bin ich überzeugt."

"Aber um das klarzustellen - meine Frau sagt immer, anstelle von Ayrton hätte auch ich 1994 im Auto sitzen können - ich lebe im hier und jetzt, nicht für die Zukunft und bin sehr gleichmütig. Daher würde ich gerne zum Abschluss noch einmal betonen, wie dankbar ich dem gesamten Williams-Team und seinen Sponsoren, vor allem den Mechanikern und Ingenieuren, Frank, Patrick und der verstorbenen Ginny bin. Sie haben mir ermöglicht die Erfolge zu feiern, die ich hatte."

Die Architekten hinter Mansells Comeback

Bernie Ecclestone war die treibende Kraft hinter Mansells Rückkehr zu Williams im Jahr 1994. Dazu musste er sich mit Mansells damaligen Arbeitgeber, Indycar-Teamchef Carl Haas einigen. "Wir haben bezahlt, um ihn zurückzuholen", sagt Ecclestone. "Wir würden ihn auch heute zurückholen, wenn wir könnten. Damals wie heute brauchten wir Leute wie ihn. Er ist ein echter Typ, so einen kann man immer gebrauchen. Wir hatten Hilfe von Renault. Für uns war es gut, dass er zurückkam, aber für Renault ebenfalls." Ecclestone bestreitet, dass diese Maßnahme eine Panikreaktion angesichts der Dominanz von Michael Schumacher war. "Ich gerate wegen nichts in Panik. Wenn etwas nicht stimmt, versuche ich das gerade zu biegen, aber ich gerate nicht in Panik."

Frank Williams behauptet, er wäre nicht gezwungen worden, Mansell zu nehmen, sondern freute sich vielmehr, dass er wieder an Bord war. "Wir waren die großen Jungs, Patrick (Head; Anm. d. Red.) war auch noch da", sagt er. "Bernie gab uns einen Wink mit dem Zaunpfahl. Wir waren mit Damon sehr glücklich, und in den folgenden Jahren gewann er auch die Meisterschaft. Aber DC war noch nicht so weit."

"Nigel war ein schneller Fahrer, und Patrick hatte als Ingenieur schon immer eine sehr gute Beziehung zu ihm, daher war es letztlich ein Selbstläufer. Es kam zusammen, was zusammengehört. Er gab dem Team eine Menge Selbstvertrauen, wir alle haben dadurch eine Menge gelernt."

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