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  • 15.09.2009 · 16:30

  • von Fabian Hust & Dieter Rencken

"Crashgate": Das zweite Piquet-Statement

Lesen Sie, wie Nelson Piquet in seiner zweiten schriftlichen Stellungnahme gegenüber der FIA untermauert, dass er den Unfall absichtlich herbeigeführt hat

(Motorsport-Total.com) - Nelson Piquet ist vom Automobilweltverband FIA als "Kronzeuge" in der "Crashgate"-Affäre Immunität zugesichert worden. Der Brasilianer hatte sein Team in einem Schreiben vom 30. Juli (siehe Artikel) schwer belastet und erklärt, dass ihn Chefingenieur Pat Symonds im Beisein von Teamchef Flavio Briatore im Vorfeld des Großen Preises von Singapur 2008 gebeten hatte, absichtlich einen Unfall herbeizuführen und dadurch eine Safety-Car-Phase auszulösen, die Teamkollege Fernando Alonso zum Sieg verhilft.

Nelson Piquet Jr.

Nelson Piquet Jr. äußerte sich ein zweites Mal schriftlich zu "Crashgate"

Telemetriedaten, welche die FIA dem Rennfahrer nach der ersten Stellungnahme vorgelegt hatte, untermauern die Aussage Piquets, wonach der Unfall durch ihn absichtlich herbeigeführt wurde. In einer zweiten schriftlichen Stellungnahme an die FIA - die 'Motorsport-Total.com' vorliegt - bekräftigt der mittlerweile von Renault vor die Türe gesetzte Rennfahrer den Vorfall am 25. August noch einmal und geht dabei explizit auf die Telemetriedaten ein.#w1#

Alles entspricht der Wahrheit - nach Piquets Kenntnisstand

Nelson Piquet Jr.

Nelson Piquet gab der FIA bisher zwei vereidigte Erklärungen ab Zoom

Der Brasilianer versichert, dass seine Stellungnahme "auf Fakten und Tatsachen basiert, die meinem Kenntnisstand entsprechen": "Ich glaube, dass die Fakten und Aussagen in dieser ergänzenden Stellungnahme wahr und korrekt sind. Wo irgendwelche Fakten oder Aussagen Teil meines eigenen Kenntnisstands sind, so sind sie nach meinem besten Kenntnisstand und Glauben wahr, und wo es angemessen ist, weise ich auf die entsprechende Quelle hin."

"Ich tätige diese ergänzende Stellungnahme gegenüber der FIA freiwillig und mit dem Zweck, es der FIA zu erlauben, ihre überwachende und regulierende Funktion gegenüber der FIA Formel-1-Weltmeisterschaft ausüben zu können", schreibt der 24-Jährige weiter.

"Ich bin mir bewusst, dass es die Verpflichtung aller Teilnehmer der Formel-1-Weltmeisterschaft ist, die Fairness und Rechtmäßigkeit der Meisterschaft sicherzustellen, und ich bin mir bewusst, dass ernsthafte Konsequenzen die Folge sein könnten, wenn ich der FIA eine falsche oder irreführende Stellungnahme abgebe."

Piquet begutachtete die Telemetrieauswertung

Telemetrieausdruck von Nelson Piquet

Die Telemetrie zeigt, dass Piquet früher und stärker auf das Gas ging Zoom

"Nach der Stellungnahme, die ich am 30. Juli 2009 am Sitz der FIA in Paris abgegeben habe, hatte man mich gebeten, in London ein weiteres Interview zu geben, um über meinen Unfall beim Singapur-Grand-Prix 2008 weitere Informationen zur Verfügung zu stellen, und vorläufige Telemetriedaten der Technischen Abteilung der FIA zu überprüfen", schreibt Piquet weiter.

Am Samstagabend des 27. September 2008 habe er nach einem Treffen mit Teamchef Flavio Briatore, bei dem es um die vertragliche Situation ging, und nach seiner "schlechten Leistung im Qualifying", bei der er den 16. Rang belegte, "ein langes Gespräch mit meinem Freund und Berater, Herrn Felipe Vargas. Ich war alleine in meinem Hotelzimmer und sehr emotional. Ich glaube, dass die relevanten Aufzeichnungen des Handy-Telefonats zeigen werden, dass ich dieses lange Gespräch mit Herrn Vargas hatte."

Piquet dachte zunächst an Vertragsgespräche

Telemetrieausdruck von Fernando Alonso

Zum Vergleich die Stellung des Gaspedals von Fernando Alonsos Auto Zoom

"Ich kam am Sonntag, 28. September 2008 rund vier oder fünf Stunden vor der geplanten Startzeit des Rennens an der Strecke an", so Piquet weiter. "Kurz nachdem ich an der Strecke angekommen war - ich glaube zwischen 16 und 17 Uhr lokaler Zeit - wurde ich von Herrn Briatore in sein Büro zitiert. Ich glaube, dass ich von Herrn Briatores Assistenten, Matthieu Michel, herbeigerufen wurde." Dies habe er zuvor bereits mehrere Male erlebt, "um meine vertragliche Situation zu diskutieren, deswegen nahm ich an, dass dies der Grund war, dass ich gerufen wurde".

"Briatores Büro beim Singapur-Grand-Prix lag innerhalb der provisorischen Büros von Renault, welches im Paddock-Bereich aufgestellt war. Als ich in das Büro kam, das relativ klein war und in dem vier oder fünf Stühle und ein kleiner Tisch standen, waren Herr Briatore und Herr Pat Symonds, Renaults Chefingenieur, anwesend", heißt es in dem 'Motorsport-Total.com' vorliegenden Dokument weiter.

Symonds hatte laut Piquet einen klaren Plan

Flavio Briatore und Pat Symonds

Flavio Briatore und Pat Symonds: Wer heckte den Plan aus? Zoom

"Bei dem Treffen in Briatores Büro erklärte mir Herr Symonds, dass es für das Renault-Team die Möglichkeit gibt, ein gutes Ergebnis zu erzielen, trotz der Tatsache, dass ich mich als 16. in der Startaufstellung qualifiziert hatte und mein Teamkollege als 15. Herr Symonds verwies auf den Deutschland-Grand-Prix 2008, in dem ich als Zweiter ins Ziel kam, nachdem ich von einer Safety-Car-Phase profitiert hatte, das nach einem Zwischenfall eines Fahrers aus einem anderen Team eingesetzt wurde."

"Er erklärte mir dann, dass das andere Auto profitieren würde, wenn eines der Renault-Autos den Einsatz eines Safety Cars auslösen würde, was dem Team ein allgemein gutes Ergebnis gestatten würde. Wie ich dies schon in meiner Aussage vom 30. Juli 2009 erklärt habe, fragte mich Herr Symonds dann, ob ich eine Safety-Car-Phase verursachen würde. Aus den Gründen, die ich in demselben Statement dargelegt hatte, stimmte ich dem Plan zu." Piquet hatte sich damals vom Team unter Druck gesetzt gefühlt, befürchtete, seinen Vertrag aufgrund schlechter Leistungen zu verlieren.

Briatore sagte beim Treffen angeblich "sehr wenig"

"Im Verlauf des Meetings sagte Herr Briatore sehr wenig. Als sich das Treffen dem Ende zuneigte, sagte mir Herr Symonds, dass ich mit niemand anderem über den Plan sprechen sollte, und sagte, dass er mir in Kürze weitere Instruktionen geben würde. Ich glaube, dass das Treffen in Briatores Büro nicht mehr als zehn Minuten gedauert hat."

Kurz nach dem Treffen sei Pat Symonds in jenem Bereich der Team-Hospitality wieder auf ihn zugekommen, in dem die Teammitglieder ihr Essen zu sich nehmen: "Ich glaube, dass er zwischen fünf und 30 Minuten nach dem Ende des Meetings in Briatores Büro auf mich zukam. Im Verlauf dieser Unterhaltung deutete Herr Symonds mit Hilfe einer Streckenkarte an, wo und wann ich verunfallen sollte, um sicher zu stellen, dass das Safety Car zum Wohle von Herrn Alonso zum Einsatz kommt."

Um zirka 18 Uhr habe er am Sonntag rund zwei Stunden vor dem Rennen an der üblichen Besprechung des Teams vor dem Rennen teilgenommen: "Bei diesem Treffen tätigte Herr Symonds ein paar Aussagen im Hinblick auf das Setup des Autos und der Strategie für das Betanken. Den Anwesenden (Herr Alonso, ich, unseren jeweiligen Renningenieuren und Renaults Chefstrategen) wurde erklärt, dass Herr Alonso in Runde zwölf an die Box kommen und dass ich viel später an die Box kommen würde."

Piquet erklärt, wodurch die Absicht offensichtlich wird

Nelson Piquet Jr.

Piquet musste nach Ungarn gehen - Vater Piquet steckte Mosley in Ungarn die Info... Zoom

"Nachdem ich mich versichert hatte, dass ich mich in der benannten Runde des Rennens befinde, verlor ich am Ausgang von Kurve 17 absichtlich die Kontrolle über mein Auto. Ich tat dies, indem ich hart und früh auf das Gaspedal drückte. Als ich spürte, wie das Heck des Autos ausscherte, drückte ich weiterhin hart auf das Gaspedal, in dem Wissen, dass dies dazu führen würde, dass mein Auto mit der Betonmauer auf der Innenseite der Strecke heftig in Berührung geraten würde, und dadurch ein Unfall verursacht wird, der den Einsatz des Safety Cars notwendig macht".

"Ich habe nun Telemetriedaten des Standarddatenrekorders (SDR) meines Autos gesehen, welche mir von der FIA gezeigt wurden. Die SDR-Telemetrie zeigt klar, dass ich am Ausgang von Kurve 17 in der angesprochenen Runde beträchtlich stärker und früher auf dem Gas stand als in den Runden zuvor."

"Als das Heck erst einmal begonnen hatte auszubrechen, wäre es nur durch das Zurücknehmen des Gas' möglich gewesen, die Kontrolle über das Auto wiederzugewinnen und den Kontakt mit der Betonmauer zu verhindern. Ich bin jedoch nicht bedeutend vom Gas gegangen. Vielmehr drückte ich über jenen Moment hinaus hart auf das Gaspedal, zu dem das Heck auszubrechen begann, in der Tat bis zum Moment des Einschlags in die Betonmauer. Die Tatsache, dass ich nicht vom Gas ging, ist ebenfalls aus den SDR-Telemetriedaten des Zwischenfalls offensichtlich abzulesen."

Fernando Alonso, Flavio Briatore und Nelson Piquet

Nelson Piquet soll verunfallt sein, damit Alonso (links) gewinnen konnte Zoom

"In meiner Aussage vom 30. Juli 2009 erklärte ich, dass ich glaube, dass die Telemetriedaten des Autos zeigten würden, dass ich den Unfall absichtlich verursacht habe. Ich habe nun einen Teil der Telemetrie gesehen und erachte dies als klare Untermauerung meiner Aussage, dass ich in Kurve 17 der Runde den Unfall verursacht habe", so Piquet, der in seinem Schreiben abschließend beteuert: "Ich glaube und schwöre, dass die in dieser Aussage dargelegten Fakten wahr sind."

Der Automobilweltverband FIA wird den Vorfall in einer außerordentlichen Sitzung des Weltmotorsportrats am 21. September 2009 abschließend unter die Lupe nehmen. Sollten sich die Vorwürfe nach Ansicht des Weltmotorsportrats bewahrheiten, droht dem französischen Rennstall eine empfindliche Strafe, die bis zum sofortigen Ausschluss aus der Weltmeisterschaft gehen kann. Das Ergebnis des Rennens in Singapur aus der Vorsaison bleibt jedoch unangetastet.

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