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Reuter kritisiert Berger in GT3-Streit scharf: "Er blockt ab und spaltet"

Legende Manuel Reuter schießt im Interview gegen Gerhard Berger: Wieso der DTM-Boss die Eiszeit im deutschen Motorsport zu verantworten habe und die DTM tot sei

(Motorsport-Total.com) - DTM-Boss Gerhard Berger hat mit seinen Aussagen, das GT-Masters sei eine Serie für "Amateurfahrer", im deutschen Motorsport für Aufruhr gesorgt. Jetzt geht DTM-Legende Manuel Reuter, der inzwischen als Sportdirektor des GT-Masters-Meisterteams Rutronik fungiert, hart mit dem Österreicher ins Gericht. Im Interview mit 'Motorsport-Total.com' macht der 58-Jährige seinem Ärger über Bergers Aussagen Luft und sieht ihn als Verantwortlichen für die Eiszeit zwischen ADAC und ITR.

Manuel Reuter

Von 1985 bis 2005 DTM-Pilot: Reuter erlebte alle Epochen als Fahrer mit Zoom

Zudem erklärt der Mainzer, wieso Bergers GT-Plus-Plan ein Drohszenario für den deutschen Motorsport darstelle und die DTM nach der gelungenen Neugründung im Jahr 2000 die gleichen Fehler noch einmal begangen habe wie 1996 mit der ITC (International Touring Car Championship).

Frage: "Manuel, Gerhard Berger versucht derzeit, die DTM mit dem GT-Plus-Konzept zu retten. Damit würde es in Deutschland zwei GT3-basierte Serien geben. Wie stehen Sie dazu?"
Manuel Reuter: "Ich halte es für einen großen Fehler, diesen Kuchen aufzuteilen und zwei Serien mit identischen Autos zu machen. Gerade in der jetzigen Zeit. Dann haben wir hier 15 und dort 18 Autos. Wir müssen schauen, dass wir uns auf eine Plattform konzentrieren - mit einem tollen Rahmenprogramm."

"Ich bin im Moment wahnsinnig enttäuscht von Gerhard, weil er nicht versucht zusammenzuführen. Der Gerhard spaltet. Er nutzt auch seine Stärke in den Medien und seinen Namen, um die Dinge in der Öffentlichkeit bewusst falsch darzustellen."

Frage: "Was werfen Sie Gerhard Berger vor?"
Reuter: "Im GT-Sport gibt es nur Privatteams, die sich selbst finanzieren müssen. Sie müssen ihre Mechaniker, ihre Ingenieure, ihre Fahrer teilweise selbst bezahlen, wenn der Fahrer nicht einen kleinen Werksvertrag hat. Die dann als Bäckermeister oder Metzger hinzustellen - damit habe ich ein großes Problem!"

"Denn im GT-Masters fahren über 30 Jungs professionell. Sie haben einen Vertrag mit einem Hersteller für ein Programm und werden dafür bezahlt. Wenn ich mir die DTM anschaue, sind es nicht einmal 15. Und es ist Quatsch zu sagen: Nur weil kein Hersteller involviert ist, ist das Amateursport."

"So wie wir einen Audi kaufen, um Sport zu betreiben, so ähnlich macht das zum Beispiel Haas in der Formel 1. Sind das auch Amateure?"

Frage: "Muss die DTM gerettet werden, weil sie eine wichtige Plattform für den deutschen Motorsport ist?"
Reuter: "Das ist ein Schmarrn! Diese Plattform war einmal toll. Da fuhr früher eine Formel 3, aus der ein Lewis Hamilton, ein Nico Rosberg, ein Mick Schumacher oder auch ein Sebastian Vettel herauskamen. Es gab den Porsche-Cup im Rahmenprogramm, den Lupo-Cup, den Scirocco-Cup. Volkswagen hatte sich engagiert. Das war damals die tolle Bühne DTM! Aber heute?"

"Da fährt eine Tourenwagen-Classics, die Tourenwagen-Legenden und eine GTC. Wir reden uns also etwas schön, was nicht mehr den Tatsachen entspricht. Der Name ist noch stark. Mir tut es auch weh, aber die Bühne ist objektiv betrachtet tot."

Frage: "Was wäre also der richtige Weg?"
Reuter: "Wenn ich diese Bühne jetzt wiederbeleben will auf Kosten der anderen, dann muss ich Hermann Tomczyk recht geben: Das ist ein Problem für den deutschen Motorsport. Wir müssen das zusammenführen. Und da blockt Gerhard ab und spaltet, weil er ganz bewusst seiner Plattform neues Leben einhauchen will. Und da auch nicht gesprächsbereit ist. Das finde ich extrem schade."

Frage: "Ist Hermann Tomczyk an einer Zusammenführung von DTM und GT-Masters interessiert?"
Reuter: "Ich weiß aus sehr gut unterrichteten Quellen, dass es von ihm mehr als einmal Vorstöße gab, miteinander zu sprechen. Das wurde von ITR-Seite, also von Gerhard, abgeblockt."

Frage: "War das Ihren Informationen nach dieses Jahr?"
Reuter: "Ja. Es gab auch schon in der Vergangenheit dieses gemeinsame Motorsportfestival von DTM und GT-Masters in der Lausitz. Das war sehr attraktiv für die Zuschauer, hat dann aber auch wegen der unterschiedlichen Interessen von Sponsoren und Partnern gekränkelt. Aber da muss ich über meinen Tellerrand hinausschauen und sagen: Die Zeiten haben sich wegen der Automobilindustrie und wegen COVID-19 dramatisch geändert. Es geht darum, die nächsten zwei Jahre zu überstehen."

Frage: "Sollte Berger also seine Bestrebungen, die DTM zu retten, zugunsten des deutschen Motorsports aufgeben?"
Reuter: "Zum Beispiel! Oder er sagt: Setzen wir uns doch an einem gemeinsamen Tisch, und lasst uns überlegen, was wir gemeinsam für diesen Sport tun können. Aber ich fürchte, dieses Tischtuch ist bereits zerschnitten."

"Man müsste sich die Frage stellen: Welches neue Konzept könnten wir für die Zukunft entwickeln? Zum Beispiel etwas mit Wasserstoff oder synthetischen Kraftstoffen. Diese Größe und Qualität würde ich mir von Gerhard wünschen. Leider passiert im Moment genau das Gegenteil. Das enttäuscht mich wahnsinnig, dass er nicht über den eigenen Tellerrand hinausschauen will oder das eigene Ego so groß ist. Ich verstehe das nicht."

"Es gibt im Moment eine gesunde Plattform, die viele Autos und ein starkes Rahmenprogramm hat. Und eine andere, die schon lange schwächelt und auf der Intensivstation liegt. Die sollte man nicht krampfhaft am Leben erhalten."

Frage: "Sie waren bereits Ende der 1980er-Jahre in der DTM am Start, haben alle Epochen inklusive der Neugründung im Jahr 2000 aktiv miterlebt. Welche Emotionen löst das aus?"
Reuter: "Ich bin mein halbes Leben lang DTM gefahren. Es tut mir schon in der Seele weh, zu sehen, wie sich das Thema in den vergangenen Jahren entwickelt hat. Und dass es die DTM, so wie wir sie kennen, nächstes Jahr nicht mehr geben wird. Aber wenn ich die aktuellen Probleme mit dem ITC-Aus Ende 1996 vergleiche, dann habe ich das eine oder andere Deja-vu."

Frage: "Was wurde falsch gemacht?"
Reuter: "Ende der 1980er-Jahre haben private Teams die DTM groß gemacht. Dann haben die Hersteller gesehen: Mensch, das ist ja eine tolle Bühne, auf der wir uns aus Marketing- und PR-Sicht darstellen können. Durch die Werksteams wurde ein immer größerer Aufwand betrieben, bis wir 1996 technologisch teilweise sogar der Formel 1 voraus waren."

"Wir sind damals in Japan und sogar in Brasilien gefahren. Die Kosten waren exorbitant und standen nicht im Verhältnis zu dem, was wir an Aufmerksamkeit erreichen konnten. Diesen schleichenden Prozess gab es auch jetzt wieder. Dabei hatten wir im Jahr 2000 bei der Neugründung der DTM mit den Einheitsteilen einen richtig guten Blick auf die Kosten - und Mega-Zuschauerzahlen und riesige Einschaltquoten."

Frage: "Gab es für Sie einen Zeitpunkt, an dem man falsch abgebogen ist?"
Reuter: "Es gab ja die DTM-Driver-Association, bei der ich Vorsitzender war. 2017 haben wir bei einem Meeting mit Gerhard, der damals in seinem ersten Jahr als ITR-Vorsitzender war, die hohen Kosten angesprochen. Und gesagt: 'Lass uns mal überlegen, was die Alternative zu einem Class-1-Reglement wäre.' Das hat Gerhard relativ schnell vom Tisch gefegt. Und gesagt: 'Nein, vergesst das!'. Damals war GT3 für ihn nicht sexy, heute ist es sexy."

Frage: "Dass Class 1 nicht mehr machbar ist, hat aber auch mit der Klimakrise und der Entwicklung in der Autoindustrie zu tun."
Reuter: "Aber es ist nicht so, dass das jetzt wie Kai aus der Kiste kam. Bei vielen Dinge war klar, dass man aufpassen musste, nicht wieder in das gleiche Problem zu laufen."

Frage: "Was war dafür die Hauptursache?"
Reuter: "Dass der Einfluss der Hersteller immer größer geworden ist - und zwar in Hinblick auf ein technisches Reglement. So toll diese neuen Vierzylinder-Turbomotoren auch sind, aber die Entwicklung hat die Hersteller ein immenses Geld gekostet. Und seit es diese Motoren gibt, sehen wir eigentlich einen Audi-Cup. Wenn der beste Audi-Fahrer dreimal so viele Punkte hat wie der beste BMW-Fahrer, dann erschließt sich mir der Reiz nicht."

"Wir haben jetzt in allen Motorsportserien - sogar in der Formel 1 - gesehen, dass es nur ein zukunftsträchtiges Modell gibt: Die Teams müssen mitbestimmen, denn sie sind die Basis einer jeden Rennserie."