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DTM Spa: Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Eigentlich wollte Jens Marquardt BMW 2020 zu alter DTM-Größe verhelfen, doch nun ermöglichte man Audi eine historische Siegesserie - und wird zum Ferrari der DTM

Jens Marquardt

BMW-Motorsportchef Jens Marquardt: Der DTM-Auftakt wurde zum BMW-Debakel Zoom

Liebe Leserinnen und Leser,

es schien angerichtet: Nach der enttäuschenden Saison 2019 hatte die BMW-Truppe von Motorsportdirektor Jens Marquardt im Winter keine Mühen gescheut, um endlich wieder auf Audi-Niveau zu kommen. Bei den finalen Tests auf dem Nürburgring fehlte nicht viel auf die Ingolstädter, die Vibrationsprobleme aus dem Vorjahr schienen beseitigt - und die Piloten sprachen davon, dass der M4 endlich wieder berechenbar auf Inputs reagiert.

Man durfte sich auf einen finalen Schlagabtausch zwischen Audi und BMW freuen, ehe die Class-1-Boliden ins Museum gestellt werden.

"Vier BMW in den Punkten"

Was aber dann beim Auftakt in Spa-Francorchamps folgte, war ein wahres Trauerspiel in Blau-Weiß. In beiden Rennen thronte ein Audi-Quintett an der Spitze: Der Rückstand des besten BMW-Piloten auf den Sieg betrug im ersten Rennen 36,424, im zweiten 24,118 Sekunden - das ist in der DTM, in der die Autos wegen der vielen Gleichteile sehr ähnlich und die Abstände üblicherweise gering sind, eine Welt.

"Vier BMW in den Punkten" war noch das beste, was der BMW-Presseabteilung am Sonntagabend nach einer der größten Niederlagen in der ruhmreichen DTM-Historie der Münchner einfiel. Was bitter ist, denn wenn es zehn Punkteränge gibt, aber nur sechs Audi-Werksautos, ist das ja wahrlich kein Kunststück.

Vielmehr hatte man in Spa teilweise den Eindruck, zwei Markencups würden ein gemeinsames Rennen austragen. Pro Runde fehlte BMW bis zu einer Sekunde. Und in der Herstellerwertung steht es 180:34 für Audi.

Nach der 360-Grad-Analyse, die Marquardt nach der enttäuschenden Saison 2019 angekündigt hatte, liegt man nun noch weiter zurück als bisher.

Von Audi in die Falle gelockt?

Welche Gründe gibt es für das Debakel? Bei BMW klammert man sich an die Hoffnung, dass Spa-Francorchamps eine atypische DTM-Strecke ist. Zudem wurde der Mindestreifendruck durch die Rennleitung aus Sicherheitsgründen von 1,3 auf 1,45 bar hinaufgesetzt, womit Audi möglicherweise besser zurecht kam.

Und auch das kompakte Zweitages-Programm mit nur einem Freien Training bei Regen könnte Audi in die Hände gespielt haben. Set-up-Arbeit war dadurch kaum möglich. Ein Vorteil für die Ingolstädter, die am starken RS 5 im Winter nur noch an Details feilen mussten, während BMW am M4 so viel änderte, wie laut Reglement möglich war.

Interessant ist auch, dass Audi ausgerechnet beim Hersteller-Testtag in Spa vor nicht einmal einem Monat laut BMW-Pilot Sheldon van der Linde um ganze eineinhalb Sekunden langsamer war als BMW. Wollte man die Konkurrenz in eine Falle locken und fuhr bei den Tests bewusst mit angezogener Handbremse, damit man sich in München auf Augenhöhe wähnt?

Warum BMW das Ferrari-Team der DTM ist

Am Ende spielt all das keine Rolle. Fakt ist, dass der Marke, die in glorreichen alten DTM-Zeiten mit dem M3 den Inbegriff eines Tourenwagens stellte, nun ein Ende als großer Verlierer droht.

Denn BMW ist das Ferrari-Team der DTM - und der Ruhm ist längst verblasst: Seit 2016 ist man ohne Fahrertitel, seit 2015 ohne Herstellertitel. Wie bitter, wenn man bedenkt, dass die Münchner beim DTM-Comeback im Jahr 2012 gleich beide Titel geholt hatten.

Und obwohl man sich bis zuletzt zur DTM bekannte, verlor man 2018 gegen Aussteiger Mercedes und sieht nun auch gegen Aussteiger Audi alt aus. Das ist so, als würde man im Boxen gegen einen abtretenden Weltmeister verlieren: die Höchststrafe.

Historische Audi-Siegesserie

Nur Anfang 2019, als die Turbomotoren eingeführt wurden und der M4 schnell, aber unzuverlässig war, durfte man bei den Bayrischen Motorenwerken kurz hoffen. Da stand es nach den ersten elf Saisonrennen in Siegen noch 6:5 für BMW.

Das ist nun fast ein Jahr her. Seit dem 11. August triumphierte Audi neunmal in Folge - weil BMW wegen der mangelnden Haltbarkeit Zugeständnisse machen musste. Eine historische Audi-Siegesserie, wie es sie selbst Mercedes in der alten DTM nie geschafft hat.

Und sie dürfte weitergehen. Denn die letzte DTM-Saison dauert wegen der Coronavirus-Krise nur dreieinhalb Monate. Der Technikabteilung läuft nun die Zeit davon.

Für die sechs BMW-Werksfahrer könnten es aber 14 lange Wochen werden. Und für BMW-Motorsportdirektor Marquardt viele unruhige Nächte.

Sven Haidinger
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